Alles ihre Schuld
- Goldmann
- Erschienen: Juli 2026
- 2


Damit wird wirklich niemand rechnen. Erstaunlich clever und unerwartet.
Ein falsches Haus – und ein Kind ist verschwunden: Marissa Irvine will ihren vierjährigen Sohn Milo nach einer Verabredung abholen. Doch an der angegebenen Adresse kennt niemand Milo. Auch die Mutter, mit der Marissa den Nachmittag vermeintlich vereinbart hat, wohnt dort nicht. Was zunächst nach einer harmlosen Verwechslung aussieht, wird innerhalb weniger Minuten zum Albtraum: Milo ist verschwunden.
Kurz darauf fehlt auch Carrie, das Kindermädchen der Familie, bei der Milo eigentlich spielen sollte. Schnell fällt der Verdacht auf sie. Offenbar hat sie die Irvines und deren Umgebung systematisch beobachtet und die Entführung lange vorbereitet. Da die Familie sehr vermögend ist, geht man zunächst davon aus, dass Lösegeld verlangt werden wird. Doch als nichts dergleichen passiert, stellt sich die drängende Frage, welche Absichten Carrie wirklich hat.
Andrea Mara ist in ihrer irischen Heimat längst keine Unbekannte. Sie ist Bestsellerautorin der Sunday Times und Irish Times, mehrere ihrer Thriller standen auf der Shortlist für den Irish Crime Novel of the Year Award. Mit „Alles Ihre Schuld“ erscheint erstmals einer ihrer Romane auf Deutsch.
Gefangen im Niemandsland der Ungewissheit
Schon die Thematik der Kindesentführung sorgt für eine unmittelbare emotionale Beteiligung. Die Vorstellung, ein vierjähriges Kind an einem scheinbar gewöhnlichen Nachmittag abzuholen und stattdessen vor einem fremden Haus zu stehen, ist ebenso schlicht wie erschreckend.
Dunkelheit, Regen und Nässe stehen in reizvollem Gegensatz zum Wohlstand und zur Behaglichkeit des schönen Hauses der Irvines. Helfer ziehen durch dunkle Straßen, Anwohner werden befragt, Suchplakate aufgehängt. Während äußerlich alles weiterhin nach einem sicheren, wohlhabenden Vorort aussieht, breitet sich die Hoffnungslosigkeit beinahe unmerklich aus. Die Sicherheit war möglicherweise schon lange nur Fassade.
Andrea Mara erzählt aus wechselnden Perspektiven und lässt ihre Figuren immer wieder zurückblicken. Stück für Stück setzt sich so das Bild der Ereignisse zusammen – allerdings ohne frühzeitig zu viel preiszugeben.
Dabei verlangt Mara ihren Leserinnen und Lesern im Mittelteil etwas Geduld ab. Nach dem verstörenden Auftakt scheint die Handlung zunächst auf der Stelle zu treten. Die Suche nach Milo geht weiter, Gespräche wiederholen sich, Hoffnungen entstehen und zerfallen wieder. Doch gerade dieser Stillstand hat eine Wirkung. Wie Marissa und ihre Familie steckt man selbst in einem quälenden Niemandsland fest, in dem niemand weiß, was mit Milo geschehen ist und ob die nächste Nachricht Erlösung oder Katastrophe bedeutet.
Mara nimmt sich Zeit, bevor sie ihre Karten auf den Tisch legt. Und das zahlt sich aus.
Schuld verteilt sich schnell
Besonders eindringlich ist dabei, wie der Roman nicht nur von der Verzweiflung einer Mutter erzählt, sondern auch davon, wie schnell ein Umfeld nach Schuldigen sucht.
Neben Marissa gerät vor allem Jenny unter Druck. Sie war es, die Carrie als Kindermädchen in ihren Haushalt aufgenommen und ihr den eigenen Sohn anvertraut hatte. Nun muss sie nicht nur mit ihrem schlechten Gewissen leben, sondern auch mit den Urteilen der anderen Mütter im wohlhabenden Dubliner Vorort. Plötzlich ist sie diejenige, die eine Fremde in den vermeintlich sicheren inneren Kreis gelassen hat.
Mara schildert diese Dynamik erfreulich direkt. Anteilnahme, Sensationslust und unterschwellige Vorwürfe liegen dicht beieinander. Die Frage, wie gut man einen Menschen tatsächlich kennen kann, zieht sich dabei durch den gesamten Roman.
Besonders geschickt sind die Einblicke in Carries Vergangenheit. Die schüchterne, unscheinbare junge Frau, die für ihre Arbeitgeberin kaum Anlass zu Misstrauen gab, erhält dabei zunehmend eine zweite Seite. Hinter ihrer Zurückhaltung verbergen sich Abneigung, Verachtung und Motive, die zunächst kaum einzuordnen sind.
Erst Stillstand, dann freier Fall
Das vielleicht Bemerkenswerteste an „Alles Ihre Schuld“ ist die Dramaturgie. Lange hält Andrea Mara die Handlung bewusst in der Schwebe. Hinweise werden gestreut, Zusammenhänge angedeutet, Erklärungen scheinbar angeboten. Vieles bleibt jedoch merkwürdig unpassend. Dann kommt Bewegung in die Geschichte. Und zwar mit Wucht.
Gerade wenn man glaubt, dass nicht mehr viel passieren kann, verändert Mara erneut die Perspektive. Echte und falsche Fährten liegen so dicht beieinander, dass man kaum noch der einfachsten Erklärung vertrauen mag. Das Bemerkenswerte daran: Die Wendungen wirken nicht wie bloße Tricks, sondern greifen auf Details zurück, die längst Teil der Geschichte waren. Genau deshalb funktionieren sie so gut.
Fazit
Ein Thriller zwischen lähmender Ungewissheit und rasanten Enthüllungen, der seine stärksten Karten erstaunlich lange verdeckt hält. Hat die Handlung erst einmal Fahrt aufgenommen, ist Weglegen kaum noch eine Option.

Andrea Mara, Goldmann

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