Tiefenscharf von Roland Spranger

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Polar.

  • Hamburg: Polar, 2017. 320 Seiten.

'Tiefenscharf' ist erschienen als

In Kürze:

Tschechische Grenze. Winter. Drogenkurier Max Thoss schmuggelt routinemäßig Crystal Meth nach Deutschland, um es an seine Kunden zu verkaufen: Nazis, Hipster, Punks, Akademiker. Kurz vor einer Polizeikontrolle wirft er die Lieferung aus dem Fenster und sucht später im Schnee verzweifelt danach.

Als er dabei einem Flaschensammler begegnet, glaubt er, dass dieser das Päckchen an sich genommen hat. In rasender Wut wird Max zum Mörder, um den Obdachlosen als Zeugen zu beseitigen. Als er darauf auch noch im Beisein seiner Freundin Kira zwei Polizisten erschießt, beginnt eine Spirale der Gewalt, in der es nicht nur für Max kein Entkommen mehr gibt.

Das meint Krimi-Couch.de: Düster, abgründig und spannend 90°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Gisbertz

Max ist – wie er sich selber nennt – ein »Sales Manager«. Für ihn spielt es daher keine Rolle, wem er seine Drogen verkauft. Moralische Skrupel kennt er nicht, solange der Umsatz stimmt: »Ich bin Geschäftsmann. Ich verkaufe mein Produkt an jeden, der in cash bezahlen kann. [...] Auf der Ü30-Party. Auf dem Pausenhof der Berufsschule. Die dämlichen Nazis sind nur ein Geschäftsfeld.«

Als er seine Freundin Kira – Comic-Fan und Pyromanin, die ihre Fantasien durch das Anzünden von großen Autos auslebt – verdächtigt, ein Asylantenheim angezündet zu haben, begründet er sein Unverständnis aus Angst vor einer Hausdurchsuchung lediglich aus finanzieller Sicht: »Das wäre geschäftsschädigend.«

Max Freundin Kira ist sicherlich eine der interessantesten, aber auch undurchsichtigsten Figuren des Romans. Der Leser sollte sie von Anfang an gut im Auge behalten.

Welchen Wert hat der Journalismus im Zeitalter sozialer Medien?

Neben den beiden geht es vor allem um Sascha Rost, der sein Geld als Videojournalist verdient. Er arbeitet für einen Fernsehsender. Berichte über schreckliche Autounfälle oder angesagte Internetbloggerinnen gehören zu seinem Alltag. Für ihn – aber auch für den Leser – stellt sich die Frage, welchen Wert der Journalismus im Zeitalter sozialer Medien noch haben kann, wenn ein Attentat auf eine Polizistin mit einer Wasserpistole voller Urin die Schlagzeilen beherrscht.

Sascha ertränkt seinen alltäglichen Frust über die Langweile und Sinnlosigkeit in seinem Leben immer wieder mit Alkohol. Dabei ist seine Freundin Lydia erneut schwanger. Auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus baut er einen Unfall und verliert dadurch seinen Job. Als er aber wenig später einem Drogendeal auf die Spur kommt, glaubt er an seine große Chance. Zusammen mit Carsten, einem früheren Türsteher, der noch bei seiner Mutter wohnt, wittert er die Story seines Lebens. Aber es kommt ganz anders, als es der Leser erwarten würde.

Tragische Figuren scheitern an ihrem Leben

Kaleidoskopartig rauscht die Handlung an einem vorbei. Wendungsreich, überraschend, schockierend. Spranger lässt dem Leser kaum Zeit zum Luftholen. Dabei ist der Roman auch voll von tragisch-skurilen Einfällen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Schöne, positive Momente kippen schnell wieder ins Resignative und Aussichtslose. Jede einzelne Figur erscheint als Metapher für das Scheitern der Menschen an den gesellschaftlichen Umständen, aber auch an sich selber.

So kritisiert Spranger in der Darstellung der Alina, die einen Videoblog auf YouTube betreibt, auch die Medienhypes der Zeit. Alina finanziert ihr Leben durch Internetvideos, die an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sind. So meint sie sich und der Welt etwas Gutes zu tun, wenn sie zum Beispiel mit einem pinkfarbenen Snow Slider eine Schneepiste hinunterrast und Tipps gibt, wie man sich beim Wintersport vor zerflossenem Make-up schützen kann. Aber selbst diese scheinbar lebensfrohe und von sich grenzenlos überzeugte junge Frau ist eigentlich nur eine weitere gescheiterte, fast schon asoziale Figur, die nur in einer digitalen Scheinwelt lebt, die ihr das Gefühl gibt, jemand besonderes zu sein. Letztendlich sucht aber auch sie immer wieder Zuflucht in den Drogen.

Ein Kriminalroman als Spiegel der Gesellschaft

»Tiefenscharf« ist mehr weit mehr als nur ein Kriminalroman. Hier geht es in erster Linie nicht um die Verbrechen an sich. Es ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der modernen Gesellschaft in Deutschland, speziell der Jugend im Übergang zum Erwachsensein. Es geht um das moralische und soziale Klima der Zeit, um Charaktere am Rande der Gesellschaft, um das Zusammenbrechen jeglicher Regeln des gesellschaftlichen Systems, um Orientierungslosigkeit und den fehlenden Halt im Leben. Fast sämtliche Figuren überschätzen sich und ihre Fähigkeiten maßlos und scheitern letztendlich an ihrem Größenwahn und den falschen Entscheidungen, die sie treffen.

Montageartige Verflechtung der Handlungsstränge

Spranger erzählt mehrere Episoden innerhalb der Handlungsstruktur. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, auf welche Weise die verschiedenen Erzählsequenzen und Handlungsstränge miteinander verknüpft sind. Der Leser verliert aber nie die Übersicht. Erzähltechnisch und sprachlich bewegt sich der Autor auf einem äußerst hohen Niveau.

Ihm gelingt es in mehr als beeindruckender Weise, das Lebensgefühl und die Emotionen der Figuren in Worte zu fassen. Unglaublich wortgewaltig nimmt Spranger den Leser mit. Es geht dem Autor um die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz und die Unzufriedenheit des Einzelnen in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse längst fließend sind. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit siegen in Sprangers mehr als gelungenem Werk. Stattdessen wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Ein Kriminalroman mit immenser Wucht

Ganz im Stile eines »Roman Noir« gibt es auch hier kein Happy End und keine Helden. Wie Martin Schöne, Redakteur der 3sat Kulturzeit, es so treffend zu diesem Roman ausgedrückt hat: »Wie Züge rasen die Figuren aufeinander zu. Die Weichen gestellt. Der Crash unausweichlich. [...] Junge Menschen, die sich im Rausch überschätzen. Genau beobachtet. Stufen von Grau in schwarzer Nacht.«

Herausgeber Wolfgang Franßen hat den »Deutschen Polar« ins Leben gerufen. Dass es sich lohnt, dieses Genre kennenzulernen, zeigt nicht zuletzt »Tiefenscharf«. Im Vorwort zum Roman schreibt er: »Es ist also Zeit für keinen Kompromiss. Zeit für Autoren und Autorinnen, die etwas wagen wollen. Sei es stilistisch, sei es durch unbequeme Antworten. Geschichten müssen rebellieren. Nicht mit Krawall und Tumult, um effekthaschende Kulissen zu errichten, die alles für einen Platz auf der Bestenlisten opfern würden.« Roland Spranger ist ein solcher Autor: gradlinig, direkt, erschütternd und doch realistischer als wir die Wirklichkeit eigentlichen sehen wollen. Mit einem »tiefenscharfen« Blick für die Seele der Gesellschaft. Ein absoluter Gewinn.

Thomas Gisbertz, Mai 2018

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