Blindes Eis von Ragnar Jónasson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Rof, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Fischer.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 2010 - heute.
Folge 4 der Ari-Þór-Arason-Serie.

  • Reykjavík: Veröld, 2012 unter dem Titel Rof. 308 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2017. Übersetzt von Helga Augustin. ISBN: 978-3-596-29752-8. 336 Seiten.

'Blindes Eis' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Im Norden Islands, einem Nachbarort von Siglufjördur, ziehen in den Fünfzigerjahren zwei junge Ehepaare auf einen verlassenen, abgelegenen Bauernhof. Doch ihr gemeinsames Leben dort endet jäh, als eine der beiden Frauen unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Sechzig Jahre später taucht ein Foto auf, das zeigt: Die vier waren damals nicht alleine dort draußen in der Wildnis& Ari Thór Arason, Polizist in Siglufjördur, rollt diesen alten Fall noch einmal auf und findet viele Ungereimtheiten. Mit Hilfe von Isrún, einer befreundeten Journalistin in Reykjavík, die selbst in einem komplizierten Fall von Kindesentführung und Mord recherchiert, deckt er die wahren Hintergründe hinter den tragischen Geschehnissen von damals auf.

Das meint Krimi-Couch.de: Alte und neue Verbrechen wollen aufgeklärt werden 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Siglufjörður steht unter Quarantäne, ein Ebola-Virus hält die isländische Kleinstadt in Atem. Da das öffentliche Leben nicht mehr stattfindet, hat Dorfpolizist Ari Pór Arason viel Zeit, um sich mit einem rätselhaften Fall zu beschäftigen. Mitte der 1950er Jahre bewohnten zwei Ehepaare und ein Kleinkind ein altes Bauernhaus in Héðinsfjörður, welches damals von jeglicher Zivilisation abgeschnitten war.

Nur über einen beschwerlichen Bergpass war das Gebiet fußläufig erreichbar, Strom und Telefon gab es nicht. Im März 1957 ereignete sich dann ein Drama, bei dem eine der beiden Frauen ums Leben kam.

Angeblich ein Unfall, da sie sich versehentlich Rattengift in den Kaffee schüttete statt des Zuckers, der in einer ähnlichen Dose aufbewahrt wurde. Der damals acht Monate alte Hedinn bittet nun Ari Pór, den Vorfall nochmals zu untersuchen, da ein Foto aufgetaucht ist, auf dem eine weitere, ihm völlig unbekannte Person zu sehen ist.

»Ein Kind? Willst du damit sagen, ein kleines Kind ist verschwunden?«
»Richtig.«
»O Gott, das ist ja unglaublich! In Island entführt doch niemand ein Kind...«

In Reykjavik beschäftigt sich derweil die Fernsehjournalistin Irsun mit einer Kindesentführung und einem Unfall mit Fahrerflucht. Snorri Ellertsson wurde überfahren und verstarb noch an der Unfallstelle. Snorris Vater stand einst kurz davor Premierminister zu werden, bevor er sich überraschend aus der Politik zurückzog, und sein Stellvertreter Marteinn Helgason, einst der beste Freund von Snorri, Regierungschef wurde.

Abwechslungs- und temporeich, aber die Auflösungen überzeugen nicht immer

»Blindes Eis« ist nach »Schneebraut« und »Todesnacht« der dritte Teil der so genannten »Dark Iceland«-Serie von Ragnar Jónasson, weitere Bände liegen im Original bereits vor und harren ihrer deutschen Übersetzung. Auf knapp 330 großzügig gedruckten Seiten treiben stolze 50 Kapitel das Tempo voran. Dabei wechseln die Szenarien nicht nur zwischen Ari Pór und Isrun, sondern stellen auch weitere Figuren in den Vordergrund.

Anfangs ist es etwas unübersichtlich, und es dauert einige Zeit, bis dann tatsächlich die eingangs geschilderten Verbrechen stattfinden. Dann geht es jedoch zügig voran, wobei bei es mit den Auflösungen teilweise etwas zu schnell geht. So überführt man den Autofahrer nahezu beiläufig, in dem man in einer Garage unverhofft den Unfallwagen sicherstellt.

»Wir haben ihr Haus durchsucht, aber die wirkliche Überraschung war in der Garage.«
»Klingt interessant. War da noch etwas anderes als ein Auto drin?«
»Nein. Das Auto war das Interessante, besonders das Blut an der Kühlerhaube.«

Manchmal kann Polizeiarbeit ganz einfach sein. Erwähnenswert ist auch die »Auflösung« des Falles, der über fünf Jahrzehnte zurückliegt. In bester Agatha-Christie-Manier (Hercule Poiriot lässt grüßen) trägt Ari Pór einem erlauchten Kreis seine abschließenden Erkenntnisse vor, wobei es Hedinn und den Lesern überlassen bleibt, deren Plausibilität anzuerkennen oder nicht.

Private Probleme in bester skandinavischer Tradition

Von dem »kriminellen Plot« abgesehen, bietet »Blindes Eis« in bester skandinavischer Krimi-Tradition viele private Probleme, was womöglich den dortigen unwirtlichen klimatischen Verhältnissen geschuldet sein mag. Ari Pór und dessen Chef Tómas hinterfragen aktuell den jeweiligen Stand ihrer Beziehungen, die beide auf wackligen Beinen stehen.

Zudem muss sich Ari Pór womöglich darauf einstellen Vater zu werden, wobei dummerweise nicht seine Freundin in spe die Mutter wäre.

Die Journalistin Isrun wartet derweil auf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung, da sie an einer bedrohlichen Erbkrankheit leidet, und sie muss zudem für ihre mittlerweile getrennt lebenden Eltern als Übersetzerin fungieren, da eigentlich beide wieder zueinander finden wollen.

Bei allem kriminellen und privaten Durcheinander soll ein weiterer Hauptdarsteller nicht unerwähnt bleiben, denn Ragnar Jónasson setzt die wunderschöne Landschaft des Öfteren gekonnt in Szene.

Jörg Kijanski, Januar 2018

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Hulda1963 zu »Ragnar Jónasson: Blindes Eis« 12.02.2018
Gut, dass ich die Kritik hier vorher nicht gelesen hatte. Ich kann dieser nur vollständig zustimmen.
Da ich sehr gerne Islandkrimis lese, habe ich mich an dieses aktuelle Buch herangewagt.

Das größte Manko sehe ich, wie in der obigen Kritik bereits beschrieben, in den mindestens fünf verschiedenen Handlungssträngen mit ihren verschiedenen Hauptpersonen, die alle wieder ihre privaten Probleme haben.
Außerdem haben die alle fast nichts miteinander zu tun.
Nur insofern, als Isrún, eine Reporterin, über diese Fälle berichtet.
Am langweiligsten ist noch der Handlungsstrang von Ari Pór, einem Polizisten in Siglufjördur, einer Kleinstadt in Nordisland.
Dort ist anscheinend den ganzen Tag absolut nichts zu tun.
Da fragt man sich, warum tatsächlich zwei Leute auf der Wache sitzen.
In dem ganzen Durcheinander der wechselnden Protagonisten habe ich auch mal den Chef, Tomasz, mit Ari Pór verwechselt und mußte wieder mehrere Blätter zurückblättern.
Schade, eigentlich ist das Buch gut lesbar, die Personen gut gezeichnet und die Landschaft und Eigenarten der Menschen sehr eingängig beschrieben, obwohl die Übersetzung nicht aus dem Isländischen, sondern dem Englischen erfolgte.
Bei dem Autor sehe ich noch sehr viel Potential nach oben.
Einen der beiden Vorgängerbände lesen würde ich nur, wenn ich sehr viel Langeweile hätte.
Fazit: kann man lesen, muss man nicht.
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