Greeks Bearing Gifts (Englisch) von Philip Kerr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Quercus.
Ort & Zeit der Handlung: Griechenland, 1950 - 1969.
Folge 13 der Bernhard-Gunther-Serie.

  • London: Quercus, 2018. ISBN: 978-1784296537. 496 Seiten.

'Greeks Bearing Gifts (Englisch)' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

Das meint Krimi-Couch.de: Griechen mit Geschenken? 70°

Krimi-Rezension von Michael Seitz

»Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen«, dieser Satz des römischen Dichters Vergil, in Anspielung auf das Trojanische Pferd, hat Pate gestanden für den Titel der 13. Folge in der Bernie-Gunther-Reihe. Auf den ersten Blick passt das, spielt diese Geschichte doch überwiegend im Griechenland des Jahres 1957, eingebettet – wie immer bei Kerr’s Bernie Gunther – in eine wahre historische Begebenheit. Auf den zweiten Blick geht es aber dann doch, wie so oft im Leben, eher ums Nehmen denn ums Geben.

Bernie lebt nach seiner Rückkehr aus Frankreich im vorhergehenden Band unter falschem Namen in München. Die »Alten Kameraden« haben ihm eine neue Identität und einen Job im Leichenschauhaus beschafft. Immerhin, so stellt Bernie trocken fest, haben seine Klienten dort nicht die Neigung, ihm zu widersprechen, und so hat sich eine bescheidene Zufriedenheit eingestellt.

Die wird jäh gestört, als ein Münchener Polizist und früherer Nazi Gunther bei einer Leichenschau wiedererkennt und ihn mit der Drohung, seine wahre Identität preiszugeben, zu einem gemeinsamen »Coup« zwingt. Er soll die Übergabe von 10.000 Mark, damals ein riesiger Betrag, an den Mitbegründer einer neuen Partei, der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) sichern.

Gegründet hat diese Partei unter anderem ein gewisser Max Merten, und eben den, früher ein zunächst eher unbedeutender Mitarbeiter im Justizministerium der Nazis und jetzt erfolgreicher Rechtsanwalt, kennt Bernie aus früheren Zeiten in Berlin. Und dessen Geschäftspartner in dieser Sache ist kein geringerer als Walter Hallstein, eng vertraut mit Konrad Adenauer.

Bernie Gunther entkommt der üblen Falle

Schnell stellt sich heraus, was Bernie ohnehin schon ahnte: Kriminalsekretär Schramma hat seine eigenen Pläne mit dem Geld und braucht einen Sündenbock. Bei der Übergabe erschießt Schramma die beiden Emissäre, die das Geld übergegen sollen, und will auch Bernie umbringen, der sich aber der für ihn vorgesehenen Rolle als ermordeter Mörder geschickt entzieht und Merten informiert. Scheinbar zum Dank dafür verschafft Merten ihm einen Job als Ermittler und Schadensregulierer bei der Münchener Rückversicherung.

Seinen ersten Fall dort löst Bernie mit Bravour, und so schickt ihn sein neuer Chef nach Griechenland, um dort einem dubiosen Schiffsuntergang nachzugehen. Der Eigner des Schiffes, ein deutscher Taucher und Filmemacher, fordert nach einem Brand und dem Untergang seines Schiffes in der Ägäis von der Münchener Rück die Summe von 35.000 D-Mark.

In Athen angekommen, macht Bernie die Bekanntschaft von Achilles Garlopis, dem dortigen Vertreter seines Arbeitgebers. Er ist ein typischer, ja beinahe klischeehafter Vertreter seiner Nation. Und da ist auch Siegfried Witzel, der arrogante und übellaunige Eigner der gesunkenen »Doris«, der auf einer schnellen Auszahlung der Versicherungssumme besteht. Am ersten Abend begegnet Bernie einem angeblichen Österreicher namens Fischer, der sich als Tabakhändler ausgibt und der im späteren Geschehen eine wesentliche, wenn auch unsichtbare Rolle spielt. Zunächst folgt Bernie Witzel zu dessen Bleibe in Athen. Als er kurze Zeit später zusammen mit Garlopis in das Haus eindringt, finden sie Witzel, getötet mit zwei Schüssen durch die Augäpfel, dem Markenzeichen des gesuchten Nazi-Verbrechers Alois Brunner.

Leider war die griechische Polizei schon vor ihm da und droht, Bernie den Mord in die Schuhe zu schieben, es sei denn, er hilft dem ermittelnden Polizeileutnant Leventis bei der Suche nach dem wahren Mörder. Also macht sich Bernie widerwillig auf die Suche und stößt auf jede Menge Ungereimtheiten. Die Doris und ihre Besatzung waren keineswegs auf der Suche nach altgriechischen Artefakten, sondern nach dem von der SS geraubten Gold der deportierten Juden von Thessaloniki – woran auch Brunner und Mertens beteiligt waren. Spuren von weiteren alten Bekannten aus Bernies Vergangenheit in Nazi-Deutschland lassen da nicht lange auf sich warten. Und als sich dann auch noch der Mossad für seine Ermittlungen interessiert, steckt er endgültig mal wieder tief im Schlamassel.

Historische Fakten setzen dem Roman einige Grenzen

Wie alle Bernie-Gunther Romane ist auch diese Geschichte in ein reales historisches Geschehen eingebettet. Max Merten und die GVP gab es wirklich, und tatsächlich spielte Merten im Nazi-besetzten Griechenland und später eine höchst unsägliche Rolle. Die geschichtliche Wahrheit setzt der Phantasie des Autors allerdings enge Grenzen, denn die Rolle von Max Merten und anderer Nazi-Größen in Thessaloniki während der deutschen Besetzung kann jeder bei Wikipedia nachlesen, und deshalb kann die Roman-Geschichte nur einen bestimmten Ausgang nehmen.

Anders als in den früheren Gunther-Geschichten verzichtet Kerr auf mehrere Erzählstränge. Das Geschehen entspinnt sich chronologisch und wirkt zuweilen behäbig. Man hat den Eindruck, der Autor habe zu Beginn seiner Erzählung noch nicht so recht gewusst, wie er seinen Helden zu dem historisch notwendigen Ende führt, und so wirken manche Wendungen ziemlich konstruiert. Wie immer aber überzeugt der lakonische, ja sarkastische Charme der Hauptfigur. Glaubt man den Angaben in früheren Büchern, müsste Bernie zum Zeitpunkt des Geschehens ungefähr 60 Jahre alt sein, und die Müdigkeit und der Widerwillen, mit dem er seiner Aufgabe nachgeht, wirkt glaubhaft und nur allzu menschlich. Auch die Metaphern, mit denen Kerr seine Hauptfigur immer wieder seine Erkenntnisse und seine Umwelt kommentieren lässt, sind ebenso amüsant wie klug. Es steht nur zu hoffen, dass dieser hintergründige Humor in der ohne Zweifel demnächst zu erwartenden deutschen Übersetzung nicht unter die Räder kommt, wirken doch manchmal derartige Einlagen, die in der englischen Sprache durchaus Witz entfalten, in deutscher Sprache nur krude und abgedroschen.

Lehrstunde in deutscher Geschichte aus der Perspektive eines Anti-Helden

Den Historiker wird die Art und Weise, wie Kerr das Schicksal seines Helden in die geschichtlichen Tatsachen einwebt, sicher nicht befriedigen, zu frei ist dafür die Interpretation der geschichtlich verbürgten Charaktere. Aber darum geht es schließlich bei einem Krimi nicht, und immerhin ist es Kerr’s Verdienst, uns auf unterhaltsame Weise das Schicksal der Juden von Thessaloniki nahezubringen und damit einen Teil der Geschichte Nazi-Deutschlands. In diesem Sinne sind alle Bernie-Gunther Romane eine amüsante Lehrstunde in deutscher Geschichte, betrachtet aus der Perspektive eines Anti-Helden. Die Ähnlichkeiten zu jüngsten Ereignissen zwischen Deutschland und Griechenland sind so frappierend, das man sich fragt, ob sich der Autor bewusst gerade dieser seit jeher problematischen Beziehung widmet.

Für Bernie-Gunther-Fans ohnehin ein Muss, andere Leser sollten eher mit einem der anderen Bücher beginnen, vorzugsweise mit einer der frühen Geschichten, so lässt sich die Entwicklung der Hauptfigur besser verstehen. Trotz mancher Längen und einiger arg konstruierter Wendungen ein Lesevergnügen für historisch interessierte Krimi-Fans. Philip Kerr ist im Mai 2018 überraschend mit nur 62 Jahren gestorben, und mit ihm stirbt auch sein Alter Ego Bernie Gunther, dessen Schicksal er so geschickt mit dem großen Weltgeschehen zu verweben verstand. Aus nunmehr 13 Romanen kennen wir mehr oder weniger Gunthers gesamte abenteuerliche Lebensgeschichte, mit Ausnahme des Beginns bei der Berliner Polizei nach dem ersten Weltkrieg. Der Verlag hat angekündigt, dass es Kerr gelungen ist, noch vor seinem Tod einen weiteren, letzten Roman der Gunther-Reihe fertigzustellen, der nun die frühen Jahre des Helden abdecken soll. Der Titel lautet »Metropolis«, das Erscheinen in englischer Sprache ist für das Frühjahr 2019 angekündigt.

Michael Seitz, September 2018

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