Die Saat des Killers von Paul Cleave

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel Kiler harvest, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Heyne.

  • --: Atria, 2018 unter dem Titel Kiler harvest. 464 Seiten.
  • München: Heyne, 2018. Übersetzt von Anke Kreutzer. ISBN: 978-3-453-43924-5. 464 Seiten.

'Die Saat des Killers' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Der junge Joshua ist blind. Er weiß, dass sein Vater Mitchell ihn immer beschützen wird denn Mitchell ist ein knallharter Cop bei der Mordkommission. Für Joshua bricht eine Welt zusammen, als Mitchell von einem Serienkiller getötet wird, der die Stadt in Angst versetzt. Doch sein Vater hinterlässt ihm etwas, das Joshua für immer verändern wird: seine Augen. Die Augentransplantation, die erstmals möglich scheint, gelingt. Joshua kann sehen. Aber er sieht Dinge, die ihn erschrecken. Er träumt von einer einsamen Hütte, von Frauen in Todesangst, von entstellten Leichen. Ohne es zu wollen, ist er dem Erbe des unheimlichen Killers auf der Spur & und gleichzeitig mit ihm verbunden & denn eines seiner neuen Augen gehörte einst dem Mörder!

Das meint Krimi-Couch.de: Die drei ??? und die böse Leber 60°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Es ist die alte Frage, was eigentlich das menschliche Handeln steuert. Ist es allein das Gehirn, vielleicht das Herz, oder doch, wie bei einigen Zeitgenossen zu vermuten ist, der Magen? Paul Cleave widmet sich in seinem neuen Roman »Die Saat des Killers« dem zellulären Gedächtnis.

Er vertritt hier die These, dass nicht nur das Gehirn allein Erinnerungen zu speichern vermag, sondern auch andere – allesamt transplantierbare – Körperteile, die grundsätzlich dazu dienen, Eindrücke und Informationen weiter zu reichen – wie zum Beispiel die Augen.

Hier werden sich die Geister scheiden

Hier betritt der Leser dann auch schon den Bereich, in dem sich die Geister vermutlich erstmalig scheiden. Wer Cleave’s Konstruktion als mögliche Option betrachtet, der wird sich hier mit Interesse dem Krimi zuwenden, für die anders denkenden kommt hier schon der Stempel »übersinnlicher Unsinn« zum Zuge, und so wird immerhin schon einmal ein Vorauswahl getroffen.

Wer sich aber immerhin schon einmal so weit auf die Geschichte einlässt, sieht sich nun dem Helden Joshua gegenübergestellt, der noch die Schule besucht und hier seine ersten Erfahrungen mit Mädchen macht. In weiten Zügen erinnert das Buch daher an einen Jugendroman, und ob ein Erwachsener, der einen Thriller kauft, nun einen Erzählung, die an die Abenteuer der drei ??? erinnert, toleriert, das soll zumindest in Frage gestellt werden.

Paul Cleave schafft immerhin einige Überraschungsmomente

Tatsächlich gelingt es Paul Cleave doch, durch wechselnd auftretende Bösewichte und Erweiterungen des handelnden Personenkreises neue Überraschungsmomente zu schaffen. Dennoch kommt hier nach meiner Auffassung deutlich zu kurz, dass nicht der eigentlich gesuchte Serienkiller oder Psychopath der tatsächliche Bösewicht ist. Die Übeltäter und Killer mit der größten Todesquote sind vielmehr die, die sich zum Richter und Henker aufspielen – auch wenn sie damit eigentlich Gutes bezwecken wollen.

Nach einem konstruierten Showdown, in dem wieder die altbekannten Protagonisten – wie das Handy, das keinen Empfang hat oder verloren geht – bemüht werden, bleibt abschließend dann immerhin noch die Frage, wie denn nun mit dem aufrührerischen Körperteil zu verfahren ist. Wird hier einfach der biblische Rat über das Auge, das zum Ärgernis wird, befolgt? Immerhin – eine Vorstellung, die vielleicht tatsächlich einen »Thrill« erzeugen kann.

Sabine Bongenberg, Oktober 2018

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Krimisofa.com zu »Paul Cleave: Die Saat des Killers« 23.07.2018
Stell dir vor, du bekommst ein Herz transplantiert, und hast danach ständig Lust auf ein Bier, obwohl du vor der Transplantation keinen Alkohol getrunken hast. Oder du bekommst eine neue Niere und willst danach Autorennen fahren, obwohl du nie den Führerschein gemacht hast. Es gibt die Theorie, dass in Körperzellen Erinnerungen gespeichert werden können. Die Theorie ist umstritten - aber nicht in der Welt der Literatur, denn Paul Cleave hat die Theorie zur Grundlage seines neuestem Buch gemacht.

Joshua ist 16 und geht auf eine Blindenschule. Sein Leben ist schwarz und das ist auch methaphorisch gemeint – denn er glaubt, dass seine Familie unter einen Fluch leidet. Seine Eltern sind beide tot, deshalb wohnt er bei seiner Tante und seinem Onkel. Da seine Eltern schon sehr lange tot sind, nennt er sie Mom und Dad. Doch jetzt schlägt der Familienfluch wieder zu und macht ihn abermals zum Halbwaisen - doch diesmal hinterlässt ihm sein zweiter etwas; nämlich seine Augen. Und so erfährt Joshua endlich, wie seine Mutter aussieht, wie Farben aussehen, er lernt lesen und will bald Autofahren lernen - doch er hat merkwürdige Träume und weiß nicht, was er davon halten, wie er damit umgehen soll.

Zum zweiten Mal nach „Zerschnitten“ wählt Paul Cleave ein medizinisches Thema. Im Mittelpunkt des Buches steht das zelluläre Gedächtnis, das medizinisch umstritten ist. Das bestätigt auch der Wikipedia-Eintrag darüber, der sehr kurz ist. Dass in dem Buch Augen transplantiert werden und blinde Menschen sehend machen, führt uns dann vollends in die Welt der Fabelwesen, denn zum Thema Augentransplantation gibt Google nichts her. Aber die Idee an sich und die Umsetzung ist grandios. Alleine wie Cleave den Protagonisten Joshua beschreibt, wenn er vom Blinden zum Sehenden wird, wirkt grandios recherchiert. Wenn er beschreibt, wie Joshua plötzlich nicht mehr nur von Formen und Gerüchen träumt, sondern von Menschen, Farben, Gegenständen - oder wie er das Fernsehen entdeckt und die Hörbücher links liegen lässt; da kann einem schon die Gänsehaut kommen, weil allein die Vorstellung, dass es so etwas geben könnte, wunderschön ist.

Zunächst lässt sich Cleave etwas Zeit mit dem Aufbau, führt neben Joshua unter anderem noch den Antagonisten Vincent ein, der der beste Freund von Simon Bower war, der nun tot ist - getötet von Joshuas Onkel-Vater Ben. Vincent heckt nun einen Plan aus, wie er nach dessen Leben trachten könnte. Das ist anfangs etwas zäh, weil Vincent davor das Leben von Simon aufarbeiten muss und dabei merkt, dass dieser ein ziemlich böser Bube war, was Vincent nicht klar war – aber nach ein paar Kapitel liest sich das Buch ziemlich flüssig und es macht ziemlich Spaß. Später stößt dann noch Olilia zum restlichen Ensemble hinzu, die sich wirklich sehr rührend Joshua - oder wie sie ihn nennt: „Junge, der früher mal blind war“ – annimmt.

Gegen Ende gibt es dann eine Sequenz, bei der ich fünf Minuten Abstand vom Buch brauchte, weil sie einerseits so schrecklich ist, und andererseits, weil es das, was darin passiert, wirklich geben könnte. Da kann man schon mal anfangen, an der Menschheit zu zweifeln. Und eigentlich wäre das für mich das perfekte Ende gewesen, denn das hätte - vermutlich nicht nur bei mir - einen enormen Nachhall hinterlassen.

Aber es geht weiter und damit verschlimmbessert Cleave das Ende leider etwas. Beim Showdown tritt der Protagonist für meine Begriffe für einen 16-jährigen viel zu souverän auf und auch generell übertreibt es Cleave etwas. Dazu kommt, dass man von ein paar Figuren nach dem Showdown überhaupt nicht mehr erfährt, was aus ihnen wurde - das macht die sonst wirklich großartige Geschichte leider etwas madig.

Tl;dr: „Die Saat des Killers“ von Paul Cleave ist ein mitreißender Thriller über ein strittiges medizinisches Thema und der Frage, ob in menschlichen Zellen Erinnerungen gespeichert werden können. Der Autor beantwortet diese sehr deutlich anhand eines grundsympathischen Protagonisten, der nach einer Augentransplantation zum ersten Mal sehen kann. Hintenraus übertreibt es Cleave allerdings etwas und macht die sonst großartige Geschichte leider etwas kaputt.
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