ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt von Nina Laurin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Girl last seen, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Knaur.

  • New York: Grand Central, 2017 unter dem Titel Girl last seen. 342 Seiten.
  • München: Knaur, 2018. Übersetzt von Alice Jakubeit. ISBN: 978-3-426-65410-1. 344 Seiten.

'ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Eigentlich hat Laine Moreno längst aufgegeben. Seit zehn Jahren versucht die 23-Jährige zu vergessen, was man ihr angetan hat: Wie sie als Kind entführt und drei Jahre lang missbraucht wurde, bis ihr hochschwanger die Flucht gelang. Dass man ihren Peiniger nie gefasst hat, weil sie sich nicht erinnern konnte. Dass ihre Tochter zur Adoption freigegeben wurde.

Doch als Laine eines Tages an einem Vermisstenplakat vorbeistolpert, starrt ihr die Vergangenheit mitten ins Gesicht: Die Gesuchte – Olivia Shaw, 10 Jahre alt – ist praktisch ihr Ebenbild. Um Olivia zu retten, muss Laine sich ihren Dämonen stellen.

Das meint Krimi-Couch.de: Opiate, Speed, Downer und Alkohol sind die besten Freunde 50°

Krimi-Rezension von Annette Wolter

Der Klappentext klingt absolut vielversprechend. Endlich ein Buch, das bei vielen ähnlichen gestrickten Krimis aufregendes Entertainment ankündigt. Auch das Layout des Verlags, düster und neblig-grün, mit einem schemenhaft angedeuteten und offensichtlich fliehenden Mädchen gestaltet, impliziert spannende Unterhaltung.

Laine ist eine junge Frau, die scheinbar keine Perspektive hat. Opiate, Speed, Downer und Alkohol sind ihre besten Freunde.

Vom Supermarkt über die Bar zum Dealer

Sie hat wechselnde Jobs in Supermärkten, einen Zweitjob als Serviererin in einem Strip-Club und keinerlei Perspektive für ihr Leben. Sie ist ein hübsches Mädchen afroamerikanischer Herkunft und fast ihr gesamter Körper ist mit Narben bedeckt. Die versteckt sie. Manchmal geht sie joggen oder surft in einem Chat, wo Verschwörungstheorien zu Kriminalfällen Thema sind.

Die Geschichte spielt in der Regenstadt Seattle, und Laine lebt dort in einer miesen Gegend in einem Mini-Apartment. Das ist ihre Oase. Freunde hat keine. Kontakt hat sie nur zu ihrem Dealer oder zu Kolleginnen aus dem Club.

Laine bräuchte eigentlich konstante psychologische Betreuung, denn sie ist durch ein unbeschreibliches Ereignis schwer traumatisiert. Der widerliche und grausame Entführer hat sie nicht nur einige Jahre in einem düsteren Loch gefangen gehalten und gequält, sondern auch noch geschwängert.

Als sie endlich entkommen ist, wird sie 13jährig, hochschwanger und verwirrt vom »guten Cop« Sean ins Krankenhaus gebracht, wo sie das Kind bekommt und es nie wieder sieht.

Olivia Shaw: Ein Klon von Laine?

Laine sieht die Plakate an, wo ein Mädchen namens Olivia entführt wurde und sieht sich selbst. Zufällig ist der Ermittler der zuständige Cop, der der sie damals in Krankenhaus gebracht hat.

Dieser smarte Mann ist der einzige an den sie sich mit Wehmut erinnert, von dem sie träumt und schwärmt.

Laine möchte helfen den Fall aufzuklären, denn sie ist Ella, das entführte Mädchen von vor 10 Jahren. Der Cop nimmt sie mit zu den reichen Eltern von Olivia, wo Laine sich total daneben benimmt. So stolpert Laine/Ella durch die Ermittlungen.

Intention der gebrochenen Protagonistin oder Tagebuch einer Nervensäge?

Andauernd denkt Laine/Ella, aus deren Perspektive man die Geschichte ausschließlich erlebt, das gleiche oder versucht zu denken, denn die meiste Zeit ist sie durch die ganzen Tabletten, die sie einwirft nicht wirklich dabei. Und das macht das Buch unglaublich anstrengend. Es liest sich ein wenig wie das Tagebuch eines Teenagers (»Heute habe ich mich wieder zugedröhnt; oh, ich müsste eigentlich noch Schlaftabletten auf mein Rezept bekommen, bla, bla).

Die Intention der Autorin war vermutlich eine Protagonistin zu schaffen, die dem männlichen Äquivalent des Whisky-trinkenden Ermittlers entspricht. Obwohl ständig besoffen, löst er den Fall trotzdem mit Bravour (Gutes Beispiel: Harry Hole) und kommt irgendwie sympathisch rüber.

Was man als Leser sofort erfasst hat, kapiert die Protagonistin mit viel Glück irgendwann schemenhaft, meistens ist sie aber weggetreten, was die Story unnötig in die Länge zieht. Die Sprache ist simpel, die Misshandlungen werden drastisch beschrieben, und dann gibt es noch einen blutigen Showdown.

Dieser Thriller verspricht leider mehr als er letztendlich hält

Laine ist für mich alles andere als sympathisch. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass sie die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit hinter sich lassen und einfach nur vergessen will. Trotzdem sind ihre Handlungen – als Hilfe oder Behinderung – für mich nicht logisch. Gefühlt jedes Mal entscheidet Laine sich für den falschen Weg, was sie einem dann auch gleich durch ihre Gedanken mitteilt (Zitat: «Ich wünschte, ich könnte die Worte zurücknehmen& !") liest man leider nicht nur einmal direkt nach einer ihrer idiotischen Handlungen. Manchmal möchte man als Leser die junge Frau nehmen und schütteln.

Im Buch geht es kaum um den Fall des verschwundenen Mädchens, man bekommt so gut wie gar keinen Einblick in die Polizeiarbeit und entgegen des Klappentextes stellt sich Laine nicht ihren Dämonen, sondern die Dämonen stellen sie.

Es gibt keine schockierenden Twists, wie versprochen, sondern eine klare Linie, die einfach zu durchschauen ist. Leider.

Die Recherche über die verwendeten Medikamente ist furchtbar schlecht; die Autorin hat wohl hier keine eigenen Erfahrungen als Grundlage genommen. Schade eigentlich, obgleich ich der Autorin keine Medikamentensucht wünsche (manchmal schaden eigene negative Erlebnisse/Erfahrungen nicht, um eine gebrochene Person darzustellen). Ansonsten ist das meiste der dünnen Story leider vorhersehbar, und dann haben wir noch ein Ende, das bei genauerer Betrachtung doch extrem viele Ungereimtheiten im Raum stehen lässt.

Gute Idee, flüssig geschrieben, einfache Sprache, aber seltsam blass

Wer leichte Kost lesen möchte und an ständigen Reflexionen und den endlosen Selbstanklagen einer jungen Frau interessiert ist, ist mit diesem Buch vielleicht gar nicht so schlecht beraten. Wer sich aber einen spannenden Thriller erhofft, bekommt seine Wünsche nicht erfüllt. Seltsamerweise wirken auch die ganz brutalen Stellen so trivial, dass sie mich als Leser nicht berühren, obwohl alles sehr deutlich und auch teilweise drastisch beschrieben wird. Netter Versuch. Nina Laurin kann sich definitiv weiterentwickeln – und nach diesem Debüt nur steigern.

Annette Wolter, Juni 2018

Ihre Meinung zu »Nina Laurin: ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Krimisofa.com zu »Nina Laurin: ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt« 23.05.2018
In den hiesigen Gefilden war Nina Laurin bis jetzt unbekannt - klar, „Escape“ ist hierzulande auch ihr erster Roman. Im nordamerikanischen Raum und in Kanada, ihrem Heimatland, kommt bereits ihr zweites Buch heraus. Wenn Laurin gerade keine Bücher schreibt, dann schreibt sie auf ihrem Blog - über ihre Bücher, oder generell übers Schreiben. Dass sie (endlich) einen Vertrag bei einem Buchverlag hat, betitelte sie darin etwa nicht in manischer Manier mit einem „Yaay, I did it!!“, sondern nüchtern mit „The 'I Have A Book Deal!' Post“. Und genau so liest sich auch „Escape“ - und trotzdem geht das Buch unter die Haut.

Lainey Moreno hat einiges durchgemacht, und das merkt man ihr an. Lainey ist 23 und vor zehn Jahren hat sie es nach dreijähriger Gefangenschaft zurück in die Freiheit geschafft. Seitdem ist sie nicht nur in psychiatrischer Behandlung, sondern auch medikamentenabhängig, denn sie nimmt wesentlich mehr als die verschriebenen Dosen - und trinkt auch mal gerne einen über den Durst. Mit Menschen kann sie nicht viel anfangen und tritt ihnen oft ungeschickt und schmallippig gegenüber. Aber wer mag es ihr verdenken, nachdem sie drei Jahre lang nur einen gesehen hat und von dem nur seinen Schwanz in Erinnerung hat, der sie penetrierte.Jetzt ist eben jenes Mädchen verschwunden, das wie ihr zehnjähriges Ich aussieht – natürlich ihre Tochter, ein Abschiedsgeschenk des Entführers, das sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Jetzt setzt sie alles daran, sie zu finden; wegen ihrer Tochter, aber vor allem, um Licht ins Dunkel ihrer eigenen Entführung zu bringen, denn der Täter von damals wurde nie gefasst.

Die Protagonistin von Nina Laurins Debüt ist nicht sympathisch, keineswegs. Sie nimmt Drogen, ist launenhaft und weiß nicht so wirklich mit ihren Gefühlen umzugehen, verwechselt Liebe mit Dankbarkeit. Obwohl man als Leser in ihrem Kopf ist, bleibt sie unnahbar, obwohl man ihr Handeln mitbekommt, versteht man es nicht immer - fast ist es so, als lebe sie in ihrer eigenen Welt. Aber man ist als Leser zu keinem Zeitpunkt böse auf sie, und wenn doch, dann hat man doch auch Verständnis. Für ihr Denken und Handeln. Das liegt nicht nur an der Geschichte, die uns Laurin erzählt, sondern vor allem an der Atmosphäre, die darin herrscht. Denn die ist von Anfang an so dicht, dass man manchmal nicht weiterlesen kann, weil sie einen sonst erdrückt. Das spricht vor allem für die Authentizität, aber auch für die kreative Leistung von Nina Laurin. Dass die Geschichte in der ersten Person im Präsens erzählt wird, tut ihr übriges dazu.

Es gibt nur einen Erzählstrang, vom Opfer bekommt man nichts mit, und irgendwie doch. Denn Lainey wird erneut zum Opfer, wird dem ganzen Martyrium in ihrem Kopf erneut ausgesetzt - diesmal entscheidet sie sich aber proaktiv dafür, weil sie sich damals erhofft hat, dass man sich für sie genau so einsetzt. Dass ein anderer Mensch, obendrein ihre Tochter, das durchmachen muss, was sie durchgemacht hat, will sie nicht zulassen - da steckt natürlich auch eine Menge Justizkritik von Laurin drin.

Obwohl man als Leser in Laineys Kopf steckt, weiß man nicht sicher, ob man auch wirklich alles mitbekommt. In einer Szene leert sie ihr Konto, um sich von dem Geld Drogen zu kaufen, in einer anderen, späteren, Szene, hat sie plötzlich Geld für ein Motel. Ganz nachvollziehbar ist die Geschichte also nicht immer. Die Liebesgeschichte, die zwischendurch immer wieder aufblitzt wirkt ebenfalls etwas deplatziert und passt weder in den Kontext, noch zur düsteren Stimmung der Geschichte; andererseits aber sehr wohl zu dem Gefühlsdurcheinander von Lainey.

Der Showdown ist spektakulär, auch wenn der Täter, der am Ende demaskiert wird, genau die Person ist, die man von Anfang an verdächtigt. Dennoch hält das Ende ein paar kleine Plot-Twists bereit, mit denen man nicht unbedingt rechnet.

Tl;dr: „Escape“ von Nina Laurin ist ein Psychothriller mit einer dichten Atmosphäre und einer so hohen Authentizität, dass man nicht immer weiterlesen kann, obwohl man will. Die Protagonistin ist aufgrund ihrer Geschichte nicht die sympathischste, aber man kann ihre Macken und ihr teilweise ungeschicktes soziales Agieren stets nachvollziehen. Alles in allem ist „Escape“ ein mehr als solides Debüt und Nina Laurin wird einen Platz auf meiner Watchlist einnehmen.
leseratte1310 zu »Nina Laurin: ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt« 18.04.2018
Ella Santos wurde entführt, als sie zehn Jahre alt war. Nach drei Jahren voller Misshandlungen und Missbrauch gelang es ihr, hochschwanger zu entkommen. Schwer traumatisiert konnte sie sich kaum erinnern, so dass der Täter nie gefasst wurde. Ihre Tochter wurde zur Adoption freigegeben und sie erhielt eine neue Identität. Nun heißt sie Laine Moreno. Sie will vergessen, doch wer so etwas ertragen musste wird nie vergessen.
Zehn Jahre ist das inzwischen her, als Laine auf einem Plakat das Bild eines verschwundenen zehnjährigen Mädchens sehen muss, welches aussieht wie sie selbst in dem Alter. Sie ahnt, dass es sich um ihre Tochter handelt und glaubt, dass es der gleiche Täter ist wie bei ihr. Alles kommt wieder hoch. Aber sie muss das Mädchen retten, doch dazu muss sie sich ihren eigenen Dämonen stellen.
Der Schreibstil dieses Buches lässt sich sehr gut lesen und die Geschichte wird aus der Sicht von Laine berichtet. Der ermittelnde Kommissar ist ausgerechnet der Polizist, der Laine damals auf der Straße gefunden hat. Er ist eine interessante Person, aber für die Suche nach dem verschwundenen Mädchen spielt er eher eine Nebenrolle.
Laine hat Furchtbares erlebt und sie hat das Trauma auch nach all den Jahren nicht verwunden. Sie versucht ihr Leben in den Griff zu bekommen, aber nur mit Hilfe von Drogen kann sie weiterleben. Sie kann auch keine Beziehung zu anderen Menschen ertragen, kann sich nicht einmal selbst ertragen. Sympathisch war mir Laine nicht, ich schwankte zwischen Mitleid und Ablehnung, denn ihre Gedanken und ihr Verhalten waren mir oft zu wirr.
Da es immer wieder um die Aufarbeitung der Vergangenheit geht, kam keine rechte Spannung auf und es gab auch zwischendurch Längen. Erst zum Ende wurde es dann wieder interessanter, überraschend und damit spannender. Mich konnte die Geschichte nicht so packen wie ich es erwartet hatte.
Eine interessante Geschichte, der jedoch etwas der Thrill fehlte.
Ihr Kommentar zu ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt

Hinweis: Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen. Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre. Werbung ist nicht gestattet. Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.

Seiten-Funktionen: