Böse Schwestern von Mikaela Bley

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Liv, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 2 der Ellen-Tamm-Serie.

  • Stockholm: Lind & Co., 2016 unter dem Titel Liv. 462 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2018. Übersetzt von Katrin Frey. 397 Seiten.

'Böse Schwestern' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Jahre nachdem sie ihre Familie zuletzt besucht hat, fährt Kriminalreporterin Ellen Tamm zum ersten Mal wieder von Stockholm in Richtung Norden. Mit ihrer alten Heimat Sörmland verbindet sie nichts Gutes. Ihre Zwillingsschwester wurde hier im Alter von acht Jahren getötet, unter bis heute ungeklärten Umständen. Jetzt wird die Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Ellen versucht, ihre Identität aufzuklären. Doch ihre Fragen wühlen die alte Geschichte wieder auf sie ist der Wahrheit über ihre Schwester näher, als sie ahnt.

Das meint Krimi-Couch.de: Die Villa Kunterbunt ist abgebrannt 65°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Schweden – was ist aus deinen Kindern geworden? Heute würde die Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf nicht mehr mit dem Äffchen und Pferd in der Villa Kunterbunt leben. Das Pferd wäre wegen Vernachlässigung gestorben, der Affe im Tierheim, gemeinsam mit Tommy würde sie Annika jeden Tag verprügeln und dann würde sie mit Vaters Matrosen am Hafen sitzen und erst einmal einen Wodka kippen. Das zumindest scheint bei Schwedens Jugend an der Tagesordnung zu sein – und damit ist nur die nette, wohlerzogene Jugend gemeint, versteht sich.

Auf eine Gruppe dieser freundlichen, gut erzogenen jungen Leute trifft die TV-Reporterin Ellen Tamm, als sie nach einem seelischen Zusammenbruch mangels anderer Alternativen in ihr Elternhaus flüchtet. Im Falle von Ellen ist die Not tatsächlich groß, verbindet sie doch mit ihrem Elternhaus die Erinnerung an ihre Zwillingsschwester Elsa, die unter noch immer ungeklärten Umständen im angrenzenden See ertrank und die Erinnerungen an eine Familie, die sich langsam auflöste und zerbrach.

Wer kann es ihr verdenken, dass sie sich unter dieser emotionalen Last der Erinnerungen einem neuen Tätigkeitsfeld in die Arme wirft, als in der Nähe des elterlichen Guts eine ermordete Frau aufgefunden wird. Alle Anzeichen deuten auf ein Sexualdelikt, dennoch lässt auch die besondere Brutalität dieses Verbrechens noch andere Erklärungen zu.

Das ländliche Schweden ist an die Moderne verloren gegangen

Mikaela Bley führt ihre Leser in ihrem zweiten Band um die Reporterin Ellen Tamm in das ländliche Schweden, das grundsätzlich mit seiner ursprünglichen Landschaft und kernigen Menschen aufwarten könnte. Laut Einschätzung der Autorin scheint dieses Schweden jedoch mittlerweile an die Moderne und an ihren aggressiven Umgangston verloren gegangen zu sein. Die ursprüngliche Familie ist mittlerweile zugunsten von polyamoren Beziehungsmodellen aufgelöst, die so gezeugten Kinder erziehen sich offensichtlich von selbst und verbreiten in ihrer »Peergroup« Angst und Schrecken unter der übrigen Bevölkerung. Mittendrin die gebeutelte Ellen, die versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Viele Themen werden angerissen, zu Ende gebracht wird keins davon

Hier kann dann auch schon der Punkt angesprochen werden, an dem die Geschichte zu haken beginnt. Mikaela Bley hatte sich in diesem Band offensichtlich viel vorgenommen. Die Problematik moderner, mehr als schnelllebiger Beziehungen, das Aufforsten eines Todesfalls in der Kindheit der Heldin, ihre amourösen Irrungen und Wirrungen und dann natürlich auch noch die Aufklärung des neuen Mordfalls. Angerissen werden viele Themen, durchdacht erzählt und geschlossen zu Ende gebracht wird keines.

Bley stellt ihre Heldin dabei vielmehr in einem Licht dar, das schon schmerzlich zu lesen ist. Eine erwachsene Frau, die sich den Misshandlungen einer Gruppe von Jugendlichen – die letztendlich sogar zu einer öffentlichen Vergewaltigung führen – widerspruchslos und vor allem ohne Anzeige zu erstatten beugt, die offensichtlich nicht in Lage ist, männlichen Avancen ein »Nein« entgegenzusetzen und die überrascht ist, wenn ein Liebhaber gekränkt reagiert, wenn er in ihrem Bett schon den nächsten findet, die ist vielleicht im Hause von der Mama wirklich am besten aufgehoben! Immerhin stellt die Heldin nicht das einzige negativ besetzte Frauenbild in Bleys Geschichte. Da wären auch noch die beiden Frauen Alexandra und Hannah, die sich in einem eigenartigen Familienentwurf um ihren Lebensgefährten Patrik scharen, der wiederum mit der ermordeten Liv ein weiteres Kind gezeugt hatte, die wiederum gerade ihrer lesbischen Freundin erklärt hatte, dass sie offensichtlich nicht gut genug für sie sei.

In diese ganzen »amour fous« wird dann noch ein Erzählstrang eingebettet, der die älteren Leser vermutlich frappierend an die Erzählung »Children of corn« erinnern dürfte. Wozu dieser Strang überhaupt ins Leben gerufen wurde, dient er doch keiner besonderen Funktion und ist auch ohne Belang für die spätere Auflösung des eigentlichen Mordfalls, bleibt hier genauso ungeklärt. Nicht aufgelöst wird auch die Frage, warum die Heldin, die kurz vor Beginn der unglücklichen Verkettung kaum das Bett verlassen konnte, offensichtlich auf wunderbare Weise genesen kann, sowie sich ein halbwegs interessanter Fall eröffnet, aber genauso blitzschnell wieder erkrankt, sofern sich Fragen zu ihrem persönlichen Umfeld auftun.

Was eine Geschichte interessant und lesenswert macht, kommt hier regelmäßig zu kurz

Unklar bleiben auch die Charaktere im Buch – außer der Heldin Ellen. Über das Mordopfer Liv erfährt der Leser so gut wie nichts und auch bei anderen Personen muss gelegentlich der Eindruck entstehen, dass diese dann eben von Natur aus böse oder gut sind. Welche Motive sie zu ihrem Tun bewegten, welche Erfahrungen sie machten – kurz, das was eine Geschichte interessant und lesenswert macht, kommt hier regelmäßig zu kurz.

Immerhin – nachdem die ersten Stränge, die zunächst sehr fremd und unverbunden nebeneinander auftraten, miteinander verknüpft sind, kann sich eine gewisse Harmonie im Lesefluss entwickeln. Sicherlich sind das die stärkeren Seitens des Romans. Wer aber jetzt hofft, dass sich diese positive Entwicklung fortsetzt und auch eine klare Lösung des Kriminalfalls präsentiert wird, der sollte seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Hier bleiben zu viele Fragen und Widersprüche.

Halbwegs nachvollziehbar immerhin die Auflösung um das Ertrinken der kleinen Elsa – Fragezeichen zum Motiv, zum Täter und nicht zuletzt, wie er die Enthüllung seiner Untat »verkraftet« bleiben auch hier. Insgesamt kommt das Ende des Romans überraschend, liegt doch noch zu vieles im Dunkeln – so zum Beispiel auch die Frage, was der Titel »Böse Schwestern« eigentlich mit dem Inhalt des Romans zu tun hatte – aber sei es drum. Zu befürchten bleibt aber, dass Ellen auch weiterhin mit der Auflösung dieser »Cliffhanger« beschäftigt ist und auch zukünftig durch ihr Leben stolpert. Immerhin – wer jetzt überlegt, ob er sich dieses planlose Hantieren noch weiter ansehen will, oder sich doch lieber noch einmal die Bücher von Astrid Lindgren gönnen will – na, dem fällt die Entscheidung doch leicht.

Sabine Bongenberg, Juni 2018

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