Ehrensache von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The crossing, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Droemer.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Los Angeles, 2010 - heute.
Folge 20 der Harry-Bosch-Serie.

  • New York: Little, Brown and Co., 2015 unter dem Titel The crossing. 388 Seiten.
  • München: Droemer, 2018. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-426-28159-8. 432 Seiten.

'Ehrensache' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Zwangspensioniert und gelangweilt wechselt Harry Bosch die Seiten und ermittelt für seinen Halbbruder, einen Anwalt, in einem Mordfall, für den ein Mann vor Gericht steht, auf den die Beweise ein wenig zu deutlich weisen. Bosch sticht tatsächlich in ein Wespennest aus Korruption und Verschwörung, deren Nutznießer ihn erst heimlich und dann direkt in die Zange nehmen …

Band 20 der Harry-Bosch-Serie ist ein »Crossover« mit Connellys Mickey-Haller-Reihe. Eindeutig im Vordergrund steht jedoch Bosch, der einmal mehr routiniert einen verwickelten Kriminalfall aufdröselt: nicht der beste Beitrag zur Serie, aber erneut lesenswert, weil spannend und mit vielen bissigen Kommentaren zum Thema US-»Law-&-Order« gewürzt.

Das meint krimi-couch.de: Vom Jäger zum Hüter, aber weiterhin Harry Bosch 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor einem halben Jahr wurde Hieronymus »Harry« Bosch unter fadenscheinigen Gründen vom Los Angeles Police Department gefeuert. Seine ehemaligen Arbeitgeber hat er verklagt, doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Bosch langweilt sich; die Jagd auf Schwerverbrecher war – und ist – sein Leben.

Das weiß und nutzt sein Anwalt, der gleichzeitig auch Harrys Halbbruder ist: Michael Haller, der sein Geschäft hauptsächlich aus seiner Luxuslimousine heraus betreibt und deshalb als »Lincoln Lawyer« bekannt ist, kommt in einem ohnehin scheinbar aussichtslosen Fall nicht weiter. Sein Klient Da’Quan Foster wurde festgenommen, weil er angeblich Alexandra Parks, ein hochrangiges Mitglied der Stadtverwaltung von Los Angeles, in ihrem Schlafzimmer überfallen, vergewaltigt und grausam zu Tode geprügelt hat – eine Tat, die Foster abstreitet.

Im Grunde hat Foster ein Ticket in die Todeszelle

Einst war Foster Mitglied einer Straßengang und kam oft mit dem Gesetz in Konflikt. Seit Jahren ist er »sauber«, doch seine Vergangenheit spricht gegen ihn. Ein echtes Alibi kann er nicht vorweisen, und am Tatort wurde seine DNS sichergestellt. Eigentlich garantiert diese Kombination Foster ein Ticket in die Todeszelle. Haller hält ihn trotzdem für unschuldig.

Bosch will zunächst nicht helfen; als ehemaliger Polizist hasst er Anwälte, die strafgefangenen Kriminellen zur Freiheit verhelfen. Haller weiß seinen Bruder zu ködern: Er spielt ihm die Fallunterlagen zu, in denen der erfahrene Bosch Details entdeckt, die ihn irritieren – eine Tatsache, die weder unbemerkt bleibt noch gebilligt wird, weshalb sowohl Bosch als auch Haller seltsame »Missgeschicke« unterlaufen …

Harry Bosch – kaltgestellt?

Als wir Harry Bosch zuletzt trafen – in »The Burning Room« (dt. »Scharfschuss«), dem 19. Band der Reihe -, hatte er zwar wieder einmal einen komplexen Fall gelöst, war aber in eine Falle getappt, für die er keine Antenne besaß: Eine an sich geringfügige, im Rahmen von Ermittlungen begangene Verfehlung bauschte ein Bosch-feindlicher Vorgesetzter auf, und das Los Angeles Police Department klinkte sich ein, weil es einem straffällig gewordenen Harry Bosch seine Rente verweigern konnte, die nach vielen Dienstjahren sehr hoch ausgefallen wäre.

Schon dieser Einstieg vermittelt einen guten Eindruck von Michael Connellys Weltsicht. Der »Feind« ist für einen engagierten Kriminalisten längst nicht mehr der zu allem entschlossene Verbrecher. Das System hat sich gegen seine eigenen Kräfte gewandt. Rationalisierung heißt das Gebot der Stunde. Möglichst wenig Polizei soll möglichst viele Straftaten verhindern oder Straftäter festsetzen. Ob diese das ihnen zur Last gelegte Verbrechen tatsächlich begangen haben, ist nebensächlich: Es geht um die Quote, nicht um das Individuum. Insofern sind sowohl Harry Bosch als auch Da’Quan Foster Opfer.

Allerdings hat man sich mit Bosch den Falschen ausgesucht. Der ehemalige Vietnam-Soldat hat sich zu einem ebenso zielgerichteten wie unerbittlichen Polizisten entwickelt. Druck ist für Bosch nichts Neues, und politische Ambitionen oder Angst vor den Medien sind ihm fremd. Bosch will Verbrecher stellen. Das ist nicht nur ein Job, sondern seine Mission. Deshalb trifft ihn höchstens die erzwungene Untätigkeit hart. Bosch beschreibt, wie er die entstandene Lücke hilf- und erfolglos durch Basteleien an einem alten Motorrad zu füllen versucht: Harry Bosch ist und bleibt ein Jäger.

Ein zweifelhafter Ausweg

Genau das macht sich sein Halbbruder »Mickey« Haller zunutze. Der wendige »Lincoln-Lawyer« ist einerseits genau jener Typ Anwalt, den Bosch zutiefst verachtet: Haller haut Verbrecher, die ehrliche Polizisten nach harter, gefährlicher Arbeit festgesetzt haben, vor Gericht heraus, indem er das Gesetz biegt und »interpretiert«. Es bietet geschickten Winkeladvokaten entsprechende Ansatzpunkte, und wer sich um moralische Probleme wenig schert, kann viel Geld verdienen, wenn es gelingt, einen Kandidaten für das Gefängnis oder gar für die Todeszelle von Justitias Haken zu schneiden.

Deshalb lehnt Bosch energisch ab, als ihn Haller um Hilfe bittet. Da’Quan Foster wurde von ehemaligen Polizeikollegen gefasst, denen Bosch auf keinen Fall in den Rücken fallen will. Doch Haller kennt seinen Bruder und weiß, wie er ihn packen kann: Womöglich wurde ein Fehler begangen – oder schlimmer: Foster ist ein Sündenbock, der für den wahren Mörder den Kopf hinhalten muss.

Dies stürzt Bosch in ein Dilemma: Es hasst es, wenn Schwerkriminelle freikommen. Weil offensichtlich Polizisten Gesetze brachen, wechselt Bosch die Seiten und geht auf Haller ein – zu seinen Regeln: »"Mich interessieren keine Alternativtheorien oder begründete Zweifel«, sagte er. »Für mich ist die Sache ganz einfach. Wenn es dein Mandant nicht war, werde ich herausfinden, wer es war. Das ist derjenige – oder diejenigen -, auf den ich es abgesehen habe.«»

Gegenwind aus bisher unbekannter Richtung

«The Crossing» lautet der Originaltitel dieses Romans. Er deutet einerseits an, dass sich hier zwei Linien des «Connellyversums» kreuzen: Harry Bosch trifft – zum wiederholten Mal – auf Mickey Haller. Zwar leben und arbeiten beide in Los Angeles, treten aber normalerweise getrennt auf. Gravierender ist andererseits das Kreuzen jener Linie, der sich Bosch bisher stets verpflichtet fühlte: Man meidet Anwälte und hier vor allem Verteidiger, denn sie sind deine Feinde, weil sie Straftäter freiboxen, die hinter Gitter gehören!

Das Übertreten dieser Linie ist für Bosch ein größeres Problem als der Druck, den die lange anonymen Strippenzieher im Foster-Fall auf ihn ausüben. Ehemalige Kollegen beschimpfen und schneiden ihn, selbst seine Tochter geht auf Abstand: Bosch würde zwischenzeitlich gern hinschmeißen. Allerdings trägt seine gewohnt sorgfältige Ermittlungsarbeit unerwartete Früchte. Da’Quan Foster ist wirklich unschuldig. Er wurde zu einem «Dominostein»: Zwei korrupte Polizisten – Connelly enthüllt ihre Identitäten bereits auf den ersten Seiten, weshalb kein Spoiler vorliegt – haben sich ein lukratives Mini-Imperium aufgebaut. Leider gab es einen Fehler. Er wurde korrigiert – und zog weitere Fehler nach sich. Seither sind die beiden Cops damit beschäftigt, die Folgen der Folgen zu bereinigen, was immer neue Morde erforderlich macht.

Polizei und Justiz scheren sich nicht darum. Sie haben ihren Schuldigen. Nunmehr einen Irrtum zugeben zu müssen, wäre vor der Politik und den Medien ein Gesichtsverlust, der aufstrebende Karrieren zunichtemachen könnte. Bosch muss deshalb erst recht unter dem Radar der einstigen Kollegen vorgehen. Als Relikt einer noch analogen Epoche überrascht es seine Gegner, wenn er sich nicht auf die modernen Medien ver- und dabei Spuren hinterlässt, sondern altmodische Fußarbeit leistet, Tatorte und Verdächtige aufsucht – und Notizbücher verwendet.

Ein nur scheinbar ungleicher Kampf

«Ehrensache» ist natürlich auch ein «normaler» Thriller und Connelly als Autor ein Profi. Auch im 20. Band der Bosch-Serie präsentiert er deshalb einen unterhaltsam komplizierten Plot, den er allmählich auflöst. Das geschieht recht systematisch und bleibt lange zwischenfallarm. Connelly hasst Zufälle. Stattdessen schildert er lieber Ermittlungsalltag, der zwar in mancher Sackgasse endet, dann jedoch in die richtige Spur zurückfindet und sich der Lösung entgegenschlängelt.

Das müssen auch die Schurken feststellen, was zur Spannung beiträgt, weil es sie unter Zugzwang bringt. Harry Bosch und Mickey Haller werden unter Missbrauch von Bürgerrechten in gewaltige Schwierigkeiten gebracht. Bosch gerät sogar in Lebensgefahr, als er seine Gegner endgültig stellt. Dies geschieht wie erwartet im Finale und wirkt wie ein Zugeständnis an jene Leser, die in ihrer Krimilektüre wenigstens eine zünftige Schießerei erwarten.

Mit den Plot-Zauberern à la Jeffery Deaver kann und will Michael Connelly nicht mithalten. Er setzt auf die Kraft der Logik, der er die Überraschung unterordnet. Dass dies den Lektürespaß keineswegs beeinträchtigt, stellt der Verfasser abermals unter Beweis. «Ehrensache" zählt sicherlich nicht zu den Höhepunkten der Harry-Bosch-Serie, bietet aber immer noch überdurchschnittlichen Lese-Spaß, zumal Connelly nicht versäumt, uns einige Brotkrumen hinzustreuen, die uns neugierig auf Band 21 werden lassen, sowie weiterhin vermeidet, Boschs Privatprobleme kitschklebrig die eigentliche Handlung überwuchern zu lassen.

Michael Drewniok, Mai 2018

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