Die Tote im Wannsee von Lutz Wilhelm Kellerhoff

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1950 - 1969.

  • Berlin: Ullstein, 2018. ISBN: 978-3-550-05064-0. 384 Seiten.

'Die Tote im Wannsee' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

1968 West-Berlin. Eine junge Mutter wird tot im Wannsee gefunden. Dann verschwinden ihre Kinder und ihr Mann wird zum Täter erklärt. Kommissar Heller ermittelt und stößt schnell auf Widerstand. Alte Nazi-Freundschaften, neue Stasi-Seilschaften und radikale Studenten machen ihm das Leben und die Fahndung nach dem Mörder schwer. Selbst Hellers Chef scheint in die Machenschaften verstrickt zu sein.

Das meint Krimi-Couch.de: »Erstklassiger Krimi für an Geschichte und Politik interessierte Leser« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Carola Krauße

Drei Autoren – eine ungewöhnliche Konstellation

Ich kenne nur wenige Krimis, die von mehr als einem Autor stammen. Hier sind es gleich drei! Meine Skepsis war groß. Können drei Köpfe wie einer schreiben oder wird es Brüche im Stil und im Plot geben? Doch die Journalisten Martin Lutz und Sven Felix Kellerhoff und der Drehbuchautor und Schriftsteller Uwe Wilhelm haben es geschafft einen historisch-politischen Krimi zu schreiben, dem man die ausführliche Hintergrundrecherche und die Ausarbeitung der Charaktere sehr wohl anmerkt, die Anzahl der Autoren aber nicht. Der flüssige, nie ins Detail abschweifende Schreibstil entführt den Leser mit deutlichen Bildern gekonnt in eine Zeit, die bis heute Auswirkungen auf unser Leben hat und, die gegensätzlicher nicht hätte sein können.

1968 – ein politisch unruhiges Jahr

Das Jahr 1968 war weltweit von Protesten und Unruhen geprägt. In der CSSR war es der Prager Frühling, in Polen die Mai-Unruhen und in den USA die schwarze Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King und der Protest gegen den Vietnamkrieg. In West-Deutschland nahmen linksgerichtete Studenten diesen Protest auf und rebellierten zusätzlich gegen das System, gegen den Nazi-Klüngel und für die sexuelle Befreiung. APO, Kommune I, Rudi Dutschke, Ensslin und Baader sind Akteure dieser Zeit. Daneben gab es aber auch das gutbürgerliche Leben im Mief der Nachkriegsjahre. Homosexualität war strafbar, alles musste nach außen moralisch einwandfrei sein, die Frau gehörte an Herd und Wickeltisch, die Gedanken waren oftmals noch braun und die Aufarbeitung der Nazi-Zeit noch fern.

Ein Plot mit starker Sogwirkung

Das Autoren-Trio verknüpft auf bemerkenswert leichte Art die reellen politischen Ereignisse mit dem fiktiven Mord an einer jungen Frau. Die Vermischung von Realität und Fiktion ist dabei so fesselnd gelungen, dass von Beginn bis Ende der Geschichte der Nervenkitzel nicht abreißt. Zwar ist relativ schnell das Motiv für den Mord klar, aber, wer der Täter ist bleibt bis zum Schluss im Dunkeln. Jedoch tritt die Identität des Mörder im Laufe der Geschichte auch eher in den Hintergrund, die Umstände werden dagegen umso wichtiger. Schnell ist der Leser gefangen im Berlin 1968. In unterschiedlichen Erzählsträngen befindet man sich mitten in einer Auseinandersetzung zwischen radikalen Studenten und der Polizei, verfolgt kopfschüttelnd den andauernden Diskussionen in einer Kommune, nimmt Teil an den Intrigen der Stasi und der IMs und verfolgt natürlich auch die Arbeit der Polizei Die Frage, wer gehört alles zu den Spionen der DDR, wie weit geht die Unterwanderung und warum wird Kommissar Heller immer wieder ausgebremst ist mindestens ebenso spannend, wie die Frage nach dem Täter.

Gelungene Mischung aus reellen und fiktiven Figuren

In der Geschichte finden sich verschiedene Gruppen. Natürlich die Polizei und die Studenten, aber auch die Spione der DDR und die ganz normalen Bürger Berlins. Alle diese Figuren sind glaubhaft dargestellt und es fällt nicht schwer sich Gesichter zu den Namen auszudenken. Vor dem Auge des Lesers entstehen schnell demonstrierende Studenten im Parka, Polizisten in Anzug mit Hut und Krawatte und Hausfrauen in Nylonschürzen. Dabei sind es nicht nur fiktive Gestalten, auch Markus Wolf, Karl-Heinz Kurras und Horst Mahler kommen ebenso vor wie Reinhard May. Die erdachte Geschichte ist perfekt in die tatsächliche Vergangenheit eingebaut. Dabei kommt auch die passende Rhetorik der einzelnen Gruppen nicht zu kurz. Die Studenten frönen ausgiebigst der Redekunst ihrer revolutionären Idole und die Stasi drückt sich natürlich »sozialistisch« aus. Das auch immer wieder braunes Gedankengut geäußert wird, passt ebenso in die Zeit, in der »Persilschein-weiße« Nazis selbst in den höchsten Ämtern des Staates zu finden waren.

Ein Krimi an dem sich die Geister scheiden werde

Wer kein Interesse an Geschichte und Politik hat, wird von diesem Krimi, wenn auch nicht überfordert, so doch enttäuscht sein. Obwohl ein Glossar im Anhang etliche Begriffe erklärt, ist doch auch ein gewisses Hintergrundwissen zu den 1960er Jahren nötig, um die Geschichte wirklich zu würdigen. Wenn sie diese Voraussetzung mitbringen, steht einem außergewöhnlichen Lesegenuss nichts mehr im Wege, denn die Mörderjagd tritt in den Hintergrund, während die politische Situation der eingemauerten Stadt Berlin eine tragende Rolle spielt. Natürlich wird auch der Tot der jungen Frau aufgeklärt, wobei es herrlich ist eine Ermittlung ohne Handy, DNA-Analyse und schnell verfügbare elektronische Datenbank zu erleben.

Carola Krauße, September 2018

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elke17 zu »Lutz Wilhelm Kellerhoff: Die Tote im Wannsee« 18.09.2018
Berlin im Herbst 1968. Der Alltag in der Metropole ist ordentlich durcheinander geschüttelt. Die Mauer teilt die Stadt in zwei Hälften, aus ganz Deutschland werden Neubürger mit Kopfprämien in die Hauptstadt gelockt, die Studenten protestieren gegen Springer und den Vietnamkrieg, haben ihrerseits aber auch Opfer in den eigenen Reihen zu beklagen. Benno Ohnesorg wird erschossen und auf Rudi Dutschke, den Wortführer der Protestbewegung, wird ein Attentat verübt. APO und SDS sind die Reizwörter für die Springer-Presse, die mit ihren Artikeln die „normalen“ Bürger aufhetzen.

Die Gesellschaft ist einmal mehr im Umbruch. Das Wirtschaftswunder und der Generationswechsel nach dem Krieg in Politik, Lehre und Wirtschaft hat de facto nicht stattgefunden. Es sind noch immer die gleichen grau-braunen Eminenzen, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Korrupte Politiker, alte Nazis, dubiose Geschäftemacher. Und natürlich die Stasi, die auch im Westteil der Metropole ihre Spitzel sitzen hat.

Soweit der zeitliche Rahmen und gesellschaftspolitische Hintergrund für „Die Tote im Wannsee“, den ersten Kriminalroman des Trios Lutz, Kellerhof (beides Journalisten) und Wilhelm (Autor und Produzent), wobei letzterer Krimi-/Thriller-Lesern wahrscheinlich kein Unbekannter ist.

Die Krimihandlung wird durch den Leichenfund einer jungen Frau am Ufer des Wannsee eingeläutet. Wolf Heller, der junge sympathische Kommissar, momentan in Bereitschaft beim Kriminalreferat M, wird zum Fundort beordert und mit den Ermittlungen beauftragt. Die Recherchen ergeben, dass es sich um eine kleine Angestellte in der Kanzlei des Rechtsanwalts Horst Mahler handelt, was nun aber nicht weiter beachtenswert wäre. Wären da nicht die 12.000 DM auf ihrem Sparbuch, die Heidi Gent, zweimalige Mutter und mit einem Trinker verheiratet, unmöglich zur Seite gebracht haben kann. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, aber als seine Vorgesetzten Heller nahelegen, den Fall abzuschließen, wird er misstrauisch und schaut noch einmal genauer hin. Er verbeißt sich regelrecht in den Fall und je tiefer er gräbt, desto mehr Schmutz schaufelt er nach oben. Geheimnisse, Lügen und Politik – es ist letztendlich dieses Dreigestirn, das Hellers Ermittlungen zum Erfolg führt.

Bei diesem Kriminalroman fällt als erstes das Zeitkolorit ins Auge. Da wird die politische Situation im 68er Berlin mit Bezügen zu realen Personen thematisiert, es gibt Gastarbeiter, die genannten Zigaretten- und Automarken rufen Erinnerungen wach, und der ermittelnde Kommissar Heller hat kein schickes Apartment, sondern wohnt bei Paula, einer alleinerziehenden Mutter, zur Untermiete (und sein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk für sie ist ein gebrauchter Schwarz-Weiß-Röhrenfernseher, über den ihre Zwillinge in Verzückung geraten). Für mich in hohem Maße authentisch.

Mir fällt zu diesem Kriminalroman nur ein Wort ein: Gelungen, zumindest was, wie zuvor schon thematisiert, die zeitliche Einordnung sowie die sich daraus ergebende, spezielle geografische Verortung angeht. Wenn man mit Berlin einigermaßen vertraut ist, kann man durch detaillierte Orts- und Wegbeschreibungen Heller durch die Metropole folgen.

Die Story an sich ist gut geplottet, tritt aber meiner Meinung nach etwas in den Hintergrund, was mit Sicherheit dadurch bedingt ist, dass die Autoren ihren Schwerpunkt auf die zeitgeschichtlichen Aspekte gelegt haben. Für mich kein Manko, ich liebe Krimis, die mir neben einer spannenden Handlung auch etwas über die gesellschaftspolitischen Hintergründe verraten. Deshalb gibt es von mir für „Die Tote im Wannsee“ auch die volle Punktzahl!

Und wer mit den im Buch genannten Begriffe nichts anfangen kann: am Ende gibt es ein umfassendes Glossar mit ausführlichen Erläuterungen.
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