Krimiland Polen

von Agnieszka Hofmann

Polnische Krimis. Pah. Zigarettenschmuggel, Autoschieberbanden, Zwangsprostitution. Mal ganz ehrlich, wie soll da ein interessanter Krimi entstehen? Die Verlage überschütten den Markt mit guten Krimis aus Schweden, England, den USA – alles Länder, die weitaus längere Tradition in puncto Kriminalliteratur haben, als das unscheinbare und eher unbekannte Nachbarland hinter der östlichen Grenze. Zugegeben, neben klassischen Krimiländern können diejenigen, die mehr Exotik suchen, mörderische Spuren in Laos oder Israel verfolgen, gar keine Frage. Da ist Polen schon wieder nicht exotisch genug. Oder doch? …

Der Blick in die polnischen Buchhandlungen bestätigt, dass der andauernde Krimiboom der letzten Jahre auch bei den Polen angekommen ist. Mankell, Nesbø, Läckberg, Camilleri, Deaver, Slaugther, McDermid – alle da, alle bekannt und beliebt. Aber hat denn die schreibende Zunft ihre heimische kriminalistische Goldader noch nicht entdeckt? Trauen sich polnische Autoren nicht, in die Fußstapfen der großen Vorbilder aus Skandinavien und dem angelsächsischen Raum zu treten? Oder sind die Leser dort gar nicht an »made in Poland«-Krimis interessiert? Oh doch, das sind sie. Und es gibt weitaus mehr auf der literarischen Krimiszene zu entdecken, als man vermuten könnte. Wetten, dass deutsche Leser bereits in den Genuss von spannenden, oft provokanten und unkonventionellen, aber durchaus lesenswerten Romanen kommen konnten?  

Marek Krajewski zum Beispiel, den Guru der Krimischreibenden in Polen, der vor ungefähr zehn Jahren die Figur des saufenden und hurenden Kommissars Eberhard Mock geschaffen und damit einen regelrechten Tsunami von ähnlichen Retro-Krimis ausgelöst hat, wird bereits von einem oder anderen Leser in Deutschland gekannt. Die mittlerweile sechsbändige brillante Serie mit Schauplatz Breslau, die mit dem Roman Tod in Breslau (btb, München 2002) begann, zeichnet sich nicht nur durch knifflige Kriminalfälle und düstere Atmosphäre aus, sondern begeistert auch durch einen perfekt recherchierten und authentischen Lokalkolorit. Der wortgewandte Altphilologe Krajewski, der detaillierte topographische und historische Kenntnisse des Vorkriegs-Breslaus besitzt, fesselt mit dem Plot, verzaubert mit wahren Details und zeichnet Charaktere, die man nicht so schnell vergisst. Der kontroverse »Jagdhund«-Kommissar Mock hat in den drei neuesten, in Deutschland noch nicht erschienenen Romanen, seinen Platz mit dem nicht weniger zwiespältigen Protagonisten Edward Popielski, Polizeikommissar aus Lwów (Lemberg, damals noch polnisch) getauscht.

Doch Marek Krajewski beschränkt sich nicht nur auf historische Themen. 2008 begann er ein neues literarisches Projekt zusammen mit Mariusz Czubaj, einem Kulturanthropologen und ebenfalls Krimiautor, dessen Roman 21:37 seit Kurzem in deutscher Übersetzung zu haben ist. Zusammen schrieben sie zwei Kriminalromane (Allee der Selbstmörder und Friedhofsrosen), die im gegenwärtigen Danzig spielen (der erste Band wird demnächst im Prospero-Verlag erscheinen). Czubaj, der in der Figur des Profilers Rudolf Heinz erneut einen eigenwilligen, fehlerbehafteten Außenseiter geschaffen hat, versteht es hervorragend, die Essenz der polnischen Eigenarten hervorzuheben, und er tut es auf sehr subtile Art, mit einer Prise Ironie und schwarzem Humor. Es lohnt, sich den Namen zu merken, denn nach 21:37 sollen weitere Krimis mit Rudolf Heinz folgen.

Diejenigen, die lieber gegenwärtige Settings und urbane Kulissen in der Kriminalliteratur suchen, sollten unbedingt nach zwei weiteren Namen Ausschau halten: Zygmunt Miłoszewski (Die Verstrickung 2010 bei dtv erschienen) und Tomasz Konatkowski (So sollt ihr sterben, 2008 und Wolfsinsel, 2010, beide bei List erschienen). Hier haben wir es mit Mordintrigen zu tun, die im städtischen Milieu fest verankert und eher globaler Natur sind: auf diese Art und Weise könnten auch die Schweden, Engländer oder Deutschen morden. Es sind wieder die Feinheiten, die von der besonderen Qualität dieser Bücher zeugen – eine etwas andere Art Humor, politische Anspielungen, das leicht Fremdartige, Exotische, das so in deutschen Szenarien nicht zu finden ist. Zygmunt Miłoszewski, der in den letzten Jahren zum wahren Shooting Star der polnischen Krimiszene katapultiert wurde, hat die besondere Gabe, in bissigen, pointierten Dialogen sozialkritische Inhalte durchzuschmuggeln. Sein Roman Die Verstrickung mit dem Staatsanwalt Szacki ist der erste Teil einer Krimi-Trilogie und wurde letztes Jahr verfilmt. Die 2011 erschienene Fortsetzung Ein Körnchen Wahrheit, die sich mit der schwierigen Juden-Thematik auseinandersetzt, wurde zum Bestseller. Ein dritter Teil wird erwartet.

Es gibt aber auch starke Frauenstimmen. Izabela Szolc zum Beispiel, die schonungslose Beobachterin des polnischen Alltags, hat zwei hervorragende Romane mit der Kommissarin Anna Hwierut geschrieben (Ein stiller Mörder und So dunkel die Nacht, erschienen bei Prospero). Sie sind zwar keine leichte Kost, belohnen dafür den Leser mit einer präzisen, nordisch knappen Erzählweise und einer geballten Ladung unterdrückter Emotionen. Hier ist kein Wort zu viel. In beinahe jeder nebenbei gesagten Phrase verbirgt sich viel Bitterkeit, Enttäuschung, Sehnsucht nach Besserem. Um so erstaunlicher ist die Kraft, mit der die alleinerziehende Ermittlerin und Mutter eines pubertierenden Sohnes sich jeden Tag dieser hässlichen und hoffnungslosen Realität stellt.

Wem das zu ernst ist, der wird bei einer anderen Krimi-Lady fündig: Joanna Chmielewska. Ihre Romane haben in Polen und Russland längst einen Kult-Status errungen. Wer die Russinnen Donzova und Polyakova mag (die übrigens als Nachahmerinnen von Chmielewska gelten), wer bei den Stephanie-Plum-Romanen von Evanovich laut lacht, wer den Kluftinger witzig findet, der wird sich auch bei Chmielewska prächtig amüsieren. In ihren Frauenkrimis steht nicht die komplizierte Intrige im Vordergrund, sondern der originelle Plot, slapstickartiger Situationswitz, sympathische Charaktere und viel Humor. Ihre leichten, heiteren Werke sind in Deutschland weitgehend unbekannt, lediglich zwei der Chmielewska-Romane wurden bisher veröffentlicht: Mordstimmung (2005) und Mord ist Trumpf (2008), beide bei Blanvalet erschienen.

Auch wenn es in Polen an lesenswerten Titeln nicht fehlt und einige Autoren sich durchaus mit den größten Namen der kriminalistischen Weltliteratur messen können, sickern nach Deutschland nur wenige Romane durch. Das sollte sich schleunigst ändern, denn der schrifstellerische Reichtum des mit Klischees beladenen Landes bietet weitaus mehr. Wie funktioniert das aber in die andere Richtung? Haben deutsche Krimiautoren die gleiche bahnbrechende Exportkraft wie VW und Mercedes? Jein.

Polnische Verlage versuchen unermüdlich, den Krimiliebhabern deutsche Morde und Ermittler schmackhaft zu machen, mit unterschiedlichem Erfolg. Einige Namen sind bereits zum Synonym guter Unterhaltungsliteratur geworden, andere kämpfen noch gegen Vorurteile (deutsche Krimis gelten als phantasielos und langweilig). Von einem richtigen Erfolg kann Charlotte Link sprechen, was jedoch nicht verwunderlich ist, denn kaum jemand in Polen vermutet, dass sich hinter ihren von britischem Touch gezeichneten Romanen eine Deutsche verbirgt. Die Polen haben die halsbrecherischen Plots und rasante Spannung von Sebastian Fitzek schätzen- und liebengelernt, ebenso Nele Neuhaus und ihren Bestseller Schneewittchen muss sterben. Krimis von Jan Seghers, Jan Costin Wagner und Heinrich Steinfest gelten als gute Kost für Kenner, erreichen aber kein Massenpublikum, und viele andere (Inge Löhnig, Friedrich Ani, Bernhard Jaumann) beißen sich erst mühsam durch. Man wird das Gefühl nicht los, dass Leser auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze immer noch von viel Unwissenheit, Misstrauen und Vorurteilen beherrscht werden, dass die beiden Völker trotz der geographischen Nähe nach wie vor von einer gähnenden Kluft getrennt werden und nur wenige Brücken existieren, die einen freien Austausch von Gedanken, Literatur und Kunst möglich machen. Um so erfreulicher die Tatsache, dass es trotzdem ein paar Brückenbauer gibt, die keine Mühe und Energie scheuen, Stein auf Stein zu setzen, um diese Kluft zu überwinden.

Agnieszka Hofmann im September 2013

Agnieszka Hofmann, geb. 1970, studierte Angewandte Linguistik an der Universität Warschau und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Übersetzerin (hat u. a. Romane von Volker Klüpfel und Michael Kobr, Inge Löhnig, Cornelia Funke und Kerstin Gier ins Polnische übertragen), lebt seit fast siebzehn Jahren in Deutschland. Sie publiziert bei Krimiportal Zbrodnia w Bibliotece [Mord in der Bibliothek] und schreibt einen literarischen Krimi-Blog krimifantamania.blogspot.com.

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