Wer anders liebt von Karin Fossum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Den som elsker noe annet, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Piper.
Folge 8 der Konrad-Sejer-Serie.

  • Oslo: Cappelen, 2007 unter dem Titel Den som elsker noe annet. 256 Seiten.
  • München: Piper, 2008. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 978-3-492-04807-1. 256 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2009. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 978-3-492-25415-1. 248 Seiten.

'Wer anders liebt' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ruhe hatten sie sich von diesem Waldspaziergang erhofft, ein wenig Ablenkung. In ihrer Ehe lief es nicht so gut in letzter Zeit. Und nun diese grausame Entdeckung: Blutüberströmt liegt ein Junge vor ihnen auf dem Weg, tot. Aber für Kommissar Sejer und Assistent Skarre gibt es wenige Spuren: Das Ehepaar Reinhardt will den Täter sogar gesehen haben, er habe Ähnlichkeit mit Hans Christian Andersen, dem großen Dichter. Dann verschwindet ein zweites Kind, Edvin, und die Angst vor einem Serientäter zwingt Sejer zu einer raschen Lösung – doch Edvin bleibt spurlos verschwunden, und den einzigen Verdächtigen muss Sejer wieder laufen lassen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Unheilvolle Facetten der Liebe« 82°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Sexueller Missbrauch an Kindern wird nicht nur in den Medien immer häufiger diskutiert, auch der Kriminalroman behandelt diese schwierige Tabuthema. Die norwegische Autorin Karin Fossum gilt als eine Meisterin der psychologischen Spannung. Die Menschen stehen bei ihr im Vordergrund und nicht so sehr das Verbrechen.
Gilt das auch für ihr neuestes Werk Wer anders liebt mit einem pädophilen Mörder?

Nach diesem Spaziergang ist nichts mehr wie vorher

Der Wochenendausflug in den Linde-Wald ist für das Ehepaar Ris zum vertrauten Ritual geworden. Am Sonntag den 4. September findet Reinhardt Ris die Leiche des 8-jährigen Jonas August Løwe. Kurz zuvor war dem Paar auf dem Waldweg ein verstört wirkender gehbehinderter Mann aufgefallen. Reinhardt fotografierte die Leiche und setzt nun alles daran, den vermeintlichen Kindermörder zu überführen. Wann schlägt der Täter das nächste Mal zu?

Der Gerichtsmediziner stellt fest, das Jonas August Løwe missbraucht wurde und durch Ersticken zu Tode kam. Abgesehen von den Zeugenaussagen des Ehepaars Ris, haben Kommissar Sejer und sein Assistent Skarre keine Anhaltspunkte, an denen ihre Ermittlung anknüpfen kann.

Während Sejer sich darauf konzentriert, die Nachbarn der Løwes und Jonas Klassenkameraden zu befragen und die Fakten zu analysieren, versucht Skarre das Phänomen Pädophilie mit wissenschaftlicher Akribie zu ergründen.

»Wie entwickelt man eine solche Veranlagung?« fragte Skarre. »Ich begreife das nicht, das ist doch unnatürlich. Kinder senden keine solchen Signale aus.«
»Das werden wir heraus finden.« sagte Sejer »Und vielleicht müssen wir uns von allerlei Vorurteilen befreien.«

Die schlimmsten Befürchtungen der Anwohner aus Huseby und der Polizei werden schließlich Wirklichkeit, am 10. September verschwindet der 10-jährige Edwin Åsalid.

Jede Sichtweise taucht den Fall in ein anders Licht

Die Suche nach dem Täter ist nicht das, was den Krimi spannend macht, denn der Leser weiß von Anfang an, wer Jonas August Løwe auf dem Gewissen hat. Die Autorin wechselt immer wieder die Erzählperpektive und reflektiert das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.  Der Schwerpunkt der Ermittlungsarbeit der Kommissare Sejer und Skarre sind die Gespräche mit der Mutter des Opfers und den Bewohnern des Ortes. Untereinander tauschen sie in kontroversen Diskussionen Gedanken und Recherchen zum Thema Pädophilie aus.

Von einer ganz anderen Seite betrachtet das Ehepaar Reinhardt und Kristine Ris den Tod des kleinen Jungen, den sie im Wald gefunden haben. Reinhardts Voyeurismus und der Geltungsdrang, mit dem er sich immer wieder in den Fall einmischt, ekelt seine Ehefrau Kristine an. Sie versucht, den grausamen Fund zu verdrängen und betrauert ihre eigene Kinderlosigkeit. Schließlich präsentiert Karin Fossum auch die Sichtweise des Täters, seine Angst vor der Entdeckung, sowie Gefühle und Gedanken zur Tat.

Der Leser ist zwischen tiefer Betroffenheit und einer distanzierten Betrachtung hin und her gerissen. Neben der Abscheu vor Sexualverbrechen an Kindern, erweckt Wer anders liebt den Wunsch, diese fatale Art zu lieben ein wenig besser zu verstehen.

Was neben dem Verbrechen geschieht

Es geht in Karin Fossums Roman nicht nur um Pädophilie, sondern um verschiedenste Arten fehlgeleiteter Zuneigung. Edwins Mutter lässt aus Liebe zu, dass sich ihr Sohn zu Tode isst.  Der Tod des kleinen Jonas zeigt auch, was die Konfrontation mit einer so extremen Situation in Menschen frei setzten kann. In Huseby gilt fast jeder, der auch nur ein wenig auffällt, als potentieller Täter. Diese aus Vorurteilen genährten Verdächtigungen beeinflussen auch den Leser.
Und das ist es, was diesen Kriminalroman von Karin Fossum so speziell und so spannend macht.

Die Autorin präsentiert nicht nur Charakterstudien von Menschen, die »anders lieben«, oder mit Sexualverbrechen an Kindern konfrontiert werden, sie spielt auch mit den Wertempfindungen des Lesers. Viele Persönlichkeiten und Handlungen offenbaren positive und dunkle Seiten. Wer schuldig ist und wer nicht, kann nicht immer klar festgelegt werden. Karin Fossum schreibt in klarer, präziser und ausdrucksstarker Sprache. Jedes Wort passt und prägt die subtile Atmosphäre des Romans.

»Gibt es irgendetwas, das diesen Fall von anderen Fällen unterscheidet?«
Aber da erhob sich Sejer, um zu zeigen, dass die Konferenz beendet war.
»Solche Fälle sind immer einzigartig« sagte er »Und es gab nur einen Jonas August«.

Wer anders liebt ist ein tiefgründiger Lesegenuss, der Liebhabern des anspruchsvollen Krimis empfohlen werden kann. Karin Fossum bietet in diesem Roman nicht unbedingt den atemberaubenden Thrill, sorgt aber dennoch für Unterhaltung auf höchstem Niveau und nachhaltige Ergriffenheit.

Eva Bergschneider, Mai 2008

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Lukas Kriechbaum zu »Karin Fossum: Wer anders liebt« 03.03.2009
Blutüberströmt liegt ein Junge vor ihnen auf dem Weg, tot
eigentlich ist er erstickt

tolles Buch
tolle Autorin
ich habe das Buch regelrecht verschlungen trotzdem finde ich es übertrieben es als das beste Buch zu bezeichnen, ich habe alle Bücher von Karin Fossum gelesen und finde zum Beispiel WER HAT ANGST VORM BÖSEM WOLF besser
Daniel Lienhard zu »Karin Fossum: Wer anders liebt« 11.04.2008
Karin Fossum ist - mit Henning Mankell und z.T. Hakan Nesser - meine Lieblings- Autorin. "Wer anders liebt" ist ein sehr gutes Buch, es aber als das beste zu bezeichnen, finde ich etwas gar übertrieben. Ich meine, dass die meisten ihrer Bücher sogar noch besser geschrieben sind.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mase zu »Karin Fossum: Wer anders liebt« 31.03.2008
Da die „Couch“ noch keine Rezi geschrieben hat und der Klappentext eigentlich überhaupt nichts aussagt, sollten diejenigen, die völlig unbedarft dieses Buch lesen wollen vielleicht meine Meinung nicht weiterlesen. Verraten tue ich aber nichts.

Fossum greift bei diesem Buch ein brisantes Thema auf und versucht die Pädophilie von einer anderen Seite aus aufzuzeigen. Nämlich, dass diese Personen nicht pauschal als Perverse abzustempeln sind, sondern als erstes als Menschen, denen unter Umständen geholfen werden kann, bevor etwas passiert.
Auch das Ermittlerduo geht kontrovers mit dem Thema um. Sejer, der jegliches Mitleid mit den Tätern von vorne rein ablehnt und sein Kollege Skarre, der die fehlgeleiteten Menschen verstehen möchte.

Auch aussergewöhlich ist, dass ein Handlungsstrang die Gefühle der Zeugen beschreibt. Hingerissen zwischen Sensationsgier, Selbstdarstellung und Scham, zeigt uns die Autorin auf, wie sich Menschen in Extremsituationen verändern.

Bei diesem Buch gerät der Plot ins Hintertreffen und Fossum beschreibt die Polizeiarbeit lediglich in Nebensätzen. „Wer anders liebt“ besteht hauptsächlich aus Dialogen und es wird wieder sehr deutlich wie sehr die Autorin uns Menschen kennt.

Ich finde es auch hier wieder aussergewöhnlich, wie es Frau Fossum schafft, mich fertig zu machen, ohne die Tat ausführlich zu beschreiben und die Grausamkeiten eigentlich nur anreisst und meine Phantasie spielen lässt.

Man muss den Stil von Fossum schon mögen, um an diesem Buch gefallen zu finden. Mir hat es sehr gut gefallen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Steffen Hess zu »Karin Fossum: Wer anders liebt« 20.03.2008
Ein wirklich sehr spannendes und aufregendes Buch! Ich kann es nur JEDEM weiter empfehlen!Ich lese es schon zum 3 mal und immer wieder gefällt es mir so! Man ist richtig süchtig während dem Lesen und will am liebsten nicht mehr aufhören! Also -nicht übertrieben- das beste Buch das ich je gelesen habe!
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