Die Anatomie des Teufels von Jordi Llobregat

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel El secreto de Vesalio, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Barcelona, 1870 - 1889.

  • Barcelona: Destino, 2015 unter dem Titel El secreto de Vesalio. 540 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2017. Übersetzt von Stefanie Karg. ISBN: 978-3-7645-0611-7. 603 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2018. Übersetzt von Stefanie Karg. 608 Seiten.

'Die Anatomie des Teufels' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

In Barcelona geht 1888 ein Serienmörder um. der seine Opfer rätselhaft verstümmelt. Die Polizei ist nicht nur unfähig, sondern auch korrupt, weshalb sich ein junger Gelehrter, ein abgebrühter Journalist und ein Medizinstudent zusammentun, um den Täter zu stellen, der jedoch gut in Barcelonas Oberschicht vernetzt ist ... – Aus bewährten Versatzstücken stellt Autor Llobregat geschickt einen Thriller zusammen, der Historie, Krimi und Horror effektvoll und spannend mischt: gutes Lesefutter, das selten überrascht, aber durchgängig unterhält.

Das meint Krimi-Couch.de: Der Name der (Steck-) Dose 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Jahr 1888 rüstet sich Spaniens zweitgrößte Stadt Barcelona für die Weltausstellung. Sämtliche Länder dieser Erde, die sich für wichtig halten, werden präsentieren, was die heimische Wissenschaft und Technik leisten kann, Besucher in Millionenzahl die Ausstellung besuchen. Zwischenfälle, die dieses lukrative Projekt beeinträchtigen könnten, werden so lange unter den Tisch gekehrt.

Das betrifft vor allem eine Serie seltsamer, weil brutaler und bizarrer Verbrechen, denen in erster Linie junge Frauen zum Opfer fallen. Sie werden entführt und umgebracht; die Leichen sind ausgeblutet und weisen Wunden auf, die wie von einem gigantischen Gebiss verursacht wirken, weshalb im primär betroffenen Stadtteil »La Berceloneta« – einem Arbeiter- und Armenviertel – die Angst vor »Gos Negre«, dem sagenhaften »Schwarzen Hund«, umgeht.

Aus dem fernen England reist der Gelehrte Daniel Amat in seine Heimatstadt, die er nach einem tragischen Brand, dem sein Bruder zum Opfer fiel, fluchtartig verlassen hatte. Sein Vater, der berühmte Arzt Alfred Amat, der in Barcelona geblieben war, wurde tot aufgefunden. Was die Polizei als Selbstmord »erklärt«, ist tatsächlich ein Mord: Dr. Amat hatte herausgefunden, wer in Barcelonas Unterwelt für Tod und Schrecken sorgt.

Auch Journalist Bernat Fleixa vermutet üble Machenschaften hinter offiziellen Kulissen. Er tut sich mit Daniel Amat zusammen. Zu ihnen gesellt sich der Medizinstudent Pau Gilbert. Gemeinsam ermittelt kommt man auf die Spur des verrückten Mediziners und Chemikers Frederic Homs, der offenbar versucht, seine längst verstorbene Gattin ins Leben zurückzurufen. Tatsächlich hat das Trio einen sehr viel mächtigeren Gegner, der sich energisch – und mörderisch – gegen Nachforschungen wehrt …

Nichts grundsätzlich Neues

Die Vergangenheit ist ein großartiger Spielplatz. Zwar stehen Ereignisse und Daten fest, doch je weiter man zurückgreift, desto größer werden jene Lücken, für die eindeutige Informationen fehlen, sodass spannende Fiktionen eingebettet werden oder die Fakten manipuliert werden können: Nur der wirklich unbedarfte Leser verlangt historische Präzision ausgerechnet von einem Historienroman, der primär der Unterhaltung dient.

Die Großstädte dieser Welt sind in ihrer Gegenwart beliebte Schauplätze für abenteuerliches Geschehen. Der Blick in die Vergangenheit fügt dem zusätzliche = überraschende, erschreckende, sprich: unterhaltsame Facetten hinzu. In Europa wurde praktisch jede größere Stadt bereits von Schriftstellern entsprechend abgeklopft. London, Paris, Rom oder Wien: Diese Metropolen sind uralt, ihre ober- und vor allem unterirdische Topografie und Architektur chaotisch und ungesichert, weshalb sich hier kriminelle und unheimliche Aktivitäten ansiedeln lassen.

Barcelona reiht sich nahtlos ein. Hierzulande dürfte das Wissen um die Geschichte dieser Stadt recht wenigen Lesern präsent sein. Das sollte niemand abschrecken, denn Autor Jorgi Llobregat berücksichtigt konsequent eine Regel, gegen die viel zu viele seiner schreibenden Kollegen verstoßen: Im Vordergrund steht die Story! Auch ein Historien-Krimi darf nie ein Geschichtsbuch sein, die Vergangenheit sollte nur dort Berücksichtigung finden, wo sie für das Geschehen relevant ist. Llobregat wahrt das labile Gleichgewicht und langweilt nicht mit Fakten, wo sie überflüssig sind. Das versöhnt mit der Erkenntnis, dass er ein Garn spinnt, das kaum Überraschungen bieten kann.

Gutmenschen gegen Munkelmänner

Das liegt auch daran, dass in den letzten Jahren zu viele Autoren Verbrechen von Gestern mit mysteriösen Einsprengseln versehen und erzählt haben. Zur Exotik der Vergangenheit kommt der Aspekt des Übernatürlichen. Llobregat gehört zu denen, die diesen Aspekt eher andeuten als ausspielen; er zielt auf eine möglichst zahlenstarke Leserschaft, die in ihrer Mehrheit den Auftritt von Monstern und Geistern nicht schätzt, aber Mysterien mögen, während der Krimi in Kombination mit der Historie quasi ein Selbstläufer ist.

Das Genre hat eigene Regeln entwickelt, die vor allem die Figurenzeichnung prägen. So steht in der Regel ein naiver, vom Alltagsleben gebeutelter, aber nicht gebrochener Mann im Mittelpunkt; diese Rolle kann auch eine Frau übernehmen. Ist das nicht der Fall, muss trotzdem eine Frau aktiv mitspielen, die nicht nur gegen die jeweiligen Unholde antritt, sondern auch zeitgenössischen Vorurteilen Paroli bietet. Dass Frauen in der Vergangenheit dazu verurteilt waren, die zweite Geige zu spielen, ist für Schriftsteller einerseits eine Klippe, aber andererseits eine Möglichkeit, weil sich viele Seiten mit entsprechenden Ungerechtigkeiten füllen lassen, die das weibliche Publikum zum Mitfiebern bringen. Auch Llobregat spielt diese Karte aus.

Selbstverständlich gesellt sich ein unkonventioneller Sidekick zum handelnden Team. Hier ist es der lebenslustige Journalist Fleixa, der ebenso aufdringlich wie tüchtig jene Fragen stellt, die Daniel Amat, den tragischen Helden, überfordern oder in ein schlechtes Licht setzen würden. Fleixa kennt die Schattenseiten seiner Heimatstadt, weshalb der Autor ihn einsetzt, wenn es darum geht, in die lokalen politische Ränke und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten einzutauchen.

Alter Wahn am Morgen einer neuen Ära

Llobregat findet einen idealen Anker für sein Garn: 1888 fand die Weltausstellung, eine Leistungsschau zeitgenössischer Technik und Industrie, in Barcelona statt. Seit London 1851 Standort eine erste Weltausstellung gewesen war, hatte sich diese Veranstaltung zu einem Schaufenster für jene Länder entwickelt, die nicht nur neue Erfindungen vorstellen, sondern sich auch im Licht des Fortschritts sonnen wollten, was in einer nationalistisch geprägten Ära von großer Wichtigkeit war: So kam beispielsweise Paris 1889 zum Eiffelturm.

Zwischenfälle waren in diesem Umfeld ungern gesehen. Sie fielen vor allem auf den Gastgeber zurück, was niemand riskieren wollte, weshalb Vertuschung auf der Liste entsprechender »Gebote« ganz oben stand. Die daraus entstehende Grauzone bietet Llobregat eine ideale Vorlage für Konflikte, die Amat und seinen Gefährten durch eine Polizei entstehen, die nicht für Ordnung, sondern für Totenstille unter sämtlichen Kritikern und Störenfrieden sorgen soll, wobei »oben« niemand wissen will, mit welchen Methoden dies erreicht wird. Ausgerechnet die Kriminalistik tritt auf der Stelle; Geständnisse werden weiterhin mit Fäusten und Knüppeln aus denen herausgeprügelt, die man in der Rolle des Täters sehen möchte.

Die Weltausstellung wird für Llobregat zur Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. 1888 ist Barcelona eine Stadt, in der es sich vortrefflich leben lässt, wenn man der Oberschicht angehört. Ansonsten ist das Leben hart und kurz. Die Segnungen der Moderne kamen wie üblich den Reichen und Mächtigen zugute. Llobregat pickt sich die Elektrizität heraus, die nicht nur gewaltige Motoren zum Laufen brachte, sondern vor allem der seit Urzeiten ungebändigten Dunkelheit ein Ende bereitete. Sogar der Kontakt mit dem Jenseits schien möglich zu sein – ein Wunschglaube, der mit dem Aufschwung des Spiritismus» korrespondierte, den der Autor ebenfalls ins Geschehen integriert: Der moderne Menschen wollte mit den Seelen verstorbener Mitmenschen Kontakt aufnehmen. Manche «Séance» fand in der Tat in Theatern statt, denn die Geister-Gläubigen kamen in Scharen.

Auf Nummer Sicher gegangen

Auch in der Medizin schien ein Durchbruch dem nächsten zu folgen. Neue Medikamente dämmten Seuchen ein, die früher Opfer in sechs- oder gar siebenstelliger Zahl gefordert hatten. Operationen fanden nicht mehr ohne Betäubung statt. Die Sterblichkeit durch Krankheiten nahm ab – allerdings primär und lange nur dort, wo Geld mit der Heilung zu verdienen war. Die Vergangenheit blieb präsent. Llobregat führt seine Protagonisten durch verrottete Hafen- und vergessene Armenviertel, die Kanalisation unter Barcelona – ein Mikrokosmos, bevölkert von mutantenähnlich degenerierten Gruselgestalten – und andere Schreckensorte, die gänzlich im Schatten der Weltausstellung bleiben.

Stattdessen wird die Unterschicht zum Jagdrevier eines «mad scientist», dessen Identität der Autor so spät wie möglich enthüllt. Ihm gelingt damit keine dramaturgische Glanzleistung, er übertreibt es mit einem final aus dem Hut gezauberten Haupt-Bösewicht, der den bisher favorisierten Unhold schnöde aus dem Geschehen wirft.

Immerhin erspart uns der Verfasser ein Ende, das vor allem einer Fortsetzung als Vorbereitung dient. Das mag er sich noch anders überlegen, denn «Die Anatomie des Teufels» ist ein erfolgreiches, gut verkauftes Buch. Dabei werden die deutschen Leser durch den reißerischen Titel auf eine falsche Fährte geführt. Der Teufel glänzt durch Abwesenheit, der einzige Anatom, der in der Handlung auftaucht, ist schon seit Jahrhunderten tot. «Das Geheimnis des Vesalius"" lautet der Originaltitel, aber hierzulande ist der Verlag, dem wir das Erscheinen der Übersetzung verdanken, offensichtlich der Ansicht, dass die Mehrheit der potenziellen Leserschar mit dem Namen Andreas Vesalius (1514-1564) nichts anfangen kann. Ungeachtet des Titels und des ausgefahrenen Handlungsgleises bietet dieser Roman kurzweiliges Lesefutter.

Michael Drewniok, August 2018

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