Speicher 13 von Jon McGregor

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Reservoir 13, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Liebeskind.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • London: Fourth Estate, 2017 unter dem Titel Reservoir 13. 336 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2018. Übersetzt von Anke Caroline Burger. ISBN: 978-3954380848. 352 Seiten.

'Speicher 13' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Ein kleines Dorf in Mittelengland. Die dreizehnjährige Rebecca Shaw, die hier mit ihren Eltern die Weihnachtsferien verbringt, kehrt von einer Moorwanderung nicht zurück. Die Polizei leitet umgehend eine großangelegte Suchaktion ein. Ein Hubschrauber wird eingesetzt, Beamte durchkämmen die Gegend, Taucher kontrollieren die umliegenden Speicherseen. Auch die Dorfbewohner beteiligen sich an der Suche. Die Presse erfährt vom Verschwinden des Mädchens und schickt Reporter vor Ort. Bald schon fürchten alle Beteiligten das Schlimmste, und die Leute im Dorf müssen einen Weg finden, im Schatten der Ereignisse ihren Alltag zu bewältigen.

Das meint Krimi-Couch.de:You’re Lost Little Girl* – ein ganz besonderer Roman 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

13 Kapitel, 13 Jahre, 13 (Wasser)speicher. Ein Dorf im Peak District in Derbyshire, Mittelengland, irgendwo zwischen Manchester und Sheffield. Umgeben von Seen und Wäldern, mit einer Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt – und doch nicht. Es könnte eine Idylle sein. Doch die sind, wie wir alle wissen, trügerisch. Immer.

Die Geschichte eines Verlusts

»Speicher 13« beginnt mit einem verschwundenen Mädchen.

»Das Mädchen hieß Rebecca Shaw. Als sie das letzte Mal gesehen wurde, trug sie einen weißen Kapuzenpullover. Der Nebel hing tief über dem Moor, und der Boden war gefroren. [...] Das vermisste Mädchen hieß Rebecca Shaw. Sie war dreizehn Jahre alt. Als sie zum letzten Mal gesehen wurde, trug sie einen weißen Kapuzenpullover mit einer marineblauen Daunenweste darüber, schwarze Jeans und Stoffschuhe. [...] Das vermisste Mädchen hieß Rebecca, oder Becky, oder Bex.«

Mit dieser Art der Wiederholung arbeitet Jon McGregor häufig. Mantraartige Beschwörungen, die bekräftigen möchten, dass es so etwas wie Gewissheit oder Sicherheit gibt. Doch die existiert nicht. Becky Shaw geht im ersten Kapitel, im ersten Jahr des Romans verloren, eine großangelegte Suche, inklusive Nachstellung des Szenarios, wird veranstaltet, doch das Mädchen wird nicht gefunden. Kein Entführungsthriller entwickelt sich daraus, kein Fall einer besessenen Ermittlung.

Ein Jahr In einer kleinen Stadt – viele Jahre

Nach 40 Seiten endet das Jahr mit der erfolglosen Suche, und das neue wird mit einem Feuerwerk eingeleitet. So wie es in den nächsten zwölf Kapiteln ebenfalls geschehen wird. Beckys Eltern bleiben zunächst vor Ort, suchen weiter, später werden sie unter Verdacht geraten, der sich nicht bestätigt. Sie trennen sich, finden (vielleicht) andere Partner.

Der Vater versucht sich an öffentlichkeitswirksamen Aktionen, die versanden. Er wird wegen möglicher Brandstiftungen verhört, später verhaftet. Doch die Shaws stehen nicht im Mittelpunkt der Erzählung, sie sind nur ein kleiner Partikel in einem breit angelegten Kaleidoskop.

Das vom Leben im Dorf erzählt, auf das Beckys Verschwinden einen Einfluss hat. Wie vieles andere auch. Jahreswechsel, strukturelle Veränderungen, Umzüge, Geburten, Liebeshändel, kleine und große Fluchten, Tod. Verdächtige finden sich unter den Bewohnern, wie Irenes behinderter Sohn Andrew, der zu Gewaltausbrüchen neigt, Jones der Hausmeister, der bei seiner Schwester wohnt, und mit Vehemenz verhindern will, dass das marode Kesselhaus der Schule inspiziert wird.

Ebenso suspekt sind die Jugend-Clique um Lynsey Smith und James Broad oder die Kleinkriminellen und Wilderer Ray und Flint. Doch selbst als Jones wegen des Besitzes von Kinder-Pornographie ins Gefängnis wandert, verdichten sich Verdachtsmomente nicht bis zum bewiesenen Tatbestand. Er wird zurückkehren ins Dorf und sein Leben weiterführen, mehr als ambivalente Gefühle weckt das nicht bei seinen Mitbürgern.

Vom Suchen, Finden und Verlieren

Ein Kleidungsstück wird gefunden, das Becky Shaw gehört haben könnte, immer wieder werden Gerüchte verbreitet, jemand hätte Rebecca gesehen. An unterschiedlichen Orten, in Alltagssituationen oder bei absurden Aktionen. Flüchtige Blicke, vorbeihuschende Eventualitäten, nie verifiziert.

Gelegentlich werden die Speicher durchsucht. Doch nicht Speicher 13. Von dem Mädchen fehlt jede Spur. Jahre später wird James Broad erzählen, dass er mit Becky verabredet war. Doch sie sei nicht am vereinbarten Treffpunkt aufgetaucht. Die Spur wird nicht weiterverfolgt.

Die Jugendlichen werden erwachsen, verlassen den Ort um anderswo eine Ausbildung zu beginnen. Gemeinsame Treffen werden seltener, selbst als ein Teil der ehemaligen Clique zurück ins Dorf kehrt. Ein Geständnis wird es nicht geben. Was den Mord betrifft. Eigenes Versagen beziehungsweise die Angst davor steht bei zahlreichen Einwohnern auf dem Prüfstand.

Ein feines Gespinst

Jon McGregor webt eine Vielzahl von kleinen und größeren Begebenheiten, von Aufregungen und Alltäglichem, Naturbeobachtungen und Miniaturen aus dem Dorfleben zu einer kunstvollen Erzählung. Oder eher Dutzenden. Ein Reigen, der mal zart, selten rustikal getanzt wird.

Geschmeidig wechselt der Autor Perspektiven und Aufenthaltsorte. Wobei die geographische Ausbreitung begrenzt wird durch die 13 Speicher. Die Außenwelt, wie der Nachbarort Cardwell, gegen den man beim alljährlichen Cricket-Turnier kontinuierlich verliert (wenn es nicht wegen schlechter Witterung ausfällt) oder Manchester, als wenig hofierte Pforte zur Welt, finden zwar Erwähnung und letzteres (vorübergehende) Bewohner, doch wird nur aus dem Dorfinneren darüber berichtet.

Es gibt Zuzüge wie jener der zweifachen Mutter Susanna Wright, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Der ihr aber, dank der Facebook-Aktivitäten der gemeinsamen Tochter, auf der Spur ist. Neu ist auch »Der Witwer«, der dieses Etikett behalten wird, selbst als seine geschiedene Frau ihn mitsamt Nachwuchs besucht. »Speicher 13« zeigt eine Welt, die geprägt ist von der Sehnsucht nach Bestand, die aber permanent mit Veränderungen konfrontiert wird. Dafür benötigt McGregor keine überzogene Dramatisierung: Grauen, Freude, Lust, Alltag, Glaube, Liebe, Hoffnung erzeugen Ausschläge, die kaum ein globaler Seismograph anzeigen würde. Außer er gehört einem Beteiligten.

Hingehaucht in klaren Lüften*2

In seinem Wust an Menschen und Geschichten verliert der Autor nie den Überblick, die jeweiligen Episoden verbinden sich ansatzlos zu einer imaginierten Welt, die offen bleibt. Sorgsam lesen ist Pflicht, denn in jedem beiläufigen Satz könnte ein Hinweis versteckt sein. Nicht nur auf Becky Shaws Geschichte.

»Speicher 13« nimmt seine Leser ernst, überlässt den Menschen vorm Buch Schlussfolgerungen und ergänzende Spekulationen. Ermittler sind abwesend, einzelne Hauptcharaktere ebenfalls. Alles ist wichtig. Die unscheinbare Blume am Wegesrand, die jedes Jahr aufs Neue blüht, der Bussard, der ein Kaninchen reißt, dass Liam nicht mehr grüßt, James Broads feindseliger Blick in einem Moment des Kontrollverlusts und noch so viel mehr. Jon McGregor gelingt es, das Ganze nicht wie eine Ansammlung von Skizzen wirken zu lassen. Dank seiner sprachlichen Eleganz und unaufgeregten Poesie ist der Roman im Fluss. Mit Stromschnellen.

Ist »Speicher 13« ein Krimi? Auch das bleibt der Entscheidung der Leser*innen überlassen. Es herauszufinden lohnt sich.

*1 The Doors »You’re Lost Littl Girl«
*2 Georg Trakl »Abendlicher Reigen« (2. Fassung)

Jochen König, Mai 2018

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