Der Reporter / Das mörderische Paradies von John Katzenbach

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1982 unter dem Titel In the Heat of Summer, deutsche Ausgabe erstmals 1988 bei Heyne.

  • New York: Atheneum, 1982 unter dem Titel In the Heat of Summer. 311 Seiten.
  • München: Heyne, 1988 Das mörderische Paradies. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 3-453-10792-6. 363 Seiten.
  • München: Pavillon, 1999 Das mörderische Paradies. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 3-453-15784-2. 363 Seiten.
  • München: Knaur, 2018. Übersetzt von Anke & Eberhard Kreutzer. ISBN: 978-3-426-51884-7. 432 Seiten.

'Der Reporter / Das mörderische Paradies' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Malcolm Anderson ist Polizeireporter in Miami, abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen. Zunächst ist die ermordete junge Frau nur eine weitere gute Story. Doch alles wird anders, als der Mörder ihn anruft: Der Killer mag Andersons Storys, stellt weitere Morde in Aussicht und will ihm exklusiv Auskunft geben. Und er macht seine Ankündigung wahr. In den folgenden Wochen gibt es weitere Opfer, und jedes Mal bekommt Anderson einen Anruf. Er lässt sich auf das Spiel ein, macht durch seine Reportagen Schlagzeilen, erlangt Ruhm – und bemerkt nicht, dass er genau deshalb das nächste Opfer des Killers werden könnte.

Das meint Krimi-Couch.de: Debütkrimi neu aufgelegt 65°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

»Schon mal daran gedacht, dass der Irre die Aufmerksamkeit braucht, die er in der Presse und im Fernsehen kriegt? Dass ihr ihn damit zu noch sensationelleren, abscheulicheren Verbrechen anstacheln könntet?« »Ja«, bekannte ich, »selbstverständlich. Aber was rätst du mir? Soll ich ihn ignorieren? Wenn ich das täte, würde er vielleicht trotzdem weiter morden, egal, was ich oder jemand anders darüber schreibt.« »Macht dir das alles nicht zu schaffen?« »Bis jetzt nicht.«

Polizeireporter Malcolm Anderson berichtet über den rätselhaften Mord an einer jungen Frau. Die Reportage gerät ihm so gut, dass ihn der Täter in der Redaktion anruft und weitere Morde ankündigt, über die Anderson exklusiv berichten darf.

Der Reporter wird zwar von moralischen Skrupeln geplagt, aber die berufliche Neugierde und die Sucht nach Ruhm siegen und er lässt sich auf den Deal mit dem Mörder ein. Es ist schließlich sein Job, und wenn er es nicht macht, tut es ein anderer.

Während die Mordserie wie angekündigt weiterläuft, kommen sich Mörder und Reporter immer näher. Der Mörder ruft Anderson unter seiner Privatnummer an und erzählt ihm Episoden aus seiner Vergangenheit und Details zu den Morden. Anderson glaubt, schlauer als der Killer zu sein.

Der Reporter wird zu einer Figur im Spiel des Mörders

Er enthält den ermittelnden Polizisten Informationen vor und versucht, den Täter auf eigene Faust zu überführen. Zu spät erkennt er, dass der Serienkiller die Regeln bestimmt und er selbst zu einer Figur in dessen Spiel geworden ist. Er ist kein außenstehender Beobachter mehr, der über das Leid anderer Menschen berichtet, er ist auf einmal selbst davon betroffen.

Wem Namen und Handlung bekannt vorkommen: »Der Reporter« erschien schon 1988 in Deutschland bei Heyne unter dem Titel »Das mörderische Paradies« und ist das Debüt von John Katzenbach. Droemer Knaur, bei dem sich jetzt das Gesamtwerk des Autors befindet, hat das Buch mit einem neuen Titel herausgebracht, der zu denen seiner übrigen Romane passt, wie »Das Opfer«, »Der Fotograf« oder »Die Rache«.

Als Einstieg in Katzenbachs Werk ist das Buch nicht unbedingt repräsentativ

Fans von John Katzenbach haben das Buch sicher schon unter dem alten Titel gelesen, und es ist zu befürchten, dass sich der eine oder andere das Buch kauft, weil er es für ein neues Werk hält. Für alle übrigen ist »Der Reporter« als Einstieg in Katzenbachs Werk nicht unbedingt repräsentativ, denn als Erstling hat es seine Schwächen, und den lange zurückliegenden Entstehungszeitraum merkt man dem Buch an.

Es wurde in einer Zeit geschrieben, als es noch keine Handys und kein Internet gab. Andererseits ist das Thema, das es behandelt, aktueller denn je. Es geht um das moralisch bedenkliche Zusammenspiel von Medien und den Objekten der Berichterstattung, und um die Sensationsgier von Presse und Publikum. Im Vergleich zu den heutigen Auswüchsen der medialen Berichterstattung wirkt der Protagonist sogar noch recht reflektiert.

»Sie haben recht, wir würden nie auf eine Story verzichten, sie nie zurückhalten, selbst, wenn der Mörder sich morgen bei Ihnen meldet und Ihnen gesteht, er würde nur wegen der Publicity weitermachen. Das ist das Dilemma, der Haken an der ganzen Sache.« »Fragt sich nur, wie weit es mit uns gekommen ist, wenn wir achselzuckend unsere Mittäterschaft rechtfertigen nach dem Motto: So ist das nun mal in unserem Gewerbe.«

In Katzenbachs Debüt findet sich viel Autobiografisches. Wie sein Held ist er Gerichtsreporter in Miami gewesen. Die kritischen Gedanken, die sich der Protagonist über seinen Berufsstand macht, dürften die von Katzenbach gewesen sein.

Auch die Traumatisierung durch den Vietnamkrieg, die im Buch eine große Rolle spielt, war zu seiner Entstehungszeit noch ein gesellschaftlich akutes Problem. Wenn man das Buch heute liest, erscheint es allerdings etwas altmodisch, ebenso wie die Ermittlungen, die ohne digitale Techniken auskommen müssen.

Die erste Hälfte des Buches wird durch lange Telefonmonologe des Killers bestimmt, die leider die Spannung ziemlich ausbremsen und mit der Zeit nerven. Man wünscht sich mehr Action und weniger philosophische Abhandlungen. Schließlich ist »Der Reporter« ein Krimi.

Erst in der zweiten Hälfte nimmt die Handlung an Fahrt auf und wird richtig spannend, bis zu einem unerwarteten Ende. Das versöhnt wieder mit Katzenbach, der sich in seinem Erstling etwas traut, was nur wenige Kollegen wagen: ein offenes Ende. Das allerdings auch verdeutlicht, dass es Katzenbach mehr um den Reporter und dessen innere Entwicklung ging, als um den Täter.

Alles in allem ist und bleibt »Der Reporter« ein solider Krimi, der noch Anfängerschwächen hat, sich aber auch mit seiner Tiefe der Themen aus der Krimi-Durchschnittsmasse heraushebt. Das Buch macht nachvollziehbar, warum Katzenbach inzwischen ein Erfolgsautor geworden ist.

Brigitte Grahl, Juni 2018

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Krimisofa.com zu »John Katzenbach: Der Reporter / Das mörderische Paradies« 10.04.2018
Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 3/5
Showdown: 2/5

John Katzenbach ist schon lange im Geschäft. Bevor er komplett auf die Schriftstellerei umsattelte, war er Gerichtsreporter in Miami. Sein Vater war unter Lyndon B. Johnson ein Jahr lange US-Justizminister und seine Mutter Psychoanalytikerin. Für das Buch sind diese Eckdaten durchaus relevant. Katzenbach findet bei mir eher einen Platz in der zweiten Reihe der Lieblingsautoren – ich habe einige seiner Bücher gelesen, aber nicht alle haben mich überzeugt. So auch die Neuauflage von „Der Reporter“, das eigentlich Katzenbachs Debüt ist, aber auf Deutsch erst nach „Das Auge“ („The Traveler“) 1988 unter dem Titel „Das mörderische Paradies“ erschien.

Wir schlüpfen im Buch in die Rolle von Malcolm Anderson, einem Mitzwanziger, der beim hiesigen „Journal“ als Reporter arbeitet. Der Fall des sogenannten „Nummermörder“ sollte sein bis dato größter Coup werden, denn er steht in regelmäßigen Kontakt mit dem Mörder, der Andersons journalistische Arbeit schätzt und ihn deshalb auserkoren hat. Ab Seite siebzig beginnt das Buch eigentlich erst so richtig, denn da ruft der Mörder zum ersten Mal an und reißt die Geschichte an sich. Er ernennt Anderson zu seinem Pressesprecher - doch Anderson ist wesentlich mehr für den Mörder; er ist Sprachrohr, Therapeut und Komplize für ihn. Der Mörder will die Aufmerksamkeit, er genießt sie geradezu. Und Anderson freut sich, dass er der Auserwählte ist, bei jedem Anruf hofft er, dass es der Mörder ist, er entwickelt nahezu einen pawlowschen Reflex, wenn das Telefon läutet.

Katzenbach zeigt uns in diesem Buch die Welt des Journalismus in den 1970er Jahre. Wie hart umkämpft der Markt war, wie empathielos teilweise agiert wurde, um ja die beste Story, die größte Schlagzeile zu bekommen. Und wenn ich 1970er Jahre schriebe, meinte ich die 1980er, die 1990er, die 2000er - die Gegenwart. Denn die journalistische Welt sieht heute nicht viel anders, was das Buch in diesem Bereich zeitlos macht.

Weniger zeitlos sind die zahllosen Ergüsse über den Vietnamkrieg, denn davon finden sich massenhaft im „Reporter“, und hier wurde, gepaart mit ewig-, ja teilweise seitenlangen Monologen, es dann irgendwann auch langatmig und mühsam. Aber hier erkennt man vermutlich auch Katzenbachs Handschrift als Gerichtsreporter, denn der ohnehin introvertiert und kaum fassbare Charakter des Malcolm Anderson lässt bei der Recherche die Leute einfach reden und nimmt alles hin, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Anderson zeigt bis auf eine Situation auch null Emotionen - wenn ich den schlechtesten Aspekt in dem Buch benennen müsste, wäre es ganz klar der Charakter Malcolm Anderson; so kalt wie dieser kann kein normaler Mensch sein. Vielleicht war diese Charakterzeichnung aber auch genau so von Katzenbach gewollt.

Aber man muss das immer dahingehend betrachten, dass „Der Reporter“ Katzenbachs Debüt war, und die Idee ist einfach grandios. Man kann auch ganz genau erahnen, wie er bei seinen Eltern in psychoanalytischen und juristischen Dingen recherchiert hat, und das finde ich eigentlich wunderschön. Und es ist ja nicht so, dass sich Katzenbach nicht weiterentwickelt hätte. „Der Patient“ ist genau so ein grandioses Buch wie „Das Tribunal“ oder zahlreiche andere seiner Bücher.

Tl;dr: „Der Reporter“ von John Katzenbach hat eine grandiose Idee, die in großen Teilen auch sehr gut umgesetzt ist. Nach siebzig Seiten reißt der Mörder die Story an sich und führt uns durch eine atemberaubende Geschichte, die allerdings auch ihre Schwächen hat - unter anderem seitenlange Monologe und der Protagonist ist völlig farblos. Dennoch war „Der Reporter" ein solides  Debüt vom mittlerweiligen Bestsellerautor John Katzenbach.
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