Der talentierte Mörder von Jeffery Deaver

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The steel kiss, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Blanvalet.
Folge 12 der Lincoln-Rhyme-&-Amelia-Sachs-Serie.

  • New York: Grand Central, 2016 unter dem Titel The steel kiss. 486 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2017. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 978-3-7645-0592-9. 608 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Random House Audio, 2017. Gesprochen von Dietmar Wunder. ISBN: 978-3837139587. 6 CDs.

'Der talentierte Mörder' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Ein handwerklich begabter Serienkiller manipuliert simple Alltagsgeräte, die sich in Mordinstrumente verwandeln. Das Ermittler-Duo Lincoln Rhyme und Amelia Sachs jagt einen Täter, der aus der Ferne morden kann, aber auch gern ganz altmodisch zu Hammer und Säge greift …

Der zwölfte Band der Rhyme/Sachs-Serie bietet autorentypisch einen verwickelten bzw. mehrzügigen Plot, der unrealistisch aber spannend zu einem Fall zusammenfließt: Ungeachtet der eingeschliffenen Serienmechanik ist Deaver als Erzähler handwerklich ebenso erfolgreich wie sein Mörder.

Das meint krimi-couch.de: Gewusst wie – mörderisch einfallsreich 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Amelia Sachs, Ermittlerin für das Morddezernat des New York Police Departments, steht unter Druck. Ein Mann wurde mit einem Hammer erschlagen, was in dieser Stadt keine raffinierte Bluttat darstellt. Der Mörder wurde sogar bereits gesichtet; es handelt sich um einen sehr großen, aber auffallend mageren Mann, der eigentlich rasch gefunden sein sollte. Fast hätten ihn Sachs und sein Team tatsächlich geschnappt, als sie ihn in einem Einkaufszentrum stellen. Doch plötzlich springt die Wartungsklappe einer Rolltreppe auf, ein Angestellter stürzt hinein und gerät in das weiterlaufende Treppenwerk, das ihn buchstäblich zermalmt. Während Sachs ihn vergebens zu retten versucht, entkommt der Mörder.

Gern würde Sachs die Ermittlungen wie üblich mit ihrem Lebensgefährten, dem zwar fast vollständig gelähmten, aber weiterhin genialen Kriminologen Dr. Lincoln Rhyme, fortsetzen, doch der hat sich von der Polizeiarbeit zurückgezogen. Stattdessen lässt er sich vom Anwalt des zu Tode gekommenen Angestellten anheuern und untersucht die Rolltreppe auf schadensersatzpflichtige Mängel.

Der Mörder hat inzwischen bemerkt, dass ihm Sachs im Nacken sitzt. Er ist alles andere als ein Gelegenheitstäter, sondern ein lupenreiner Serienkiller, der es liebt, Frustrationen abzubauen, indem er Mitmenschen mit zweckentfremdeten Haushaltsgeräten und Werkzeugen zu Leibe rückt. Sachs hält er für eine potenzielle Gefahr, die er auf seine tödlich planvolle Weise ins Visier nimmt.

Parallel dazu stellt Rhyme fest, dass sich die verhängnisvolle Wartungsklappe keineswegs zufällig geöffnet hat: Sie wurde digital und quasi per Fernsteuerung aktiviert! Der Täter hat sich die schlechte Abschirmung dieser Apparatur zunutze gemacht. Rhyme kann ihn ermitteln – es handelt sich um jenen Mörder, den auch Sachs verfolgt! Nunmehr doppelt in die Zange genommen, setzt der Täter seine beachtlichen handwerklichen Fähigkeiten ein …

Hightech ohne echte Absicherung

Nur wenige Jahre konnte sich die Menschheit (minus die üblichen Unken) über und auf eine Zukunft freuen, die (kommunikations-) technisch sämtliche Grenzen zu sprengen schien. Nicht nur Informationen, sondern auch Befehle sind heute beinahe global und drahtlos vom Sender an den ausführenden Empfänger zu übermitteln. Deshalb gilt es längst als Selbstverständlichkeit, per Handy die Heizung aufzudrehen, obwohl man sich dem noch kalten Heim erst nähert. Auch Funkschlüssel sind eher die Regel als die Ausnahme; vor allem moderne Automobiltüren lassen sich kaum noch mechanisch öffnen oder schließen.

Freilich dauerte es nicht lange, bis kriminelle Elemente die Möglichkeiten erkannten, die ihnen die schöne, neue Welt bot: Signale lassen sich abfangen, verändern, missbrauchen! Wenn man weiß, wie man dies bewerkstelligt, springen beispielsweise besitzfremde Autotüren problemlos auf.

Ausgerechnet jene, die solche elektronisch-digital gestützten Mechanismen herstellen, ignorierten (und ignorieren) das Ausmaß der potenziellen Manipulationsgefahr. Autodiebstahl ist lästig, aber man kann nun auch Flugzeuge vom Himmel fallen lassen oder kontinentalweit entfernte Fabrikmaschinen (oder Atomkraftwerke) zur explosiven Fehlfunktion bringen. Entsprechende Abschirmungen hinken der Hightech viele Jahre hinterher; diese Lücken zu stopfen ist deutlich weniger lukrativ, als den Markt mit neuen Wunderwerken zu bestücken. Das garantiert nicht nur Verbrechern, sondern auch Saboteuren ein erfolgreiches Arbeiten und führt dazu, dass bereits heute »Cyber-Kriege« geführt werden.

Lebensnotwendig wird lebensgefährlich

Ein gewandter Unterhaltungsschriftsteller wie Jeffery Deaver musste die Möglichkeiten sehen, die solche Szenarien bieten. Er hatte schon in der Frühzeit der globalen Digitalisierung entsprechende Verbrechen konstruiert, die angesichts der rasanten Fortschritte heutzutage rührend naiv wirken, den Kern des Problems jedoch bereits be- bzw. umschrieben: Auch und gerade im digitalen Nirwana ist ganz altmodisch Vorsicht geboten!

In der Science Fiction toben die erwähnten Cyber-Kriege inzwischen galaxienweit, während Deaver etwas denkbar Banales in den Vordergrund rückt: eine scheinbar defekte Rolltreppe, die jedoch sehr gut als Mordinstrument funktioniert, da selbst diese vergleichsweise primitive Maschine heute über digitale Steuerungsmechanismen verfügt, damit angreifbar ist und durchaus eine Gefahrenquelle darstellt. Dies gilt erst recht, wenn man das eigene Verhalten beim Betreten einer solchen Maschine bedenkt: Man betritt sie gedankenfrei, um sich nach oben oder unten tragen zu lassen. Auf der Hut vor fatalen Fehlfunktionen ist man ganz sicher nicht.

Unter dieser Prämisse eröffnet sich Deaver ein weites Spielfeld. Der Täter wird sich selbstverständlich nicht auf die Rolltreppe beschränken. Dass digitale Befehlsempfänger baugleich in zahlreichen Maschinen Verwendung finden, ist eine weitere dramaturgische Vorgabe, die sich der Autor nicht entgehen lässt, weshalb Mikrowellen, Küchenherde oder Automobilelektroniken Amok laufen – mit entsprechenden, natürlich liebevoll ausgemalten Folgen.

Die Wende als Programm

Jeffery Deaver hat sich früh für ein erzählerisches Konzept entschieden, das ihn eigentlich in eine Sackgasse führen müsste: Die typische Deaver-Story ist glitschig wie ein Aal. Wenn der Leser meint, sie fest in den Händen zu halten, entwindet sie sich ihm, um einen gänzlich unerwarteten Kurs einzuschlagen. Dies geschieht nicht nur einmal, was die meisten Thriller-Autoren erst recht überfordern würde. Obwohl »Der talentierte Mörder« bereits der zwölfte Band der Rhyme/Sachs-Serie ist, fällt dem Verfasser weiterhin genug ein, um den erwähnten Aal buchstäblich twisten zu lassen!

Klarheit gibt es bis zur Auflösung nicht. Jede Figur hütet Geheimnisse, die auf Seiten der »Guten« finsteren Verdacht erregen. Gleichzeitig sind die »Bösen« womöglich selbst Opfer, während Nebenfiguren plötzlich zu Erzschurken mutieren: Deaver spielt mit Erwartungen, die er selbst trickreich geweckt und gesteuert hat. Meist klappt es, was auch damit zusammenhängt, dass der Verfasser so viele Eisen im Feuer hat, dass sein Publikum manchmal den Überblick verliert: Sieht man einem Trickspieler nicht genau auf die Finger, wird er einen überlisten.

Natürlich kann Deaver nicht jederzeit punkten. »Der talentierte Mörder« zählt in der deutschen Fassung mehr als 600 Druckseiten. Selbst für einen Thriller auf mehreren Ebenen ist das eine Breite, die auf Kosten der Handlungsstringenz geht. Hier kann Deaver nicht der Versuchung widerstehen, gleich zwei Ereignisstränge anzuflanschen, die mit dem Zentralgeschehen nichts zu tun haben. Er versucht dies zu »tarnen«, indem er prominente Figuren – hier Amelia Sachs sowie den Jung-Cop Pulaski – in private Schwierigkeiten bringt, die »nebenbei« gelöst werden »müssen«.

Ansonsten alles wie gewohnt = gewünscht

Solche Als-ob-Verwicklungen verdeutlichen ein Problem, vor dem primär die Autoren erfolgreicher Serien stehen: Jede Folge soll Neues und Spannendes bringen, ohne jedoch von der Leserschaft liebgewonnene Fundamente ins Wanken zu bringen. Also darf Deaver zwar Differenzen in der Beziehung Rhyme/Sachs andeuten, ohne diese jedoch ausarten zu lassen: In einer Serie muss es Konstanten geben, was den Verfasser zwingt, sich Krisen auszudenken, die sich im Rahmen der Story überwinden lassen.

Taktisch geschickt lappen einige offenen Fragen in die Fortsetzung über, zu der die Leser ebenfalls greifen sollen. Deshalb bekommt Rhyme eine »Praktikantin«, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, selbstverständlich trotzdem klug und bildschön ist, deshalb ihrem Mentor näherkommen und für Konflikte sorgen dürfte.

So kommt es, dass Lincoln Rhyme, Amelia Sachs und ihre Mitstreiter sich rollenkonform verhalten. Nur der jeweilige Fall sorgt für Variationen im Bereich des Bekannten = Bewährten. Kein Wunder, dass Deaver sich große Mühe mit dem Plot gibt! Davon kündet auch die lange Liste von Personen, denen der Verfasser seinen Dank ausspricht: Es sind Mitarbeiter, die für ihn recherchieren, wie eine Rolltreppe funktioniert, sich Alltagsgeräte »hacken« lassen oder die US-amerikanische Justiz Schadensersatzklagen be- und verhandelt. Entsprechende Details – seien sie nun real oder von Deaver auf der Basis seiner Informationen ausgedacht – unterfüttern das Geschehen und sorgen für Plausibilität.

Deaver-Thriller sind also Handwerksprodukte. Es geht nicht um literarische Qualität, Tiefsinn oder Originalität, sondern um Lektürespannung, die ein versierter Autor ganz nüchtern erzeugen kann. Nur auf diese Weise ist es möglich, eine auf Wendungsreichtum basierende Serie so lange erfolgreich zu halten. Dass Jeffery Deaver sein Kunsthandwerk beherrscht, hat er mit »Der talentierte Mörder« abermals unter Beweis gestellt.

P. S.: Wer hätte gedacht, dass Jeffery Deaver über hintergründigen Humor verfügt? Einmal überprüft Ex-Polizist Nick Carelli eine Liste kriminalistisch befragter Personen, die den Namen »Jeffrey Dommer« enthält: »Nick hatte noch nie von ihnen gehört. Nur bei Mr. Dommer vermutete er, dass der eine schwere Kindheit gehabt haben dürfte. Wer fast genauso hieß wie der Serienmörder Jeffrey Dahmer, war von den anderen Kindern mit Sicherheit gnadenlos gequält worden.«

Michael Drewniok, März 2018

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wolko zu »Jeffery Deaver: Der talentierte Mörder« 28.04.2018
Mir hat "Der talentierte Mörder" nicht gefallen. Deaver lässt deutlich nach. Besonders das letzte Drittel war sehr um überraschende Wendungen bemüht und diese Wendungen waren teilweise wirklich nur schwer nachvollziehbar. Wahrscheinlich ist das Schema "Lincoln-Rhyme-und-Amelia Sachs" langsam aber sicher ausgeleiert.
Schade.
Nicht mehr als 50 Punkte.
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