Der Bote von Ingar Johnsrud

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Kalypso, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 2010 - heute.
Folge 2 der Fredrik-Beier-Serie.

  • Oslo: Aschehoug, 2016 unter dem Titel Kalypso. 477 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2018. Übersetzt von Daniela Stilzebach. ISBN: 978-3-7645-0588-2. 544 Seiten.

'Der Bote' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

In einer Villa in einem reichen Vorort Oslos wird die Leiche eines angeblich vor Jahren getöteten Marinesoldaten gefunden. Zeitgleich wird ein zweiter Toter mit Folterspuren in einem Abwasserschacht am anderen Ende der Stadt entdeckt. Hauptkommissar Fredrik Beier vermutet einen Zusammenhang. Zusätzlich wird Beier noch mit einem lange zurückliegenden Fall konfrontiert, der auch in den aktuellen Ermittlungen eine Rolle zu spielen scheint. Aber – Akten werden gesperrt, Beweismittel verschwinden. Jemand scheint die Aufklärung verhindern zu wollen.

Das meint Krimi-Couch.de: Komplex konstruierter Skandinavien-Thriller 75°

Krimi-Rezension von Carola Krauße

Ein Plot wie ein geflochtener Zopf

Dass skandinavische Thriller meistens sehr anspruchsvoll konstruiert sind, ist bekannt, aber was Ingar Johnsrud hier abliefert ist extrem komplex. Anfangs wird der Leser von einem Handlungsstrang in den nächsten katapultiert, von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Die Vielschichtigkeit baut zwar von Anfang an eine sich ständig steigernde Spannung auf, aber sie macht es dem Leser auch schwer, den Überblick zu behalten und nicht in völliger Verwirrung zu landen. Erst nach und nach wird offensichtlich, in welchem Zusammenhang die einzelnen Szenarien stehen und langsam verflechten sich die Stränge zu einem Zopf, der im fulminanten Schluss sein Ende findet.

Angeschlagene Protagonisten geben wirklich alles

Nach »Der Hirte« hat Ingar Johnsrud nun den zweiten Thriller rund um den Osloer Hauptkommissar Fredrik Beier und sein Team abgeliefert. Doch keiner der Ermittler scheint wirklich rund zu laufen. Beier ist nach den Ereignissen in der Vergangenheit immer noch schwer angeschlagen, physisch und psychisch. Er nimmt Schmerzmittel in hohen Dosen ein, ist abhängig von ihnen, versucht aber diesen Medikamenten-Missbrauch zu vertuschen, genauso wie seine Panik-Attacken. Seine Beziehungen sind gescheitert und die Besuche beim Psychologen eine Farce.

Die sonst so gute Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Andreas ist gestört. Dieser scheint irgend etwas zu verheimlichen und scheint zur Bedrohung für Fredrik zu werden.

Iqbal Kafa ist zum ersten Mal leitende Ermittlerin, aber auch sie hat Geheimnisse. Sie versteckt Verletzungen, ist manchmal unkonzentriert und scheint mit sich nicht im Reinen zu sein. Trotzdem geben sie alles.

Und Johnsrud fährt für sie so ziemlich jedes Bedrohungsszenario auf, das es gibt.Vom simplen Schusswechsel über einen Angriff mit Narkosegas bis hin zur Entführung und Bedrohung durch das Pocken-Virus lässt er seine Ermittler alles erleiden. Doch sie scheinen Superhelden zu sein, unkaputtbar in Körper und Geist. Damit werden die ansonsten gut gezeichneten Protagonisten unrealistisch und die ganze Geschichte driftet ins Unglaubwürdige ab.

Weniger Themen wäre hier mehr gewesen

Überhaupt leidet der Thriller an Überfrachtung. Verwicklungen während des Kalten Krieges, Militärische Operationen auf fremden Territorium, Geheimdienste, biologische Kampfstoffe, aber auch persönliche Tragödien, Familiengeschichten, Rache, klunkerhafte Halsketten und natürlich die Schwierigkeiten mit denen das Ermittlerteam zu kämpfen hat – Johnsrud geht in die Vollen. Man hat den Eindruck, hier sollte alles rein in die Geschichte, um sie nicht flach wirken zu lassen.

Doch neben den überzeichneten Protagonisten macht auch das die Geschichte eher unglaubhaft als spektakulär. Täter und Lösung erscheinen dann auch zu konstruiert, so als würden sie nur so sein, um die Vorgeschichte mit den einzelnen Handlungssträngen zu rechtfertigen. Weniger Fülle wäre mehr gewesen. Die Plausibilität hätte nur profitiert und der Leser wäre weniger angestrengt durch die immerhin 542 Seiten gekommen.

Warum »Der Bote« und nicht »Kalypso«?

Der Titel der Originalausgabe lautet »Kalypso«. Das ist, ohne zu viel verraten zu wollen, durchaus nachvollziehbar und aussagekräftig. Schon nach wenigen Seiten wird Kalypso erwähnt, erst ist es nur der Name auf einem Foto, aber bald stellt sich heraus »Kalypso« ist der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte. Aber, wer soll »Der Bote« sein? Nicht nur der Titel an sich ist schon sehr kryptisch, explizit kommt im ganzen Buch kein Bote vor.

Erst nach absolvierter Lektüre kann man nach einigem Hin- und Hergrübeln einen eventuellen Grund für diesen sehr ungeschickt gewählten Titel finden. Der Verlag hätte gut daran getan es bei »Kalypso« zu belassen. Warum muss eine deutsche Ausgabe unbedingt einen anderen Titel bekommen, wenn der Originaltitel doch so passend ist?

Leser muss sich einer komplexen Handlung stellen

Dennoch, trotz aller Schwierigkeiten, »Der Bote« ist ein spannender Thriller, der atmosphärische dicht daher kommt und, der flüssig und spannend geschrieben ist, wobei die teilweise verbalen Entgleisungen ins Vulgäre absolut unnötig sind. Es ist kein Buch für zwischendurch, es verlangt vom Leser Konzentration, die Bereitschaft sich einer sehr komplexen Handlung zu stellen, aber auch über so manche Übertreibung hinwegzulesen. Wenn man dazu bereit ist, kann man sich auf eine geballte Ladung skandinavischen Thrills freuen.

Carola Krauße, September 2018

Ihre Meinung zu »Ingar Johnsrud: Der Bote«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Krimisofa.com zu »Ingar Johnsrud: Der Bote« 10.07.2018
Manche Bücher bleiben einem nachhaltig im Gedächtnis, manchmal sogar, wenn man sie gar nicht so gut fand. Und das ist ein besonderes Qualitätsmerkmal. Mir erging es so mit „Der Hirte“, dem ersten von drei Teilen der Fredrik-Beier-Reihe. Ich fand ihn nicht sonderlich gut und habe ihn dementsprechend bewertet. Aber doch blieb etwas Positives im Gedächtnis - die Charaktere, die Stimmung und dieser außergewöhnliche Schreibstil mit dem ich zeitweise ziemlich überfordert war. Das waren die Gründe, warum ich mir den zweiten Teil - „Der Bote“ - jetzt dann doch vornahm.

Fredrik Beier kommt gerade aus dem Krankenhaus. Er wollte sich umbringen, warum, weiß er nicht, er hat die Erinnerung daran verloren. Er nahm eine Überdosis Schmerzmittel und spülte sie mit Alkohol hinunter, danach legte er sich vors Haus seiner Ex-Frau Alice. Er hat überlebt - sein Privatleben nicht. So ziemlich alle sind sauer auf ihn, vor allem seine Lebensgefährtin Bettina, die überhaupt nicht verstehen kann, warum er das getan hat, aber noch weniger, warum er sich ausgerechnet vor das Haus seiner Ex gelegt hat. Sein Sohn Jacob verkriecht sich indes in seinem Zimmer und spielt Brahms auf seiner Bratsche. Aber Life goes on, die Kriminellen nehmen keine Rücksicht auf ihn und so verkriecht sich Beier in seinen Beruf als Mordermittler. Kafa Iqbal, seiner Kollegin, geht er seit der Explosion auf Solro allerdings aus dem Weg. Doch nun müssen sie wieder an einem Strang ziehen, denn die Leiche aus der Kanalisation, die er und sein Kollege Andreas Figueras gefunden haben, hängt unmittelbar mit jener Leiche, die Kafa gefunden hat, zusammen.

Ich habe mich tatsächlich auf „Der Bote“ gefreut, das hätte ich nach „Der Hirte“ nicht gedacht. Aber man ist direkt wieder drin, der Schreibstil ist - zumindest zunächst - flott und packend - es war für mich wie heimkommen. Alles ist am richtigen Platz, oder auf einem vier besseren, und diese angenehme Schwere fand ich auch wieder vor. Mit einem schwerst depressiven Fredrik Beier, bei dem man sich fragen kann, warum er in seinem Job überhaupt eine Waffe tragen darf. Und Kafa, die orientalische Schönheit, die mit ihrer toughen Art den ein oder anderen männlichen Kollegen alt aussehen lässt. Sowie Andreas, der diesmal als besonderer Kotzbrocken auftritt - aber diese Meinung teile ich mit einigen anderen.

„Der Bote“ spielt anderthalb Jahre nach „Der Hirte“ und ist wesentlich politischer als sein Vorgänger, vor allem militärpolitischer. Was den Aufbau betrifft sieht die Geschichte genau so aus wie der erste Teil der Trilogie. Wir haben kurze, knackige Kapitel und zwischendurch immer wieder Rückblenden - die Rückblenden führen uns diesmal aber nicht so weit in die Vergangenheit. Auch diesmal haben mich die Rückblenden eher überfordert, weil man anfangs so gar nicht einschätzen kann, wie diese zum Rest der Geschichte passen - aber natürlich wird am Ende alles immer klarer. Johnsrud macht auch diesmal wieder einige Fässer auf, behandelt einige Themen - Religion, Militär, Politik, Geschichte und etliche andere -, aber diesmal werden sie wesentlich stimmiger behandelt als im „Hirten“ - zumindest wirkt es so. Und die Atmosphäre gefällt mir noch besser als bei Teil eins, die hat mich sehr an die US-Serie „The Americans“ erinnert, die in der Zeit des Kalten Krieges spielt - und genau dieses Thema spielt in „Der Bote“ eine Hauptrolle. Sonst habe ich diesmal aber keinerlei Anleihen an diversen Serien entdeckt. Vor allem das Ende ließ mich mit offenem Mund zurück - das wird definitiv noch eine Rolle spielen und ist für mich ein Grund, den dritten Teil auch zu lesen. Ich freue mich.

Was mir dennoch abermals Kopfzerbrechen bereitet hat, war diese verworrene Konstruktion der Geschichte, die es mir nicht immer einfach gemacht hat, alles nachzuvollziehen. Aber das gehört offenbar zu Johnsruds Schreibstil und macht ihn vermutlich so erfolgreich - zumindest in seiner Heimat Norwegen. Bei den Figuren hätte er allerdings etwas präziser sein können was deren Profil betrifft - vor allem bei den Rückblenden habe ich ein paar Charaktere verwechselt bzw. bin ich erst gegen Ende  darauf gekommen, dass das zwei unterschiedliche sind.

Tl;dr: „Der Bote“ von Ingar Johnsrud ist ein facetten- und themenreicher Thriller, der diesmal für meine Begriffe wesentlich stimmiger ist als dessen Vorgänger. Die Charaktere entwickeln sich weiter und Johnsrud sorgt mit der schweren Stimmung und einer Kalter-Krieg-Atmospäre dafür, dass man sich in dem Buch wohlfühlt - wenn man es gerne so hat.
Ihr Kommentar zu Der Bote

Hinweis: Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen. Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre. Werbung ist nicht gestattet. Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.

Seiten-Funktionen: