Alle sind verdächtig von Henry Holt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 1959 .

  • München: Goldmann Verlag, 1959. Übersetzt von Anneliese von Eschstruth.

'Alle sind verdächtig' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Mit einer Giftspritze wird Lola Fortescue umgebracht, als sie eine Freundin in England besuchen will. Der ermittelnde Beamte steht vor einer ganzen Gruppe potenzieller Verdächtiger, die selbstverständlich jegliche Mordbeteiligung abstreiten ... – Weniger klassischer als schlicht alter Rätsel-Krimi, dessen Autor sich der bekannten Elemente bedient, ohne dadurch mehr als leidlich unterhalten zu können, weil seine Figuren blasse Archetypen bleiben; als Beleg für zeitgenössische Krimi-Kost freilich auch gerade deshalb durchaus unterhaltsam.

Das meint krimi-couch.de: Giftmord auf vernebeltem Bahnsteig 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Modeschöpferin Lola Fortescue reist aus Paris nach England, um ihre alte Freundin Sally Graham zu besuchen, die sie (und sechs andere Gäste) auf das väterliche Landgut Cayley Lodge in der Grafschaft Berkshire eingeladen hat. Sie kommt nur bis zum Londoner Bahnhof Charing Cross, denn dort rammt ihr jemand eine mit Gift gefüllte Injektionsnadel in den Arm woraufhin Lola auf dem Bahnsteig ihr Leben aushaucht. Der Fall geht an Chefinspektor James Silver, der zu den fähigsten Mitarbeitern von Scotland Yard zählt.

Wer wusste, dass Lola Cayley Lodge besuchen wollte? Sally Graham hatte ihren Vater und die Freunde entsprechend informiert. Nicht jeder Gast – und Oberst Graham – kann ein die Polizei zufriedenstellendes Alibi vorlegen. Zur Gelegenheit kommt das Motiv, und auch hier wird Silver fündig: Zu den Gästen gehört auch der Modearzt Dr. Helmsford, der zwar verheiratet, aber als rechter Don Juan bekannt ist.

Erwartungsgemäß streitet er Kontakte mit der Verstorbenen ab. Auch die übrigen Verdächtigen weisen jegliche Schuld von sich. Silver ist froh, dass ein Freund ihn unterstützt: Kriminalreporter Andrew Collinson hat schon oft dort Informationen sammeln können, wo die Polizei erfolglos blieb. Zudem kennt Collinson eine der Verdächtigen; Theaterkritikerin Fay Brooke ist quasi eine Kollegin, und sie lässt durchblicken, dass einer der Hausgäste der Grahams in der Tat suspekt ist. Collinson macht sich auf nach Cayley Lodge, wo er der Wahrheit offenbar zu nahe kommt, wie er bald feststellen muss …

»Es war eine dunkle und neblige Nacht ...«

Hinter einem gern verspotteten Klischee verbirgt sich ein sehr beliebtes Genre des Kriminalromans. Der »gemütliche« Krimi abstrahiert das Verbrechen, erspart uns seine allzu blutigen Details und integriert es in ein intellektuelles Spiel: Wer war der Täter? Noch bevor das Buch endet, möchte der Leser es herausfinden. Der Autor streut pflichtschuldig entsprechende Hinweise ein, die gut getarnt bleiben und erkannt werden müssen.

Gelingt es, stellt sich als Belohnung Triumph ein. Im großen Finale, das in der Regel sämtliche Verdächtigen zusammenführt, werden alle offenen Fragen beantwortet. Hat der Verfasser gut gearbeitet, stellt sich beim Publikum auch dann Zufriedenheit ein, wenn es nicht schneller als der fiktive Ermittler war.

In unserem Fall müsste es allerdings mehrheitlich das Rennen machen. Viele Jahrzehnte sind vergangen, seit Henry Holt »Alle sind verdächtig« schrieb. Schon damals dürfte jener Trick, mit dem der Täter seine Unschuld beweisen will, bekannt gewesen sein; außerdem wird er ein wenig zu plakativ präsentiert. Hinzu kommt ein Handlungsablauf, der aus heutiger Sicht unglaublich langsam wirkt: Die Zeiten haben sich geändert, vor allem haben sie sich beschleunigt.

Doch gerade diese Eigenschaften sorgen für ein Lektüre-Erlebnis der quasi erholsamen Art. Nicht grundlos werden Autoren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers oder Roland Knox weiterhin gern gelesen. Sie beherrschten das Spiel mit dem sanften Entsetzen so gut, dass ihre Werke nicht alterten, sondern zu Klassikern reiften – ein Prozess, der Henry Holt verwehrt blieb.

Bekanntes Rezept, leicht fades Gericht

Dabei stimmen die grundsätzlichen Elemente. Schon der Auftakt sorgt für das bei Genre-Fans geschätzte Gefühl sachten Grusels: Die Geschichte beginnt in einem London, das von einem Nebel nicht nur bedeckt, sondern geradezu erstickt wird, der heute glücklicherweise Vergangenheit ist. Dieser »fog« war eine höllische Mischung aus normalem Nebel, der das Themse-Tal füllte, und den Abgasen, die eine Millionenstadt völlig ungezügelt in eine Luft ausstieß, die sie nicht fortblies, sondern dick und buchstäblich erstickend über Häuser, Straßen und Bürgerlungen warf.

Bekanntlich inspirierte dieser Nebel Generationen von Krimi-Schriftstellern, die ihn dankbar wallen ließen, wenn es mysteriös zugehen sollte. Kino und Fernsehen griffen ihn auf, und noch heute ist er ein Begriff, obwohl es ihn real in seiner manchmal mörderischen Intensität nicht mehr gibt. Auch Holt setzt den »fog« ein, um glaubhaft für Ratlosigkeit in der Frage zu sorgen, welche im Mordfall Lola Fortescue verdächtigen Männer und Frauen sich auf dem Bahnhof Charing Cross aufhielten. Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, waren sie fast alle in der Nähe.

Sobald sich zumindest der Nebel über London lichtet, wechselt die Handlung zu einem im Rätselkrimi ebenfalls unverzichtbaren Schauplatz: Ein prächtiges Anwesen liegt weit außerhalb der Stadt, wo es eine Insel darstellt, die von den Bewohnern nur schwer verlassen werden kann. Hier hocken Täter, Opfer und Verdächtige ebenso gefährdet wie misstrauisch zusammen, bis der Fall gelöst ist. Auch Holt will auf dieses Szenario nicht verzichten, obwohl seine Protagonisten erstaunlich mobil sind und Cayley Lodge zwischendurch immer wieder mit dem Wagen oder dem Zug verlassen, um in London Geschäften nachzugehen und sich zusätzlich verdächtig zu machen.

Der Polizist und sein Kumpel

Es klingt paradox: Obwohl das Geschehen aus heutiger Sicht gemächlich voranschreitet, sitzt der Ermittler keineswegs in einem Lehnstuhl und lässt höchstens seine Gedanken wandern. Gleich zweimal steigt Silver in ein Flugzeug, um in Frankreich Indizien zu sammeln. Nur Stunden später ist er wieder in London oder auf dem Weg nach Cayley Lodge: Dass Züge mit Dampf betrieben wurden, ändert nichts daran, dass Europa um 1930 Uhr eine (verkehrs-) technisch gut erschlossene Region darstellte und Reisende keineswegs langsamer als in der Gegenwart unterwegs waren. Auch medial ist Silver vorzüglich verknüpft, Telefon, Telegramm und notfalls Funk sorgten für Kontakt in einer internetfreien Ära.

Final springt Silver sogar höchstpersönlich in die Themse, um den schwimmend flüchtenden Strolch zu packen: Scotland Yard gibt niemals auf – so wurde es zuvor gleich mehrfach geäußert bzw. angedroht, um den Verdächtigen Gesetzesfurcht einzujagen. (Holt bleibt Realist: Es funktioniert nicht &) Solche Anfälle von Tatkraft erstaunen denn doch, denn bisher gab sich Silver eher zurückhaltend. Für lockere Einlagen und Sprüche ist Andrew Collinson zuständig, ein »rasender Reporter« tief aus der mottenverseuchten Klischee-Kiste, der als Vertreter der »vierten Gewalt« dort Zutritt hat, wo Silver vor Grenzen steht. Nichts ist wichtiger als der Ruf, denn die Mitglieder der »besseren« Gesellschaft beobachten einander mit Argusaugen: »Seine Kleidung, obwohl erstklassig im Schnitt, verriet den nicht ganz korrekten Stil eines ausländischen Schneiders ...« Wie mag es da erst einem Pechvogel ergehen, dem die Polizei ins Haus rückt! Silver muss sich dem anpassen und unbedingt diskret vorgehen.

Die Figuren entsprechen durchaus beannten Mustern

Die Schablonen fallen nicht negativ ins Gewicht, denn sämtliche Figuren entsprechen bekannten Mustern. Da haben wir auf Cayley Lodge den knorrigen Ex-Offizier, der ein liebliches, aber nicht sehr krisentaugliches Töchterlein in die Welt gesetzt hat, um das ein robuster Kolonial-Brite freit, während ein Nebenbuhler dies frustriert aber ehrenhaft zurückhaltend beobachtet. Ebenfalls im Spiel: flatterhaftes Künstlervolk, ein betont bodenständiger US-Amerikaner und diverse schwarzhafte, nicht besonders helle, aber irgendwie ulkige Proleten.

Das alles fügt sich zu einem ordentlich abgewickelten Krimi, dem jedoch – es muss noch einmal gesagt werden – jener Funke fehlt, der ihn über den Status des unterhaltsamen Kuriosums hinaushebt. Wer sich mit Routine abfindet, dürfte die Lektüre trotzdem nicht bereuen.

Michael Drewniok, Mai 2018

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