Germania von Harald Gilbers

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Knaur.
Folge 1 der Kommissar-Oppenheimer-Serie.

  • München: Knaur, 2013. ISBN: 978-3-426-51370-5. 537 Seiten.
  • [Hörbuch] München: audio media, 2015. Gesprochen von Stefanie Höhne. ISBN: 978-3868044294. 6 CDs.

'Germania' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

In der zerbombten Reichshauptstadt macht ein Serienmörder Jagd auf Frauen und legt die verstümmelten Leichen vor Kriegerdenkmälern ab. Alle Opfer hatten eine Verbindung zur NSDAP. Doch laut einem Bekennerschreiben ist der Täter kein Regimegegner, sondern ein linientreuer Nazi. Der jüdische Kommissar Richard Oppenheimer, einst erfolgreichster Ermittler der Kripo Berlin, wird von der Gestapo reaktiviert. Für Oppenheimer geht es nicht nur um das Überleben anderer, sondern nicht zuletzt um sein eigenes. Womöglich erst recht dann, wenn er den Fall lösen sollte. Fieberhaft sucht er einen Ausweg aus diesem gefährlichen Spiel.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mörderjagd in den Trümmern des Größenwahns« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Sommer des Jahres 1944 können auch die hartgesottenen Nationalsozialisten nicht mehr ignorieren, dass der Krieg einen für das Deutsche Reich ungünstigen Verlauf genommen hat. An der Ostfront werden die Sowjets immer stärker, im Westen bereiten die Alliierten die große Invasion vor. Über Berlin werfen Flugzeuge bei Tag und Nacht ungehindert ihre Bombenfracht ab; die deutsche Luftwaffe ist machtlos.

Reibungslos funktioniert nur noch der Völkermord. In Berlin werden die letzten jüdischen Mitbürger erfasst. Wer nicht in einem Rüstungsbetrieb schuftet, wird in eines der gefürchteten Konzentrationslager verschleppt. Auch Richard Oppenheimer und Gattin Lisa erwartet dieses Schicksal. Der ehemalige Star-Kommissar der Berliner Kriminalpolizei musste seinen Posten längst räumen. Zu Recht ist er voller Furcht, als ihn ein Kommando der SS aufgreift: Ist seine Zeit jetzt abgelaufen?

In Berlin treibt ein Frauenmörder sein Unwesen. SS-Hauptsturmführer Vogler ist mit der möglichst raschen und reibungslosen Aufklärung des Falles betraut, kommt aber nicht weiter. Notgedrungen springt er über seinen Schatten und schaltet Oppenheimer ein. Dieser fängt schnell wieder Feuer; er hat die Polizeiarbeit geliebt. Außerdem hofft er, unter Voglers Schutz vor der Deportation sicher zu sein.

Oppenheimer vergisst freilich nicht, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Zwar entwickelt sich ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis, doch stellt sich die Frage, ob Vogler seinen Schutzbefohlenen fallenlassen wird, wenn der Mörder gefasst ist. Außerdem führt die Fahndung gefährlich weit ins nationalsozialistische Milieu hinein. Die »Goldfasane« werden unruhig: Viele hohe Nazis sind damit beschäftigt, ihr Schäflein ins Trockene zu bringen. Zeugen sind unerwünscht. Doch die Zeit drängt, denn der Killer fühlt sich um die erhoffte Aufmerksamkeit betrogen und beschließt, seinen mörderischen Einsatz zu erhöhen …

Die Mörder sind unter uns

Die Ausgangssituation ist aus mehreren Gründen bestechend: Ein Mörder sucht die Hauptstadt eines Landes heim, das von Schwerkriminellen regiert wird. Der Täter gehört zum Kreis der Privilegierten, während der Ermittler auf den äußersten Gegenpol verbannt wurde: Richard Oppenheimer ist nicht nur kein Nazi, sondern Jude und damit per se in Lebensgefahr. Zu allem Überfluss »arbeitet« er für einen weiteren hohen Nazi, der Oppenheimer mit hoher Wahrscheinlichkeit liquidieren wird, sobald dieser seine Schuldigkeit getan hat.

Harald Gilbers ist nicht der erste Autor, der diese brisante Konstellation genutzt hat. Agententhriller und Kriminalromane, die im Deutschen und Dritten Reich spielen, sind vor allem in den ersten Nachkriegsjahrzehnten sowie im angelsächsischen Sprachraum beliebt und zahlreich gewesen. Hier ließ man diese Ära auf abenteuerliche Art wieder aufleben. Hierzulande war man auf der »falschen« Seite und vorsichtiger. Nichtsdestotrotz erschien der Klassiker dieses Sub-Genres in Deutschland: Hans Hellmuth Kirst veröffentlichte 1962 Die Nacht der Generale, einen spannenden Thriller, der den psychologischen Sonderstatus des »Führerstaates« bereits berücksichtigte.

Fünf Jahrzehnte später ist es zwar weiterhin möglich aber wenig ratsam, ein Buch zu schreiben, das den nazideutschen Alltag nur als exotischen Hintergrund für einen ansonsten »normale« Kriminalroman verwendet. Gleichzeitig sollte man das Pendel keineswegs zu weit auf die andere Seite ausschlagen lassen und sich an einem didaktisch wertvollen Thriller versuchen, der den Faktor Unterhaltung nur widerwillig in Kauf nimmt oder einseitig durch Betroffenheit ersetzt. (Wie man beide Sünden gleichzeitig begeht, demonstriert Philip Kerr vermutlich unfreiwillig mit seiner Bernhard-Gunther-Serie ab 2006.) Es ist also ein Balanceakt, auf den sich Harald Gilbers eingelassen hat. Umso erfreulicher ist die Feststellung, dass er über mehr als 500 Seiten das Gleichgewicht nie verloren sowie sein Ziel erreicht hat.

Verkehrte & verquere Welt

Um die Latte noch ein Stück höher zu legen, wählt Gilbers die frühsommerlichen Kriegsmonate des Jahres 1944 als Handlungszeitraum. Mit der alliierten Invasion in der Normandie ist das Schicksal Nazideutschlands besiegelt. Noch scheint es auf der Kippe zu stehen; Gilbers schildert einen Zustand, der einem Vakuum gleicht. Zwar fallen die Bomben über Berlin immer dichter, aber in diesen Juni-Wochen hat sich dennoch ein seltsamer Alltag eingestellt.

Doch dies ist die Ruhe vor dem Sturm, es rumort im Untergrund. In der Bevölkerung machen sich Zweifel breit. Das Regime beginnt den zweiten Samthandschuh auszuziehen: Nun geht es auch für den treuen »Volksgenossen« mindestens an die »Heimatfront«. Gilbers hat nicht nur historische Fachliteratur, sondern auch zeitgenössische Chroniken und Tagebuchaufzeichnungen studiert. Diese bieten unmittelbare, dichte Stimmungsbilder, die der Autor sehr gelungen ins Geschehen einfließen lässt, ohne dieses darüber zu vernachlässigen.

Wie ermittelt man gegen einen Mörder, wenn Tatorte, Zeugenadressen oder ganze Kriminalarchive sich buchstäblich in Nichts auflösen? Der Bombenalltag gibt der Handlung einen eigentümlichen weil unwirklichen Verlauf. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen beginnt der kluge Mann (und natürlich die Frau) für den Fall der Fälle vorzusorgen. Zwar wird offiziell der Glaube an den »Endsieg« vermittelt, doch nicht nur die offiziellen Parolen klingen hohl. Der deutsche Bürger geht vorsichtig auf Abstand, das nazideutsche Regime wird nervös und damit noch gefährlicher.

Die Stadt als Wildnis

Aus dem organisierten Stadtleben ist eine permanente Ausnahmesituation geworden. Berlin beginnt sich nicht nur in eine Wildnis aus Ruinen und Trümmern zu verwandeln. Schlupfwinkel entstehen, in denen sich seltsame Bundesgenossen wiederfinden. Gilbers veranschaulicht, wie die nazideutsche Verwaltung schon in Friedenszeiten durch die Konkurrenz doppelt und dreifach existierender Einrichtungen geprägt wird. Dem »Führer« ist die Effizienz dieser Stellen weniger wichtig als die Entstehung interner und externer Reibereien, deren Energien sonst womöglich gegen die Reichspitze wenden würden. In einem gewagten aber dezenten Auftritt lässt Gilbers es Propagandaminister Goebbels Oppenheimer gegenüber so auf den Punkt bringen:

»Was mich angeht, so sind Sie bis zur Beendigung der Untersuchung von der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk suspendiert. Bis dahin sind sie als Arier zu behandeln.« (S. 404)

So handelt kein dem Volk verpflichtetes Regierungsmitglied, sondern ein absoluter, selbstherrlicher Diktator.

Oppenheimer versucht einen waghalsigen Drahtseilakt, der wiederum eindringlich beschrieben wird. Der Ex-Kommissar muss seinen neuen Herrn zufriedenstellen sowie die Chancen nutzen, die ihm die gefährliche Nähe zum Regime bringt. Zwischen ihm und der Deportation steht nur Vogler, und der ist ein unkalkulierbarer »Freund«. Irgendwann muss Gilbers ihn Farbe bekennen lassen: Ist Vogler ein eiskalter Nazi-Karrierist, der Oppenheimer scheinfreundlich ausnutzt, oder wird aus ihm ein »guter Nazi« und damit eine Klischee-Figur? So lange wie möglich lässt uns Gilbers im Dunkeln. Er findet schließlich einen Ausweg, der nicht originell ist aber glaubhaft ist; die Zahl der dramaturgischen Möglichkeiten ist ohnehin begrenzt.

Wohltuend ist der weitgehende Verzicht auf den Auftritt von Nazi-Prominenz. Goebbels vertritt sie in ihrem kriminellen Wahnwitz. Wohl eher dem Fachmann bekannt ist der Handlungsschauplatz »Salon Kitty«, einem vom Reichssicherheitsdienst verwanzten Bordell in Berlin-Charlottenburg. Ansonsten beschränkt sich Gilbers auf das Milieu der mittleren und unteren Nazi-Bonzen, was die bedrohliche Allgegenwärtigkeit des Regimes sogar steigert: Das Böse war auch außerhalb der Konzentrationslager oder besetzten »Feindgebiete« vor allem schrecklich banal. Der Horror manifestiert sich nicht in Szenen demonstrativen Judenhasses. Gilbers setzt auf die Vorstellungskraft. So beschreibt er, wie ein Mitbewohner des »Judenhauses« seine geheimen Vorräte verschenkt: Er wird deportiert und benötigt sie nicht mehr, weil er sterben wird.

Die Form passt zum Inhalt

Germania ist nicht nur inhaltlich ein Genuss. Deutsche Krimis leiden oft unter einer ungelenken Sprache, deren dumpfe Ausdrucksschwäche vor allem im sog. Regional-Krimi zum Genrestil zu gehören scheint. Gilbers ist in Ausdruck und Grammatik durchaus elegant; man kann es auch so in Worte fassen: Er ist ein ausgezeichneter Erzähler, dessen »Stimme« man gern zuhört.

Handlung, Hintergrund und Historie gehen eine selten so gelungene harmonische Verbindung ein, ohne dass die Spannung darunter leidet. Um einschlägige Klischees weiß Gilbers Bogen zu schlagen. Germania wird zum doppelten Horrortrip. Die fieberhafte Jagd auf einen Killer führt durch die irrwitzige Realität von Hitlers Albtraumreich. Das Ende ist quasi offen und muss offen sein, da die Geschichte sonst ihren Sinn verlieren würde. Eine Fortsetzung ist möglich, und dieses Mal empfindet der Leser dies nicht als Bedrohung. Auf jeden Fall wächst die Neugier auf weitere Werke des Verfassers!

Michael Drewniok, November 2013

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Chris Kriegner zu »Harald Gilbers: Germania« 07.10.2015
Ja, in den Kommentierungen wird mal wieder mit viel "schwerer" Ernsthaftigkeit analysiert.
Tatsache ist, dass sich seit Kerrs Gunther Serie
die ja auch schon ein paar Jährchen läuft, das dritte Reich als Lokation immer mal wieder anbietet. Vielen der Handlungen ist naturgemäß gemeinsam, dass sie letztlich doch aus heutiger Sicht erzählt werden, so auch hier. Wer sich selbst etwas auskennt, wird eine Menge Ungenauigkeiten entdecken, aber - hallo, es ist Unterhaltungsliteratur.
Durchaus lesenswert in diesem Sinne, aber kein absolutes Muss.
mikes zu »Harald Gilbers: Germania« 30.09.2015
Ein jüdischer Ex-Kommissar, reaktiviert von der SS, ermittelt 1944 im zerbombten Berlin, um einen wahnsinnigen Serienmörder zu fassen. Ist das glaubwürdig? Nicht wirklich, und dennoch funktioniert die Story irgendwie ganz gut.
Sehr gut recherchiert und dargestellt ist zunächst - soweit ich das beurteilen kann -der historische Rahmen, in den die Handlung gestellt ist. Das Ende des Krieges naht, und die Stimmung in der Berliner Bevölkerung ist kriegsmüde. Wenn auch hiner vorgehaltener Hand glaubt kaum noch einer an den Endsieg. Trotz Bombenkrieges gibt es so etwas wie Alltag, man schickt sich in die Verhältnisse und versucht, für sich selbst das beste daraus zu machen. Dem Abspann kann man entnehmen, das Gilbers den Zeitraum der Handlung sehr genau recherchiert hat, und das merkt man.
Demgegenüber bleiben Handlung und Figuren merkwürdig blass, und auch die sprachliche Umsetzung lässt zu wünschen übrig. So blickt Kommissar Oppenheimer allenthalben mürrisch drein, obwohl blanke Panik oder aber dumpfer Fatalismus angesichts seiner prekären Situation durchaus angemessener wären. Allerdings gibt es auch einige Highlights, so die Rückblende, in der geschildert wird, wie Hauptsturmführer Vogler erstmals seine Macht erkennt, als er in seiner Jugend seinen eigenen, gestrengen Vater an die Ortsgruppe des Jungvolks verrät, die diesen dann prompt in Gewahrsam nimmt und ihn so demütigt, das er zerbricht. Hier wird sichtbar, wie die Nazis den Charakter ihrer jungen Anhänger zu ihrem Nutzen (ver-)formten.
Die Handlung beginnt durchaus glaubwürdig und logisch, aber gerade im letzten Drittel des Buches wird es dann doch einigermaßen wirr. Das Ende schließlich ist für mich schlicht platt und nicht nachvollziehbar, offenbar geht in dem Nazi Vogler eine Wandlung vor, die nicht glaubhaft ist und die auch nicht erklärt wird. Man kann sich am Schluss des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor die Sache irgendwie zu Ende bringen wollte, es bleiben einfach zu viele Fragen offen.
Insgesamt als historischer Krimi einigermaßen lesenswert, aber wenn es um Spannung mit historischem Kolorit geht, dann ziehe ich die Kajetan-Romane von Robert Hültner oder auch die Berlin-Noir Trilogie von Philip Kerr allemal vor. Insgesamt 70´
michaschlag zu »Harald Gilbers: Germania« 14.06.2015
Man kann es kurz machen: Was Fingerspitzengefühl, Sprache, Logik, Erzählweise und Komposition anbelangt, kann man diesen Roman getrost in die Ecke stellen und statt dessen Volker Kutschers Kommissar Gereon Rath lesen. Wenn man sich für diese Zeit interessiert und etwas Vorwissen mitbringt. Der ist allemal glaubwürdiger und um Klassen besser geschrieben.
Oldman zu »Harald Gilbers: Germania« 23.05.2014
Ein Krimi, der in der Nazi-Zeit spielt, mit einem jüdischen Kommissar als Protagonisten, der von der SS reaktiviert wird. Was für ein Unsinn, der aber funktioniert eigenartigerweise recht gut. Die bedrückende und aberwitzige Atmosphäre dieser Zeit wird einem wirklich nahegebracht, alle zeifellos existenten Logiklöcher kann man als jemand, der diese Zeit nicht erlebt hat, nur schwer erkennen. Kam schwer in die Story rein, dann wurde es immer besser mit einem - und das ist mir immer sehr wichtig - spannenden und glaubwürdigen Finale. Könnte mir vorstellen, daß Kommissar Oppenheimer uns Lesern noch weitere Male begegnen wird. Eine solch singuläre Figur hat das m.E. verdient.
Stephanie zu »Harald Gilbers: Germania« 23.05.2014
Na ja. Wirklich kein Leuchtstern am Krimi-Himmel. Sprachlich sehr schwach. Und die Story konnte ich dem Autor nicht wirklich abnehmen. Muss aber auch gestehen ich hab es nicht bis ganz zum Schluß durchgehalten. Kein Buch welches man unbedingt gelesen haben muss.
Irgendwas zwischen lauer Kost und Altpapier.
Prof. Felix Dvorak zu »Harald Gilbers: Germania« 30.03.2014
Ein literarisch sehr schwaches Buch.
Banale Sichtweise der Zeit.
Völlig unnötige Ausformungen bei der Darstellung der Lebensumstände.
Man braucht ein kindisches Gemüt, um eine
solche Geschichte zu glauben.
Nur streckenweise entwickelt sich Spannung in dem Krimi.
Schade um die Zeit für die 530 Seiten.
meier13 zu »Harald Gilbers: Germania« 03.01.2014
Wenn ich nach 532 Seiten feststellen muß, das hier Spannungsliteratur auf höchstem Niveau vor traurigem, aber authentischem Hintergrund geliefert wird, dann ist dies nahe dran am perfekten Thriller. Die Genauigkeit, mit der die Lebensumstände beschrieben werden ebenso wie die handelnden Charaktere, deren Zwänge deutlich herausgearbeitet wurden, verdienen höchste Anerkennung. Für mich ist mit "Germania" ein Meisterwerk gelungen, Gratulation an den Autor.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Torsten zu »Harald Gilbers: Germania« 25.12.2013
Die Grundidee ist ebenso aussergewöhnlich wieschwer vorstellbar: Ein jüdischer Kommissar wird von dem Ermittler der SS wiedereingesetzt um eine Mordserie aufzuklären. Das bleibt natürlich höchst unrealistisch, obwohl versucht wird dies gleich auf mehreren Ebenen zu erklären.
Dies muss man als Ausgangslage also ebenso akzeptieren wie die ebenso merkwürdige und unrealistische Tatsache, dass "Kommissar" Oppenheimer die Aufklärung der Mordserie als wichtiger empfindet als sein eigenes Leben und das seiner Frau angesichts der bevorstehenden Deportation zu retten.
Leider ist dann genau dies, nämlich die Aufklärung der Mordserie nicht gerade wirklich hochspannend, sondern geschieht eher recht planlos und teils zufällig - die aussergewöhnlichen Fähigkeiten Oppenheimers, deretwegen er ja reaktiviert wird, kommen nicht recht zum Tragen und die Spannung wer denn nun der Täter ist, ist ebenfalls nicht besonders. Die Lösung empfand ich letztlich als ziemlich konventionell.
Bleibt also die Schilderung der gesamten Lebensumstände in dieser ganz speziellen Zeit. Der Autor hat sicher ganz akribisch recherchiert was die diversen Nazi-Organisationen, deren Strukturen, Differenzen und Auflösungserscheinungen betrifft, sowie was die Bombenangriffe auf Berlin angeht.
Gerade diese Detailtreue, dies Schildern auch der Auflösungserscheinungen des Regimes hat nicht nur den Kriminalfall überlagert, sondern für mein Empfinden auch das Verhalten der Menschen, insbesondere eben des Kommissars Oppenheimer seltsam entrückt.
Ganz besonders hat mir die Konstruktion mit der seltsamen Freundin Hilde missfallen, in der quasi alles zusammentrifft: Eine "Bekannte" (die Grundlage ihrer Beziehung wird in Anbetracht ihrer Bedeutung nur sehr unzuzänglich erzählt, fand ich), mit der Oppenheimer nicht nur die jeweiligen Erkenntnisse der Ermittlung durchspricht, die als frühe "Profilerin" fungiert, aber ebenso über derart gute Vernetzungen ins Regime und auch dem Widerstand verfügt, dass sie auch fast nebenbei eine Flucht der Oppenheimers in die Wege leiten kann.
Das empfand ich als viel zu künstlich für die tragende Rolle in der Gesamtkontruktion des Romanes.
Übrigens bleibt das Ende nur insofern offen, als dass der Krieg natürlich noch nicht zuende ist und das weitere Schicksal der Oppenheimers damit offen ist - der Kriminalfall an sich ist abgeschlossen.
Eine Fortsetzung kann ich mir jedenfalls als Krimi nur sehr schwer vorstellen - eine weitere Beschäftigung als Kommissar müsste doch mit noch grösseren Verrenkungen eingefädelt und erklärt werden als schon bei diesem Buch.
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