Bad friends von Gilly Macmillan

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Odd child out, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Knaur.
Folge 2 der Jim-Clemo-Serie.

  • London: Sphere, 2017 unter dem Titel Odd child out. 416 Seiten.
  • München: Knaur, 2018. Übersetzt von Maria Hochsieder. ISBN: 978-3-426-52258-5. 416 Seiten.

'Bad friends' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Heimlich haben sie sich nachts davongeschlichen, wie Jungen das eben manchmal tun: Abdi Mahal und Noah Sadler, die beste Freunde sind, seit Abdi, der Flüchtling, Noahs Schule in Bristol besucht. Doch in dieser Nacht wird Noah bewusstlos aus dem Feeder Canal gezogen, und aus dem traumatisierten Abdi ist kein Wort herauszubekommen. Während Noah im Koma liegt und um sein Leben kämpft, soll Detective Inspector Jim Clemo möglichst taktvoll ermitteln denn Fremdenfeindlichkeit brodelt unter der glänzenden Oberfläche der Stadt Bristol. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen, die das Leben beider Freunde und ihrer Familien zu zerstören droht? Alles scheint davon abzuhängen, dass einer der beiden Jungen endlich spricht. Doch der eine kann es nicht. Und der andere wird es nicht tun.

Das meint Krimi-Couch.de: Unfall oder Straftat? 65°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Bristol. Die 15-jährigen Noah Sadler und Abdi Mahad sind die besten Freunde und besuchten daher gemeinsam die Ausstellungseröffnung von Noahs Vater Ed, einem bekannten Fotografen, zum Thema Flüchtlinge. Viele Reisen hat Ed unternommen, unter anderem in das somalische Flüchtlingslager Hartisheik, in dem Abdis Eltern längere Zeit lebten, bevor sie sich auf den beschwerlichen Weg nach Europa machten. Nach der Vernissage wollten die beiden Jugendlichen bei Noah übernachten, doch offenbar hatten sie noch andere Pläne.

Denn obwohl es mitten in der Nacht war, gingen sie quer durch die Stadt zum Feeder Canal, wo es am Rande eines Schrottplatzes zu einer Auseinandersetzung kam. So jedenfalls berichtet es später eine Zeugin, doch den entscheidenden Moment, in dem Noah plötzlich in den Fluss fiel, will sie nicht beobachtet haben, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits den Notruf wählte. Nun liegt Noah im Koma und Abdi steht unter Schock.

War es ein bedauerlicher Unfall oder wurde Noah von Abdi gestoßen? Dieser Frage muss Detective Inspector Jim Clemo nachgehen, der nach sechs Monaten Pause wieder zurück im Dienst ist. Nach seiner Auszeit, geprägt von einer ausführlichen Therapie, freut er sich über die neue Chance. An seiner Seite steht Detective Constable Justin Woodley, der ebenfalls stark angezählt ist, nachdem er unlängst in einer Ermittlung einen starken Bock geschossen hat. Doch wo sollen die Ermittler ansetzen? Die Zeugin ist nicht zuverlässig, Noah kann und der traumatisierte Abdi will nicht reden …

Freundschaft, Flüchtlinge und Rassismus

»Bad Friends« besteht aus zwei Teilen. Zunächst geht es um den eingangs geschilderten Plot, im späteren Verlauf dann vor allem um ein Familiengeheimnis der Mahads. Das erste Drittel des Romans wirkt ein wenig behäbig, denn es gibt zahlreiche Rückblenden, vor allem von Ich-Erzähler Noah, der im Koma liegend auf sein Leben zurück blickt; er hat zudem Krebs im Endstadium.

Seit Jahren ist er in Behandlung, findet in der Schule keine Freunde außer Abdi und verdient daher unser Mitleid. Doch im weiteren Verlauf zeigen sich feine Risse, die belegen, dass er auch seine finsteren Seiten hat und sich, seine Krankheit ausnutzend, gerne in den Mittelpunkt drängt.

Nach rund der Hälfte des Romans ist zumindest geklärt, ob Noah von Abdi gestoßen wurde. Auf den verbleibenden zweihundert Seiten wird es trotzdem noch spannend, zumal das Tempo deutlich anzieht. So wird, durchaus geschickt, eine zweite Geschichte eingebaut, die das frühere Leben der Mahads betrifft. Eine typische Flüchtlingsfamilie möchte man meinen. Vater Nur fährt Taxi, Mutter Maryam engagiert sich in der Flüchtlingshilfe ohne die englische Sprache zu beherrschen, Tochter Sofia studiert und Sohn Abdi hat ein Begabtenstipendium. Alles bestens also, doch es lauert ein Geheimnis, welches nur die Eltern kennen, die wiederum alles daran setzen, dass dies so bleibt.

Für Mayram Mahad steht die Familie über allem, was noch zu einigen Problemen führen wird. Gleiches gilt für Fiona Sadler, Noahs Mutter, in deren brüchiger Ehe der sterbenskranke Sohn der rettende Anker ist. Dass Noah allerdings keine einheimischen Freunde hat, sondern »nur« den Flüchtlingssohn Abdi behagt der Mutter nicht. Vielleicht deswegen, da sie in Maryam aufgrund deren Sprachdefiziten keine eigene Freundin finden kann. Später zeigt sich, dass aus dieser Konstellation hässliche Ressentiments gegenüber Flüchtlingen entstehen.

Es macht immer tut-tut

Das allgegenwärtige Thema Alltagsrassismus und Vorurteile hätte ausführlich beleuchtet werden können, wird jedoch nur angerissen. Reaktionen der Öffentlichkeit? Fehlanzeige, dabei wird eingangs noch von einer fremdenfeindlichen Demonstration der »White Nation« berichtet. Lediglich die Presse hetzt. Das Leben der Familie Mahad im Flüchtlingslager und die allgemeine Situation von Flüchtlingen in ihrer neuen Wahlheimat werden hingegen ausführlich beschrieben. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit wird ebenfalls intensiv dargestellt, wobei es der langen Auszeit von Clemo zuzuschreiben sein mag, dass er mehrmals nicht hartnäckig genug nachfragt.

Die teils mit Klischees beladene Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und bietet gleich zwei Ich-Erzähler auf (Noah und Clemo). Das wirkt anfangs verstörend, aber nur so kann Noah seine Geschichte erzählen bis hin zu seinem Sturz in den Fluss. Wie erwähnt hat die Geschichte eingangs ihre Längen und bietet zudem ein Übermaß an Empathie auf, was nicht zuletzt auch sprachlich anstrengend zu lesen ist.

»Es tut mir so leid«, »Es tut mir sehr leid«, »Es tut mir leid« sind Aussagen von Clemo, die zumindest in ihrer Häufigkeit für einen Polizisten unglaubwürdig klingen; ganz davon abgesehen, dass sie auf Dauer einfach nur nerven. Die Variante »Das tut mir so leid« macht es nicht besser. Auch eine Journalistin will da nicht hinten anstehen und sagt »Das tut mir so schrecklich leid« (S. 288) und im selben Gespräch kurz darauf »Es tut mir so, so leid« (S. 289). Bleibt noch die Frage offen, warum ein englischer Originaltitel (»Odd Child Out«) einen anderen englischen Titel in der deutschsprachigen Ausgabe erhalten hat?

Jörg Kijanski, Oktober 2018

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