Mord nach Strich und Faden von Frances Brody

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Dying in the wool, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: , 1910 - 1929.
Folge 1 der Kate-Shackleton-Serie.

  • London: Piatkus, 2009 unter dem Titel Dying in the wool. 359 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2018. Übersetzt von Sabine Schilasky. ISBN: 978-3-404-17686-1. 431 Seiten.

'Mord nach Strich und Faden' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Der erste Weltkrieg ist noch nicht lange vorüber und Kate Shackleton gilt als Witwe, obgleich sie immer noch auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, eines Chirurgen, der in Frankreich aller Wahrscheinlichkeit nach gefallen ist. Doch nicht nur das Schicksal vieler Soldaten ist noch immer nicht geklärt, auch das von Zivilisten, die während des Krieges spurlos verschwunden sind.

Das meint Krimi-Couch.de: Kate Shackletons erster echter Kriminalfall 85°Treffer

Krimi-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta

Kate lebt mit ihrer etwas eigenwilligen Haushälterin in einem idyllischen kleinen Häuschen, das sie noch vor dem Krieg mit ihrem Mann gekauft hat. Sie ist eine selbstbewusste unabhängige Frau Anfang 30, die gerne fotografiert und zur Verwunderung der Umgebung ein eigenes, schnittiges Automobil fährt. Zur damaligen Zeit ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick. Obwohl ihre konservative Mutter sie drängt, wieder in ihr Elternhaus zurück zu kehren oder einen Ehemann zu suchen, denkt Kate gar nicht daran.

Sie liebt ihre Unabhängigkeit. Sie stellt nicht nur ihre größte Errungenschaft dar, sie empfindet ihr freies und unabhängiges Leben auch als ihren größten Luxus. Nach dem, was sie als Freiwillige im Krieg erlebt und durchlitten hat, ist sie nicht mehr bereit, sich irgendjemanden oder dem geltenden gesellschaftlichen Diktat unterzuordnen. Sie versucht immerhin Kompromisse zu schließen, wobei ihre unabhängige Art gerade in der Männerwelt nicht auf Begeisterung stößt, aber Kate lässt sich davon nicht unterkriegen.

Suche nach dem verschwundenen Vater der Freundin

Nun bietet sich für Kate die unverhoffte Gelegenheit diesen Status zu festigen, indem sie nun professionellen Auftrag als Privatdetektivin annimmt. Bisher hatte sie ihren klugen Verstand dafür eingesetzt, in der Nachkriegszeit so manchen vermissten oder abtrünnigen Soldaten ausfindig zu machen. Doch die Anfrage von ihrer Bekannten Tabitha Braithwaite ist etwas ganz neues. Kate soll Tabithas Vater finden, der seit 1916 als vermisst gilt.

Das Verschwinden des einflussreichen Besitzers einer Textil-Fabrik gibt viele Rätsel auf. Und irgendwie hat diesbezüglich jeder, ob Arbeiter oder Familienmitglied, ob Arzt oder Polizist ein Geheimnis. Schlimmer noch: nicht wenige tragen auf die eine oder andere Weise Mitschuld an den dramatischen Ereignissen. Um dieses Geflecht aus Lügen und Geheimnissen zu entwirren wird Kate alles abverlangt. Ohne ihren neuen Assistenten Sykes wäre dies wohl ein noch gefährlicheres Unterfangen …

Die frischgebackene Privatdetektivin bestreitet also ihren ersten richtigen Fall und viele – demnächst wohl vertraute Wegbegleiter – werden elegant und sympathisch eingeführt, allen voran der Ex-Polizist Sykes, der ihr von ihrem Vater – selbst Superintendent und Vorbild für Neugier und Ermittlertalent empfohlen wurde. Ihre anfängliche Distanziertheit, die sich im Verlauf des Romans immer mehr auf eine freundschaftliche Ebene zubewegt, zeigt schon eine gute Richtung an.

Kate, mit wachem Verstand und guter Beobachtungsgabe, erzählt zunächst ganz aus ihrer Sicht. Frances Brody wechselt im späteren Verlauf jedoch in die Perspektive anderer Beteiligter. Um die Geschichte voranzutreiben, lässt sie dem Leser mit diesen Einblicken einen Vorsprung, ohne aber zu viel zu verraten. Vielmehr wird das Rätsel noch vertrackter, die Beteiligten noch undurchsichtiger. Geschickt streut sie immer wieder kleine Hinweise ein.

Der bissige Humor der Ermittlerin ist höchst unterhaltsam

Besonders der bissige Humor unserer Ermittlerin hat mich sehr gut unterhalten, erfährt man doch vieles was sie beobachtet, aber niemals laut aussprechen würde. Vor dem gesellschaftlich-historischen Hintergrund der 20er Jahre Großbritanniens, da sich Höflichkeit und gute Umgangsformen wie ein roter Faden durch das Leben der Oberschicht ziehen, ein reizvoller Einblick. Lakonisch kommentiert sie die Eigenheiten ihrer Mitmenschen, ergänzt Interpretationen voller Sprachwitz – das ist für mich vor allem der Reiz dieses gut erzählten ersten Bandes; ich mag die Gesellschaft und das Großbritannien dieser Zeit. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die guten Recherchen auch und vor allem zur Textilindustrie der damaligen Zeit, deren Fachbegriffe hier als kleine Hinweisgeber in den Kapitelüberschriften dienen.

Die Story ist gut durchdacht und wartet gerade zum Ende hin mit mancher Überraschung auf. Familiengeheimnisse, die große Schatten auf ihre nachfolgenden Generationen werfen; die allumfassende Tragik des Krieges; das Wiedereinfinden in einen unwirklichen Alltag, all das beschreibt und erzählt Frances Brody aus der Perspektive einer jungen Frau, die schon viel verloren und als Freiwillige in den Hospitälern viel zu viel gesehen hat. Besonders die Sprache, die so authentisch wirkenden Beschreibungen und die geistreichen und dennoch lebendigen Dialoge haben es mir von der ersten Seite an angetan. Brody entführt ihre Leser mit allen Details und Gegebenheiten in die damalige Zeit. Und das, ohne es steif oder verstaubt wirken zu lassen.

Ein Kurzkrimi als Überbrückung bis zum nächsten Band

Kurz, sowohl die Handlung als auch die Sprache haben mich von Kate Shackletons erstem Fall überzeugt und ich freue mich schon auf den zweiten Band, der Anfang 2019 erscheinen soll. Wer nicht so lange warten möchte kann zur Überbrückung mit dem Kurzkrimi »Eine unerhörte Tat« weitermachen, das die talentierte und mehrfach ausgezeichnete britischen Autorin unter dem Pseudonym Frances Brody veröffentlichte.

Der kleine aber feine Kurzkrimi ist dabei weit mehr als eine kleine Fingerübung und erzählt gewissermaßen die Vorgeschichte zu Kate Shackleton. Obwohl man zu Anfang das Gefühl hat, dass sie nur schnell eine Geschichte erzählen möchte, steckt man als Leser unversehens mitten in einer stimmungsvollen, spannenden Erzählung, die sprachlich mit jeder Seite ausgefeilter wird. Es scheint, als würde die Autorin sich mit jeder weiteren Zeile »warmlaufen«. So ist auch dieser Kurzkrimi durchaus zu empfehlen.

Ein Überraschungsmoment dürfte Frances McNeil, alias Frances Brody, ohnehin noch im Ärmel haben, denn Kate wurde adoptiert, erst nach sieben Jahren bekam ihre Adoptiv-Mutter die beiden Zwillingsbrüder. Vielleicht kommt da noch eine spannende Enthüllung zu ihrer Herkunft in einem weiteren vertrackten Fall, denn Kate Shackletons Fälle scheinen allesamt etwas Persönliches zu haben.

Stefanie Eckmann-Schmechta, August 2018

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PMelittaM zu »Frances Brody: Mord nach Strich und Faden« 30.06.2018
England 1922: Kate Shackletons Ehemann wird seit 4 Jahren vermisst, er kam nicht aus dem 1. Weltkrieg zurück. Kate hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nachforschungen für andere Frauen anzustellen und hatte schon Erfolge im Auffinden vermisster britischer Soldaten. Der Vermisste, den sie nun aufspüren soll, war allerdings kein Soldat, sondern ein Webereibesitzer, der 1916 spurlos verschwunden ist. Seine Tochter Tabitha, die bald heiraten wird, glaubt nicht an seinen Tod und wünscht sich, dass ihr Vater sie zum Traualtar führt.

„Mord nach Strich und Faden“ ist der erste Band einer Reihe, die englische Originalausgabe erschien bereits 2009. Die Autorin lässt ihre Protagonistin selbst in Ich-Form erzählen, was meiner Meinung nach sehr gut zur Geschichte passt. Kate gefällt mir ausnehmend gut, sie ist patent, modern und klug, und mir sehr sympathisch. Auch die anderen Charaktere sind der Autorin gut gelungen, sie sind pointiert gezeichnet und manchmal ein bisschen skurril.

Die Geschichte entwickelt sich langsam, man lernt Land und Leute gut kennen und erhält auch eine kleine Einführung in die Arbeit einer Weberei der damaligen Zeit. Passend dazu sind Kapital nach einzelnen Arbeitsschritten bezeichnet, eine schöne und passende Idee. Einige Szenen sind Rückblenden, die in einer anderen Perspektive, z. B. Tabithas, erzählt werden. Ein besonderes Highlight war für mich der Auftritt Arthur Conan Doyles, dem Erfinder Sherlock Holmes, ich mag es sehr, in Romanen unerwartet historische Persönlichkeiten zu treffen.

Trotzdem behält die Autorin immer den Fall und seine Aufklärung im Blick, und macht es dem Leser auch möglich, ein bisschen mitzurätseln. Die Auflösung des Falles ist logisch hergeleitet und zufriedenstellend.

Mir hat der Roman gut gefallen und mich gut unterhalten mit seinem interessanten Fall und seiner sympathischen Protagonistin, ich hoffe, dass auch die weiteren Romane der Reihe veröffentlicht werden, ich würde mich sehr darüber freuen. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle Fans klassischer britischer Kriminalromane. 80°
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