Wer Strafe verdient von Elizabeth George

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel The punishment she deserves, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 20 der Thomas-Lynley-und-Barbara-Havers-Serie.

  • New York: Viking, 2018 unter dem Titel The punishment she deserves. 800 Seiten.
  • München: Goldmann, 2018. Übersetzt von Charlotte Breuer & Norbert Möllemann. ISBN: 978-3-442-31373-0. 800 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2018. Gesprochen von Stefan Wilkening. 8 CDs.

'Wer Strafe verdient' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Die Bürger des englischen Städtchens Ludlow sind zutiefst entsetzt, als man den örtlichen Diakon eines schweren Verbrechens beschuldigt und ihn verhaftet. Kurz darauf wird er in Polizeigewahrsam tot aufgefunden. Im Auftrag Scotland Yards versucht Seargent Barbara Havers Licht ins Dunkel um die geheimnisvollen Vorfälle zu bringen. Zunächst weist tatsächlich alles auf den Selbstmord eines Verzweifelten hin doch Barbara und mit ihr DI Thomas Lynley trauen dieser Version der Ereignisse nicht. Gemeinsam werfen sie einen genaueren Blick hinter die idyllische Fassade Ludlows und entdecken, dass fast jeder hier etwas zu verbergen hat.

Das meint Krimi-Couch.de: Inspector Lynley und Sergeant Havers ermitteln in gefährlicher Idylle 91°Treffer

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Vor zwei Monaten wurde Ian Druitt auf der Wache von Ludlow, einem mittelalterlichen Städtchen in Shropshire, erhängt aufgefunden. Ian, Diakon der St.-Laurence-Kirche und einer der am meisten verehrten und respektierten Bewohner der Stadt, wurde Kindesbelästigung vorgeworfen.

Die Wache ist unbemannt, wird nur von PCSO Gaz Ruddock, Ludlows Community Support Officer, und gelegentlich von regulären Streifenbeamten auf ihrer Tour benutzt. Die waren gerade wegen einer Einbruchserie in Shrewsbury im Einsatz. Daher musste Gaz die Verhaftung vornehmen. Ian sollte auf der Wache warten, um von dort abgeholt und aufs Revier nach Shrewsbury gebracht zu werden.

Die Polizei kommt zu dem Ergebnis, dass Ian Selbstmord begangen hat. Das Motiv: Angst vor dem Ruin. Die bei einem Todesfall in Polizeigewahrsam obligatorische interne Untersuchung der Independent Police Complaints Commission (IPCC) ergibt, dass die Polizei sich vorschriftsmäßig verhalten hat.

Vater des Toten übt politischen Druck aus

Doch Ians Vater, der einflussreiche Brauereibesitzer Clive Druitt aus Birmingham, ist überzeugt von Ians Unschuld und glaubt nicht an Selbstmord, droht mit seinen Anwälten und übt politischen Druck aus.

Assistant Commissioner Sir David Hillier von der Metropolitan Police schickt Detective Sergeant Barbara Havers und Detective Chief Superintendent Isabelle Ardery nach Ludlow. Sie machen sich ein Bild, sprechen unter anderem mit Chief Constable Wyatt, der Pathologin Dr. Nancy Scannell, PCSO Ruddock, dessen Chefin Sergeant Gunderson und Vermieterin Flora Bevans, Reverend Spencer von St. Laurence und dem College-Studenten Finn Freeman, dem Leiter von Ians Jugendgruppe. Ardery kommt zum gleichen Ergebnis wie die IPCC.

Doch Havers hat Zweifel. Es gibt zu viele offene Fragen. Wer war der anonyme Anrufer, der Ian Druitt belastete? Warum benutzte er das externe Notruf-Telefon der Wache? Warum wurde er nicht von der Überwachungskamera erfasst? Havers findet niemanden, der Ian Druitt belastet. Und es gibt für ihren Geschmack zu viele Zufälle. Allerdings findet sie auch niemanden mit einem Mordmotiv.

Bei ihren heimlichen Recherchen stößt sie auf eine neue Information, die Ardery ignoriert und im Bericht an Hillier unterschlägt. Als Hillier davon erfährt, schickt er Havers erneut nach Ludlow, diesmal mit Lynley.

Der perfekte Mord ist der, den man nicht als Mord erkennt

In den ersten Kapiteln entwirft George die Vorgeschichte, die im Dezember spielt und sich drei Monate vor Ians Tod ereignet. Setting ist das College-Städtchen Ludlow in den Midlands, mit netten Menschen, vielen Studenten und Rentnern. Nichts scheint die Ruhe und den Frieden dieses beschaulichen Ortes mit Kopfsteinpflaster, mittelalterlichem Stadtkern, Herrenhaus und Burgruine aus dem zwölften Jahrhundert zu stören. Das Leben der Bewohner verläuft in festen Bahnen. Es gibt keinen sozialen Sprengstoff, die Kriminalitätsrate ist nicht erwähnenswert. Das einzige polizeiliche Problem ist das erratische Verhalten der Jugendlichen vom West Mercia College mit ihrem Binge Drinking, oder der Obdachlose Harry, ein echter Charaktertyp, der seine Fundstücke schwarz auf dem Wochenmarkt verhökert.

Doch streut George seltsame Hinweise und Bemerkungen ein, mit denen sie leise andeutet, dass vielleicht nicht alles im Reinen ist.

Es erfolgt ein Zeitsprung von fünf Monaten in den Mai. In der Zeit ist ein Mann in Polizeigewahrsam gestorben. Unfall ausgeschlossen, Hinweise auf Fremdverschulden nicht vorhanden.

Lynleys These lautet, dass es den perfekten Mord nicht gibt. Der einzige perfekte Mord sei der, den man nicht als Mord erkenne. Doch wie soll man ihn erkennen, wenn genau das nicht gelingen kann? An dieser schier unlösbaren Aufgabe scheitern zwei Untersuchungen. Es lassen sich keine Beweise und keine Zeugen finden. Das Narrativ über das Geschehen auf der Wache ist von bestechender Glaubwürdigkeit, muss jedoch nicht die Wahrheit sein.

Havers hat ebenfalls eine These: Niemand denkt an alles, wenn es ums Verbrechen geht. Sie vertraut ihrem Instinkt und folgt einer Spur, die ins Leere oder aber zur Aufklärung eines schrecklichen Verbrechens führen könnte. Wenn etwas faul an der Geschichte ist, dann hat der Täter einen Fehler gemacht. Diesen Fehler will sie finden.

Sie könnte auch ihren Job bei der Met verlieren. Denn nach ihrem Italienabenteuer im Vorjahr (»Nur eine böse Tat«) steht sie immer noch unter Bewährung. Zwar hat sie den eisernen Vorsatz, alle Vorschriften zu befolgen, um nicht ihre Versetzung nach Berwick-upon-Tweed zu riskieren. Doch die Zusammenarbeit mit der eisigen Vorgesetzten und heimlichen Alkoholikerin Isabelle Ardery ist schwierig und unangenehm. Anders als Lynley ist Ardery nicht open-minded und hält Havers an der Kandare.

Im ersten Drittel spielt Lynley kaum mit. Die zweite Exkursion nach Ludlow ist beinahe eine Wiederholung der ersten. Das lässt einen interessanten Vergleich zwischen Lynleys und Arderys Methoden zu.

Die Wahrheit über die Ereignisse um Ians Tod, was wirklich geschah und die Hintergründe, wird nach und nach rekonstruiert, nach vielen erzählerischen Wendungen und Ablenkungsmanövern. Der Zahl der Verdächtigen sowie der möglichen und tatsächlichen Verbrechen wächst dabei stetig an.

Unhappy Family

Während sich der komplizierte Kriminalplot entfaltet, entwickelt George das Leben in einem idyllischen Städtchen in den Midlands, liefert Einsichten in soziale und gesellschaftliche Themen wie Binge Drinking und Alkoholismus, Budget-Kürzungen bei der Polizei, Promiskuität, dysfunktionale Familien. Es geht um Lüge und Selbstbetrug, Kontrolle, Macht und ihren Missbrauch.

In alternierenden Erzählfäden entfaltet sie die Geschichten der drei Jugendlichen Missa Lomax, Dena Donaldson und Finn Freeman sowie deren Familien. Die Halbinderin Missa, Tochter einer Ärztin und eines Apothekers, hat das College geschmissen, will heiraten und aus kulturellen Gründen als Jungfrau in die Ehe gehen. Dena, eine Halbwaise, ist unglücklich verliebt und promiskuitiv, schwänzt das College und meidet das unheimliche Herrenhaus, in dem ihr Vater auf mysteriöse Weise zu Tode kam. Finn, Sohn von Deputy Chief Constable Clover Freeman und dem Besitzer eines Fitnessclubs, spielt den Rebellen.

Jede dieser Figuren hat eine eigene Geschichte, eine eigene Sprache, eigene Probleme und Geheimnisse. Darum kreisen noch diverse Typen, wie der Obdachlose Harry und der Pub-Besitzer Jack Korhonen, der nebenher ein halbseidenes Geschäft betreibt.

Die Erzählfäden finden allmählich zusammen, verweben sich mit zwingender Logik zu einer einzigen Textur. Drei Familien, drei Schicksale, drei Lösungen.

In einer weiteren Nebenhandlung und der vierten Familiengeschichte wird Isabelle Arderys Leben nach ihrer Rückkehr aus Ludlow geschildert, der Kampf um ihre beiden Söhne und die Folgen ihres Alkoholismus, durch den sie nicht nur ihre Kinder zu verlieren droht, sondern auch ihren Job. Auch dieser Strang wird mit den anderen verwoben, denn selbst auf dem absoluten Tiefpunkt ihrer Trinkerkarriere zeigt Ardery sich als aufmerksame Ermittlerin.

Auf welche weibliche Figur der Originaltitel »The Punishment She Deserves« anspielt, Havers, Ardery, Clover Freeman, Yasmina Lomax oder eine ganz andere weibliche Figur, bleibt offen.

Vermutlich auf alle.

Fazit:

»Wer Strafe verdient« ist Elizabeth Georges 20. Lynley-Roman, ein ausgeklügelter »Mystery« mit großer psychologischer Tiefe, nuancierten Charakterstudien, detailfreudigen Beschreibungen des Settings und atmosphärischer Dichte. Großartig erzählt, spannend und verstörend, mit Momenten von Pathos und Komik.

Almut Oetjen, November 2018

Ihre Meinung zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient«

In Kürze ist es soweit und die Krimi-Couch erstrahlt im neuen "Couch-Look". Aus technischen Gründen müssen wir die Kommentar- und Wertungsfunktion vorübergehend deaktivieren. Vielen Dank für Euer Verständnis.

elke17 zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 21.11.2018
In Kürze, weshalb ich auch darauf verzichte, näher auf den Inhalt einzugehen:

Ich kann die vielen negativen Rezensionen nicht nachvollziehen. Von Elizabeth George darf man keinen gemütlichen englischen Landhauskrimi der Sorte Mord-Ermittlung-Entlarvung des Täters erwarten. Und das Ganze am besten auf 250 Seiten, damit es schnell runtergelesen werden kann. Aber das hat sie ja bereits hinlänglich in den Vorgängerbänden der Reihe bewiesen. Ihr Anliegen ist es, das komplizierte Beziehungsgeflecht im Umfeld des Verbrechens darzustellen, und das gelingt ihr auch in "Wer Strafe verdient" perfekt. Ja, und das benötigt Raum - in diesem Fall stark über 800 Seiten. Natürlich sind nicht alle Informationen für die Aufklärung relevant, aber so kann sich der Leser ein wesentlich besseres Bild von den Umständen machen, die zu dem Verbrechen führen. Und auch die Befindlichkeiten und persönlichen Probleme der Protagonisten von Scotland Yard - Havers, Lynley und Ardery - gehören meiner Meinung dazu, steht es doch außer Frage, dass diese die Ermittlungsarbeit gehörig beeinflussen.

Für mich war dieser Band jedenfalls wieder das beste Beispiel für einen aus der Masse hervorstechenden englischen Whodunit, der wieder einmal mehr beweist, dass Elizabeth George zurecht als Queen of Crime zu bezeichnen ist. Punkt!
Plural zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 16.11.2018
Also mit diesem Krimi ist Elizabeth George, nach meinem Geschmack, wieder auf dem Weg, solche Krimis zu schreiben, wie ich sie von ihr gerne lese. Kehrt sie zu ihrem alten Schreibstil zurück? Es wäre schön. Denn es war mal wieder ein Krimi von ihr, den ich irgendwann diagonal gelesen habe. Spannend von der ersten Seite, flüssig zu lesen. Äh, naja, ein Punkt hat mich doch gestört. Das neue Hobby von Barbara Havers. Steppen passt so gar nicht zu ihr. Das fand ich dann doch etwas zu übertrieben mit der Veränderung bei Barbara Havers. Aber mir hat es gefallen, daß Ardery doch ein Lob für Havers übrig hat. (Die Stelle verrate ich nicht, weil ich nicht weiß, ob das unter Spoiler fällt.)
Foxis Bücherschrank zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 07.11.2018
Was schreibe ich jetzt, ohne zu viel zu verraten? Es ist schwierig, denn wenn ich jetzt auf das Buch eingehe, kann ich das nicht, ohne evtl. einen Spoiler loszulassen. Da ich das nicht möchte sage ich hier nur so viel:

Der Autorin ist wieder mal ein Volltreffer gelungen. Um die umfangreichen Ermittlungen herum, beschreibt sie die oft komplizierten Familienangelegenheiten in erstaunlicher Vielseitigkeit. 
Man fühlt sich in vielen Situationen hineinversetzt. 
Die Beschreibungen der Ortschaften sind wie immer so präzise, dass man ohne weiteres als Tourist jeden Weg wieder erkennen kann.
Die Handlung selbst ist aktuell und keineswegs an den Haaren herbeigezogen.
Lynley und Havers agieren Gottseidank wieder in gewohnter Weise.

Elizabeth George gelingt es immer wieder. Das erste Buch war damals keinesfalls auch der erste Fall, sondern ich habe mit dem Dritten Fall begonnen, ohne zu wissen das es eine Reihe ist. Da kam ich aber schnell hinter. Ermittlungstechnisch könnte man die Bücher ja lesen wie man will, aber da auch das Privatleben der beiden Ermittler immer mehr in den Fokus rückt, ist es ratsamer mit Teil 1 anzufangen.

Man kann nur sagen, hauen Sie in die Tasten und lassen Sie den Leser weitere Fälle aufklären, Frau George.

Perfekt für den Herbst. Ist wirklich so. Für mich sind die Bücher von Elizabeth George Herbst-Bücher.
Regina Horn zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 30.10.2018
Nun ist nach zwanzig Folgen für Frau George kein Platz mehr im Regal... Sage niemand, ich hätte es nicht immer wieder versucht.
Was für ein Graus.
Und jetzt nehme ich mir nochmal "Asche zu Asche" oder "Denn bitter ist der Tod" oder .vor und trauere um meine Lieblingsserie.
Havers steppt .Ich fass es nicht...
konradhagendorn zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 29.10.2018
Wie heißt der Vater von Ian Druit? er ist eine figur im Roman aber es gibt so viele. Leider bin ich trotz langer Nachforschung nicht auf den Namen Vornamenseines Vaters gekommen Den genau hätte ich gern weil er für mich von Belang und Wichtigkeit ist Ichhoff hie eine schnelle antwort zu bekommen und bin deshalbsehr dank bar dafür.
Stefanie Heider zu »Elizabeth George: Wer Strafe verdient« 28.10.2018
Da ist er endlich wieder! Der klassische Lynley/Havers Roman mit all seinen Wirrungen im Leben der Protagonisten.
Diesmal nicht überzeichnet, wohldosiert und passend eingeordnet.
Der Fall selbst bekommt durch die aktuelle MissbrauchsDebatte in der Kath. Kirche eine besondere Note... wohl in dem Bewusstsein, dass es sich hier um die Church of England handelt...
Ich finde ein äussert gelungenes Buch, zurückgekehrt zu alter Höchstform... jetzt schon bedauerlich, vermutlich wieder 2 Jahre auf den nächsten zu warten...

Seiten-Funktionen: