Die Einkreisung von Caleb Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 unter dem Titel The Alienist, deutsche Ausgabe erstmals 1994 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1890 - 1909.
Folge 1 der John-Schuyler-Moore-Serie.

  • New York: Random House, 1994 unter dem Titel The Alienist. 496 Seiten.
  • München: Heyne, 1994. Übersetzt von Hanna Neves. ISBN: 3-453-08019-X. 575 Seiten.
  • München: Heyne, 1996. Übersetzt von Hanna Neves. ISBN: 3-453-09931-1. 588 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Hanna Neves. ISBN: 978-3-453-81113-3. 588 Seiten.
  • Hamburg: Zeitverlag Bucerius, 2010. Übersetzt von Hanna Neves. ISBN: 978-3841900098. 512 Seiten.
  • München: Heyne, 2018. Übersetzt von Hanna Neves. ISBN: 978-3-453-50398-4. 733 Seiten.

'Die Einkreisung' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

In New York City, schon 1896 mehr Moloch als Metropole, tötet ein Serienmörder grausam Kinder; da seine Opfer arm sind, will die Obrigkeit seine Taten vertuschen, was ein ehrlicher Polizeichef nicht duldet und deshalb einen Psychologen, einen Journalisten und eine Frau damit beauftragt, den Täter zu entlarven. Zeitgenössisches Unwissen und Vorurteile im Konflikt mit moderner Kriminalistik sorgen im Bund mit einem gut erdachten und entwickelten Plot für spannende Unterhaltung: ein beinahe schon klassischer Historien-Thriller, der anlässlich seiner (TV-) Verfilmung neu aufgelegt wurde.

Das meint krimi-couch.de: 1896: Die Neuzeit beginnt – inklusive Serienkiller 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

New York City ist 1896 eine Millionenstadt im permanenten Ausnahmezustand. Die Metropole wächst unaufhörlich, ein breiter Strom von Zuwanderern belebt bzw. übervölkert die Straßen. Die Verwaltung ist überfordert, die Polizei korrupt. Das organisierte Verbrechen breitet sich fast ungehindert aus. Ein soziales Netz existiert nicht, weshalb Armut, Hunger und Tod alltäglich dort sind, wo sich jene ballen, die oft jenseits des Gesetzes um ihr Überleben kämpfen.

Theodore Roosevelt, seit 1895 Leiter der New Yorker Polizeibehörde, hat sich die Aufgabe gestellt, diesen Augiasstall auszumisten. Damit stellt er sich automatisch auf die Abschussliste jener Gruppen, denen die Polizei als Helfershelfer in ihrem Ringen um Geld und Macht gilt. Deshalb ist Roosevelt angreifbar und muss rasch Erfolge präsentieren, was zum Problem wird, als es zu einer Mordserie kommt, deren Opfer Kinder sind, die sich trotz ihrer Jugend prostituieren.

Die Obrigkeit leugnet solche »Perversionen«, die Ermittlungen werden behindert. Das Phänomen des Serienmords ist polizeilich ohnehin kaum bekannt. Dr. Lazlo Kreisler bietet Roosevelt seine Hilfe an. Der Psychologe, ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, ist zumindest ansatzweise in der Lage, sich in die Geisteswelt des Killers zu versetzen. Mit einem Freund, dem Journalisten John Schyler-Moore, der Polizei-Sekretärin Sara Howard und den Ermittler-Brüdern Marcus und Lucius Isaacson bildet Kreisler ein kleines Team, das sich auf unkonventionellen Wegen einer Wahrheit nähert, die sämtliche Beteiligten in Lebensgefahr bringt: Der Killer soll eigentlich gar nicht gefasst werden, da dies womöglich den Ruf nach Reformen laut werden lässt. Weil Intrigen und seilschaftliche Ränken nicht fruchten, greifen auch die Verschwörer auf blanke Gewalt zurück …

Das Böse als Hirngespinst: eine schwere Geburt

Ursprünglich hatten es Juristen leicht: Wer einen Mitmenschen fahrlässig ins Jenseits beförderte, war ein Mörder und wurde entsprechend bestraft, wobei lange das Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« (bzw. in der Version des unvergessenen Adolf Tegtmeier: »Meine Rübe – deine Rübe«) den juristischen Alltag markierte. Wer als Angeklagter einen inneren Zwang zum Töten geltend machte, galt als vom Teufel besessen und musste erst recht vom Erdboden getilgt werden.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde es komplizierter. Wissenschaftler wie Carl Stumpf, Théodule Ribot und natürlich Sigmund Freud und seine Schüler C. G. Jung oder Alfred Adler begründeten und entwickelten die Psychologie und die Psychoanalyse. Sie gingen davon aus, dass der Hang (oder Drang) zum Bösen und damit schwerkriminelles Verhalten keineswegs angeboren und damit ein unentrinnbarer Fluch war, sondern aufgrund prägender Negativ-Erfahrungen im menschlichen Gehirn angelegt werden konnte. Dort keimten sie im Verborgenen, um schließlich monströs und mörderisch Blüten zu treiben.

Plötzlich galten Serienmörder wie Jesse Pomeroy (1859-1932), der schon als Kind zu morden begann – Caleb Carr greift seinen Fall ausführlich auf und lässt ihn sogar persönlich auftreten -, nicht mehr automatisch als Ungeheuer, die man möglichst rasch hinrichten musste. Nach und nach setzte sich der Gedanke durch, dass manche Mordserie das Produkt innerer Zwänge war, gegen die der Täter machtlos war.

Selbstverständlich wurde diese Erkenntnis nur langsam akzeptiert. Zu tief verwurzelt war der Kopf-ab-Reflex, der außerdem dafür sorgte, dass ein Mehrfachmörder definitiv von der Bildfläche verschwand. »Gerechtigkeit« und »Rache« wurden auch in der modernen Justiz keineswegs strikt voneinander getrennt. Hinzu kam Volkes Stimme, die unverhohlen forderte, »unverbesserliche« Kriminelle auszurotten, statt sie für gutes Geld einzusperren oder gar zu kurieren.

Psychologie und Kriminalistik: eine Nagelprobe

Während die Psychologie in den Jahrzehnten nach Freud & Co. ihren Platz allmählich auch in der Kriminalistik fand, hinkte die Unterhaltungsindustrie hinterher. Zwar gab es durchaus Romane oder Filme gegeben, die entsprechendes Gedankengut verbreiteten, aber es fehlte DER Bestseller oder Blockbuster, der den Serienkiller als Archetyp definierte. 1988 bzw. 1991 war es soweit: Erst der Roman und dann der Film »The Silence of the Lambs« (dt. »Das Schweigen der Lämmer«) von Thomas Harris sorgte dafür, dass der irre, aber geniale Psychopath und Sadist elementarer Bestandteil der Trivialkultur wurde.

Dort trieben es einerseits entsprechend gepolte Strolche immer einfallsreicher = blutiger, während andererseits ehrgeizige Autoren nach Alternativen suchten: Irgendwann streikt die Fantasie, der immer neue, grässliche, spannende Metzeleien entspringen sollen. Schreck schlägt durch Übertreibung ins Lächerliche um.

Lange dauerte es nicht, bis der Killer-Thriller zum Historienkrimi fand, der nur wenig früher durch Umberto Ecos Roman »Il nome della rosa« (1980; dt. »Der Name der Rose«) einen ähnlichen Aufschwung genommen hatte. Der Gedanke lag nahe, denn die (kriminalistische) Psychologie blühte wie gesagt auch deshalb auf, weil Serienmord in den Jahren vor und nach 1900 als reales Phänomen erkannt und begriffen wurde. Verbrecher wie Jack the Ripper, H. H. Holmes oder Albert Fisk waren definitiv keine »normalen« Mörder – und sie schienen an Zahl zuzunehmen.

Als Caleb Carr Anfang der 1990er Jahre beschloss, einen Psychothriller zu schreiben, der im New York des Jahres 1896 spielen sollte, nahm er sich vor, die Vergangenheit nicht als bunte Schablone für eine ansonsten beliebige Handlung zu nutzen (bzw. zu missbrauchen). Carr recherchierte überaus ausführlich die Geschichte der Stadt, während er sich gleichzeitig in die Historie der Psychologie und Psychoanalyse vertiefte. Das Ergebnis ist ein Roman, der kenntnisreich eine Vergangenheit aufleben lässt, Spannung aber nicht nur aus den beschriebenen Verbrechen, sondern auch aus der Exotik einer versunkenen, ungemein lebendigen Ära gewinnt.

Die Vergangenheit nimmt Gestalt/en an

Wenn wir »Die Einkreisung« heute lesen, sollten wir daran denken, dass dieses Buch bereits 1994 veröffentlicht wurde. Nur so mischt sich in ein Vergnügen, das die Lektüre weiterhin bereitet, nicht eine Enttäuschung, für die der Autor nicht verantwortlich ist. »Die Einkreisung« wirkt heute in vielen Passagen langatmig. Lazlo Kreisler und seine Gefährten diskutieren ausführlich Thesen, die wir Leser des schon fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts kennen: Unzählige Romane, Filme und vor allem TV-Dokumentationen über alte und neue, psychisch aus der Spur gesprungene Serienkiller haben uns zu »Fachleuten« gemacht.

Davon konnte Carr nicht ausgehen. Er leistete eine Vorarbeit, die überflüssig geworden ist. Dies schließt auch die offensive Präsentation einer Vergangenheit ein, deren Schmutz und Heuchelei nicht pittoresk und farbenfroh, sondern düster und »ehrlich« ist. Dass früher alles besser war, ist ein selten dämliches Sprichwort. Caleb greift in einen Bereich der Vergangenheit zurück, der in der offiziellen Geschichte New Yorks lange ausgespart blieb – und bleiben sollte: Carr erläutert nachvollziehbar die Motive.

Die Alltagswelt von 1896 wurde von quasi darwinistischer Grausamkeit geprägt. Politik, Justiz und Polizei waren korrupt, eine kleine Oberschicht sorgte mit Hilfe skrupelloser Handlanger dafür, dass Reichtum und Privilegien ihnen allein vorbehalten blieben. In dem entstehenden Vakuum konnte sich das organisierte Verbrechen einnisten und blühen. Eventuelle Ansätze sozialer Gerechtigkeit wurden als »unamerikanisch« oder »unchristlich« verdammt und unterdrückt: Wer es nicht schaffte in dieser Welt, hatte sich halt nicht genug angestrengt.

Das Ergebnis war ein Metropolen-Moloch, der seinen schon im 19. Jahrhundert nach Millionen zählenden Einwohnern keine echte Heimat bot. Zur gesetzlich ignorierten Ausbeutung kam ein Rassismus, der sich nicht nur durch die Hautfarbe, sondern auch durch die Herkunft definierte. Aus Europa und Asien strömten Einwanderer in die USA. Sie waren höchstens als billige Arbeitskräfte willkommen. Hunger, Krankheit und Tod waren ihr Alltag, Verbrechen und Prostitution die zweifelhaften »Alternativen«.

Ganz unten in der Hölle

In den Slums von New York treibt ein geistig derangierter Serienkiller sein Unwesen. Er hat sich Kinder als Opfer gewählt, die in ihm jenes Signal aktivieren, das seinen Mordtrieb weckt. Als Thriller gewinnt »Die Einkreisung« Spannung durch die relative Ratlosigkeit der Ermittler. Sie müssen das Instrumentarium ihrer Arbeit erst erfinden. Hinzu kommen zeitgenössische Hindernisse. Die unglaubliche Brutalität des Täters und sein Wüten in einem Milieu, über das die Zeitungen nicht schreiben dürfen, sorgt für eine Atmosphäre des Leugnens und Verdrängens: Zumindest jene Schichten, deren Kinder nicht in Gefahr schweben, möchten nicht mit diesem Aspekt der Realität belästigt und beunruhigt werden. Die Betroffenen wiederum sollen eingelullt werden, damit sie sich nicht zusammentun und Reformen fordern; auch dieser Aspekt ist Teil von Carrs Geschichte.

So ist es kaum verwunderlich, dass die Ermittlungen langsam ablaufen und immer wieder in Sackgassen landen. Carr kombiniert diese Schwierigkeiten mit einem Komplott: Etablierte Kreise wünschen keine echten Ermittlungen; selbst die Kirche steckt mit den Verschwörern unter einer Decke. Die komplizierte Suche nach der Wahrheit langweilt nicht, weil Carr das (natürlich nur zeitweilige) Scheitern in die Ereignisse integriert.

Schon als er sein Buch schrieb, machte sich Carr offensichtlich Gedanken über eine spätere Verfilmung. Während dies lange an dem gewählten Thema scheiterte – Kinderprostitution ist nicht nur in den USA kein Stoff, der für Zuschauerrekorde sorgt -, lag Carr goldrichtig mit der Zusammensetzung seines Ermittlerteams. Auch hier muss man berücksichtigen, dass er schuf, was heute zum Klischee verkommen ist.

Dem bis ins Finale schier unüberwindlichen Killer, der über kaum menschliche Kräfte und Fähigkeiten verfügt, steht ein geradezu politisch korrekt besetztes Ermittlerteam gegenüber. Als Mann der Wissenschaft, der aber auch tatkräftig eingreifen kann, hütet Dr. Lazlo Kreisler zusätzlich private Geheimnisse, die parallel zur Handlung enthüllt werden. Wo es zu handfest für Kreisler zugeht, springt John Schyler-Moore ein, der als Journalist vertraut mit den schmutzigen Seiten der Stadt ist. Ebenfalls genial, aber exzentrisch und für den (sachten) Humor dieses Romans sind die Brüder Isaacson zuständig, die gleichzeitig als Juden die zeitgenössisch unterdrückten Minderheiten repräsentieren. Dies gilt auch für Sara Howard, die selbstverständlich dem Chauvinismus nicht nur trotzt, sondern sich auch behaupten kann. Die Runde komplettieren Cyrus, der stolze Schwarze, der sich nicht diskriminieren lässt, und Stevie, das pfiffige Straßenkind: Die historische Realität beugt sich hier den Wünschen des modernen Publikums.

»The Alienist« – Neustart im 21. Jahrhundert

Aufgrund der heiklen Thematik dauerte es lange, bis sich jemand an den Roman als Drehbuchvorlage wagte, obwohl Caleb Carr ein Bestseller gelungen war (den er 1997 fortgesetzt hatte). Erst in den 2010er Jahren und im Zeitalter eines privaten und auch in den USA deutlich weniger durch öffentlich-rechtliche Zensurvorgaben eingeschränkten Fernsehens – hier der Kabelsender TNT – konnte »The Alienist« 2017 als zehnteilige TV-Serie verfilmt werden.

Das Ergebnis sorgte für gemischte Kritiken. Gelobt wurden die erlesenen Kulissen – gedreht wurde in Budapest -, in denen ausgezeichnete Schauspieler ihre Rollen verkörperten. Für wenig Begeisterung sorgte ein Drehbuch, das zu statisch blieb, den Dialog über die Story stellte und keine echte Spannung generieren konnte. Zudem zündete der Plot nicht mehr, weil sich ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Romans der Überraschungs- oder gar Sensationsaspekt erledigt hatte: Es sind wie gesagt zu viele Killer und zu viele Psychologen/Kriminalisten über uns gekommen.

Michael Drewniok, Juni 2018

Ihre Meinung zu »Caleb Carr: Die Einkreisung«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Berlino zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 30.07.2016
Gerade ausgelesen. Im Original gelesen. Die historischen Aspekte gut ausgeleuchtet (der Autor ist ja studierter Historiker), man konnte über Schauplätze und Personen sich noch nachhaltiger über Google informieren. Spannend und interessant die Einblicke in das NY Ende des vorigen Jahrhunderts.
Am Schluß, beim Showdown, wurde mir etwas zu dick aufgetragen. Es ist sicher schwer, für einen so langen Roman das richtige Ende zu finden. Gefallen hat mir, dass letztendlich aus Moore und Sara kein Paar wurde, da sie für sich beschlossen hat - für diese Zeit sicher ungewöhnlich - ein von Männern unabhängiges Leben zu führen und zu sehen, wie weit sie damit kommt. Also nicht das unvermeidliche Liebes-Happy End. Im Großen und Ganzen hat es mir gefallen und das Buch wäre es wert, verfilmt zu werden.
mg11 zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 12.03.2010
Ich musste das Buch leider nach 3/4 abbrechen, da mir kein echtes Lesevergnügen aufkommen wollte. Ich hatte nach den guten Bewertungen entsprechend hohe Erwartungen, die sich leider nicht erfüllten und finde die Geschichte ziemlich zäh und langatmig; kaum kommt etwas Fahrt auf, wird auch schon wieder der Wind aus den Segeln genommen. Schade.

Positiv zu bewerten ist die gut herübergebrachte düstere Atmosphäre der damaligen Zeit und die psychologischen Hintergründe.
0 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Stefan83 zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 25.09.2009
Als besonders interessierter Leser von Geschichten, die im viktorianischen Zeitalter bzw. zur Jahrhundertwende spielen, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis ich irgendwann über Caleb Carrs "Die Einkreisung" stolpern musste. Vom Klappentext schon mehr als angetan, schien klar, dass mich eine sicher sehr spannende Lektüre erwartet. Da dieses Kriterium jedoch eine ganze Menge der Bücher in meinem Regal erfüllen, blieb Carrs Debütwerk vorerst lange Zeit unangetastet. Eine echte Nachlässigkeit, wie ich nun, nachdem ich es gelesen habe, feststellen muss, denn "Die Einkreisung" ist ohne Zweifel DER beeindruckendste Psychothriller, den ich bisher zwischen den Fingern hatte. Dieses Buch zu bewerten, ohne Begriffe wie "Meisterwerk" oder "Highlight" in den Mund zu nehmen, scheint gänzlich unmöglich, denn Carr hat eine Geschichte auf Papier gebracht, die nicht nur das New York der 1890er en detail zum Leben erweckt, sondern auch von der ersten bis zur letzten Zeile ohne Unterbrechung zu fesseln weiß.

Ihren Anfang nimmt sie im Jahre 1919 am Grabe des verstorbenen Theodore Roosevelt. Dort stehen mit John Schuyler Moore und Sara Howard zwei seiner ältesten und engsten Freunde aus der Zeit, als der Präsident der Vereinigten Staaten noch Polizeichef von New York war. Gemeinsam erinnern sie sich an ihre Jagd auf einen Serienmörder, der über Monate hinweg die Elendsviertel des Big Apple in Angst und Schrecken versetzt hat. Aus der Sicht des Journalisten Moore erzählt, blicken wir zurück in das Jahr 1896:

Eine Reihe bestialischer Morde an Stricherjungen erregt im von Gewalt und Gesetzlosigkeit durchsetzten New York keinerlei Aufsehen. Die Polizei ist durch und durch korrupt, der neue Polizeichef Roosevelt gerade erst im Begriff, das Justizsystem zu modernisieren und verräterische Elemente aus seiner Truppe zu entfernen. Für ihn, der als einer der wenigen Trauer für die toten Jungen zeigt und in ihnen mehr als "kleine Erwachsene, die ihren Weg selbst gewählt haben" sieht, ist dieser Fall zu etwas Persönlichem geworden. Er zieht seinen alten Jugendfreund aus Studiumstagen, den Psychologen Dr. Kreisler hinzu, der sich nach Begutachtung des ersten grauenvollen Tatorts den Ermittlungen anschließen will. Roosevelt kann offiziell nichts unternehmen und lässt Kreisler im Geheimen sein eigenes Team zusammenstellen, dem neben der Sekretärin Roosevelts, Sara Howard, auch die Polizisten Lucius und Marcus, und Journalist Moore angehören. Gemeinsam macht man sich auf die Jagd nach dem Mörder...

Auf dem Papier sicherlich kein besonderer Anfang, den aber gleich mehrere Elemente einzigartig machen, denn mit ihm beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Verfolger und Gejagtem, das in diesem Genre wohl seinesgleichen sucht. Unter Benutzung von für damalige Zeit noch völlig unbekannten Ermittlungsmethoden, erweisen sich Kreisler und sein Team als Vorreiter in Sachen Profiling. Mittels Methoden wie der Untersuchung von Fingerabdrücken und forensischer Kenntnisse versuchen sie die Fährte aufzunehmen, während ein moralisch verkommener Polizeiapparat und die High-Society ihriges tut, um diese Nachforschungen zu unterbinden. Das Carr dabei ein wenig klaut, unter anderem einen Fall Joseph Bells exakt übernimmt, ist übersehenswert, denn im Ganzen überzeugt der Autor nicht nur spannungstechnisch, sondern vor allem mit literarisch allerhöchstem Niveau.

Die Figuren könnten lebendiger nicht sein, die Atmosphäre ist so dicht, dass man sie mit dem Messer schneiden könnte. Völlig unbewusst beginnt man hier das Nägelkauen, während man den Jägern in die düstersten Abgründe New Yorks folgt und streckenweise brutalsten Szenen ausgesetzt wird. Dabei überrascht Carr jedoch auch mit einer Tiefgründigkeit, die neben all dem Ekel zu berühren weiß. Das Schicksal der Stricherjungen lässt uns schlucken und einen erhellenden Blick in die damalige Gesellschaft werfen. Auch im Aufbau des Krimiplots erweist sich Carr als herausragend. Stück für Stück wird die Indizienkette zusammengesetzt, der Täter eingekreist, während man selbst rettungslos im New York des Jahres 1896 versinkt. Das Ende ist dann so meisterhaft wie das ganze Buch und setzt das krönende Tüpfelchen aufs i.

Insgesamt ist "Die Einkreisung" ein meisterhafter Psychothriller, der nicht nur ein treffendes Bild einer vergangenen Zeit malt, sondern sein Augenmerk auch auf die noch in Anfängen begriffenen psychologischen Beurteilungen des Täters richtet. Eine Empfehlung für alle Leser, die neben blutigen Morden auch das Mitdenken bei einer Ermittlung lieben und die für knapp 590 Seiten (es hätten ruhig noch mehr sein können) mal durchgehend Gänsehaut erleben möchten. Ein groß- und einzigartiges Stück Literatur, das mir auf ewig im Gedächtnis bleiben wird.
20 von 29 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thomas71 zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 15.02.2009
Ich habe keine Ahnung, in wieweit "Die Einkreisung" von Caleb Carr auf Tatsachen beruht oder ob die Geschichte um Dr. Laszlo Kreisler und sein Team erfunden ist, aber letztendlich ist es mir auch egal. "Die Einkreisung" besticht durch eine stimmige Atmosphäre, die Erzählung um die Jagd auf einen Serienkiller und die Entwicklung der ersten Profilingversuche fesselt vom ersten Moment an. Lediglich der in persönlichen Dingen oft betriebsblinde Ich-Erzähler John Schuyler Moore irritiert manchmal dadurch, dass er klare Zusammenhänge im persönlichen Umfeld seiner Kollegen nicht erkennt. Dennoch ein sehr gelungener Roman, der weniger durch Action, sondern viel mehr durch seine düstere Stimmung besticht...
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Krimi-Tina zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 24.12.2008
Sehr schöner sehr atmosphärischer und komplexer Krimi der Ende des 19. Jahrhunderts in New York spielt. Die Jagd auf einen Serienmörder zu einer Zeit, da die Kriminalistik, die Psychologie und die Forensik noch in den Kinderschuhen steckten. Und Polizei ein Synonym für Korruption war.
Die Stärke des Buches liegt sicherlich nicht in der Action, auch wenn die Morde explizit und deutlich beschrieben sind. Sondern in der schön und ausführlich ausgeführten Darstellung, wie das Team von Amateuren um den Psychologen Lazlo Kreisler durch akribische Spurensuche mit viel Versuch und Irrtum sich der Identität des Killers nähert, und ihn schlussendlich ausfindig macht und stellt. Und in dem Sittenbild Amerikas und speziell New Yorks zu der damaligen Zeit. Was das Buch anspruchsvoll zu lesen macht, es ist Konzentration erforderlich.
Insgesamt ein düsteres und nicht gerade hoffnungsvolles Buch, das aber auch gerade deswegen auch sehr fesselt.
Angenehme Abwechslung zu den teilweise doch recht stereotypen Serienkiller Krimis. Kriegt von mir 90 °.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Shrike zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 07.02.2008
Ich mag Krimis / Thriller, die nicht "nur" mit der üblichen, fast schon langweiligen Tätersuche aufwarten, sonder in die Tiefe gehen, in die Psyche. Bei "Der Einkreisung" wurde ich gut unterhalten. Ein außerordentliches Buch, das mit hoher Qualität fesselt.
Wobei es auch bei mir viele Jahre her ist, daß ich es gelesen habe, ist es mir in sehr guter Erinnerung geblieben.
Rolf.P zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 15.01.2008
In diesem Thriller erfährt man viel über die Anfänge der Psychologie, Polizeiarbeit sowie über das Leben in New York zur Jahrhundertwende.
Der Autor liefert ein packendes Psychogramm eines "imaginären Täters", welches die Protagonisten auf faszinierende Weise im Laufe der Geschichte wie ein Puzzel zu einem Gesamtbild zusammenfügen.
"Die Einkreisung" hat mich gefesselt und bietet brillante Unterhaltung für anspruchsvolle Krimifans.
Volker zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 14.06.2007
Habe das Buch gerade nach ca. 10 Jahren zum zweiten Mal gelesen - und war wieder in gleichem Maße begeistert! Ein Meisterwerk, wie man es nur sehr, sehr selten findet. Unbedingt empfehlenswert!
lywetz zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 20.04.2007
Ich bin absoluter Viel-Leser und habe lange keinen so guten Thriller, mit literarischen Qualitäten, gelesen. Dicht und tiergründig; Caleb Carr geht wunderbar mit Wort und Sprache um.
Eindeutig über 90 ° ! Freue mich jetzt auf den "Engel der Finsternis".
Pascal zu »Caleb Carr: Die Einkreisung« 12.03.2007
Na, dann muss ich halt mal ne andere Meinung haben. Mir war dieses Buch viel zu langatmig. Zuviele überflüssig Seiten, zuviel Geschichtsunterricht. Immer wenn es spannend war, wurde wieder abgebremst und im ersten Gang wieder angefahren. Meiner Meinung nach genügt dieses Buch den Ansprüchen eines Psychothriller im Jahre 2007 nicht mehr.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 27.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Die Einkreisung

Hinweis: Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen. Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre. Werbung ist nicht gestattet. Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.

Seiten-Funktionen: