Herzchen von Barbara M. Gill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1986 unter dem Titel Nursery crimes, deutsche Ausgabe erstmals 1987 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: , 1970 - 1989.

  • London: Hodder & Stoughton, 1986 unter dem Titel Nursery crimes. 192 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. Übersetzt von Edith Massmann. ISBN: 3-499-42818-0. 189 Seiten.

'Herzchen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Zanny ist Papas Liebling, ein bezauberndes Mädchen. Doch die kleine Zanny hat ihren Freund Willie im Teich ertränkt, ein fürchterlicher Spielunfall, sagen alle. Als aber Zanny und ihre Freundin Dolly ins Internat kommen, entpuppt sich die bezaubernde Zanny als gnadenloser Todesengel.

Das meint Krimi-Couch.de: She’s A Killer Queen* 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Noch bevor sich psychopathische Serienmörder die Buchhandlungsklinken in die Hand gaben, betrat ein perfider, eiskalter Killer die literarische Welt, der all die populären Auswüchse grausamer Phantasien glatt in den Schatten stellte: Zanny Moncrief, zu Beginn der Romanhandlung 6 Jahre alt, ein leicht moppeliger Engel, unberührt von moralischen Regungen. Kleine Stiefbrüder, die ihr im Weg sind: Husch, ertränkt im Gartenteich, die Stiefschwester: Leider verpasst, dafür brennt ein zufälliges Opfer, kann passieren. Die Eltern wissen es, aber reden sich ein, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, außerdem ist Krieg, es gibt genügend andere Probleme als ein mordendes Kleinkind. Wofür existieren schließlich katholische Internate. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Es funktioniert. Für ein paar Jahre.

Mord als minderes Vergehen betrachtet

Niemand stirbt in Zannys näherer Umgebung. Dann die erste erwachende Liebe; eine Nebenbuhlerin muss beseitigt werden, ein pädophiler Politiker, keiner nimmt es übel. Erst als das Subjekt der pubertären Begierde hingerichtet werden soll, regen sich zarte Skrupel. Doch niemand glaubt den Bekenntnissen einer mittlerweile 15-jährigen engelsgleichen Schönheit. Wenn nur nicht diese blöde Nonne irgendwelche Zahlen wissen wollte …

Und wieder ein B.M Gill-Roman, in dem die Polizei kaum eine Rolle spielt. Doch, Polizisten kommen vor, als freundliche Helfer, die einem verwirrten Kind den Weg nach Hause zeigen, Toffees verschenken und ansonsten auch nicht wacher sind als Erzieherinnen, Pastoren, Ärzte und andere »Respektspersonen«. Die liebe Zanny möchte so gerne Grenzen aufgezeigt bekommen, was sie erfährt, ist, dass Mord eine lässliche Sünde ist. Im Gegensatz zu lesbischem Sex.

Zwischen Krieg und Wunderland

Wieder mal hört niemand zu, wieder mal reimt sich jeder seine kleine heile Welt zusammen, wie sie nach traditionellen Vorstellungen zu sein hat. Was ganz offensichtlich eine dreiste Lüge ist: England befindet sich im Kriegszustand, draußen tobt der Wahnsinn, werden Massaker angerichtet, die Zannys kleine Morde tatsächlich wie lässliche, kleine Missgeschicke erscheinen lassen. Nicht, dass sich derartige Folgerungen in den Vordergrund drängen, ganz im Gegenteil: »Die letzten Wochen waren die Hölle gewesen – und er meinte nicht den Krieg«. Der Kriegseinsatz des Fliegermajors Moncrief ermöglicht ihm auch seine homosexuellen Neigungen auszuleben, während die verständnisvolle Gattin und konsternierte Mutter mit dem Hausarzt durch die Betten turnt.

Von Menschen und Institutionen – nichts Gutes

Mrs. Gill scheint ihre (britischen) Mitmenschen nicht besonders zu mögen (falls doch, eines kommt bei ihr buchübergreifend schlecht weg: Institutionen und besonders solche, die sich um Kinder kümmern sollen. Ganz übel wird es, wenn sie auch noch kirchlich geführt werden); überall Egoisten, die nur das eigene Wohl – bestenfalls noch das einer selbsterwählten Gruppe – im Sinn haben. Intelligenz dient nur als Mittel zur Berechnung der eigenen Erfolgsaussichten. Große und kleine Lügen sanktionieren alles. Selbst wenn sie auffliegen: Egal, eine neue Lüge drauf gepackt und alles läuft fast rund. Da erscheint die unbekümmerte Mörderin Zanny, diese Pippi Langstrumpf in morbid, geradezu sympathisch. Hey, ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt; es regiert die Lebenslust, der Affekt, große Gefühle, wenn auch nur geträumt. Am Ende lässt sie sich strahlend abführen, ein paar »gegrüßet seist du Maria« und das bonbonfarbene Leben geht weiter. Könnte ein Irrtum sein.

Herzchen ist eine Lesereise wert

Der Schluss des Romans fällt leider ein wenig ab, da er übers Knie gebrochen wirkt. Zanny mordet schlampig und wird so entlarvt (dennoch transportieren Motiv und Mordopfer den Geist des Irrwitzes der vorherigen Seiten). Gill schreibt per se keineswegs weitschweifig, aber im Schlussteil wirkt die Geschichte überhastet und fahrig, sodass ihr letztlich der Atem zur ganz großen Gesellschaftssatire fehlt. Konsequenter wäre gewesen, Zanny mit ihren Taten unbelastet davonkommen zu lassen, denn die rostigen Schienen der Konformität sind dem schrankenlosen Walten der Soziopathie kaum gewachsen. Trotz dieses Einwands bleibt »Herzchen« ein höchst gelungener schwarzhumoriger Roman, treffsicher und durchaus spannend.

»Detective Inspector Humphreys hatte ihr eine Tüte Bonbons dafür gegeben, weil sie Klein-Willie-umgebracht hatte. Pater Donovan hatte ihr drei «Gegrüßet seist du Maria» aufgegeben, weil sie Klein-Willie und den Brot-Evans getötet hatte. Drei «Gegrüßet seist du Maria» waren keine große Buße – aber doch ein Zeichen der Missbilligung. Es war also unrecht zu töten, aber anscheinend nicht so furchtbar unrecht. Für einen Mord wurde einem total vergeben. Für zwei wurde man milde gerügt. Vorausgesetzt man überschritt nicht eine vertretbare Anzahl, konnte man kaum in Schwierigkeiten geraten.«

Zurzeit nur antiquarisch erhältlich, dafür aber auch in einer wunderbaren Doppelausgabe mit »Blind in den Tod« (OT.: Death Drop). Beide Bücher passen zwar stimmungsmäßig überhaupt nicht zusammen, thematisch aber schon.

Jochen König, Juli 2018

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