Die letzte Terroristin von André Georgi

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1990 - 2009.

  • Berlin: Suhrkamp, 2018. ISBN: 978-3518467800. 320 Seiten.

'Die letzte Terroristin' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Berlin zu Beginn der 90er Jahre: Hans-Georg Dahlmann ist als Chef der Treuhandanstalt einer der meistgefährdeten Männer des wiedervereinigten Deutschlands: Zielscheibe der RAF, verhasst bei Teilen der DDR-Bevölkerung und im Konflikt mit westdeutschen Unternehmen, die alles dafür tun, dass ihnen im Osten keine Konkurrenz erwächst. Stets an seiner Seite: Sandra Wellmann. Obwohl erst vor Kurzem eingestellt, genießt sie als persönliche Assistentin schnell Dahlmanns volles Vertrauen. Doch Sandra Wellmann ist nicht die, für die ihr Chef sie hält.

Das meint Krimi-Couch.de: Aus der Zeit gefallene Killer geistern durch die Republik 65°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik muss die volkseigene Wirtschaft »abgewickelt« werden. Die so genannte Treuhandanstalt bewertet die Firmen in den neuen Bundesländern, und verkauft sie vor allem an Interessenten aus dem Westen. Im vereinigten Deutschland sind immer noch Terroristen aktiv, die sich der Roten Armee Fraktion (RAF) zurechnen. Für sie gehört Treuhand-Chef Hans-Georg Dahlmann zu den legitimen Zielen, die es auszuschalten gilt.

Zunächst wird jedoch Ernst Wegner, Vorstandsvorsitzender einer Frankfurter Großbank, auf dem Weg zur Arbeit ermordet. Für Dahlmann wird daraufhin die Sicherheitsstufe nochmals erhöht, die zuständigen Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) rechnen fest mit einem Anschlag. Ausgerechnet in dieser angespannten Situation hat der Treuhand-Chef eine neue persönliche Assistentin eingestellt – die Studienfreundin seiner Tochter, scheinbar über jeden Zweifel erhaben. Wie sehr er sich damit in Gefahr begibt, ahnt der Top-Manager nicht mal im Ansatz.

Dieses Buch ist auf keinen Fall ein Thriller

In seinem zweiten Roman hat André Georgi ein Thema aufgegriffen, dass neuerdings etliche Autoren in ihre Geschichten einflechten. Auch bei Horst Eckert und Martin Calsow – um nur zwei Beispiele zu nennen – ging es jüngst um die RAF und ihre Überreste. Offenbar ist die Zeit reif, um literarisch diesen Aspekt deutscher Vergangenheit aufzugreifen. Das kann man gekonnt und weniger gekonnt machen.

Georgi ist mit seinem Buch auf der Krimi-Bestenliste von FAS und Deutschlandfunk Kultur gelandet. Das ist nach der Lektüre des Romans – ein Thriller ist das Werk in meinen Augen auf keinen Fall – einigermaßen verwunderlich.

Von Kritikern wird »Die letzte Terroristin« durchaus unterschiedlich bewertet. Marcus Müntefering hat auf Spiegel Online ein recht positives Bild gezeichnet, hebt die hochkarätig besetzte Verfilmung hervor. Und bescheinigt Georgi, dass seit Rainer Werner Fassbinder vor vier Jahrzehnten niemand »ein vergleichbar trostloses, wenn auch ungleich schrilleres Bild des Terrors« gezeichnet habe.

Das ist mir viel zu positiv. Ich bin da eher bei Matthias Dell, der im Deutschlandfunk von einem »RAF-Thriller, der sich nichts traut« gesprochen hat.

Schön verpackt, nachvollziehbar, aber ohne Spannung

Nochmal, das ist kein Thriller. Auch wenn man historische Fakten mit falschen Namen in einen Roman einbaut, kann man das durchaus spannend gestalten. André Georgi hat einen Geschichte über Sandra Wellmann geschrieben, die persönliche Referentin von Dahlmann. Die diversen historischen Vorbilder nennen die Kollegen in ihren Besprechungen richtig: Ernst Wegner steht für Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank, der durch ein Sprengstoff-Anschlag getötet wurde, wie er hier im Buch beschrieben wird.

Sandra Wellmann steht für Susanne Albrecht, die bei der gut bekannten Familie Ponto geklingelt hat, um eine Entführung zu ermöglichen. Die Aktion lief aus dem Ruder, Ponto wurde erschossen. Georg Dahlmann steht für Detlef Karsten Rohwedder, den Treuhand-Chef, der vermutlich von der RAF erschossen wurde. Der Showdown findet in Bad Gronau statt – als Pendant zu Bad Kleinen, wo Wolfgang Grams auf den Gleisen erschossen wurde, wie hier die Terroristin Bettina Pohlheim. Alles schön verpackt, alles nachvollziehbar, alles spannungsarm.

Ein wirklich gutes Thema wurde weitgehend verschenkt

Matthias Dell spricht davon, das Buch sei »streckenweise fad wie Fast Food«. Das ist ein hartes Urteil, aber durchaus zutreffend. Einerseits hätte man die Handlung in der Tat um ein paar überraschende Wendungen anreichern können, andererseits finde ich es zu plump gemacht, wie Georgi die Terroristen gegenüber der Gründer-Generation der RAF herabstuft. Münterfering schreibt, der Autor habe sie als »traurige Abziehbilder falsch verstandener Idole« dargestellt. Mag sein, aber für meinen Geschmack ist das zu billig geworden. Den Gauloises ohne Filter die Lord extra gegenüber zu stellen, und das mit dem Geschmack von Bietigheim-Bissingen und Kohlrouladen zu assoziieren, zieht nicht so richtig.

Es mag schon sein, dass Georgi damit ein trostloses Bild dieser so genannten dritten RAF-Generation zeichnen möchte, aber das ist nicht wirklich gelungen. Man kann das Buch gut weglesen, als Drehbuch-Autor versteht sich Georgi auf schnelle Schnitte. In Filmform mag das vielleicht sogar gut ankommen, aber im Buch hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht. Die Abziehbilder hätte man deutlicher charakterisieren müssen. Und wer ist nun die letzte Terroristin? Pohlheim oder Wellmann?

Die Freundin der Dahlmann-Tochter wird in ihren Selbstzweifeln ausreichend geschildert, die anderen Terroristen bleiben fade und blasse Nebenfiguren. Und so vermag ich nicht zu erkennen, warum dieses Buch auf einer Bestenliste gelandet ist. Wer die fragliche Zeit nicht miterlebt, oder sich damit durch Lektüre auseinander gesetzt hat, wird dieses Buch und seine Geschichte ohnehin nur schwer nachvollziehen können. Und auch nicht verstehen, was der Gegensatz von Gauloises ohne Filter und Lord extra ist. Ein wirklich gutes Thema wurde weitgehend verschenkt. Und das ist wirklich schade.

Andreas Kurth, Oktober 2018

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mrs rabes bookaccount zu »André Georgi: Die letzte Terroristin« 05.09.2018
Deutschland 1991, die RAF ermordet Doktor Ernst Wegener, Banker „an der Spitze der Bank mit dem höchsten und potentesten Turm Frankfurts“. Auch das nächste Opfer, das die Terrorgruppe liquidieren will steht schon fest: Hans Georg Dahlmann, der Direktor der Treuhand. Das BKA ermittelt unter Einsatz aller Kräfte, doch niemand ahnt, dass die Gefahr im innersten Kreis Dahlmanns lauert.
Mir selber war nicht bewusst, dass die RAF bis in die 90er aktiv war. Ich bin ein Kind der 70er, auch das österreichische Fernsehen brachte zu den damaligen Attentaten Berichte. Die Bilder der Schleyer-Entführung sehe ich noch heute vor mir, ohne dass ich sie damals natürlich verstanden hätte.
Wenn Geschichtsunterricht nur immer auf diese Weise funktionieren würde.
So finde ich, „Die letzte Terroristin“ ist ein Thriller der Sonderklasse, zeitgeschichtliches Infotainment auf höchstem Niveau. Andre Georgi protokolliert das finale Aufbäumen der dritten Generation der Roten Armee Fraktion präzise und geduldig. Die Karriere als Drehbuchautor merkt man dem Verfasser an. Fakten und Fiktion werden mit hohem Wiedererkennungswert kombiniert. Spielend führt Andre Georgi den geneigten Leser durch eine Zeit des Umbruchs und der Veränderung.
Der Werdegang der Protagonistin von der behüteten Pfarrerstochter aus dem schnöseligen Vorort Berlins, wo die Mütter „Erna, Erika oder Helga“ hießen, zur Demonstrantin, die aus fehlgeleiteter Liebe zur Radikalen wird und trotzdem ihre bürgerliche Fassade wahren musste und konnte, geht nahe. Georgis Vorschau in die Zukunft der Hinterbliebenen der Opfer oder Angehörigen der Terroristen genauso wie das Scheitern des BKA Ermittlers erzeugt durchaus Emotionen gegenüber den sonst sehr nüchtern dargestellten Ereignissen. Hart und nicht zimperlich kann er schreiben, ich werde wohl nie vergessen, wie Hirnmasse der Beschreibung nach schmecken könnte.
oberchaot zu »André Georgi: Die letzte Terroristin« 21.08.2018
Im Mittelpunkt stehen der Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann, Sandra Wellmann sowie der BKA-Ermittler Andreas Kawert.
Auf Dr. Ernst Wegner wird ein Attentat verübt. Andreas Kawert und sein Team versuchen die Täter zu ermitteln, was alles andere als einfach ist. Und nun wird der Anschlag auf Dahlmann geplant. Er ist Treuhandchef und Sandra Wellmann seine rechte Hand, welche auch eine gute Freundin seiner Tochter ist. Schnell steht Sandra im Fokus der Ermittler und muss gemeinsam mit ihrer Komplizin, der Terroristin Bettina, fliehen.Ich finde das Buch absolut faszinierend, für mich als Nicht-Deutsche ist es auch eine Informationsquelle, was früher in Deutschland geschah, auch wenn die Geschichte fiktiv ist, trotzdem scheint sich sehr viel so ähnlich abgespielt zu haben. Die Attentate werden genau beschrieben. Man erfährt einiges über die Hauptpersonen, wie sie sind und was ihr Handeln für sie und ihr Umfeld für Konsequenzen hat.
subechto zu »André Georgi: Die letzte Terroristin« 12.08.2018
Generation RAF

„Tribunal“ von André Georgi hatte mich überzeugt und so stand „Die letzte Terroristin“ schon lange auf meiner Wunschliste. Worum geht es?
Basierend auf den Morden an Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen und dem Vorsitzenden der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder, die hier Wegner und Dahlmann heißen, erzählt der Autor eine spannende Geschichte über die dritte RAF-Generation. Von den Morden, die, wie wir wissen, am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, hier Bad Gronau, ein Ende fanden.
Auch die Terroristen haben reale Vorbilder. André Georgis Protagonisten heißen Bettina Polheim und Matthias Geifert. Unterstützt werden sie von Sandra Wellmann, die als Assistentin bei Dahlmann eingeschleust wurde. Das hat mich an Susanne Albrecht erinnert, die in real life als Türöffner bei der Ermordung von Dresdner Bank-Chef Ponto fungierte.
Das Schicksal von Sandras Sohn hat mich berührt. Denn, wie schon Baader, Meinhof und Ensslin, hat sie Markus zurückgelassen, als sie in den Untergrund ging.
Der Autor erzählt seine bestens recherchierte Geschichte in klaren, staccato-mäßigen Sätzen. Schnelle Schnitte und wechselnde Perspektiven sorgen für Dynamik. Das treibt die Leser voran und verhindert im vorliegenden Fall das Aufkommen jeglicher Form von Langeweile.
Es handelt sich um eine fiktive Geschichte, die auf Tatsachen beruht, aber auch Verschwörungstheorien enthält. André Georgi gelingt es hierbei ausgezeichnet, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, kurz nach der Wende, einzufangen. Ein Stück Zeitgeschichte.

Fazit: Spannender Mix aus Fakten und Fiktion. Gut, aber nicht so gut wie „Tribunal“.
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