Die rote Frau von Alex Beer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Limes.
Ort & Zeit der Handlung: , 1910 - 1929.
Folge 2 der August-Emmerich-Serie.

  • München: Limes, 2018. ISBN: 978-3-8090-2676-1. 416 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Random House Audio, 2018. Gesprochen von Cornelius Obonya. ISBN: 3837141306. 6 CDs.

'Die rote Frau' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Wien, 1920: Während die Stadt immer noch mit den Folgen des Krieges zu kämpfen hat, wird August Emmerich endlich in die Abteilung Leib und Leben versetzt. Doch während seine Kollegen dort den aufsehenerregenden Mordfall an dem beliebten Stadtrat Richard Fürst bearbeiten, müssen Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter Kindermädchen für die berühmte Schauspielerin Rita Haidrich spielen, die um ihr Leben fürchtet. Dabei stoßen sie jedoch nicht nur auf eine ominöse Verbindung zu Fürst, sie kommen einem perfiden Mordkomplott auf die Spur, das bis in die höchsten Kreise reicht. Und Rita soll das nächste Opfer sein.

Das meint Krimi-Couch.de: August Emmerich genießt schon jetzt Kultstatus 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Wien, März 1920. Rayoninspektor August Emmerich und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter schieben ordentlich Frust. Sie wollen in der Abteilung »Leib und Leben«, einer Spezialeinheit für Mord und schwere Delikte, auf Verbrecherjagd gehen, doch ihr neuer Abteilungsleiter, Oberinspektor Albrecht Gonska, lässt sie nur Hilfsarbeiten verrichten. Protokolle abtippen statt ermitteln, während die Kollegen unter Leitung des aufgeblasenen Revierinspektors Peter Brühl den Mord am beliebten Stadtrat Fürst untersuchen.

Emmerich hat eine Kriegsverletzung am Bein (Granatsplitter), Winters Arm ist lädiert – und so gilt das Duo als Krüppel-Brigade. Dieser winkt nun doch ein neuer Fall, die Schauspielerin Rita Haidrich fühlt sich bedroht, nachdem eine Frau ihren neuen Film mit einem Fluch belegt hat.

»Als wir mit den Dreharbeiten begonnen haben, ist eine unheimliche Frau im Atelier aufgetaucht. Sie hat den Film verflucht. Seither ereignet sich eine Katastrophe nach der nächsten. Unfälle geschehen, Menschen werden krank …Das muss aufhören. Am Mittwoch wird die große Schlussszene inszeniert, und am Donnerstag richte ich einen wichtigen Ball aus. Da darf auf keinen Fall etwas passieren.«
»Und was soll ich ihrer Meinung nach tun? Ich bin Kriminalbeamter, kein Exorzist.«

Emmerich wittert seine Chance. Wenn er den Fluch besiegt, dann sollen er und Winter am Fall Fürst mitarbeiten dürfen. Gonska ist einverstanden, Emmerich entdeckt schnell das simple Geheimnis des Fluches, doch der verhasste Brühl macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Dieser hat nämlich bereits den Mörder von Fürst verhaftet. Ausgerechnet Peppi, ein mehr als bemitleidenswerter Kriegsversehrter.

»Bis die endlich draufkommen, dass er’s ned war – sofern’s überhaupf draufkommen – is’ der doch längst krepiert. Der überlebt im Häfn ka Woch’n, aber das is’ der Kieberei wurscht. Sobald der Peppi tot is\', is’ der Fall für die Oaschlecha erledigt.«

Emmerich, der aufgrund einer privaten Notlage selbst im Obdachlosenasyl lebt, kennt Peppi. Er weiß, dass dieser niemals der gesuchte Mörder sein kann, zumal Stadtrat Fürst sein wichtigster Gönner war. Er stellt Gonska zur Rede und dieser willigt überraschend ein, dass Emmerich und Winter auf eigene Faust ermitteln.

Allerdings nur inoffiziell. Drei Tage haben die beiden Polizisten Zeit, dann ist Gonska von einem Kongress zurück und will Ergebnisse sehen. Die Zeit drängt, denn Peppi wird bereits von anderen Häftlingen bedroht …

Kongeniale Fortsetzung von »Der zweite Reiter«

Alex »Daniela Larcher« Beer hat mit »Die rote Frau« einen kongeniale Fortsetzung ihres inzwischen preisgekrönten Romans »Der zweite Reiter« abgeliefert. Der neue Fall um den ermordeten Stadtrat führt die beiden ungleichen Ermittler (Emmerich ein Waisenkind, Winter von adeliger Herkunft) in die Wiener Unterwelt, das Nachtleben, die Clubs und die Prater. Essen, trinken und vergnügen, das geht immer und sei die Lage noch so schlecht.

Und ja, die Lage ist noch immer beschissen. Streng rationalisierte Lebensmittel, kaum Kleidung und abends ersetzen stinkende Karbidlampen die Elektrizität. Irgendwo muss die Stadt ja sparen. Doch trotz aller Armut mit der auch Emmerich zu kämpfen hat, nachdem er seine große Liebe Luise kopfüber verlassen musste – ihr als gefallen vermerkter Mann Xaver kehrte aus dem Krieg zurück – gibt es viele Menschen, denen es noch elender geht.

Die Zustände im Obdachlosenheim, wo Emmerich ein Notquartier hat, sind schon abstoßend, andere Lebensverhältnisse schlicht unvorstellbar. Alex Beer legt sie schonungslos offen und konterkariert sie mit der Reizüberflutung der Filmbranche. Sekt, Champagner, aber auch Fleisch; alles im Überfluss. Überbordende Dekadenz vor und hinter den Kulissen.

»Die Ermordung des Thronfolgers, die Kriegsniederlage und der Zerfall der Monarchie, die Spanische Grippe, der Hungerwinter und die kommunistischen Stürme von Budapest und München. Wen scherte es? Wien tanzte noch immer und würde es auch weiterhin tun, selbst wenn der Rest der Welt in Schutt und Asche lag.«

Die Auswirkungen nach Kriegsende sind allgegenwärtig und ihre expliziten Darstellungen sind ein großer Bestandteil des Romanerfolgs. Der zweite, wichtige Faktor ist der stets missmutige Protagonist, der die Anstandsregeln der besseren Gesellschaft schlicht verachtet. Diese haben für ihn keinen Sinn, dienen lediglich der Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft.

Um deren Bodensatz geht es letztlich. Will man den Ärmsten, den Invaliden, den Kriegszitterern helfen – oder setzt man auf eine natürlich Auslese, damit die Gesellschaft neu erstarken kann? Bis zur Beantwortung dieser Frage gibt es viele böse Worte und Kommentare (nicht nur) von Emmerich, der sich und seinen jungen Partner Winter mehr als einmal in Gefahr bringt.

Wer sich für die Epoche der Weltkriege, vor allem deren soziale und gesellschaftliche Auswirkungen interessiert, der ist bei Alex Beer richtig. Mit einem zwinkernden Auge betrachtet, ist vielleicht der schönste Satz des Buches auch der Letzte: »Diese Geschichte war noch nicht zu Ende.«

Jörg Kijanski, Juni 2018

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clary999 zu »Alex Beer: Die rote Frau« 08.07.2018
»Wien war eine Weltstadt – schon immer hatte es hier unzählige Delikte gegeben, doch seit dem Krieg war ihre Zahl sprunghaft gestiegen. Die Bevölkerung war verroht, Hunger und Not forderten ihren Tribut.«
Zitat aus dem Buch, Seite 139

Zum Inhalt: Wien, im März 1920. Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter sind jetzt in der Abteilung »Leib und Leben«. Ihre Freude darüber ist allerdings schnell gesunken. Die anderen Kollegen der Mordkommission missachten die beiden neuen Polizisten. Nennen sie verächtlich »Krüppelbrigade«. Der allseits beliebte Stadtrat Richard Fürst wurde ermordet. Emmerich und Winter werden von den Ermittlungen ausgeschlossen. Sie müssen sich mit der sonderbaren Anzeige einer berühmten Schauspielerin befassen. Schon bald wird ein Verdächtiger im Mordfall Fürst verhaftet, aber Emmerich glaubt nicht an seine Schuld und ermittelt mit Winter im Hintergrund. Von seinem Vorgesetzten bekommt er dafür, wenn auch widerwillig, 72 Stunden….

»Der Krieg hatte sich tief in das Stadtbild eingebrannt. Schrecklich zugerichtete Invaliden, Witwen in Trauerkleidung, rachitische und tuberkulöse Kinder. Stadtrat Fürst hatte stets versucht die Not dieser Menschen einfach und unbürokratisch zu lindern. Wer würde jemand wie ihn ermorden? Und vor allem: Aus welchen Grund? «
Zitat aus dem Buch, Seite 138

Meine Meinung: Der Schreibstil der Autorin Alex Beer ist fließend und mitziehend. Man fühlt sich in diese Zeit hineinversetzt. Es ist ein kalter März und überall herrschen Not, Hunger, Armut und Krankheiten. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch. Die reiche Oberschicht vergnügt sich in Tanzlokalen und Theater. Die Filmindustrie hat einen Höhepunkt in den Zwanzigern.

August Emmerich und Ferdinand Winter sind mir schon aus dem ersten Band vertraut und sympathisch. Emmerich ist ein Kriegsversehrter. Der Granatsplitter in seinem Bein bereitet ihm oft Schmerzen. Winter ist erst seit kurzem der Assistent von Emmerich. Nach anfänglichen Misstrauen und ihrem ersten gemeinsamen Kriminalfall haben sich die beiden mittlerweile zu einem guten Team entwickelt. Emmerich ist erfahren und stur. Seine Vergangenheit hat ihn geprägt. Er bedient sich hin und wieder unkonventionellen Methoden. Winter ist zwar noch unerfahren, aber wissbegierig und zuverlässig.

Bei der Suche nach dem Mörder des Politiker Fürst verfolgen Emmerich und Winter verschiedene Spuren, die mitunter im Sande verlaufen, aber die Erkenntnis daraus, sind manchmal dennoch hilfreich. Das Mordmotiv? Persönlich oder politisch? Ein weiterer Mord geschieht. Gibt es eine Verbindung? Was Emmerich und Winter herausfinden ist schockierend! …

Der Handlungsverlauf ist spannend und abwechslungsreich! Gleichzeitig bekommt man einen beeindruckenden Einblick in die Lebensumstände der armen und reichen Bevölkerung, sowie über politische, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse. Die einzelnen Personen sind authentisch und überzeugend dargestellt. Waisenkinder, Zigeuner, Kriegsveteranen, Politiker, Polizisten, Kleinkriminelle u.v.m..
Der trockene Humor, Sarkasmus und einige Gespräche im Wiener Dialekt (auch für deutsche Leser verständlich ;)), die zwischendurch auftauchen, haben mich ebenfalls sehr gut unterhalten.

Faszinierend und wissenswert sind historische Fakten über die Nachkriegszeit in die Geschichte eingebunden! Manche Details waren mir noch nicht bekannt!

Ich bin schon gespannt auf den nächsten Band! Das Buch kann allerdings auch einzeln gelesen werden, weil der Kriminalfall in sich abgeschlossen ist.

Ein spannender historischer Krimi mit viel Interessantem aus den frühen Zwanzigern in Wien!

Sehr lesenswert!
5 Sterne

»Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen. - Platon«
Zitat aus dem Buch, Seite 5

(Empfehlenswert finde ich auch den ersten Band! »Der zweite Reiter« von Alex Beer)
Krimisofa.com zu »Alex Beer: Die rote Frau« 25.06.2018
Alex Beer hat mit „Der zweite Reiter“ den Erfolg bekommen, den sie unter ihrem bürgerlichen Namen und einer zeitgenössischeren Serie vergeblich gesucht hat. Das Feuilleton hat das erste Buch um August Emmerich gefeiert, Beer hat einen der wichtigsten Literaturpreise Österreichs gewonnen und auch mich hat sie begeistert. Nicht nur, weil es in meiner Heimatstadt spielt, sondern auch zu einer absolut interessanten Zeit - einer völlig vernachlässigten Zeit, wie Beer dem Krimisofa in einem Interview verriet. Jetzt kam der Zweite Teil heraus, der mich allerdings nicht mehr so euphorisch zurückließ.

August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter haben es in die „Leib und Leben“-Abteilung geschafft - jene Abteilung, in die Emmerich schon vor seinem letzten Fall wollte. Winter ist noch von seinen schweren Verletzungen gezeichnet, die er im „zweiten Reiter“ erlitten hatte und kann nur einen Arm nutzen. Aber mehr als Protokolle abzutippen, haben die zwei, die vom Rest der Abteilung geschnitten und hinter ihren Rücken „Krüppelbrigade“ genannt werden, ohnehin nicht zu tun. Emmerich hingegen ist vom Heroin, das er im ersten Teil gegen seine Knieschmerzen genommen hat, losgekommen. Da er von seiner Luise ausziehen musste, weil ihr Mann es wider Erwarten aus der russischen Kriegsgefangenschaft heim geschafft hat, wohnt Emmerich jetzt in einem der neuen und von der Presse gefeierten Männerlogierhäusern. Anstatt einen Mordfall zu untersuchen, müssen die zwei sich den Fall der angeblich verfluchten Schauspielerin Rita Haidrich ansehen – eine weitere Schikane ihrer Vorgesetzten. Doch über diesen Fall stoßen die zwei auf den Fall des ermordeten Wiener Stadtrats Fürst, den die restliche Abteilung bearbeitet und die auch schnell einen Täter verhaftet. Aber Emmerich ist sicher, das es der falsche ist.

Manchmal frage ich mich, ob man ein Buch nicht so gut findet, weil man in der falschen Stimmung ist, einen harten Tag hatte und deshalb nicht richtig in die Geschichte reinkommt - genau so erging es mir bei „Die rote Frau“, das ich erst gegen Ende richtig gut fand. Auch fragte ich mich, was die Sache mit dem Fluch am Anfang sollte, die so gar nicht in die Geschichte passen will - am Ende war ich dann aber schlauer, denn beim hervorragenden und historisch interessanten Showdown löst sich alles auf. Die Charaktere von Emmerich und Winter haben sich weiterentwickelt und die zwei sind sich gegenseitig wesentlich loyaler als zu Beginn von „Der zweite Reiter“, obwohl „Die rote Frau“ nicht mal ein halbes Jahr danach spielt.

Obwohl es ein völlig anderes und wesentlich politischeres Buch ist als „Der zweite Reiter“, gibt es einige ähnliche Abläufe. Zum Beispiel hat Emmerich im ersten Teil der Serie sein lädiertes Knie verheimlicht - diesmal verheimlicht er, dass er in einem Männerlogierhaus in einer drei Quadratmeter Kabine haust. Oder dass die zwei Protagonisten über einen Fall zu einen Mordfall kommen - das gab es im ersten Teil schon. Dort war es der Schleichhändler, den sie dingfest machen solltest und über den sie dann zu einem Mordfall kamen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man eine Serie schreibt.

Teilweise macht Beer es sich beim Plot zu einfach: da findet Emmerich, der kein Latein kann, ein Heft, das in  reinstem Latein geschrieben ist - „Na kloa, do kenn i wen, der mir des übersetzt" (überspitzt zitiert). Oder Emmerich wird schwer verletzt, kann sich aber keine ärztlich Behandlung leisten - Winter schickt ihn zum Hausarzt seiner Oma, der macht's gratis. Und was mir leider sauer aufstößt, ist die Vermischung von Deutschem und Wiener Dialekt. Da findet ein regelrechtes Meet & Greet zwischen „die Faxen dicke“ und „Heast Oida“ statt und das geht leider auf Kosten der sonst so hohen und abermals herausragend recherchierten Authentizität. Denn ich glaube nicht, dass es in Wien 1920 gängig war, „die Faxen dicke" oder „klauen" zu sagen. Und falls doch - mea culpa.

Tl;dr: „Die rote Frau“ von Alex Beer kann nicht ganz mit dem Auftakt der Serie mithalten, besticht aber abermals mit historisch interessanten Fakten und einem trickreichen und loyalen August Emmerich. Vor allem der Showdown wird einige überraschen, sodass man am Ende aufstehen und applaudieren möchte.
clary999 zu »Alex Beer: Die rote Frau« 12.06.2018
»Wien war eine Weltstadt – schon immer hatte es hier unzählige Delikte gegeben, doch seit dem Krieg war ihre Zahl sprunghaft gestiegen. Die Bevölkerung war verroht, Hunger und Not forderten ihren Tribut.«
Zitat aus dem Buch, Seite 139

Zum Inhalt: Wien, im März 1920. Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter sind jetzt in der Abteilung »Leib und Leben«. Ihre Freude darüber ist allerdings schnell gesunken. Die anderen Kollegen der Mordkommission missachten die beiden neuen Polizisten. Nennen sie verächtlich »Krüppelbrigade«. Der allseits beliebte Stadtrat Richard Fürst wurde ermordet. Emmerich und Wagner werden von den Ermittlungen ausgeschlossen. Sie müssen sich mit der sonderbaren Anzeige einer berühmten Schauspielerin befassen. Schon bald wird ein Verdächtiger im Mordfall Fürst verhaftet, aber Emmerich glaubt nicht an seine Schuld und ermittelt mit Wagner im Hintergrund. Von seinem Vorgesetzten bekommt er dafür, wenn auch widerwillig, 72 Stunden….

»Der Krieg hatte sich tief in das Stadtbild eingebrannt. Schrecklich zugerichtete Invaliden, Witwen in Trauerkleidung, rachitische und tuberkulöse Kinder. Stadtrat Fürst hatte stets versucht die Not dieser Menschen einfach und unbürokratisch zu lindern. Wer würde jemand wie ihn ermorden? Und vor allem: Aus welchen Grund? «
Zitat aus dem Buch, Seite 138

Meine Meinung: Der Schreibstil der Autorin Alex Beer ist fließend und mitziehend. Man fühlt sich in diese Zeit hineinversetzt. Es ist ein kalter März und überall herrschen Not, Hunger, Armut und Krankheiten. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch. Die reiche Oberschicht vergnügt sich in Tanzlokalen und Theater. Die Filmindustrie hat einen Höhepunkt in den Zwanzigern.

August Emmerich und Ferdinand Winter sind mir schon aus dem ersten Band vertraut und sympathisch. Emmerich ist ein Kriegsversehrter. Der Granatsplitter in seinem Bein bereitet ihm oft Schmerzen. Wagner ist erst seit kurzem der Assistent von Emmerich. Nach anfänglichen Misstrauen und ihrem ersten gemeinsamen Kriminalfall haben sich die beiden mittlerweile zu einem guten Team entwickelt. Emmerich ist erfahren und stur. Seine Vergangenheit hat ihn geprägt. Er bedient sich hin und wieder unkonventionellen Methoden. Wagner ist zwar noch unerfahren, aber wissbegierig und zuverlässig.

Bei der Suche nach dem Mörder des Politiker Fürst verfolgen Emmerich und Wagner verschiedene Spuren, die mitunter im Sande verlaufen, aber die Erkenntnis daraus, sind manchmal dennoch hilfreich. Das Mordmotiv? Persönlich oder politisch? Ein weiterer Mord geschieht. Gibt es eine Verbindung? Was Emmerich und Wagner herausfinden ist schockierend! …

Der Handlungsverlauf ist spannend und abwechslungsreich! Gleichzeitig bekommt man einen beeindruckenden Einblick in die Lebensumstände der armen und reichen Bevölkerung, sowie über politische, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse. Die einzelnen Personen sind authentisch und überzeugend dargestellt. Waisenkinder, Zigeuner, Kriegsveteranen, Politiker, Polizisten, Kleinkriminelle u.v.m..

Der trockene Humor, Sarkasmus und einige Gespräche im Wiener Dialekt (auch für deutsche Leser verständlich ;)), die zwischendurch auftauchen, haben mich ebenfalls sehr gut unterhalten.

Faszinierend und wissenswert sind historische Fakten über die Nachkriegszeit in die Geschichte eingebunden! Manche Details waren mir noch nicht bekannt!

Ich bin schon gespannt auf den nächsten Band! Das Buch kann allerdings auch einzeln gelesen werden, weil der Kriminalfall in sich abgeschlossen ist.

Ein spannender historischer Krimi mit viel Interessantem aus den frühen Zwanzigern in Wien!

Sehr lesenswert!
5 Sterne

»Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen. - Platon«
Zitat aus dem Buch, Seite 5

Empfehlenswert finde ich auch den ersten Band!
»Der zweite Reiter« von Alex Beer
leseratte1310 zu »Alex Beer: Die rote Frau« 10.06.2018
Wien gibt nach dem 1. Weltkrieg ein elendes Bild ab. Die Not ist allerorts zu spüren, aber es gibt auch Menschen, denen es so gut geht wie vor dem Krieg. Dann wird der beliebte Stadtrat Richard Fürst ermordet und die Abteilung „Leib und Leben“ unter der Leitung von Brühl hat schnell einen Schuldigen ausgemacht und ins Gefängnis gesteckt. Unterdessen müssen sich Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent Winter mit Schreibarbeiten und mit einem Fluch bei einem Filmprojekt beschäftigen. Doch Emmerich wird in seiner Unterkunft darauf aufmerksam gemacht, dass der inhaftierte Peppi es nicht gewesen sein kann. Daher beginnt er mit eigenen Ermittlungen und wird dabei von seinem Assistenten Winter unterstützt, was natürlich den Unmut seines Vorgesetzten hervorruft. Ihm bleibt nicht viel Zeit, diesen Fall aufzuklären.
Dies ist nach „Der zweite Reiter“ der zweite Band um den Kriminalinspektor August Emmerich.
Da Emmerich den letzten Fall so vorbildlich gelöst hat, wurden er und Winter endlich in die Abteilung „Leib und Leben“ übernommen. Doch was die beiden dort erledigen sollen, schmeckt Emmerich überhaupt nicht, denn er ist ein Kriminalinspektor und will richtige Polizeiarbeit leisten. Aber er macht sich bei Vorgesetzten und Kollegen nicht gerade beliebt mit seiner Halsstarrigkeit. Um zum Ziel zu kommen, schiebt er oft auch die Regeln beiseite und ermittelt risikoreich nach seinem Gefühl. Auch wenn er kriegsversehrt ist, so nimmt er bei seinen Recherchen auf seine Beschwerden wenig Rücksicht. Er ist ein guter Ermittler, der beharrlich sein Ziel verfolgt und auch auf sein Bauchgefühl hört. Bei diesem Fall stößt er aber nicht nur seine Vorgesetzten vor den Kopf, sondern auch eine ganze Reihe von angesehenen Bürgern aus dem Umfeld von Fürst.
Winter kommt aus so gänzlich anderen Verhältnissen als Emmerich. Er ist vorsichtig und hat oft Bedenken, wenn Emmerich vorprescht. Aber er ist eine treue Seele und unterstützt Emmerich immer, was manchmal ganz schön brenzlig werden kann. Als Team sind die beiden unschlagbar.
Es sind Ermittlungen der kleinen Schritte und obwohl viele Hinweise in eine Sackgasse führen, kommen Emmerich und Winter doch langsam voran. Aber die Zeit drängt.
Nebenher erfährt man historische Fakten und viel über das Leben der Menschen in Wien. Ich bin mit Emmerich durch Wien gelaufen und habe viele Örtlichkeiten gleich wieder vor Augen gehabt. Dass einige der Charaktere auch Dialekt (wirklich nur wenig) gesprochen haben, sorgt dafür, dass es sehr authentisch war.
Dieser historische Krimi ist informativ, unterhaltsam und sehr spannend. Ich kann das Buch nur empfehlen und freue mich schon auf den nächsten Fall mit Kriminalinspektor August Emmerich und seinem Assistenten Winter.
elke17 zu »Alex Beer: Die rote Frau« 04.06.2018
Wien nach dem Ersten Weltkrieg, wir schreiben das Jahr 1920, zehn Tage im März. Der Mangel ist allgegenwärtig. Hunger und unzureichende medizinische Versorgung bestimmen den Alltag. Es gibt kaum Arbeit, und wer welche hat, ist auch bestrebt, diese zu behalten. Speziell die Kriegsheimkehrer, die buchstäblich vor dem Nichts stehen. Die Lebensumstände der Kriegsgewinnler und des einfachen Volkes könnten nicht unterschiedlicher sein. Die einen leben im Luxus und dinieren unter Kronleuchtern von bestem Porzellan, die anderen sind froh um einen Schlafplatz im Männerwohnheim und stehen in den Schlangen der Armenspeisung für einen Teller Wassersuppe an. Golden Twenties? In keinster Weise. Nein, für die meisten geht es ums nackte Überleben, Moral wird klein geschrieben, Raub, Mord und Totschlag gehören zum Alltag, das Verbrechen blüht.

Der kriegsversehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist mit seinem Assistenten Ferdinand Winter, beide dem Leser bereits aus dem Vorgängerband „Der zweite Reiter“ bekannt, endlich in die Abteilung „Leib und Leben“ versetzt worden. Doch vom Lösen spektakulärer Mordfälle sind die beiden meilenweit entfernt. „Krüppelbrigade“ werden sie despektierlich genannt und in eine Abstellkammer verbannt, wo sie ihre Tage mit dem Abtippen von Berichten verbringen.

Emmerich ist ein äußerst sympathischer Protagonist, der zwar manchmal mit seinem Schicksal hadert, aber doch immer bemüht ist, aus seiner Situation das Beste zu machen. Er gibt nicht auf sondern beißt sich durch, ganz gleich wie viele Steine man ihm in den Weg legt. Und davon hat das Leben für ihn mit Sicherheit noch jede Menge in petto.

Nur seinem Insistieren ist es zu verdanken, dass man ihn und seinen Assistenten mit einem kleinen Fall betraut. Eine Schauspielerin fürchtet um ihr Leben, da am Set ihres Films immer wieder unerklärliche Dinge geschehen. Die Erklärung dafür ist schnell gefunden, aber dann wird ein Stadtrat ermordet aufgefunden, der sich, wie sie auch, in einer karitativen Organisation engagiert hat, die sich um Kriegsheimkehrer kümmert. Emmerichs Schnüfflerinstinkt erwacht und begibt er sich mit seinem Assistenten auf die Suche nach dem Mörder. Wer hätte ahnen können, dass sie dabei in ein Wespennest stechen und ihr eigenes Leben in Gefahr bringen würden…

Einmal mehr gelingt es der Autorin Alex Beer das Nachkriegswien mit all seinen Facetten anschaulich zum Leben zu erwecken. „Die rote Frau“ ist ein höchst spannender historischer Kriminalroman, gespickt mit einer Unmenge Details, nicht nur zum Alltagsleben sondern auch zur politischen Situation der damaligen Zeit, was von einer eingehenden Recherche zeugt. Der Kriminalfall an sich ist kompliziert, verästelt, entwickelt sich aber ohne Längen logisch und nachvollziehbar.

Wenn ich einen historischen Kriminalroman lese, möchte ich nicht nur spannend unterhalten werden, sondern auch verbürgte Informationen zu der Zeit und dem Umfeld erhalten, in dem sich die Handlung abspielt. Das ist Alex Beer mit ihrem neuen Fall für Emmerich und Winter gelungen. Von daher – volle Punktzahl!
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