Fuck you very much von Aidan Truhen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel The price you pay, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Suhrkamp.

  • New York: Alfred A. Knopf, 2018 unter dem Titel The price you pay. 230 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2018. Übersetzt von Sven Koch & Andrea Stumpf. hg. von Thomas Wörtche. ISBN: 978-3518468654. 349 Seiten.

'Fuck you very much' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Jack Price ist Drogengroßhändler, aber nicht irgendeiner, sondern der beste: cleverer, smarter und intelligenter als alle seine Konkurrenten zusammen. Mr. Cool himself. Und er hat sich bislang noch vor jeder unliebsamen Überraschung geschützt. Als man jedoch eine Nachbarin, die unter seinem Penthouse wohnt, ermordet auffindet, wird er nervös. Sie war zwar eine garstige alte Frau, mit der er nichts zu tun hatte. Was aber, wenn dieser anscheinend sinnlose Mord eine Botschaft seiner Gegenspieler an ihn war?
Er zieht Erkundungen ein und erfährt, dass die »Seven Demons« auf ihn angesetzt sind eine exklusive, hocheffiziente »Bruderschaft«, die bösartigsten, gnadenlosesten Hitmen überhaupt. Sieben absolut tödliche Spezialisten, die nie aufgeben und noch nie einen Auftrag vermasselt haben. Aber Price nimmt den Kampf an und setzt damit eine Kette unfassbarer Ereignisse in Gang.

Das meint Krimi-Couch.de: »He is not your grandmother’s crime novelist« 80°

Krimi-Rezension von Jochen König

So steht es auf der Website »Serpents Tail« geschrieben – und man kann dies unwidersprochen in Aidan Truhens Poesie-Album eintragen. Wenn man wüsste, wer dieser Aidan Truhen ist. Ein Pseudonym, die Informationen dazu sind mager. Fest steht, dass er mit »The Price You Pay« (bezieht sich auf die Hauptfigur Jack Price) einen Kriminalroman der auf- und abgedrehten Sorte verfasst hat. Auf den gehobenen Rabatz verweist auch die deutsche Titelschmiede, die dem wilden Krimi ein fröhliches »Fuck You Very Much« verpasst hat, das im Text des Öfteren gewünscht wird.

»Das hier bin ich, bevor alles losgeht«

Jack Price, der seinen gehobenen Lebensstandrad mit dem Vertrieb von Kaffee verdiente, bis er feststellte, dass das Drogengeschäft weit lukrativer und zudem aufregender ist, besitzt ein loses Mundwerk, mit dem er seine Geschichte erzählt und wortreich kommentiert. Gegen sein launiges Schwadronieren wirken die Figuren Quentin Tarantinos wie große Schweiger.

Obwohl Ähnlichkeiten zum amerikanischen Genrespezialisten vorhanden sind, kocht Aidan Truhen sein ganz eigenes Süppchen. Man braucht ein bisschen, bis man dahinter steigt, denn der forciert witzige Einstieg ins Geschehen lässt tatsächlich eine dieser unglückseligen Tarantino-Kopien erwarten, die Film und Literatur gerne mit Macht und wenig Können heimsuchen.

Aidan Truhen ist anders und kann mehr. Er bedient sich ähnlicher Mittel, übersteigert sie aber ins Groteske und schafft es trotzdem, bei all dem Wahnsinn, der um Jack Price herum ausbricht, und den er geradezu und mit Wonne initiiert, im Hintergrund ernsthafte Töne mitschwingen zu lassen.

»Ich heiße Jack Price, und das ist meine Story«

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eines Morgens verlässt Price seine Wohnung und stellt fest, dass eine Etage tiefer eine alte Dame namens Didi brutal ermordet worden ist. Er konnte die Frau zwar nicht ausstehen, aber er interpretiert die Tat als eklatanten Eingriff in seine Privatsphäre und ist per se der Meinung, dass man greise Mitbürgerinnen nicht umbringen sollte.

So beginnt er Fragen zu stellen, was dem Auftraggeber des Mordes nicht gefällt. Jack Price wird derbe verprügelt und gewarnt, sich aus der Geschichte rauszuhalten. Doch da ist er bereits im Privatermittlermodus und bohrt weiter. Worauf ihm die »Seven Demons« auf den Hals gehetzt werden, eine Gruppe äußerst effizienter Auftragskiller mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten, die es gewohnt sind, unliebsame Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Aber Jack besitzt nicht nur Stehaufmännchen-Qualitäten, er ist auch skrupelloser, perfider, reicher, findiger und redseliger als seine Gegner sich vorstellen können. Dass er in der Lage ist, seinem Geschwätz Taten folgen zu lassen, müssen die Seven Demons bald feststellen, als der Erste des Teams mit dem Kopf eines Toten erschossen wird (ehrlich, isso). Worauf eine wahre Destruktionsarie beginnt, mit ungewissem Ausgang.

»Eine Drive-by Kürbiskanonade mit Menschenkopf«

»Fuck You Very Much« ist ein kunterbuntes und humoriges Schlachtfest durch Jahrzehnte der Popkultur. Neben Quentin Tarantino gibt es eine tiefe Verbeugung vor Laurel & Hardy, deren kongenial verzögerten Aktion-wartet-geduldig-auf-Reaktion-Rituale freudig zelebriert werden, vor den Marx-Brothers, die aufgrund des überbordenden anarchischen Wortwitzes, getreu des Mottos: »Mehr ist mehr« abgefeiert werden, und vor Jean Paul Sartre, dessen existenzialistische Philosophie als wahre Jackass-Grundlage durchdekliniert wird.

Als Jack Price gewahr wird, dass er ganz alleine gegen scheinbar übermächtige Gegner antreten muss, fühlt er sich lebendig wie selten zuvor. Der Starke ist am Mächtigsten allein, womit auch good old Friedrich Nietzsche einbezogen wird. Der selbsternannte Übermensch Jack Price geht äußerst lässig mit dem Leben von Verbündeten, Bekannten und zufällig Beteiligten um. Mitleid macht erpressbar. Und wer will das schon sein, explizit, wenn einem die Seven Demons auf den Hacken stehen.

Aidan Truhen streift munter Philosophie, Drama, Porno und Momente tiefer Verzweiflung, um letztlich, dem deutsche Titel entsprechend, allem den ausgestreckten Mittelfinger entgegen zu halten. Und so wird der notorische Einzelgänger am Ende zugeben müssen, dass es sich in einer Gruppe wesentlich leichter marodieren lässt.

»Fuck You Very Much« ist von einer fröhlichen Amoralität, mit einer Hauptfigur, deren ethische Ambivalenz eigentlich tiefen Widerspruch hervorrufen müsste. Doch irgendwann liebt man es, Jack Price nicht zu mögen. Nicht ganz wie Lily Allen in ihrem Song »Fuck You« singt (als hätte sie Donald Trump vorausgeahnt): Fuck you very, very much/'Cause we hate what you do/And we hate your whole crew/So, please don’t stay in touch».

«Chikusho fuckaduck»

Die Sprache des Romans ist blumig und ausschweifend, die Seiten sind gefüllt mit onomatopoetischen Ausdrücken («Peng, peng, peng, bumm, peng, peng, oh Scheiße KAWUMMS KAWUMMS KAWUMMS ZAFISCH BOINK BOINK RAPLATZ», die den comichaften Charakter des Ganzen zusätzlich betonen. Sehr gelungen ist zudem, dass Price Gewalt eigentlich verabscheut und ihr ausweicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ihre schmerzhaften Konsequenzen bekommt er trotzdem gelegentlich zu spüren und weiß genau: «Kämpfe sind kein bescheuertes Jean-Claude-van-Ballett. Sondern einfach Aua.»

Gut, in die Tiefe geht das wahrlich nicht, ist aber auch zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. «Fuck You Very Much" ist und bleibt eine Krimi-Groteske mit Untiefen, der man aufgrund ihres fröhlichen Überschwangs, der kreativen Mordmethoden und perfiden Pläne, der anarchischen Zerstörungslust, den abgefeimten Witzen und letztlich dem Abfeiern von Liebe, Lust und Leben trotz aller Geschwätzigkeit nicht böse sein kann. Ganz im Gegenteil. Diesen Price bezahlt man gern.

Jochen König, Juni 2018

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