Einmal durch die Hölle und zurück

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2011
  • New York: Reagan Arthur Books, 2012, Titel: 'Wild thing', Seiten: 240, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 400, Übersetzt: Thomas Gunkel
Einmal durch die Hölle und zurück
Einmal durch die Hölle und zurück
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Jochen König
85°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2011

Der Arzt, der Killer, die Schöne und das Biest

Pietro Brnwa, diesmal alias Dr. Lionel Azimuth, hat Krankenhäusern (siehe: Scheller als der Tod) den Rücken gekehrt und arbeitet als stellvertretender Bordarzt auf einem Kreuzfahrtschiff. Zumindest zu Beginn seiner Odyssee Einmal durch die Hölle und zurück. Denn alsbald (und für 85 000 Dollar) findet er sich als Bodyguard für die höchst anziehende Paläontologin Violet Hurst auf einer Expedition ins Hinterland Minnesotas wieder. Auftraggeber: Rec Bill, der vierzehntreichste Mann der USA. Auftrag: Hurst beschützen, während er gleichzeitig herausfinden soll, ob die kostspielige Suche nach "Willliam", dem Monster vom White Lake, ein mehr oder minder klug aufgezogener Schwindel ist.

Zwischen mehrfachen, unaufgeklärten gewaltsamen Todesfällen, Neureichen der unterschiedlichsten Art, Drogenküchen betreibenden Hinterwäldler(innen) und Sarah Palin begibt sich Pietro/Lionel auf seine ureigene Reise ins Herz der Finsternis. Dass irgendwo auch noch rachsüchtige Mafiaschergen lauern, die es auf den Kopf des abtrünnigen Profikillers abgesehen haben, kommt noch erschwerend hinzu.

50 Seiten Anhang, Fußnoten en masse; dass es sich bei Einmal durch die Hölle und zurück nicht um einen Standardthriller handelt ist von Anfang – und besonders dem Ende her - klar. Josh Bazell entfacht einen ausufernden Kleinkrieg gegen Kreationismus, dumpfe Politiker, die Ausbeutung der Erde und ihrer Bewohner und sagt – besonders in Gestalt von Violet Hurst – dem von Menschen beeinflussten Klimawandel den Kampf an. Das ist meist brillant formuliert, sprüht über vor scharfzüngigem Witz und genauen Beobachtungen. Bazell liefert eine Nummernrevue, die sich gewaschen hat, der das redundante Geplapper eines Quentin-Tarantino-Films (der ja gerne als Vergleich angeführt wird) aber völlig abgeht. Wer behauptet Wut sei ein schlechter Ratgeber, der hat noch keinen Roman Josh Bazells gelesen. Er prangert nichts weniger als die Welt an, einen Ort, in dem die Opfer nicht einmal merken, wenn sie zu Opfern werden, oder denen es schlicht egal ist:

 

[Es handelt sich um] verblendete Rassisten […], die jedem plutokratischen Kandidaten zuliebe, der bereitwillig den Namen Jesu in seine Reden einfließen lässt, gegen ihre eigenen Rechte stimmen.

 

Das ist ein Gottesdienst für angehende Agnostiker und Zyniker, ein Verbündeter gegen die Dummdreistigkeit, die bestimmte Personen antreibt, jede Vernunft wider besseres Wissens fahren zu lassen. Sei es aus Profitgier, unerschütterlichem Glauben an irgendwas, zwischen großem Mann mit langem, wallendem Bart, bemütztem Mann mit kürzerem Bart, der einem angeblich eine Vielzahl von willigen Jungfrauen verspricht, wenn man sich seinem (von verblendeten Fanatikern formulierten) Willen aufopfert, und dem fliegenden Spaghetti-Monster.

Hat den Nachteil, dass die eigentliche Handlung ein wenig ins Hintertreffen gerät. "William", die menschenfressende Monstrosität des White Lake ist schon harter Stoff als Aufhänger, unseren gebenedeiten Arzt und Killer auf’s Tapet zu bringen. Aber im Kampf gegen die Verdummung ist jedes Mittel recht, und ganz so weit von der Realität ist die Auflösung des Romans nicht (s.u.). Doch natürlich muss angemerkt werden, dass besonders die Vielzahl an launigen (und informativen) Fußnoten natürlich eine Heraus/Überforderung des an stringentem Spannungsaufbau und wohlkalkulierter Verbrechensausführung und –bekämpfung interessierten Lesers (nachzulesen auf diversen Internet-Seiten, auf denen sich Betroffene über vorab verteilte Leseproben austauschen), darstellt.

Auch dass der Roman sich weit vom Setting des Debüts entfernt hat, darf nicht unerwähnt bleiben. Die Kreuzfahrtpassagen spielen eine völlig untergeordnete Rolle, ebenso Pietros angelerntes medizinisches Wissen, das bei der Suche nach "William" kaum von Bedeutung ist. Einmal durch die Hölle und zurück ist ein cleveres, ungeheuer unterhaltsames Buch; klug, witzig und gelegentlich sogar spannend, das an manchen Stellen allerdings an seiner eigenen Cleverness leidet. Trotzdem ein Genuss.

PS: Wie schon der Vorgänger erscheint Einmal durch die Hölle und zurück zuerst in der deutschen Übersetzung, bevor es Anfang 2012 in der Originalsprache veröffentlicht wird! Um möglichen Eventualitäten vorzubeugen, heißt es deshalb zu Beginn:

 

Die vorliegende Textfassung weicht inhaltlich geringfügig von der amerikanischen Originalfassung ab und wurde vom Autor für den deutschsprachigen Raum freigegeben.

 

Vorsicht Satire: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass irgendein Amerikaner Änderungs- oder gar Streichungswünsche hegen könnte; schon gar nicht Anhänger der Republikaner und der Vorstellung, dass die Menschheit von Adam & Eva abstammt. Da wäre eher Verbrennen eine Alternative.

PPS: Hier der Beleg. "William" ist tatsächlich im Süßwasser zu finden. Anschauen bitte erst nach der Auflösung. Einmal durch die Hölle und zurück ist gar nicht so abwegig: Neulich auf dem Golfplatz.

Einmal durch die Hölle und zurück

, Fischer

Einmal durch die Hölle und zurück

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