Die Marionette

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer Knaur, 2011, Seiten: 380, Originalsprache

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Andreas Kurth
Tote Soldaten, korrupte Politiker  und skrupellose Manager

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2011

Eine Bundeswehr-Patrouille wird in Afghanistan von den Taliban zusammengeschossen, es gibt nur wenige Überlebende. Katja Rittmer, eine deutsche Elite-Soldatin, erkennt sofort das Projektil, das ihr ein Arzt aus der Schulter geholt hat. Es ist Munition aus deutscher Produktion. Weil sie wegen einer zu hohen Morphium-Dosis für einen Kameraden, dem sie das Sterben erleichtern wollte, vor Gericht gestellt werden soll, taucht sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland sofort unter. Rittmer will die Wahrheit über die Waffen- und Munitionslieferungen an die Taliban herausfinden – und ist beseelt vom Gedanken an Rache. Rechtsanwältin Valerie Weymann soll zur gleichen Zeit einen deutschen Rüstungskonzern, der für den illegalen Waffenhandel verantwortlich gemacht wird, juristisch beraten. Ihr Kanzlei-Partner hat sie um Hilfe gebeten, weil er über seine politischen Kanäle erfahren hat, dass BND-Agent Eric Mayer die Untersuchungen von der Regierungsseite aus leitet. Doch auf das Wiedersehen mit dem Top-Agenten, der sie einst verhaften ließ und ihr dann das Leben rettete, ist die clevere Anwältin nicht vorbereitet. Zur selben Zeit zeigt sich die schwer traumatisierte Katja Rittmer als lebende Zeitbombe. Bei ihrem Rache-Feldzug zieht sie eine Spur der Verwüstung durch Deutschland – und wird von den Geheimdiensten gnadenlos gejagt.

Nachdem Alex Berg bei ihrem Politthriller-Debüt Machtlos bereits ordentlich Gas gegeben hatte, schaltet sie in Die Marionette gewissermaßen einige Gänge hoch. Von Beginn an bietet die Autorin den Lesern solide Action und gut recherchierte Fakten – garniert mit ebenso gut konstruierten erzählerischen Elementen. Sie vermag von der ersten Seite an zu fesseln, und die hohe Authentizität der Geschichte führt dazu, dass man sich zuweilen bei der Lektüre des Politik-Teils einer gut gemachten Tageszeitung wähnt. Dabei vermeidet die Autorin zu Oberlehrer-hafte Faktenberge, sondern baut reale Entwicklungen aus der Politik vielmehr höchst geschickt und unaufdringlich in ihre Erzählung ein.

Die wichtigsten Protagonisten aus ihrem ersten Thriller – Valerie Weymann und Eric Mayer – spielen auch hier die Hauptrollen. Die differenzierten Charaktere werden weiter entwickelt und somit für den Leser immer vertrauter. Beide übernehmen phasenweise wieder die Rolle des einsamen Wolfs, finden sich dann aber unter dem Druck der Ereignisse erneut zum Team zusammen. Dass sie sich auch näher kommen, wirkt durchaus authentisch. Eine solche Geschichte ganz ohne das Element Liebe wäre wohl auch zu realitätsfern gewesen. Immerhin gelingt es der Autorin, diesen Aspekt der Handlung recht geschickt im Hintergrund zu halten. Neben diesem bereits bekannten Duo spielen die Soldatin Rittmer, der Vorstandsvorsitzende eines deutschen Konzerns sowie ein amerikanischer Senator wichtige Rollen. Alle wirken durchaus glaubwürdig, auch wenn manche Teilaspekte leicht klischeehaft daherkommen.

Trotz der gut gezeichneten Figuren ist bei diesem Buch der Plot der eigentlich Star. Der Afghanistan-Krieg wurde zwar in letzter Zeit von der Atom-Katastrophe in Japan und der Euro-Krise nachrichtlich überlagert, aber spätestens wenn es neue Todesfälle in den Reihen der Bundeswehr gibt, rückt diese militärische Katastrophe wieder in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Die Vorstellung, dass deutsche Soldaten auch mit deutschen Waffen erschossen werden, ist dabei keineswegs abwegig. In vielen Kriegen haben Deutschland und andere Länder beide Seiten beliefert. Nur der früheren Zurückhaltung der Deutschen beim militärischen Engagement im Ausland ist es zu verdanken, dass Bundeswehrsoldaten noch nicht mit deutschen Waffen beschossen wurden. Und illegale Lieferungen in Krisengebiete oder so genannte Schurkenstaaten hat es schon häufig genug gegeben - der Irak ist da nur ein Beispiel.

Das posttraumatische Belastungssyndrom der Soldatin ist im Grunde nur noch ein Sahnehäubchen obendrauf. Denn auch dieses Thema sickert immer mehr in die Öffentlichkeit, obwohl es gerne verdrängt wird. Die Probleme der deutsche Soldatinnen und Soldaten nach dem Ende ihres Kriegseinsatzes werden wohl erst mit zeitlicher Verzögerung ausreichend thematisiert werden. Nicht alle müssen gleich zum Killer werden, aber die menschlichen und familiären Dramen, die sich bereits jetzt tagtäglich ereignen, sind Thema genug. Alex Berg ist es auf jeden Fall gelungen, aus dem komplexen Stoff einen wirklich rasanten Thriller zu machen, den man kaum mehr aus der Hand legt. Stefanie Baumm schreibt passable Kriminalromane, aber mit der Thriller-Serie um Weymann und Meyer hat sie als Alex Berg ihre wahre Bestimmung als Autorin gefunden. Auf die nächste Fortsetzung kann man sich wirklich freuen.

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