Einschlägig bekannt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 2010, Titel: 'Bien connu des services de police', Seiten: 210, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2011, Seiten: 256, Übersetzt: Andrea Stephani

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Jochen König
Brennt Paris?

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2011

The girl got rhythm!

Wohl wahr, den besitzt Dominque Manotti, und noch einiges mehr. Scheinbar nüchterner, knapper journalistischer Stil, doch das ist viel mehr: Poesie, die aus dem Gespür für Sprache, Timing und einer genauen Beobachtungsgabe resultiert. Manotti schaut genau hin, sieht dem zu, was Tag für Tag geschieht, komprimiert Ereignisse und haut sie dann als Fiktion dem Leser um die Ohren. Wer behauptet, mit Fäusten könne man nicht schreiben, hat Dominique Manotti nicht gelesen. Doch Wut alleine reicht nicht für gelungene Literatur, da gehört auch eine Menge analytisches Denken hinzu, möglichst derart präsentiert, das es nicht wie der erhobene Zeigefinger eines (noch) idealistischen Sozialkundelehrers wirkt. Keine Bange, auch das hat Manotti raus, denn unabhängig von ihrem reflektierenden Scharfsinn, sind die Geschichten einer Hand voll Polizisten, die auf verschiedenen Ebenen um Macht, Geld, Integrität, Anerkennung, Erfolg und manchmal auch bloßes Überleben kämpfen, spannend und plausibel umgesetzt.

Auf lediglich 250 Seiten entspinnt Dominique Manotti ein verzweigtes und komplexes Psychogramm einer Gesellschaft, die dem Untergang entgegen taumelt. Da sind Comissaire Le Muir und ihr rechtsextremer Fahrer und Adlatus Brigadier-Major Pasquini, denen für die Räumung zweier besetzter Häuser in der Pariser Vorstadt Panteuil jedes Mittel Recht ist; ihre Gegnerin Noria Ghozali, die mit ihrer arabischen Herkunft hadert, aber bei allem Taktieren, Straßenkämpfermentalität beibehalten hat; die jungen und engagierten Polizeianwärter Sebastian Doche und Isabelle Lefévre, die durch und durch korrupte Spezialeinsatztruppe BAC, um den großsprecherischen Paturel und den begeisterten Fußballer Ivan Djindjic. Den eine Fehlreaktion in der Vergangenheit Kopf und Kragen kosten kann. Dominique Manotti umreißt jede Biographie scharf, verleiht all ihren Protagonisten eigenständigen Charakter. Simple Schwarzweißzeichnungen gibt es nicht. Fast jeder Täter ist gleichzeitig Opfer bis zu einem gewissen Dienstrang. Bei den höheren Chargen ist alles Politik und damit machbar. Das muss Noria Ghozali nicht einmal schmerzhaft erfahren, sie weiß es längst. Nichts davon verkommt der Autorin zu polemischer Phrasendrescherei, sie ist dicht an ihren Figuren dran, jede Persönlichkeit handelt nachvollziehbar und glaubhaft, ob exponiert oder als Teil einer größeren Menge. Und selbst wenn sie die Handlung komprimiert, vor allem, was die Schnelligkeit ihrer Entwicklung angeht, Einschlägig bekannt bleibt mit jeder Zeile beklemmend realistisch. Eigentlich schlimmer noch Manotti arbeitet eher mit Understatement, als dass sie übertreibt.

Und en passant gelingen ihr auch im Kleinen ganz große Szenen. Wie jene, als Doche im "Heulbüro" angelernt wird, jenem Bereich des Polizeireviers, in dem die alltäglichen Anzeigen eingehen. Von Fahrrad- über Autodiebstahl bis zu häuslicher Gewalt. Der fette und gemütliche Kollege Robert klärt Sebastian auf:

 

So sind die Vorschriften, mein Guter. Die Verbrechensrate muss runter und die Aufklärungsrate rauf, das heißt, in Fällen, die wir nicht aufklären können, sollen wir so wenig Anzeigen wie möglich aufnehmen.

 

Das sieht dann bei einem Fall von Familiengewalt so aus (eine interessante Parallele zu Deadwood übrigens):

 

[Sous Brigadier Robert] spricht von Gefängnis für ihren Mann, von Arbeitslosigkeit, Armut, Rache, versichert ihr, dass mit Geduld alles wieder in Ordnung kommen kann, wissen Sie, gewalttätig sind die Männer doch mehr oder weniger alle, und erklärt abschließend, sie täte besser daran, keine Anzeige zu erstatten.

 

Dumm nur, wenn genau jene Frau kurze Zeit später blutüberströmt in ihrer eigenen Wohnung verreckt. Die Faust hat ausgedient, jetzt regiert das Messer.

Einschlägig bekannt ist wütend und klug genug, den Zorn in Worte zu fassen. Kein Pathos, kein übertriebenes Gejammer über den verrotteten Zustand unserer Welt. Stattdessen eine stilistisch klare und Genre gerechte Aufarbeitung so brisanter wie alltäglicher Themen. Gentrifizierung sagt sich leicht und lässt sich ebenso einfach ergooglen. Dominique Manotti verleiht dieser anonymen Vokabel Gesichter, zeigt wie mit Menschenleben gespielt und wie sie mitunter gewissenlos vernichtet werden. Gerechtigkeit heißt immer noch: "Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen." Das passiert fast beiläufig, ein Leitartikel wird erst draus, wenn der Bericht verschiedene Instanzen durchlaufen hat. Oder unredigiert von einer "offiziellen" Pressestelle übernommen wurde.

An ihren Journalistenkollegen lässt Dominique Manotti kein gutes Haar. Zumindest nicht an jenen, die bequem herumsitzen und dpa- und sonstige Meldungen zu Artikeln verarbeiten, ohne je selbst den Arsch hochbekommen und irgendetwas verifiziert zu haben. Der Triumph der Informationen-aus-zweiter-Hand-Welt.

Einschlägig bekannt: SO können Kriminalromane aussehen. So sollten sie aussehen. Leider.

Mahatma Ghandi hat einmal gesagt:" Man kann den Fortschritt und moralischen Wert einer Gesellschaft daran messen, wie sie mit ihren Tieren umgeht."
Welchen Wert hat wohl eine Gesellschaft, die mit den Menschen schlimmer umgeht als mit jedem Tier?

Notizen von einem sterbenden Planeten. Dominique Manotti ist die beste Protokollantin, die man sich dabei nur wünschen kann.

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