Roter Glamour

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Paris: Payot et Rivages, 2001, Titel: 'Nos fantastique années fric', Seiten: 191, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2011, Seiten: 256, Übersetzt: Andrea Stephani

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Wolfgang Franßen
Mitterand und die rote Nelke

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Feb 2011

Was waren das für Jahre in den Achtzigern? Alles schien möglich, als Mitterand mit der roten Nelke bewaffnet auf das Pantheon zuschritt. Viele, nicht nur Sozialisten und Kommunisten hofften auf bessere Zeiten und ahnten noch nicht, dass sie sich einen roten Monarchen eingehandelt hatten, der es nicht nur glänzend auf der politischen Klaviatur zu spielen verstand, besser noch das Schattenspiel der Machtabsicherung beherrschte.

Dominique Manotti, mit bürgerlichem Namen Marie-Noelle Thibault, der mit ihrem Roman Letzte Schicht ein Wirtschaftsthriller par Excellenz gelungen ist etwas, an das sich deutsche Autoren nur äußerst selten heranwagen - sagt von sich, dass sie der politischen, aktivistischen Generation angehört. Sie war lange Zeit Gewerkschaftlerin und ist an Mitterand gleichermaßen verzweifelt.

Ihr äußerst nüchterner Stil ist auch die Aufarbeitung verlorener Hoffnungen, politischer Perspektiven. Manotti eignet sich als Chronist jener Jahre, wenn sie von einem Flugzeug voller Waffen erzählt, das über der Türkei explodiert und in Paris Leichen hinterlässt, um den Sieg bei den nächsten Wahlen zu sichern. Wie halte ich mich möglichst lange an der Macht? Indem ich die Arbeit von Journalisten unterdrücke, Verräter zum Schweigen bringe und nach allen Seiten Loyalitätsbeweise verteile?

Macht. Einfluss. Prestige. Der Fisch stinkt zuerst am Kopf. Aber der Geruch bessert sich nicht, je tiefer man in die Bürokratie hinabsteigt, bis man letztlich beim kleinen Handlanger angelangt ist, der dafür Sorge trägt, dass Panzer, Raketen und Flugzeuge einen lukrativen Abnehmer finden. Und sei es der Iran, mit dem man offiziell niemals ein Waffengeschäft abschließen würde.

 

Ich habe eine schwarze (noir) Sicht auf die Dinge, weil ich glaube, dass meine Generation die sozialen Veränderungen, von denen ich träumte, nicht mehr erleben wird.

 

behauptet die Autorin von sich und ringt sich gleichzeitig eine wie von einem Skalpell eingeritzte Sprache ab, die das Kammerspiel der Politik ins Blitzlichtgewitter zieht, bei der kurze Hauptsätzen oft die Bühne der politische Intriganten aufbereiten. Trotz jenem damals noch nicht häufig verwendeten Begriff globalen Ambiente wirkt Paris provinziell. Mitterand zitiert zwar bei einem Spaziergang Saint-John Perse und gebärdet sich, wie ihm in der Spätphase seiner Karriere oft vorgeworfen wurde als Sphinx, doch er weiß um die notwendige Bodenhaftung seiner politischen Ambitionen und gibt das erhoffte grüne Licht für die politische Intrige.

Manotti erzählt von den Niederungen bedenkenloser Machtpolitik. Ihr Blick ist auf eines der schillernsten Jahrzehnte französischer Politik gerichtet. Sie ist auch Historikerin und schickt ihrem Roman eine Vorbemerkung voraus, um im Gestrüpp der 80iger die verschiedener Zuständigkeitsbereiche zwischen den hoch spezialisierten aber verfeindeten Direktionen mit Fakten zu untermauern.

Die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung führt zu zwielichtigen Gestalten wie Bornand, bei denen man sich fragt, wie sie überhaupt in die Lage gelangten, über einen eigenen Stab zu verfügen, dessen Daseinsberechtigung einzig und allein darin besteht, am Gesetz vorbei Frankreichs Interessen in der Welt zu wahren.

Was bei John Le Carré wie ein Gesellschaftsspiel der britischen Upperclass erscheint, wo noble Herren zuweilen ihren Schwächen unterliegen, leistet Manottis französische Variante vor allem dem kapriziösen Verlangen nach der eigenen Eitelkeit Vorschub.

Der Gegenentwurf zu Bornand ist Noria Ghozali, die sich mit einem Sprung aus dem Fenster vor der eigenen Familie rettet, lange Jahre ohne Papiere am Rand der Gesellschaft lebt und nur durch Zufall über eine Annonce, in die Ausbildung zur Polizeiermittlerin hineinrutscht. Sie ist jene Aktivistin ohne Macht, der zweifellos die Sympathien der Autorin gehören. Eigentlich hoffnungslos den Möglichkeiten der Apparate unterlegen, nähert sie sich trotzdem dem Zentrum der Macht, der Lüge, der Vertuschung.

"Am Ende siegt immer das Recht." heißt es zum Schluss. Allerdings vermochte Manotti sich den Zusatz: "Von kleinen Ausnahmen abgesehen." nicht verkneifen. Sie kennt ihr Frankreich halt.

Roter Glamour

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Letzte Kommentare:
19.04.2014 14:24:01
Darix

Manotti beginnt ihren „ Roter Glamour“ schnörkelos mit Tempo und Aktion. Sie informiert über eine französische Spezie / Politikerclique die ausgestattet ist mit hoher krimineller Energie. Diese agiert mit einem ausgeprägten Interesse an persönlicher Bereicherung oder Festigung des eigenen Machtstatus.
Der Politik-Thriller handelt wieder über die große „franko-europäische Politik“, gesteuert wie manipuliert durch unterschiedliche Organisationen, rund um dem Elysee Palast. Skrupel sind fehl am Platze. Fressen oder gefressen werden ist hier die Maxime.
Ein Waffendeal mit dem Iran, vordergründig verbunden mit einem Geiseltauschgeschäft, platzt. Einige dem Präsidenten nahestehende Akteure geraden in Erklärungsnotstand, gegenüber Unterweltgrößen, als auch unterschiedlichen, undurchsichtigen mehr oder minder staatlichen Organisationen. Morde zur Durchsetzung der eigenen Interessen und zur Festigung der politischen Interessen werden billigend in Kauf genommen. Undurchsichtig sind die Aktionen der Politiker und unterschiedlichen Polizei,- und Geheimdienstorganisationen. Die Prætorianer des Präsidenten agieren im rechtlosen Raum, die Grenzen sind fließend.
Der Thriller ist eine Abrechnung mit einer hemmungslosen Politikerkaste, verselbständigter Geheimdienste und manipulierbarer Medien.
Dem Leser wird anfänglich ein hohes Maß an Konzentration abverlangt, aufgrund der vielen unterschiedlichen Formen der Geheimdienst/ Polizeiorganisationen und deren teilweise persönlich ausgerichteten Interessen.
Manotti schreibt realistisch, rigoros ohne „Gute Mensch Mentalität“, ein Volltreffer.