Der Mordida-Mann

Erschienen: Januar 1982

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 1981, Titel: 'The mordida man', Seiten: 284, Originalsprache
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1982, Titel: 'Der Bakschischmann', Seiten: 238, Übersetzt: Edith Massmann
  • Berlin: Alexander Verlag, 2017, Seiten: 320, Übersetzt: ?

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Jochen König
Power, Corruption & Lies

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2011

"Der Mordida-Mann" erschien 1982 als "Der Bakschischmann" zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Damals noch in gekürzter Form. 35 Jahre später legt der Alexander-Verlag in seiner vorzüglichen Ross Thomas-Reihe dankenswerterweise eine neue und komplette Übersetzung des Textes vor. "Bakschisch" und "Mordida" bedeuten zwar ungefähr das Gleiche, doch Titelgeber Chubb Dunjee wurde in Mexiko zum Bestechungskünstler, nicht im Iran. Wobei er auch dort erfolgreich gearbeitet hätte.

Schmutzige Geschäfte im Hinterhof der Weltpolitik

Dunjee, der Mann mit der bewegten Vergangenheit (bevor er Verhandlungsspezialist wurde und anschließend abtauchte, war er Kriegsheld und der bis dato jüngste Kongressabgeordnete der USA - bis seine damalige Frau sich den Weathermen anschloss)- wird engagiert den entführten Bruder des amerikanischen Präsidenten Jerome McKay zu befreien.

Bingo McKay befindet sich in der Gewalt libyscher Regierungskräfte. Oberst Gaddaffi hat das Zeitliche gesegnet und sein Nachfolger Mourabet versucht den Terroristen Gustavo Berrio-Brito, genannt "Felix", freizupressen, den er in amerikanischer Gefangenschaft wähnt. Zwar haben ein paar Amerikaner ihre Finger im Spiel, doch die sind im Auftrag eines anderen Herrn unterwegs. Zu dumm auch, dass der mörderische Felix ein schwaches Herz hat und während des Kidnappings den letzten Weg alles Irdischen geht, beziehungsweise im Meer versenkt wird.

So stellt sich die Frage, ob es Chubb Dunjee gelingen wird, den Bruder des Präsidenten zu befreien, obwohl er nichts hat, was er anbieten könnte. Außer seiner Cleverness und einer ausgefeilten Planungsstrategie.

Zwischen hellsichtigem Polit-Thriller und beklemmender Satire

Obwohl Chubb Dunjee ein immer noch athletischer Ex-Militärangehöriger ist, kommt für ihn eine herkömmliche Search And Destroy-Mission nicht in Frage. Tod und Zerstörung werden zwar am Wegesrand unausweichlich sein, doch arbeitet Dunjee in erster Linie mit seinem Kopf und dem Wissen, was Menschen antreibt und wie sie zu manipulieren sind. Ross Thomas schickt ihn dafür in einen politischen Affenzirkus, der auf den ersten Blick als willkürliches Chaos erscheint, doch bei genauerer und intensiver Betrachtung als eine perfide und berechnend inszenierte Show um altbekannte Motive wie Macht, Amtsübernahmen und natürlich Geld auf Welttournee geht.

Der Roman spielt in einer Parallelwelt, die aber gleich in der Nachbarschaft des echten Lebens liegt. Muammar al-Gaddaffi wurde gerüchteweise von jenem Felix eliminiert, den sein wesensverwandter Nachfolger so gerne beschützen möchte. Mit Jerome McKay beeinflusst ein recht junger, engagierter Präsident die Geschicke der westlichen Welt. Orientiert an John F. Kennedy samt Sippschaft und marginal an Jimmy Carter, der im Zeitraum der Handlung tatsächlich an der Macht war. Der desaströse Ronald Reagan erscheint noch nicht am Horizont.

Ungeachtet dieser Fiktionalisierungen liefert der "Mordida-Mann" eine erschreckend genaue und kluge Analyse politischer Verstrickungen, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Im Gegenteil. Hehre Absichten werden verkündet, noble Ziele anvisiert und Werte gepriesen, die letztlich mit Füßen getreten werden. Bestimmend für nahezu alle Handlungen der Beteiligten ist, eigene Pfründe zu sichern und persönliche Vorteile herauszuschlagen. Menschenleben zählen dabei nicht viel. Der ambivalente Chubb Dunjee schließt sich nahtlos ein, opfert er doch ohne Wimpernzucken Mitstreiter, Gegner sowieso, wenn es seinen Belangen dient. Zynische Sprüche gibt es obendrauf.

Geldscheine und Leichen pflastern seinen Weg

"Der Mordida-Mann" schlägt, seiner Titelfigur entsprechend, einen lockeren, charmanten Ton an, macht aber keinen Hehl aus den (ethischen) Abgründen, die all den betriebsamen Aktivitäten innewohnen. Die ausgeübte Gewalt im Roman wirkt gerade wegen dieser konterkarierenden, scheinbaren Leichtigkeit umso verstörender. Insbesondere eine Szene ist von schmerzhafter und brutaler Intensität. Könnte geradezu von Stanley Kubrick für einen Schlüsselmoment seines beeindruckenden Kriegsdramas "Full Metal Jacket" adaptiert worden sein. In beiden Fällen werden keine Gefangene gemacht.

Ross Thomas ist der perfekte Autor für solch einen Stoff. Sein geschliffener Stil, der finstere und treffende Witz, das Können, auch bei solch einem vielschichtigen Inhalt Spannung zu erzeugen und aufrecht zu erhalten, lassen den "Mordida-Mann" nicht einmal ansatzweise zur Lektüre aus der moralischen Erziehungsanstalt werden. Das ist erhellende und unterhaltsame Lektüre, sehr gut übersetzt.

Nicht alles war gestern gut, aber manches besser

Erinnert außerdem wehmütig an eine Zeit, als Ross Thomas' Bücher standardmäßig in den Krimiregalen von Buchhandlungen zu finden waren. Heute muss man dem engagierten Alexander-Verlag dankbar sein, dass er die Romane neu veröffentlicht, bereits mit dem Wissen, dass (von wenigen, löblichen Buchhandels-Ausnahmen abgesehen) die Bücher nicht vorrätig sein werden, sondern bestellt werden müssen. Am besten gleich die gesamte Reihe ordern, soweit noch nicht vorhanden.

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