Romanzo Criminale

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Turin: Einaudi, 2002, Titel: 'Romanzo criminale', Seiten: 632, Originalsprache
  • Wien; Bozen: Folio, 2010, Seiten: 575, Übersetzt: Karin Fleischanderl

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Jürgen Priester
Ein Kampf um Rom

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2011

Wenn man in Italien nach einem Krimi sucht, fragt man ganz einfach nach einem "Il Giallo" - einem Gelben. Diese sprachliche Besonderheit geht auf das gelbe Deckblatt der erfolgreichsten italienischen Krimireihe zurück, die seit 1929 im Mondadori-Verlag erscheint. Sprachlich korrekt heißt Kriminalroman übersetzt: "romanzo poliziesco". Was ist nun der Romanzo Criminale, wie der 2002 im Original erschienene Roman von Giancarlo de Cataldo titelt. Der österreichische Folio-Verlag, der für die deutschsprachige Ausgabe firmiert, hat sich einer Übersetzung enthoben und den Originaltitel übernommen. In freier Interpretation könnte man von "Die Geschichte einer Verbrecherbande" sprechen. Und eigentlich ist Romanzo Criminale weder Kriminalroman, noch Politthriller, wie auf dem Cover geschrieben steht, sondern eine Mixtur aus True-Crime und Fiktion, deren Abgrenzungen für den Leser nicht ersichtlich werden. Autor Giancarlo de Cataldo lebt in Rom und arbeitet dort als Richter, das sind beste Voraussetzungen für einen Roman, der in der römischen Unterwelt spielt.

Die bleierne Zeit

Der Begriff "Die bleierne Zeit" geht auf ein Gedicht von Friedrich Hölderlin zurück und bezeichnet in Deutschland die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Bekannt geworden ist der Begriff durch Margarethe von Trottas gleichnamigen Film, der auf dem Filmfestival in Venedig 1981 uraufgeführt wurde. Die Italiener haben den Begriff adaptiert – Anni di piombo steht in Italien aber für die 70/80er Jahre, in denen linksextremistische Gruppierungen wie die "Brigate rosse" und - nicht zu unterschlagen - auch die Neofaschisten für eine Unzahl an Anschlägen, Entführungen und Attentate verantwortlich waren und alles taten, um das Land zu destabilisieren. In diesem Dunstkreis der Gewalt siedelt de Cataldo seinen Roman, in dem die Hauptakteure nicht politisch, sondern ganz privatwirtschaftlich motiviert sind. Dass sie dabei auch eine Menge Blei verschießen werden, liegt in der Natur ihres Betätigungsfeldes.

Der Aufstieg

Libanese, Freddo und Dandi – drei junge Römer, die sich von Kindesbeinen an kennen und schon damals die Straßen ihrer Stadt unsicher machten, sind die Anführer einer ca. 20-köpfigen Bande Kleinkrimineller. Als ersten gemeinsamen großen Coup nehmen sie eine Entführung des steinreichen Baron Rosellini in Angriff. Die Planung wird sehr professionell angegangen, nur bei der Ausführung hapert es dann mächtig. Die Aktion zieht sich über Monate, doch am Ende können sie drei Milliarden Lire (ca.1,55 Mill. Euro) einstreichen. Anstatt das Geld, wie geplant, zu verjubeln, legen sie es in einer Gemeinschaftskasse an, um damit ins lukrative Drogengeschäft einzusteigen, was ihnen erstaunlich leicht gelingt. Die lokalen Platzhirsche im Drogendschungel werden eingeschüchtert, zur Kooperation gezwungen oder mit Prozenten am Gewinn beteiligt. Das investierte Kapital hat sich schnell amortisiert, die Gewinne fallen satt aus, sodass sie ihre Geschäfte in Richtung Glücksspiel und Prostitution ausweiten. Zio Carlo, der römische Mafia-Boss staunt nicht schlecht über die Dynamik der Emporkömmlinge, aber als erfahrener Mann weiß er, dass der Erfolg der Jungs nicht lange währen wird.

Der Fall

Die römische Polizei, notorisch unterbesetzt und durch die Suche nach Terroristen überlastet, ist der Bande längst auf der Spur. Ein nur kleines, aber sehr effektives Team, bestehend aus Commissario Scialoja und seinem Staatsanwalt Borgia, geht den markierten Scheinen aus dem Lösegeld nach. Patrizia, eine ehemalige frei(an)schaffende Prostituierte bringt die Geldscheine Zug um Zug unters Volk. Mit der Aufdeckung ihrer Identität und der Tatsache, dass sie Dandis aktuelle Lebensgefährtin ist, fallen die Namen der anderen wie Dominosteine. Die Schwierigkeit ist nur, ihnen konkret etwas nachzuweisen. Im Laufe der Zeit geraten zwar fast alle Mitglieder in Untersuchungshaft, aber dank ihres mit allen Wassern gewaschenen Verteidigers werden sie mangels Beweisen wieder freigelassen.

"Geld verdirbt den Charakter" - sagt der Volksmund, das trifft auch auf die Bandenmitglieder zu, die eh nicht mit besonders vielen guten Eigenschaften gesegnet sind. Das viele Geld verführt zu Selbstüberschätzung und Allmachtsphantasien. Das Misstrauen untereinander wächst. Ein gruppendynamisches Intrigenspiel beginnt. Es bilden sich wechselseitige Allianzen, an deren Ende oftmals der Tod steht. Geschürt werden diese Machtkämpfe durch den italienischen Geheimdienst mit einem undurchsichtigen Chef, der zugleich hochrangiges Mitglied einer Loge ist. Ihm gelingt es, die Bande für seine Interessen einzusetzen. In ihrer Naivität merken die Bandenmitglieder gar nicht, dass sie nicht mehr die Spieler, sondern die Spielbälle sind. Ihr Ende ist nahe, aber andere haben längst ihre Positionen eingenommen.

Ein harter Brocken

Romanzo Criminale mit seinen 570 engbedruckten Seiten ist schon eine Herausforderung - nicht allein wegen des Umfanges, sondern besonders wegen der Vielzahl der auftretenden Personen. Ganz hilfreich ist das Personenverzeichnis, das klugerweise auf der Innenklappe des Schutzumschlags gedruckt ist, sodass man bequem nachschlagen kann. Doch für einen Deutschsprachigen sind die nicht geläufigen Namen schwer zu memorieren, besonders wenn man eine längere Lesepause eingelegt hat. Der Roman spielt fast ausschließlich in Rom und beschreibt die dort agierende Unterwelt und deren Verbindungen zu Polizei- und Justizbehörden. Ein Italiener wird sicherlich mehr Bezüge zu konkreten Ereignissen und real existierenden Personen finden als der Rezensent. Ein Roman, der sich also vornehmlich an ein italienisches Publikum wendet? Mit Sicherheit! Romanzo Criminale ist in Italien sehr erfolgreich gewesen, wurde zweimal verfilmt und ist mit einigen Preisen bedacht worden. Aus diesem Erfolg heraus resultiert wohl die Übertragung ins Deutsche. Das soll jetzt nicht heißen, dass der Roman für einen Nicht-Italiener nicht lesenswert wäre. Er ist - wie gesagt – sehr anstrengend und erfordert höchste Aufmerksamkeit, zumal de Cataldo sich aller Spannung erzeugenden Stilmittel entsagt und eine nüchterne Chronik des Verbrechens vorlegt. Vielleicht liegt gerade darin die Faszination der Geschichte. Man versinkt in der monotonen Aneinanderreihung von Mord und Totschlag, von Intrigenspiel und Rachegedanken. Von der Lakonie de Cataldos` Erzählstil eingelullt, bemerkt man kaum, wie man langsam die Seite des Betrachters verlässt und sich unter die schlimmsten Verbrecher mischt – Sympathien nicht ausgeschlossen, obwohl folgende Gedanken doch eher schockieren sollten:

 

Ein Gefühl unbezähmbarer Größe ließ ihn in stratosphärische Höhen wachsen: Er spürte, dass der Mord ihm gutgetan hatte, er spürte die verheerende Wirkung des Rituals, das er gemeinsam mit Bufalo im Namen der ganzen Gruppe vollzogen hatte. Denn jetzt waren sie endlich eine Gruppe. Vereint. Unschlagbar.

 

Was in Romanzo Criminale nun Realität oder Fiktion ist, spielt keine wesentliche Rolle. Giancarlo de Cataldos deprimierendes Bild von der italienischen Gesellschaft wird durch viele Sachbücher ähnlicher Thematik bestätigt. Auch die italienischen Krimiautoren prangern in ihren Romanen die verbreitete Korruption, Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft an. Wen wundert das, wenn sich der Ministerpräsident nur mit Sondergesetzen einer Strafverfolgung entziehen kann. Die härtesten Polit-Thriller schreibt noch immer die Realität.

Es ist schwer, für Romanzo Criminale eine Empfehlung auszusprechen. Es zählt mit Sicherheit nicht zur leicht konsumierbaren Kriminalliteratur. Es ist sperrig und bedarf der Muße. Politisch Interessierte sollten auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Romanzo Criminale

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Letzte Kommentare:
26.04.2017 17:29:20
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Ansich gefallen mir auch die Mafiaromane sehr gut. Zwischendurch kann man einen schon einfügen. Aber dieser war mir zu langatmig.
Die gleiche Geschichte auf halb soviel Seiten und dieser Roman ist sehr gut. So aber habe ich diesen Roman nicht fertig gelesen. Immer das gleiche, viele Tote und eine Schießerei nach der anderen.
Nicht so meines!

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