Suburra - schwarzes Herz von Rom

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Turin: Einaudi, 2013, Titel: 'Suburra', Originalsprache
  • Wien: Folio, 2015, Seiten: 430, Übersetzt: Karin Fleischanderl

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Almut Oetjen
Die ewige Stadt als neo-faschistisches Bestiarium

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2015

1993 erbeutet der Bandit Samurai bei einem Raubüberfall aus den Sicherheitsfächern der Banca di Roma im Keller des Justizpalastes inkriminierende Unterlagen von 197 Personen, darunter Rechtsanwälten, Richtern, Staatsanwälten, Finanzbeamten, Carabiniereoffizieren. Nach der Ermordung seiner drei Komplizen ist er der letzte aus der Bande um Libanese, Dandi und Freddo.

Achtzehn Jahre später. Der Abgeordnete Pericle Malgradi feiert im Hotel La Chiocciola mit Drogen und zwei Prostituierten. Als Vicky dabei stirbt, ruft Sabrina ihren Bekannten Spadino an, einen Drogendealer aus Cinecittà. Spadino und Sabrina laden die Tote im Nationalpark Marcigliana ab. Als Gegenleistung will er Malgradi zwingen, seine Drogen bei ihm zu kaufen. Malgradi wehrt sich, indem er seinen Dealer Numero Otto, den Boss von Ponente, informiert. Der bestraft Spadino für den Versuch, in fremdem Territorium zu wildern, mit dem Tod. Spadinos Boss Rocco Anclati, Anführer der Zigeuner von Roma Est, will Rache und setzt seine Killer Fieno und Paja auf Numero Otto an.

Oberstleutnant Marco Malatesta aus der Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität erkennt schnell, dass ein Bandenkrieg entbrannt ist. Er wird von Staatsanwalt Setola suspendiert, doch der junge Staatsanwalt De Candia ist auf seiner Seite und gibt ihm Carte Blanche. Bei der Suche nach dem Hintergrund für die immer weiter steigende Zahl an Morden kommen sie der größten Bauspekulation aller Zeiten auf die Spur. Unter der Führung Samurais soll das Gebiet von der Peripherie Roms bis zur Küste von Ostia mit Casinos, Hotels und Clubs zubetoniert werden, ein Milliardengeschäft. Zählt man am Ende die Morde, kommt man auf ein Dutzend.

Die mafiöse Mentalität als Gendefekt

Im Prolog wird eine Jahresangabe gemacht, die Haupthandlung ist "heute". Mit der Erwähnung des Rücktritts von Ministerpräsident Silvio Berlusconi im November liefern die Autoren einen eindeutigen Hinweis. Gemeint ist das Jahr 2011, als Italien in der schwärzesten Zeit seiner Wirtschaftskrise steckte, durch Deutschland die Suspendierung der EU-Mitgliedschaft drohte und sich ein Netzwerk aus Mafia, korrupten Politikern und skrupellosen Unternehmern bildete.

Suburra ist Teil von De Cataldos römischem Mafiakosmos, zu dem auch Romanzo Criminale, Zeit der Wut und Der König von Rom gehören. Die Haupthandlung spielt in den sechs Monaten von Juni bis Dezember 2011. Giancarlo De Cataldo, Richter am Appellationsgericht, und Investigativ-Journalist Carlo Bonini erzählen eine komplexe Geschichte, in der sich Mafiadynastien, ein Zigeunerclan, Würdenträger des Vatikan und hohe Politiker zu einem Netzwerk zusammengetan haben, um ein großes Bauprojekt zu realisieren. Begriffe wie Waterfront, Boardwalk Empire und Atlantic City Italien fallen in dem Zusammenhang.

Rom ist ein Bestiarium, in dem Menschen Tierbezeichnungen tragen, als Meister, Könige oder Sklaven kategorisiert werden. Unberührbare wie der Abgeordnete Malgradi "pissen" buchstäblich auf den Bürger. Der schwule Bischof Tempesta vermietet Immobilien des Heiligen Stuhls als Stundenhotels an Journalisten, Manager, Mitläufer. Der korrupte Maresciallo Terenzi lässt Anzeigen gegen Anacleti unter den Tisch fallen und schiebt Gegnern der Mafia falsche Beweise unter. Zwei Mafiabosse und Bauunternehmer aus Kalabrien und Kampanien wollen in das Projekt investieren, die Vatikanbank soll als Geldwaschanlage dienen. Der Journalist Spartaco Liberati, Samurais Schoßhündchen, verkündet lautstark den Tod der Mafia, betreibt Desinformationskampagnen und sendet über das Radio verklausulierte Nachrichten an die Mafia. Das Projekt ist perfekt vorbereitet, alle wichtigen Leute sind bestochen, man braucht nur noch die Baugenehmigung der Kommune. Zusammengehalten wird die Korona von der Gier nach Geld und eine faschistische Gesinnung. Man stellt lobende Vergleiche mit dem Duce an oder dokumentiert seine Gesinnung durch den Besitz eines Feuerzeugs, auf dem das Konterfei Mussolinis prangt. Selbst Ancleti ist Neo-Faschist. Beherrscht wird das Bestiarium Rom von einem Banditen, der aufgrund seiner Vorliebe für alles Japanische Samurai genannt wird.

Die Autoren gehen souverän mit dem Material um, den Dutzenden, miteinander und gegeneinander agierenden Figuren, den zahlreichen Handlungsfäden. Sie beherrschen ihr Material, nicht umgekehrt. Der Klappentext listet hilfreich die wichtigsten handelnden Personen auf.
In dem Roman geht es um weit aus mehr als nur um ein Bauprojekt. Es geht um die mafiöse Mentalität der Gesellschaft. Die Suburra ist das antike Viertel der Bordelle und der Halbwelt, in der sich die feinen Herren und die Unterwelt trafen. Im Roman wird es als Sinnbild verstanden, als "der Ursprung einer tausendjährigen Ansteckung, einer nicht rückgängig zu machenden genetischen Mutation". Nur so lässt sich verstehen, was in Italien geschieht.

Anders als ein Enthüllungsbuch verleiht der Kriminalroman den Autoren den Freiraum, subtil Zusammenhänge herzustellen, die erfunden sind, aber durch und durch wahrscheinlich. Wie nah De Cataldo und Bonini an der Realität waren, zeigte sich 2014, als der Mafioso Massimo Carminati verhaftet wurde, "Der letzte König von Rom", der bei den Regierenden ein und aus ging.
Im Herbst 2015 kommt die Verfilmung in Italien ins Kino.

Brutaler und rasanter Politthriller von gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz, der eine grausame und bittere Wahrheit über Italiens Realität enthüllt, hart, knapp und präzise erzählt.

Suburra - schwarzes Herz von Rom

Suburra - schwarzes Herz von Rom

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Letzte Kommentare:
19.07.2015 23:26:40
Felix Montbovon

Bitterböser Realismus, teilweise romanesk überzeichnet, grosses Lesevergnügen für Nervenstarke. Ganz grosses Kopf-Kino. Die Autoren schöpfen aus einem unerschöpflichen Universum persönlicher Berufs-Erfahrung und aktuellem Geschehen. Ironie kippt oft in Sarkasmus. Das weisse Pulver ist der stete Treibstoff. Sucht und Gier paaren sich mit Heuchelei und Betrug. Gibt es Hoffnung für Rom?