Die tote Schwester

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2011, Seiten: 384, Originalsprache

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Jürgen Priester
Der Langeweile zweiter Akt

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2010

Die tote Schwester ist Stephan Brüggenthies´ zweiter Roman um den Kölner Kriminal-Hauptkommissar Meier, der mit dem gewöhnungsbedürftigen Vornamen Zbigniew. Sorgte bei dessen ersten Auftritt (Der geheimnislose Junge) noch sein Verhältnis zu der minderjährigen Freundin Lena für Aufregung bei einigen Lesern, so wird im vorliegenden 2.Teil dem Leser selbst diese einzige Emotion nicht mehr gegönnt. Mit Lenas 18. Geburtstag, der gebührlich auf einer Stippvisite in New York gefeiert wird, verschwindet zwar nicht der Hautgout der Frühling-Herbst-Beziehung, doch das Paar fühlt sich ermutigt, sich als solches ihren Eltern und seinen Kollegen gegenüber zu outen. Bevor es dazu kommen kann, wird Lena bei ihrer Rückkehr aus New York auf dem Köln/Bonner Flughafen gekidnappt. Während Zbigniew und die ermittelnden Kollegen sich wildester Spekulationen hingeben, wer dahinter stecken könnte, ist diese Frage und die Suche nach einer Antwort für den Leser der Auslöser einer nicht enden wollenden Gähn-Attacke. Bar jeder Höhepunkte, Überraschungen und Wendungen plätschert das dünne Rinnsal der Ermittlungen einem bedeutungslosen Ende entgegen. Dabei ist doch der Anfang ganz vielversprechend.

Auf ihrem ersten gemeinsamen Urlaub anlässlich Lenas Volljährigkeit lernen die beiden in einem New Yorker Restaurant den pensionierten Polizisten Samuel Weissberg kennen. Samuel Weissberg, deutschstämmiger Halbjude, konnte in den letzten Kriegsjahren vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden und bei amerikanischen Verwandten unterkommen. Seine damals gerade geborene Schwester Eva sollte bei einer Bauernfamilie im Kölner Umland ein neues Zuhause finden, doch die Wirren des Krieges verwischen die Spuren ihres weiteren Lebensweges. Samuels intensive Nachforschungen blieben bisher ohne Erfolg, deshalb bittet er seine neuen Freunde um einen erneuten Versuch, die mittlerweile für tot erklärte Schwester zu suchen. Da bei Samuel Krebs diagnostiziert wurde, wäre das die letzte Chance für ihn, Gewissheit über den Verbleib seiner Schwester zu bekommen. Zbigniew ist von Samuels Anliegen wenig angetan. Erst zu Hause in Köln, nachdem Lena entführt ist, und er an eine mögliche Verbindung zwischen den Ereignissen der Vergangenheit und der Gegenwart glaubt, beginnt er mit seiner Ermittlung, die zu einer (kunst-)historischen Reise ins Köln des Jahres 1943 wird.

Auf den nun folgenden 300 Seiten wälzt Zbigniew Akten und Register in Standesämtern und Archiven, befragt Historiker, sucht nach Zeitzeugen, reist ins Kölner Umland, in die Eifel, nach Aachen und nach Holland. Eine schier endlose Aneinanderreihung von Befragungen und Gesprächen – so langweilig vorgetragen, dass es die Geduld des Lesers aufs Äußerste strapaziert. Tausende von Krimi-Autoren haben bewiesen, dass Ermittlungsarbeit, auch umfangreiche, abwechslungsreich und spannend dargestellt werden kann. Von denen hätte sich Stephan Brüggenthies ruhig mal ein Scheibchen abschneiden können.

Während seiner Recherchen stößt der Zbigniew Meier auf ein Komplott in Kölns Kunsthändler-Szene in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Bilder der sogenannten Entarteten Kunst, die eigentlich verbrannt werden sollten, verschwinden aus der Öffentlichkeit, werden auf geheimen Wegen verkauft oder als Zahlungsmittel benutzt. Einer, der im Fokus dieser Schiebereien steht, ist der Nazi-Arzt Paul Streithoff, dessen besonderes Interesse neben der "Beutekunst" auf die kleine Eva Weissberg gerichtet ist. Dieser Teil der Story hat das Spannungspotenzial, das der Autor leider brachliegen lässt. Nur punktuell wird die Vergangenheit beleuchtet und geht so unter in den ausufernden Dialogen und (inneren) Monologen des Helden, der in seiner Larmoyanz über das Verschwinden seiner Freundin so penetrant wie unglaubwürdig ist. Viel zu sehr konzentriert sich Stephan Brüggenthies auf seinen Serienhelden, so dass die anderen Mitspieler zu Statisten herabgewürdigt werden. Dabei ist Zbigniew Meier ein Ermittler ohne Humor, Charisma oder sonstige gute oder schlechte Eigenschaften - eine Schlaftablette - wie man heutzutage salopp sagt - vor der jede achtzehn-jährige Reißaus nehmen würde.(Vielleicht hat Lena das ja getan, wer weiß?)

Ein guter Einstieg und ein temperamentvolles Mini-Finale sind einfach zu wenig, um über die Distanz von 400 Seiten fesselnd zu unterhalten. Das Fehlen der burschikosen Lena als Kontrapunkt zu dem faden Zbigniew zieht die Reihe noch weiter runter. Wenn man sich schon entscheidet, die ganze Geschichte aus der Perspektive nur einer Person zu erzählen, dann muss diese auch etwas hergeben. Das einzig bemerkenswerte an Herrn Meier ist sein toller Vorname.

Es zeigt sich, dass, Drehbücher für "Tatort"-Krimis geschrieben zu haben, keine Gewähr dafür ist, auch als Krimiautor glänzen zu können. Ein Roman ist halt mehr als eine Vielzahl an Dialogen, obwohl es natürlich die "Dialog-Künstler" gibt, aber auch von denen ist Stephan Brüggenthies meilenweit entfernt.

Langatmig, geschwätzig, provinziell – muss man sich nicht antun!

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