Blutsonntag

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Edition Nautilus, 2010, Seiten: 225, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Vor allem aus historischer Sicht interessant

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2010

Am 17. Juli 1932 wollen die Nationalsozialisten ausgerechnet im Arbeiterviertel von Hamburg-Altona ihre Stärke präsentieren. Erst vor gut einem Monat wurde das bestehende SS- und SA-Verbot aufgehoben, seitdem liegen Hitlers Truppen und vor allem die Kommunisten im Dauerclinch. Als sich unter lautem Gejohle "SA marschiert, die Straße frei" der Demonstrationszug durch die engen Straßen bewegt, errichten Arbeiter und Kommunisten erste Straßenbarrikaden, um dem braunen Spuk Einhalt zu gebieten. Um Schlimmeres zu vermeiden eilen auch drei Kommandos der Hamburger Sicherheitspolizei herbei, doch es kommt zu einem verheerenden Schusswechsel, an dessen Ende achtzehn Menschen den Tod finden. Fortan ist vom "Altonaer Blutsonntag" die Rede.

Sechzehn tote Menschen und zwei tote Nazis, so sieht es die junge Kommunistin Klara Schindler, die für eine kleine Zeitung Artikel verfasst. Doch während sich ihre Vorgesetzten nicht weiter für die Vorfälle interessieren, steigert sich Klara immer mehr in die Ereignisse herein. Sechzehn Menschen dürfen doch nicht umsonst gestorben sein. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Aber wer waren die Täter? Für die Nationalsozialisten die Kommunisten, für die Kommunisten die Faschisten und aus Sicht der Polizei waren es wiederum die Kommunisten, die aus einem Hinterhalt von den Dächern das Feuer eröffneten. Mit Hilfe eines neuartigen Gerätes, einem Magnetofon, mit dem man unter anderem menschliche Stimmen aufnehmen kann, macht sich Klara auf nach Altona und befragt unzählige Zeugen. Nach und nach stellt sich dabei heraus, dass die meisten Menschen durch Schüsse aus Gewehren starben, die aber weder Faschisten noch Kommunisten bei sich hatten&

Am 16. Juni 1932 hob die Regierung Papen das bestehende SS- und SA-Verbot wieder auf, um sich den Nationalsozialisten erkenntlich zu zeigen. Zahlreiche Tote bei diversen Straßenschlachten waren bekanntlich die Folge. Aufgrund der mitunter engen Zusammenarbeit zwischen führenden Sozialdemokraten - wie im vorliegenden Fall bei der Hamburger Sicherheits- und Staatspolizei - und den Nationalsozialisten, galten diese den Kommunisten vielfach als Sozialfaschisten. Robert Brack hat die Ereignisse des "Altonaer Blutsonntag" in seinem Roman interessant und beklemmend zugleich verarbeitet.

Der Roman Blutsonntag gibt zum einen in romanartiger Weise die Ereignisse rund um die Protagonistin, die Kommunistin Klara Schindler, wieder und klärt andererseits den Ablauf der Schießerei in zahlreichen Interviewsequenzen nach und nach auf. So wird die Erzählung immer wieder unterbrochen und durch Zeugenaussagen der Tathergang beleuchtet. Dass dies nur Stück um Stück voran geht versteht sich von selbst, denn je nachdem, welchem politischen Lager die Zeugen zuzuordnen sind, werden die Schuldigen mal hier mal dort gefunden. Klara steigert sich immer mehr in die Geschichte hinein und will letztendlich Rache für die sechzehn Toten, doch diese ist aus nahe liegenden Gründen von staatlicher Seite aus nicht zu erwarten. So verfolgt Klara ihre eigenen Pläne und gerät bald mit der Staatsgewalt aneinander.

Wer sich für das historische Ereignis oder die unmittelbare Zeit vor Hitlers Machtergreifung interessiert, findet hier eine aufschlussreiche Lektüre über die damaligen Lebensverhältnisse. Was den Lesespaß (Spaß in Anführungszeichen) gleichermaßen authentisch macht und dennoch stört, ist das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen extrem radikalen Positionen, die jegliches Verständnis für demokratische Spielregeln verachten. So ist vielfach von Faschisten oder Sozialfaschisten, gemeint sind aus Sicht der Kommunisten die Nazis bzw. einige führende SPDler, die Rede. Auf der Gegenseite war die Wortwahl bekanntlich nicht besser. Man kann sich über die damalige Begeisterung für Nationalsozialismus und Kommunismus nur wundern. Hitler oder Stalin, Holocaust oder Gulag - was für Alternativen?

Als Krimi vom Stil her gewöhnungsbedürftig, in Verbindung mit den realen historischen Begebenheiten empfehlenswert.

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