Unter dem Schatten des Todes

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Ed. Nautilus, 2012, Seiten: 224, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Ein Feuer in der Nacht

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Dez 2011

Was den Amerikanern Dallas 1963, ist den Deutschen Berlin 1933. Ein mysteriöses Verbrechen von weltpolitischen Dimensionen, ein schnell gefasster Täter und viele offene Fragen, Ungereimtheiten und Seltsamkeiten. Der ideale Stoff für Verschwörungstheorien und Kriminalromane. Als in der Nacht zum 28. Februar 1933 der Berliner Reichstag brennt, ist dies ein Fanal. Man verhaftet den jungen holländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe als Brandstifter und sofort stellt sich eine Frage, die die Diskussion bis heute prägt: Ist van der Lubbe Einzeltäter oder handelte er im Auftrag der kommunistischen Partei? Für die Nationalsozialisten, wenige Wochen zuvor an die Macht gelangt, ergibt sich eine willkommene Gelegenheit, den einzigen ernstzunehmenden Gegner, die Kommunisten, entscheidend zu schwächen. Eine Verhaftungswelle hebt an, der Beginn der Entmachtung des Parlaments und der Unterdrückung aller antinationalsozialistischen Bemühungen. Das aber nährt eine weitere Hypothese: Wenn die Nazis die wahren "Gewinner" dieses Brandes sind haben sie ihn dann am Ende selbst inszeniert?

Das ist die Grundlage für Robert Bracks Roman. Die kommunistische Partei schickt Klara Schindler, eine Agentin und emigrierte Journalistin, mit dem Auftrag zurück nach Berlin, möglichst viel über van der Lubbe und die Hintergründe der Tat zu recherchieren. Sie gerät in ein Klima der Angst, wird Zeugin von Verhaftungen und brutaler Unterdrückung, trifft auf Genossen und Spinner, Ganoven und Arbeitslose, den Machtapparat der Nazis und die heillose Zerstrittenheit der unterschiedlichen kommunistischen Gruppierungen. Es gelingt ihr schließlich, ein differenzierteres Porträt van der Lubbes zu zeichnen, doch es fällt nicht im Sinne ihrer Auftraggeber aus. Bracks Interpretation der Hintergründe und Hintermänner ist so plausibel wie alle anderen Interpretationen. Man kann sie glauben oder nicht. Die Frage: Funktioniert das als Krimi?

Man muss dem Autor zunächst zugute halten, dass er seinen "historischen Krimi" nicht nach dem üblichen Strickmuster inszeniert. Es geht ausschließlich um den Reichstagsbrand, kein dekoratives "Normalverbrechen" lenkt ab, es menschelt zwar ein wenig (Klara Schindler ist lesbisch, eine geheimnisvolle ungarische Prostituierte taucht auf etc.), doch das drängt das eigentliche Anliegen niemals an den Rand. Das wiederum verlangt von den Lesern einiges an Disziplin. Sie erfahren eine Menge über die Untergrundaktivitäten der damaligen Zeit, über die Zerrissenheit der Opposition, die Intrigen innerhalb des kommunistischen Lagers, wo Orthodoxe gegen Anarchisten agieren und umgekehrt, aber auch die innerhalb der NSDAP, wo sich durchaus noch Kräfte befinden, die das "sozialistisch" im Namen stärker betonen als das "national".

Natürlich versucht auch Brack, seinen Text mit den Mitteln des Krimis zu strukturieren. Die Bedrohung ist allgegenwärtig, es kommt zu dramatischen Begegnungen, Entführungen, Verfolgungen, Morden. Einen "Whodunit" sollte man allerdings nicht erwarten, dafür einen durchaus lehrreichen, mit einigem Tempo geschriebenen Kriminalfall, der in einem etwas zu reißerischen Finale endet, bei dem Brack noch einmal tief in die Genrekiste greift.

Also: Ein für Freunde "historischer Krimis" durchaus empfehlenswertes Buch, vor allem auch deshalb, weil es der historischen Person des Marinus van der Lubbe Gerechtigkeit widerfahren lässt und das Bild des geistig minderbemittelten Wirrkopfs relativiert. Wer auf leichte Kost aus ist, sollte sich dagegen anderweitig orientieren.

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