Das Mädchen ohne Namen

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • New York: Henry Holt, 1999, Titel: 'Biting the Moon', Seiten: 301, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2001, Seiten: 415, Übersetzt: Cornelia C. Walter
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 415
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 415
  • München: Goldmann, 2008

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Michael Matzer
Hanni und Nanni auf Männerjagd

Rezension von Michael Matzer Mai 2003

Eine einfühlsame Mischung aus Roadmovie, Hanni und Nanni und "Am wilden Fluss", doch beileibe kein Psychothriller à la "Schweigen der Lämmer". Hier treten keine Serienmörder und FBI-Profiler, sondern lediglich zwei junge, aber überraschend couragierte Frauen auf. Sie haben das Rätsel der Herkunft der einen zu lösen und müssen dazu einen gefährlichen Unbekannten aufstöbern.

Es würde mich nicht wundern, wenn Hollywood dieses Buch bald verfilmen würde. Dann aber möglichst ohne Britney Spears!

Eine 17-jährige junge Frau wacht eines Morgens in einem Motel in der Nähe von Santa Fe, New Mexico, auf. Über dem Stuhl hängen Kleidungsstücke eines Mannes, doch der ist verschwunden. Und sie kann sich weder an ihn noch ihren eigenen Namen erinnern. Alles ist weg: die letzte Nacht, ihre Herkunft, nur noch Bruchstücke tauchen aus ihrem Gedächtnis auf.

Klar, das die junge Frau ganz schön Angst hat. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierher kam. Als sie von der redseligen Wirtin des Motels, Patsy Orr, die Auskunft erhält, sie sei am Abend zuvor mit ihrem "Daddy" angereist, steigert sich ihre Angst zu Panik. Was hat dieser unbekannte "Daddy" mit ihr angestellt? Sie schnappt sich sechshundert Dollar aus der Jacke des Unbekannten, der in die Stadt gefahren ist und bald zurückkehren will. Dann schnappt sie sich ihren Rucksack, auf dem die Initialen "A.O." eventuell ihre eigenen sind. Aus dem Wagen "Daddys" entwendet sie eine halbautomatische Pistole und macht sich auf die Socken.

Auf ihrer Flucht lässt sie sich von einem Mann mit sehr blauen Augen mitnehmen, der sie in die nahen Sandia-Berge mitnimmt. Könnte er ihr "Daddy" sein? Herrje, fast jeder könnte "Daddy" sein! Offenbar darüber beruhigt, dass sie ihn nicht wiedererkannt hat, verabschiedet er sich wieder. Zum Glück findet sie eine abgelegene Berghütte, in der sie sich einrichten kann. Von den SANDIA-Bergen leitet sie ihren neuen Namen ab: ANDI. Und weil die Initialen auf dem Rucksack "A.O." lauten, nennt sie sich fortan Andi Olivier und erfindet eine ganze Familie samt sowie ihre Geschichte. Nachdem sie merkt, dass jemand während ihrer Abwesenheit in der Hütte war (Daddy?!), beginnt sie mit Schießübungen und kann schon bald passabel mit der Knarre umgehen. Das wird für sie noch wichtig.

Dort in den Bergen rettet sie gefangene und verletzte Wildtiere aus den Schlingen und Fallen der Wilderer. Um die Schmerzen der Tiere zu lindern, braucht sie Morphium und ähnliche Stoffe. Die besorgt sie sich klammheimlich aus der Apotheke des nächsten Dorfes, in der sie sich einschließen lässt. Beim dritten Mal wird sie allerdings erwischt. Die 14-jährige Mary Dark Hope findet heraus, wozu Andi diese Substanzen klaut, und freundet sich sofort mit ihr an. Mary ist Vollwaise, die nicht nur Eltern, sondern auch ihre Schwester verloren hat und nun von ihrer Haushälterin Rosella betreut wird.

Mary ist geschockt, als sie herausbekommt, welches Schicksal Andi widerfahren ist. Sie sieht auch ein, dass sie "Daddy" finden müssen, der angeblich aus Idaho kommt und kurz in der Spielerstadt Cripple Creek abgestiegen war. Obwohl die beiden keinen Führerschein haben, fahren sie nach Cripple Creek und Idaho. Auf dem Weg tun sie etwas, was am Ende ausschlaggebend wird für das Urteil, das sie über "Daddy" fällen: Sie befreien Wildtiere und misshandelte Haushunde aus ihrer Not. Das führt mitunter zu komischen Szenen, die sich menschenleeren Westen schnell herumsprechen. Allerdings verdächtigt niemand die beiden Mädchen.

Erst in Idaho treffen sie auf "Daddy", eine miese Ratte, der wirklich alles zuzutrauen ist. Vorgeblich ein Führer bei Wildwasserfahrten - sie machen eine davon mit - hat Daddy auch eine Vorliebe für illegale Wildtierjagden, Kinderpornofotos und Frauenmisshandlungen. Zum Glück finden Andi und mary schnell einen Verbündeten, mit dem sie es mit Daddy und seinen Kumpanen aufnehmen können, bis zum bitteren Ende...

Der Klappentext erzählt mal wieder Unsinn. Es geht nicht um einen "mysteriösen Verfolger", denn der ist bereits über alle Berge und wiegt sich in Sicherheit, als Andis Geschichte beginnt. Außerdem würde ich nicht sagen, dass dies ein "Psychothriller" ist. Vielmehr musste ich rund 240 Seiten waten, bis die beiden Mädchen in Idaho ankommen, wo sie dann wenigstens herausfinden, um wen es sich bei "Daddy" handelt. Das Finale ist noch in weiter Ferne. Davor kommen noch jede Menge Roadmovie und Wildwasserabenteuer.

Der Roman ist sehr schnell und flüssig zu lesen - ein Zeichen für gute Erzählkunst. Es bereitet auch keinerlei Mühe, selbst komplexere Zusammenhänge und Andeutungen zu verstehen. Der Leser, der gut kombinieren kann, wird schon das Ende der "Daddy"-Handlung voraussehen können. Es kommen auch nur sehr wenige überraschende Wendungen vor, die einen in die Irre führen könnten. Vielmehr öffnet sich das Geheimnis um Daddy wie eine große Blüte. Andi und Mary setzen auf ihrer Tour nach Idaho alle Indizien zusammen, bis sie recht genau wissen, was sie dort erwartet.

Die beiden Mädchen entwickeln ihre jeweils unterschiedlichen Persönlichkeiten rasch weiter. Mary, die den Großteil der Handlung erzählt, ist als die Jüngere weitaus vorsichtiger und zaghafter. Andi hingegen scheint sich zu einer entschlossenen Frau zu entwickeln, die manchmal mit einem Pokergesicht die härtesten Fragen stellt. Ihr alter Kumpel Reuel vergleicht Andi mit einem vor langer Zeit abgeschossenen Pfeil, der nun bald in sein Ziel einschlagen muss. Andi ist die faszinierendere von beiden, doch durch ihr entschlossenes Schweigen wirkt sie unnahbar, wenn nicht sogar furchterregend. Sie jagt nicht nur Mary, sondern auch "Daddy" Angst ein. Und "Janie´s got a gun"!

Nachdem Andi wieder aus ihrem Leben verschwunden ist, sieht sich Mary außerstande, so wie bisher weiterzumachen: die Augen vor dem Bösen, das Menschen tun, zu verschließen. Und so wird sie auf ihre eigene stille Art eine Heldin. Natürlich geht es um Tiere, aber nicht nur.

Mit Marys Tun klagt die Autorin die korrupten Zustände in den Vereinigten Staaten an, wenn es um den Schutz von Tieren und die Beachtung des Washingtoner Artenschutzabkommens geht. Mit dem Schicksal Andis und Daddys verbrechen prangert sie offen das Verhalten der Bevölkerung gegenüber missbrauchten Mädchen und Frauen an. Man schaut lieber weg, als etwas dagegen zu unternehmen.

Wie Clint Eastwood in "Pale Rider" und anderen Filmen tritt Andi als Beschützerin der Bedürftigen auf. Selbst eine Vollwaise und ohne Namen oder Herkunft in diese Welt geworfen, solidarisiert sie sich mit den schutzlosen Wildtieren und mit einer anderen Waise, Mary Dark Hope ("dunkle Hoffnung" - dieser Beiname wird leider nie erklärt). Dass sie dabei zwangsläufig auch der Ursache dieses Zustands auf den Grund gehen muss, ist konsequent. Daddy verrät ihr, dass sie nach einem schrecklichen Busunglück als einzige Überlebende am Straßenrand entlangstolperte, als er sie auflas. Warum sie überlebte, wird im Dunkeln gelassen.

Wie schon angedeutet, muss man sich 240 Seiten lang gedulden, bis die beiden endlich in so etwas wie eine brenzlige Situation geraten. Die Autorin ist zunächst auffällig konfliktscheu. Dafür kommen die finalen Auseinandersetzungen umso härter daher.

Wendet sich Martha Grimes also an ein jugendliches Publikum? Durchaus. Doch von diesem gedämpften, geradezu netten Anfängen führt sie die leser zu immer provozierenderen Szenarien und Enthüllungen. Schließlich ist Mary, ihre Protagonistin mehrmals soweit, einfach nur noch abhauen zu wollen, um die Augen weiterhin vor der Wahrheit verschließen zu können. Als dies nicht mehr geht, ist selbst ein abgeschossener Pfeil.

"Das Mädchen ohne Namen" kommt ohne große Dramatik und Action daher, denn die Opferzahl scheint gering zu sein. Doch das täuscht. Denn für die Autorin zählen auch jene zu den Opfern, die nicht getötet wurden, sondern lediglich permanente Opfer der Gewalt von Männern sind: misshandelte Frauen, missbrauchte Kinder, sinnlos abgeschlachtete Wildtiere. Immer wieder habe ich mich über den Mut der beiden jungen Frauen gewundert, und dieser Mut ist übertragbar, wie sich zeigt. Insofern ist dies kein Psychothriller à la Schweigen der Lämmer, sondern ein Aufruf an die Leser, besonders an die Frauen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und etwas zu tun. Denn "es gibt nichts Gutes, außer man tut es" (E. Kästner).

Das Mädchen ohne Namen

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