@E.R.O.S.

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • New York: Dutton, 1997, Titel: 'Mortal Fear', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1999, Seiten: 686, Übersetzt: Uwe Anton
  • : Dutton, 0

Couch-Wertung:

83°
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Peter Kümmel
Ein Thriller der Spitzenklasse, der den Leser fast von Beginn an unter Hochspannung hält

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Harper Cole lebt mit seiner Frau Drewe, einer Ärztin, zusammen auf einer abgelegenen alten Farm in Mississippi. Durch erfolgreiche Warentermingeschäfte zu Wohlstand gekommen, kann er es sich leisten, einen Großteil seiner Zeit als System-Operator des exklusiven Online-Dienstes E.R.O.S. zuzubringen. Dabei handelt es sich um ein lukratives Geschäft, dass viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu seinen Mitgliedern zählen kann. Gegen einen hohen Monatsbeitrag leben die Kunden von E.R.O.S. online ihr geheimstes Sexualleben aus und treffen sich in Chat-Rooms zum Gedankenaustausch.

Der Alptraum von Harper beginnt damit, dass er die Polizei in New Orleans anruft und sagt, dass er etwas über den Mord an Karin Wheat, der bekannten Schriftstellerin weiß. Karin Wheat war Kundin bei E.R.O.S., doch vor kurzem verließ sie das Netz, zahlte jedoch ihre Gebühr weiter, obwohl sie problemlos hätte kündigen können. Doch Karin Wheat war nicht die einzige Frau, die kürzlich das Netz verlassen und trotzdem weiter gezahlt hat. Harper nennt der Polizei sechs weitere über das ganze Land verteile Namen zur Überprüfung.

Nachdem die Polizei feststellt, dass alle diese Frauen kürzlich ermordet wurden, nimmt sie Harper fest in ihre Klauen. Stundenlang wird Harper verhört und zählt sogar selbst zu den Verdächtigen. Alle diese Frauen wurden auf unterschiedliche Art und Weise ermordet, so dass die Polizei die Morde nicht miteinander in Verbindung brachte. Alle Frauen wurden nach ihrem Tod vergewaltigt und merkwürdigerweise wurde bei einigen der Opfer die Zirbeldrüse oder ein Teil davon entfernt.

Doch nicht nur mit den Behörden hat sich Harper durch seine Bürgerpflicht Ärger eingehandelt, sondern auch mit seiner Chefin, der bekannten Anwältin Jan Krislov. Denn da er der Polizei Namen von Kundinnen mitgeteilt hat, muß er wahrscheinlich auch noch mit einer Privatklage rechnen. Zu diesem Job kam Harper erst durch Miles Turner, einen alten Jugendfreund, der als erster Sysop für E.R.O.S. arbeitet. Da sich weder die Polizei noch Harper erklären können, wie der Täter an die geheime Kundenliste gelangt sein kann, wird Miles zum Hauptverdächtigen. Als er wegen Behinderung der Behörden verhaftet werden soll, entzieht er sich dieser durch Flucht.

Da der Mörder seine Opfer über den Chatroom kontaktierte, versucht der FBI-Psychiater Lenz dem Täter durch die Konstruktion einer fiktiven Frauengestalt über den Chat auf die Schliche zu kommen, doch dies misslingt und Lenz muß bitter dafür büßen. Harper sieht jetzt nur noch die Chance, selber dem Täter auf die Spur zu kommen.

Für Harper gesellen sich zu dem ganzen Ärger auch noch Probleme mit seiner Familie. Denn erst vor kurzem hat er erfahren, dass er der leibliche Vater seiner Nichte Holly, der Tochter seiner Schwägerin Erin ist, mit der er vor drei Jahren eine kurze Affäre hatte. Als Erin mit ihrem Mann Patrick Streit bekommt, droht das Geheimnis aufzufliegen. Und Harper und seine Frau stecken mittendrin in einem großen Alptraum.

Greg Iles hat seinem Protagonisten Hole Carper offensichtlich einige autobiografische Züge verliehen, denn Harper war wie der Autor selber früher Gitarrist und Sänger. Nur machte er sich nicht als Schriftsteller selbständig, sondern durch Finanzgeschäfte und in der Computerbranche. Harper lebt genau wie der Autor in Mississippi und hatte ebenso wie dieser einen Arzt zum Vater.

Da liegt es natürlich auch nahe, dass Iles seinen Roman in der Ich-Form und in der Gegenwart verfasst hat. Nur etwas ungewöhnlich und verwirrend, dass der Prolog und einige kleine Kapitel zu Beginn aus der Sicht des Mörders ebenfalls in der Ich-Form verfasst wurden. Dies könnte ja den Schluß zulassen, dass der Mörder mit dem Protagonisten identisch wäre, doch möchte ich das natürlich nicht weiter ausführen.

686 Seiten sind für einen Thriller schon recht umfangreich. Doch nachdem man sich erst mal 100 bis 200 Seiten lang eingelesen hat, fliegt man nur noch so über die Seiten hinweg und kann sich nur schwer zwingen, das Buch beiseite zu legen.

 

"Das Leben ist einfach.
Für je komplizierter Sie das Ihre halten, desto weniger wissen Sie über Ihre wirklichen Lebensumstände.
Lange Zeit über habe ich das nicht verstanden.
Jetzt ist es mir völlig klar.
Man ist hungrig, oder man ist satt. Man ist gesund, oder man ist krank. Man ist seiner Frau treu, oder man ist es nicht. Man lebt, oder man ist tot.
Ich lebe."

 

So einfach, wie das Buch beginnt, endet es auch. Doch für die Beteiligten war das, was zwischen diesem Anfang und Ende lag, wohl alles andere als einfach.

Dass nicht immer alles hundertprozentig realistisch abläuft, verzeiht man einem solch superspannenden Roman gerne. Und natürlich ist der intelligente Böse den Guten immer einen Schritt voraus, fast schon ein Übermensch. Doch auch das gehört zum Rezept eines Thrillers. Einzig einige Klischees wirken störend. Die Frauen sind alle zu schön, die Männer zu reich, zu intelligent oder zu sensibel. Der FBI-Psychiater hat eine alkoholabhängige Frau, zudem runden Rassisten, Computerfreaks und selbstherrliche Sheriffs das Bild ab. Die Familiengeschichte des Mörders setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Nach kleineren Anlaufproblemen zu Beginn des Buches schafft es Iles, das Spannungsniveau auf einen konstant hohen Level zu bringen und dort auch zu halten.

Eine originelle Story hat der Autor im Bereich Cybersex konstruiert, bei dem er den EDV-Bereich mit zwischenmenschliche Beziehungen sowie mit der Beschreibung der polizeilichen Ermittlungen geschickt verknüpft. Die Kompetenzstreitigkeiten zwischen den einzelnen Behörden sind dabei fast so spannend zu lesen wie die Forschung nach den Motiven für die Morde. Die Beschreibungen aus dem Computerbereich sind durchweg recht logisch, was man bei Unterhaltungsromanen nicht immer behaupten kann. Dass dabei der Begriff "Firewall" mit "Brandmauer" übersetzt wird, haben wir ja schon bei Mankell mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Doch auch die Erklärungen aus dem medizinischen und aus dem kriminalpsychologischen Bereich wirken sehr überzeugend dargestellt, wobei ich nicht beurteilen kann, inwieweit diese realistisch sind, was aber auch für den Unterhaltungswert des Buches keine Rolle spielt.

Die einfache Schreibweise mit viel direkter Rede, dabei auch zeitweilig mit Auszügen aus Chats, machen das Buch sehr leicht und flüssig lesbar. Zudem sorgt auch eine mit fortdauernder Handlung zunehmend starke Identifikation mit dem Protagonisten dafür, dass man förmlich am Buch gefesselt bleibt und selber mitten drin im Geschehen steckt. Die Darstellung der Charaktere vollzieht sich zwar sprachlich nicht besonders eindrucksvoll, doch hat Iles genügend Seiten, auf denen er die einzelnen Personen seinen Lesern näherbringen kann. So erklärt es sich auch, dass der Lesefluss auf den ersten hundert Seiten noch recht holprig ist, man jedoch die Figuren immer besser kennen lernt und einen das Geschehen immer mehr in seinen Bann zieht.

Hervorzuheben bleibt noch, dass der Autor es vorzieht, trotz doch recht brutaler Morde nicht das blutrünstige in den Vordergrund zu stellen und bis auf einigen wenige Szenen doch recht sachlich zu bleiben und nicht effektheischend den Leser sich ekeln zu lassen.

Immer wieder überraschende Wendungen machen den Plot zusätzlich interessant. Natürlich darf die Ergreifung des Täters nicht allzu leicht sein, doch was sich Iles zum Showdown noch alles einfallen lässt, ist ein wahres Feuerwerk von Ideen. Und auch, wenn nicht alles auf Anhieb zündet, wird es zu guter letzt noch zu einem solchen.

Bei der Titelvergabe hat sich der deutsche Verlag wie so oft mal wieder nicht an die Vorgabe gehalten. Aus dem Original Mortal Fear, das man etwa mit "Tödliche Furcht" hätte übersetzen können, hat man hier das zwar nichtssagende, aber doch originellere @ E.R.O.S. gemacht.

Greg Iles hat mit diesem Buch einen Thriller der Spitzenklasse geliefert, der den Leser fast von Beginn an unter Hochspannung hält, dazu eine originelle Story bietet und durchweg gute Unterhaltung liefert. Kritikpunkte sind einige zu finden, wenn man danach sucht, doch allein aufgrund seines Unterhaltungswertes möchte ich den Roman mit einer Spitzenwertung versehen.

@E.R.O.S.

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