Der sichere Tod

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Scribner, 2003, Titel: 'Dead I well may be', Seiten: 306, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2010, Seiten: 436, Übersetzt: Kirsten Riesselmann

Couch-Wertung:

87°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

2 x 91°-100°
1 x 81°-90°
1 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:90.75
V:3
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":1,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":1,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":2}
Jochen König
Von einem, der auszog, den Tod zu lernen

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2010

Michael Forsythe ist gerade mal 19 Jahre alt, als er Irland den Rücken kehrt, um in New York in der Organisation des irischen "Geschäftsmanns" Darkey White zu arbeiten. Er wird in einer kakerlakenverseuchten Wohnung in Harlem einquartiert, hat viel Zeit zu räsonieren, über den heißen Sommer, die Mordrate in seinem Viertel wie in ganz New York und stellt Überlegungen zu Darkey White und seinem Stab an. So etabliert sich Michael als kulturinteressierter Träumer, der letztlich nur darauf wartet, durchstarten zu können. Als es endlich soweit ist, erweist er sich als geschickter Handlanger der Gewalt, der zwar leicht skrupulös über seine Taten nachdenkt, sie aber dennoch mit Effizienz begeht. So wird ihm eine glorreiche Zukunft in Whites irischem Unternehmen prognostiziert.

Doch dann begeht er den Fehler, der schon vielen Gangster-Eleven Kopf und Kragen gekostet hat. Mehr aus Langeweile als Hingabe lässt Michael sich mit Bridget, der Geliebten seines Chefs ein und landet prompt auf der Abschussliste.

Ein Ausflug nach Mexiko entpuppt sich als Falle, und die Rückkehr in die USA wird zum zehrenden Überlebenstrip auf Papillons Spuren. Doch Michael ist zäh und zornig, was seine Widersacher bald am eigenen Leib erfahren werden. Doch wie das so ist mit Rache: nahezu jedes Opfer hinterlässt einen potenziellen zukünftigen Täter. Ein endloser Kreislauf...

 Es gibt Rezensenten, die bauen ein Spalier aus "Ross Thomas, Elmore Leonhard [!], James Ellroy und Charles Willeford" und behaupten nassforsch, dass Adrian McKintys erster Teil der "Dead-Trilogie" dort nicht hinein gehören würde. Denn McKinty würde so tun, als hätte es "das Genre in der Bandbreite von cool bis expressionistisch auszubreiten - nie gegeben; keiner dieser Autoren hätte sich mit einem so dünnen Plot auch nur für fünfzig Seiten zufrieden gegeben."

Das ist nicht nur schlecht geschrieben, sondern postiert den Roman auch in ein durch willkürliches Namedropping erstelltes Umfeld, als hätte der Autor verzweifelt danach gesucht. Wenn wir schon dabei sind, warum nicht noch Jim Thompson, Ted Lewis, Russell James und David Peace auf’s Tapet bringen? Bei den drei ersten spielen Gangster eine gewichtige Rolle und Peace ist ein radikaler Sprachjongleur, der sich zwischen "cool und expressionistisch" konsequent austobt.

Zumindest sprachlich kann McKinty – auch in der gelungenen deutschen Übersetzung – mithalten. Er geht zwar nicht ganz so radikal wie Peace zu Werke, aber er stattet seinen Michael Forsythe mit knapper Straßenweisheit aus, zeigt ihn aber andererseits auch als kulturbeflissenes Wesen, dessen gelegentlich halluzinierende Betrachtungen über den Lauf der Welt wie Flutwellen über den Leser hereinbrechen.

Das mag den Fluss der Handlung unterbrechen, schärft aber den Blick für die Ränder, zwischen denen sich Forsythe Welt befindet. Und das ist eine literarische. McKintys Harlem ist vielleicht noch eine Mischung aus eigenem Erleben und radikalen Rap-Lyrics der frühen 90er; kurze, hingerotzte Sätze, die er uns um die Ohren haut als wären es wahrhaftige Statements; doch spätestens der Aufenthalt in Mexiko, und die Flucht aus dem Gefängnis werden zu einer Feier medialen Verarbeitens. Während unser unwirscher Rezensent noch von "einer eben so hanebüchenen wie angelesenen Flucht [ja was denn sonst? Muss man im Knast gesessen haben, um darüber schreiben zu dürfen?]" fantasiert, führt McKinty seinen Helden durch unwegsames Gebiet wie Henri Charriere seinerzeit Papillon (angeblich tatsachenbelegt). Das ist spannend und mit bitterfieser Konsequenz erzählt. Natürlich wird auch das Finale nicht realistischer, in dem sich Forsythe, als undankbarer Gefolgsmann eines dominikanischen Gangsters mit gleichen Zielen, schonungslos, voller Kalkül und ohne einen Schritt vom vorgegebenen Plan abzuweichen, seiner Widersacher entledigt.

Eine eigentlich simple Story, die natürlich bereits als Grundlage für Hunderte Bücher und Filme diente, macht Adrian McKinty zu der mitreißenden Odyssee eines jungen Mannes, der in der Lage ist, sich seiner Umwelt anzupassen wie jene Kakerlaken, die er in seinem Harlemer Appartement jagt, studiert und sowohl angewidert wie anerkennend entkommen lässt. Nicht umsonst 1992 angesiedelt, ist Der sichere Tod der kongeniale Kommentar zum Wesen der Neunziger: viel versprechend begonnen, entpuppen sie sich als Ritt tief in die Scheiße.

Und das ist der einzige Punkt, an dem sich McKintys Buch mit den Werken James Ellroys vergleichen lässt. Er nimmt einen vergangenen Zeitabschnitt und lässt darin seine Protagonisten agieren. Doch er versucht keine Analyse großgeschichtlicher Ereignisse, die mit individuellen Biographien verwoben werden; Der sichere Tod handelt einfach von einem jungen Mann, der sich dem Zeitlauf ergibt und versucht das beste daraus zu machen. Ohne konsequentes Hinterfragen, ohne großen Plan oder gar moralische Ziele. Michael Forsythe reagiert einfach nur auf seine Umwelt und ihre Anforderungen. Und wird somit zum nahezu perfekten Protagonisten einer Zeit, die ihre Berechtigung nur noch in Effizienz und nicht mehr in der Erforschung von Inhalten und des eigenen Wesens misst.

Nur manchmal lässt Adrian McKinty seinen "Helden" innehalten: dann steht die Zeit still und ihm wird schmerzlich bewusst, dass er jedes noch so harte Schicksal verdient hat, das ihn erwartet. Doch so lange er eine Waffe halten kann, wird er sich gegen das endgültige Erkennen wehren.

Ach, wo wir gerade dabei sind: Faust handelt von einem Typen, der seine Seele an den Teufel verkauft, in den Buddenbrooks verliert eine Lübecker Kaufmannsfamilie Macht und Ansehen, und Winnie The Pooh ist ein dummer, kleiner Stoffbär. Andere Autoren hätten diesen dünnen Plots nicht mal 50 Seiten gegeben. Ich weiß, der Vergleich mit Weltliteratur ist gemein und hinterhältig, aber: lieber unfair, als eine Pointe liegen lassen, die uns Bruder Ambros am Wegesrand mit Kusshand serviert.

So seltsam willkürlich die Zusammenstellung der Suhrkamp-Krimi-Reihe auch ist; mit Adrian McKinty hat das zweite Highlight nach Don Winslow angedockt. Wir warten auf mehr...

Der sichere Tod

Der sichere Tod

Deine Meinung zu »Der sichere Tod«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
17.04.2014 17:17:05
Oldman

Habe den zweiten Teil der Todestrilogie gelesen und nun auch den ersten. Beide Bücher sind gleich gut geschrieben, der Protagonist ist im ersten Buch erst 19 Jahre alt, agiert aber weit über sein Alter hinaus. Der Autor zieht seinen Plot durch, spart aber zwischendurch auch hier nicht mit literarischen Abschweifungen, die mir im zweiten Buch etwas gelungener erschienen. Aber die Handlung ist spannend, sprachlich ist das Buch auf m.E. sehr gutem Niveau, was vermutlich auch einem kompetenten Übersetzer zu verdanken ist. Der Showdown nimmt einen auch mit, so daß hier ein sehr guter Krimi vorliegt, den dritten Teil der Serie muß ich nun natürlich auch noch lesen.

22.02.2013 21:48:41
Eglfinger

Die Bronx. Harlem. 2000 Morde pro Jahr. Und nicht gerade das, was der Ire Michael Forsythe sich von New York erhofft hat. Aber als Neuling in Darkey Whites Street Gang macht Michael sich gut. Bis er sich mit dessen Freundin einlässt – eigentlich sein Todesurteil. Doch Darkey hat Michael unterschätzt.

Der Ire Michael Forsythe reist 19-jährig als Illegaler in die USA ein um als Handlanger in Darkey Whites mafiöser Organisation zu arbeiten. Er wird in Harlem in einem ungezieferverseuchtem Drecksloch einquartiert und wartet auf seine Chance. Als er endlich zur Tat schreiten kann, erweist er sich als skrupelloser Gewalttäter und es eröffnen sich große Chancen in Whites Mafia. Doch als er sich in die Geliebte seines Chefs, Bridget, verliebt, begeht er einen Riesenfehler. Auf einer Mexikoreise geht bei einem Drogendeal etwas schief und er landet in einem mexikanischen Gefängnis. Schnell stellt sich heraus, dass die Mexikoreise eine Falle war, von der Michael nicht lebendig zurückkommen soll. Doch Michael ist zäher als gedacht und die Rache, die er geschworen hat, sollen Michaels Gegner schon bald am eigenen Leib spüren.

Michael wird vom Autor aber nicht nur als skrupelloser Gewalttäter oder gnadenloser Rächer dargestellt, sondern auch als literarisch kultiviert. Mit seinem literarischen Intellekt, gepaart mit Straßenweißheiten, treibt er seine Gangmitglieder immer wieder zur Weißglut, weil er sie spüren lässt, dass sie ihm intellektuell unterlegen sind. Und oft begibt er sich in Tagträume, die einem als Leser halluzinierend vorkommen, die ihm aber auf seiner Flucht von Mexiko vermutlich das Leben retten.

Die Geschichte spielt im Jahr 1992, als in Irland noch der Bürgerkrieg vorhanden war, und bevor in New York der spätere Bürgermeister Giuliani mit seiner Nulltoleranzstrategie die Straßen von NY wieder sicherer machte. Es wird nicht auf damalige politische Ereignisse oder heute historisch wichtige Personen eingegangen, sondern sie handelt einfach nur von einem jungen Mann, der sich den Umständen seines Lebens anpasst und daraus versucht das Beste zu machen.

Der Schreibstil des Autors ist ein wenig ungewöhnlich, weil die wörtliche Rede nicht hervorgehoben ist, aber das lässt die Geschichte noch intensiver wirken und man gewöhnt sich schnell daran. Woran man sich nicht so schnell gewöhnt, ist die detailbeschriebene Brutalität, aber auch die ist nötig, damit man als Leser ein authentisch Gefühl für das Milieu bekommt, in dem die Geschichte spielt.
Ich gebe 87 Grad.

21.10.2010 16:22:57
Mettmurderer

echt gutesbuch, fängt ichtig stark an, und kann das niveau meiner meinung nach nicht bis zum ende halten. die \\"gefängniszeit\\" ist gnadenlos überzogen im sinne von \\"bis zum letzten ausgereizt. es geht einfach zu viel des buches im gefängnis drauf, danach macht es den anschein als wolle der autor das buch schnell über die bühne bringen, was der starken ersten hälfte desbuches leider nicht gerecht wird. trotzdem sehr empfehlenswert