Der sichere Tod

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Scribner, 2003, Titel: 'Dead I well may be', Seiten: 306, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2010, Seiten: 436, Übersetzt: Kirsten Riesselmann

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Jochen König
Von einem, der auszog, den Tod zu lernen

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2010

Michael Forsythe ist gerade mal 19 Jahre alt, als er Irland den Rücken kehrt, um in New York in der Organisation des irischen "Geschäftsmanns" Darkey White zu arbeiten. Er wird in einer kakerlakenverseuchten Wohnung in Harlem einquartiert, hat viel Zeit zu räsonieren, über den heißen Sommer, die Mordrate in seinem Viertel wie in ganz New York und stellt Überlegungen zu Darkey White und seinem Stab an. So etabliert sich Michael als kulturinteressierter Träumer, der letztlich nur darauf wartet, durchstarten zu können. Als es endlich soweit ist, erweist er sich als geschickter Handlanger der Gewalt, der zwar leicht skrupulös über seine Taten nachdenkt, sie aber dennoch mit Effizienz begeht. So wird ihm eine glorreiche Zukunft in Whites irischem Unternehmen prognostiziert.

Doch dann begeht er den Fehler, der schon vielen Gangster-Eleven Kopf und Kragen gekostet hat. Mehr aus Langeweile als Hingabe lässt Michael sich mit Bridget, der Geliebten seines Chefs ein und landet prompt auf der Abschussliste.

Ein Ausflug nach Mexiko entpuppt sich als Falle, und die Rückkehr in die USA wird zum zehrenden Überlebenstrip auf Papillons Spuren. Doch Michael ist zäh und zornig, was seine Widersacher bald am eigenen Leib erfahren werden. Doch wie das so ist mit Rache: nahezu jedes Opfer hinterlässt einen potenziellen zukünftigen Täter. Ein endloser Kreislauf...

 Es gibt Rezensenten, die bauen ein Spalier aus "Ross Thomas, Elmore Leonhard [!], James Ellroy und Charles Willeford" und behaupten nassforsch, dass Adrian McKintys erster Teil der "Dead-Trilogie" dort nicht hinein gehören würde. Denn McKinty würde so tun, als hätte es "das Genre in der Bandbreite von cool bis expressionistisch auszubreiten - nie gegeben; keiner dieser Autoren hätte sich mit einem so dünnen Plot auch nur für fünfzig Seiten zufrieden gegeben."

Das ist nicht nur schlecht geschrieben, sondern postiert den Roman auch in ein durch willkürliches Namedropping erstelltes Umfeld, als hätte der Autor verzweifelt danach gesucht. Wenn wir schon dabei sind, warum nicht noch Jim Thompson, Ted Lewis, Russell James und David Peace auf’s Tapet bringen? Bei den drei ersten spielen Gangster eine gewichtige Rolle und Peace ist ein radikaler Sprachjongleur, der sich zwischen "cool und expressionistisch" konsequent austobt.

Zumindest sprachlich kann McKinty – auch in der gelungenen deutschen Übersetzung – mithalten. Er geht zwar nicht ganz so radikal wie Peace zu Werke, aber er stattet seinen Michael Forsythe mit knapper Straßenweisheit aus, zeigt ihn aber andererseits auch als kulturbeflissenes Wesen, dessen gelegentlich halluzinierende Betrachtungen über den Lauf der Welt wie Flutwellen über den Leser hereinbrechen.

Das mag den Fluss der Handlung unterbrechen, schärft aber den Blick für die Ränder, zwischen denen sich Forsythe Welt befindet. Und das ist eine literarische. McKintys Harlem ist vielleicht noch eine Mischung aus eigenem Erleben und radikalen Rap-Lyrics der frühen 90er; kurze, hingerotzte Sätze, die er uns um die Ohren haut als wären es wahrhaftige Statements; doch spätestens der Aufenthalt in Mexiko, und die Flucht aus dem Gefängnis werden zu einer Feier medialen Verarbeitens. Während unser unwirscher Rezensent noch von "einer eben so hanebüchenen wie angelesenen Flucht [ja was denn sonst? Muss man im Knast gesessen haben, um darüber schreiben zu dürfen?]" fantasiert, führt McKinty seinen Helden durch unwegsames Gebiet wie Henri Charriere seinerzeit Papillon (angeblich tatsachenbelegt). Das ist spannend und mit bitterfieser Konsequenz erzählt. Natürlich wird auch das Finale nicht realistischer, in dem sich Forsythe, als undankbarer Gefolgsmann eines dominikanischen Gangsters mit gleichen Zielen, schonungslos, voller Kalkül und ohne einen Schritt vom vorgegebenen Plan abzuweichen, seiner Widersacher entledigt.

Eine eigentlich simple Story, die natürlich bereits als Grundlage für Hunderte Bücher und Filme diente, macht Adrian McKinty zu der mitreißenden Odyssee eines jungen Mannes, der in der Lage ist, sich seiner Umwelt anzupassen wie jene Kakerlaken, die er in seinem Harlemer Appartement jagt, studiert und sowohl angewidert wie anerkennend entkommen lässt. Nicht umsonst 1992 angesiedelt, ist Der sichere Tod der kongeniale Kommentar zum Wesen der Neunziger: viel versprechend begonnen, entpuppen sie sich als Ritt tief in die Scheiße.

Und das ist der einzige Punkt, an dem sich McKintys Buch mit den Werken James Ellroys vergleichen lässt. Er nimmt einen vergangenen Zeitabschnitt und lässt darin seine Protagonisten agieren. Doch er versucht keine Analyse großgeschichtlicher Ereignisse, die mit individuellen Biographien verwoben werden; Der sichere Tod handelt einfach von einem jungen Mann, der sich dem Zeitlauf ergibt und versucht das beste daraus zu machen. Ohne konsequentes Hinterfragen, ohne großen Plan oder gar moralische Ziele. Michael Forsythe reagiert einfach nur auf seine Umwelt und ihre Anforderungen. Und wird somit zum nahezu perfekten Protagonisten einer Zeit, die ihre Berechtigung nur noch in Effizienz und nicht mehr in der Erforschung von Inhalten und des eigenen Wesens misst.

Nur manchmal lässt Adrian McKinty seinen "Helden" innehalten: dann steht die Zeit still und ihm wird schmerzlich bewusst, dass er jedes noch so harte Schicksal verdient hat, das ihn erwartet. Doch so lange er eine Waffe halten kann, wird er sich gegen das endgültige Erkennen wehren.

Ach, wo wir gerade dabei sind: Faust handelt von einem Typen, der seine Seele an den Teufel verkauft, in den Buddenbrooks verliert eine Lübecker Kaufmannsfamilie Macht und Ansehen, und Winnie The Pooh ist ein dummer, kleiner Stoffbär. Andere Autoren hätten diesen dünnen Plots nicht mal 50 Seiten gegeben. Ich weiß, der Vergleich mit Weltliteratur ist gemein und hinterhältig, aber: lieber unfair, als eine Pointe liegen lassen, die uns Bruder Ambros am Wegesrand mit Kusshand serviert.

So seltsam willkürlich die Zusammenstellung der Suhrkamp-Krimi-Reihe auch ist; mit Adrian McKinty hat das zweite Highlight nach Don Winslow angedockt. Wir warten auf mehr...

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