Totenblüte

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2010
  • London: Macmillan, 2007, Titel: 'Hidden Depths', Seiten: 370, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010, Seiten: 399, Übersetzt: Tanja Handels
Wertung wird geladen
Thorsten Sauer
75°

Krimi-Couch Rezension vonApr 2010

Abgründe hinter heilen Fassaden

Vera Stanhope feiert in Deutschland eine Premiere, die eigentlich keine ist, da es sich bei Totenblüte bereits um den zweiten Roman der Serie von Ann Cleeves handelt. Allerdings hat sich der Verlag entschieden, die Serie in Deutschland mit dem zweiten Band zu starten. Die Gründe dafür sind unbekannt, aber wie dem auch sei, mit Ann Cleeves neuer Ermittlerin betritt ein krasser Gegenentwurf zur typisch amerikanischen Ermittlerin die Bühne. Sie ist nicht jung, attraktiv und erfolgreich, sondern dick, ungepflegt und beruflich nur mäßig karriereorientiert. Darüber hinaus hat sie im Gegensatz zu den meisten ihrer Kolleginnen kein Jugendtrauma zu verarbeiten oder aus irgendwelchen anderen Gründen ein aufregendes Privatleben, sondern da ist einfach nichts – außer Einsamkeit. Klingt wie ein wenig hoffnungsvoller Einstieg in eine neue Serie, aber gerade englische Krimis leben letztlich von ihren skurrilen Helden und da hat Vera Stanhope definitiv einiges zu bieten.

Mordserie oder Zufall?

Luke, der kleine Sohn von Julie Armstrong, liegt eines Abends, als sie von einer Verabredung nach Hause kommt, tot in der mit Wasser gefüllten Badewanne, um ihn herum schwimmen Blüten. Nur wenige Tage später wird die hübsche Referendarin Lily tot in einem Tümpel gefunden, auch um sie treiben Blüten. Die Inszenierung der Morde weist für die Ermittlerin Vera Stanhope klar auf eine Mordserie hin und ihr ist bewusst, dass der Täter in diesem Fall so lange zuschlagen wird, bis sein schauriges Kunstwerk vollendet ist. Doch abgesehen von den Blumen finden sich praktisch keine Zusammenhänge. Handelt es sich bei den Morden am Ende gar nicht um eine Serie und sind die Verbindungen nur rein zufällig? Stoisch macht sich die Kommisarin gemeinsam mit ihrem Kollgen Joe Ashworth daran, jede mögliche Verbindung zu hinterfragen und jede noch so dünne Spur zu verfolgen. Sie blicken hinter die Fassade einer heilen Dorfgemeinschaft und stehen irgendwann vor einem Abgrund.

Stille Wasser sind tief und häufig schmutzig

Totenblüte ist der erste Roman der Reihe um die Ermittlerin Vera Stanhope, der auf deutsch erscheint. Mit Vera Stanhope hat Ann Cleeves eine völlig ungewöhnliche und für englische Krimis doch irgendwie absolut typische, skurrile Hauptfigur geschaffen. Stanhope ist alleinstehend, sie trinkt regelmäßig zu viel Alkohol, sie ist dick und hat ungepflegte Füße, die sie mit Vorliebe in offenen Sandalen zur Schau trägt. Aber sie hat auch Einfühlungsvermögen, sie hört zu und kann sich in Situationen hinein versetzen. Und sie wird leicht unterschätzt, aufgrund ihres Äußeren und ihrer vermeintlich unbeholfenen Befragungstechnik: mit Vorliebe redet sie Zeugen wie Verdächtige mit "Herzchen" an, völlig unabhängig von Geschlecht, gesellschaftlicher Stellung oder Alter.

So bedächtig sie ihren massigen Körper in die Wohnung von Zeugen und Verdächtigen schiebt, um Fragen zu stellen, so unaufgeregt treibt sie die Ermittlungen voran und klärt den Fall um die Mordserie.

Der Plot selbst ist – wie die Protagonistin – ebenfalls typisch englisch: verzwickt und psychologisch. Ann Cleeves erfindet damit das Rad zwar nicht neu aber es reicht aus, um den Spannungsbogen über die 400 Seiten aufrecht zu halten. Getragen wird die Spannung dabei, abgesehen vom fulminanten Ende, nicht von der Action, sondern von den Gesprächen und Befragungen in denen die Fassade vermeintlich unbescholtener Bürger bröckelt. Kleine Gemeinheiten in Form heimlicher Affären, Neid und Missgunst treten hervor, werden größer, um letztlich schlüssig zu einem Täter und dessen Beweggründen zu führen.

Totenblüte ist kein Page-Turner oder ein Roman den man unbedingt gelesen haben muss, aber er ist gute Unterhaltung für all jene, die klassische englische Kriminalromane mögen.

Totenblüte

, Rowohlt

Totenblüte

Deine Meinung zu »Totenblüte«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren