Lemmings Zorn

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009, Seiten: 301, Originalsprache

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Thorsten Sauer
Schutzengel oder Todesengel?

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Jan 2010

Es ist nicht leicht in der kleinen aber feinen Kriminalliteraturszene Österreichs zu bestehen, neben dem übergroßen Wolf Haas und seiner unvergleichlichen Sprachakrobatik. Doch mindestens zwei haben es geschafft, sich nicht nur zu etablieren, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich zu sein. Neben Heinrich Steinfest ist das seit Jahren auch Stefan Slupetzky, der seinen Antihelden Leopold Wallisch mit "Lemmings Zorn" in seinen mittlerweile vierten Fall stürzt.

Viel Lärm um den Lemming

Lärm ist in Lemmings Zorn fast allgegenwärtig. Das beginnt schon auf den ersten Seiten: Als Lemmings hochschwangere Lebensgefährtin beim gemeinsamen Spaziergang Wehen bekommt und ein kreisender Hubschrauber den dringenden Notruf des Lemming überdröhnt und zunichte macht. Doch dem verzweifelten und hektisch agierenden Lemming erscheint ein Engel. Kein wirklicher Engel natürlich, sondern die Passantin Angela, die sich als versierte Geburtshelferin herausstellt, den kleinen Benjamin auf die Welt holt und von da an eine innige Beziehung zu dem neuen Elternpaar pflegt.

Das Vertrauen der frisch gebackenen Eltern geht bald so weit, dass sie an Weihnachten Benjamin der neuen Freundin anvertrauen. Doch als der Lemming den Sohn wieder abholen möchte, macht er eine erschreckende Entdeckung: Angela ist tot! Ein vermeintlicher Selbstmord, an den der Lemming natürlich nicht glaubt. Und schon ist er mitten in den Ermittlungen und Stefan Slupetzky kehrt zurück zu seinem Ausgangsmotiv: Lärm. Lärm kann vieles sein, einfach nur lästig, gesundheitsschädlich oder sogar demütigend, wenn regelrecht als Waffe eingesetzt. Der Lemming lernt Menschen kennen, die Opfer sind und sich entschieden haben dagegen vorzugehen. Die "Anti-Lärm-Fraktion": Lärm geschädigte, die zu fast allem bereit sind und die einen Freiheitskampf mitten in Wien führen, verborgen im Untergrund hinter der Maske biederer Großstadtbewohner.

Lärm als Mordmotiv?

Slupetzky hat den in der Großstadt allgegenwärtigen Lärm zum Motiv und Hauptdarsteller seines neuen Romans gemacht. Wer jetzt an Affekthandlungen nach nächtlichen Ruhestörungen denkt, der kennt Slupezky und seinen hintersinnigen Humor nicht. Er bringt es fertig, mit der "Anti-Lärm-Fraktion" eine Art großstädtische Freiheitskämpfer-Gruppe zu schaffen, deren Aktionen sich durch den Roman ziehen und letztlich zur Aufklärung des Todes von Angela führen.

Die 300 Seiten dazwischen hat Slupetzky mit vielen lesenswerten, weil mit Augenzwinkern erzählten, Episoden ausgefüllt und in seiner bekannt ausgefeilten Sprache geschrieben. Die Geschichte ist zwar nicht immer spannend, aber gerade aufgrund der häufig lakonischen Sprache und der Prise schwarzen Humors, stets lesenswert und unterhaltsam. Ein klare Empfehlung für alle Fans der Serie und jene, die ihren Horizont österreichischer Krimis um einen weiteren Vertreter erweitern wollen, der sich keineswegs verstecken muss, vor den etablierten Wolf Haas und Heinrich Steinfest.

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Letzte Kommentare:
12.03.2016 08:56:25
Hietzinger statt Grinzinger

Habe zuerst Nr. 4 "Lemmings Zorn" gelesen, dann erst Nr. 1 "Der Fall des Lemming". Umgekehrt wäre es logischer gewesen, allerdings ist die Reihenfolge nicht unbedingt von Bedeutung. Jeder Fall ist für sich weitgehend abgeschlossen.
Die Handlung ist spannend - man weiß längere Zeit nicht, ob Angela eine Gute ist oder nicht einfach mit dem kleinen Ben etwas anstellen will. Wer sich bei Immobilien-Entwicklern in Wien auskennt, wird die Beschreibung der "Ratte" als sehr glaubwürdig empfinden. Von allen Krimis, die ich je gelesen habe, gebe ich "Der Fall des Lemming" einen römischen Einser und für "Lemmings Zorn" die Note 1-2; aber nur, weil mir bei letzterem der Krotznig fehlt und das Lärm-Motiv zeitweise etwas überdreht erscheint. Insgesamt sind diese beiden Slupetzky-Krimis Super und ich freue mich mich auf die nächsten

28.08.2010 18:03:32
Samoa

Zornig ist er, der Lemming! Und wie...
In diesem entschieden leise komponierten Krimiplot, in dem es hinter- und vordergründig um höllischen Lärm geht, läßt Slupetzky seinen Protagonisten durch eine sich gelegentlich ein wenig mühsam-schleppende Handlung stolpern.

Aufgelockert und lesenswert blieb es dennoch: durch launig-morbide Dialoge im typischen Wiener Schmäh und die wohlüberlegten, zugleich herrlich-humorig formulierten "Wortbilder", die längst nicht so überkonstruiert wirken wie beispielsweise bei Steinfest.
Denn es gelingt Slupetzky wiederum, seine Figuren und deren Gedankengänge mit Worten so zu zeichnen, dass man sie förmlich sieht. Und hört.

Kein atemlos nervenaufreibender Krimi also, sondern ein kurzweilig amüsanter Lesespass. 81°

18.02.2010 23:00:35
wolfthal

Ein Urlaub bei Wien verleitete mich zum Lesen und eine Buchhändlerin zu Slupetzky. Der Reihe nach durchgelesen. hatte ich die größte Freude an den ersten beiden Bänden, dann folgte bei mir an Lesefreude "Lemmings Zorn", ein ruhiger Text zum Lärm - engagiert, aber etwas weniger schwungvoll. Im Buch vermisste ich den widerlichen Nazi-Vorgesetzten, danach Castro.. Tolle Figuren wieder, der Schweißgeruch des body buildenden Postlers stinkt enorm aus dem Buch.. Slupetzky unterhält mich mit allen vier Romanen gut, Danke!

01.02.2010 22:18:02
mase

Slupetzky ist ernster geworden. Vielleicht weil der Lemming jetzt Vater geworden ist. Die Dialoge sind nicht mehr so lustig und die Geschichte und Personen nicht mehr so skurril. Gerade die ersten beiden Fälle waren urkomisch und bitterböse.

Das schlimmste ist: er schreibt wie Steinfest. Oder er versucht es. Hätte man das Cover abgeklebt und die Namen der Personen geschwärzt, hätte ich gewettet Steinfest zu lesen. Aber sein schlechtestes Buch.

Leider bin ich masslos enttäuscht. Meine Vorfreude auf dieses Buch war riesig, denn ich hoffte „Lemmings Zorn“ könne an alte Zeiten anknüpfen. Mit dem 3. Teil ist Slupetzky schon in den Durchschnitt abgerutscht, aber das hier ist gar nichts.

Der Plot ist zum gähnen langweilig, die Dialoge meistens fad und trocken - völlig leblos wie das ganze Buch.

01.02.2010 14:10:24
sirod53

Schon wieder ein brillantes, fesselndes Meisterwerk von Stefan Slupetzky! Chapeau!
Ich konnte dieses Buch einfach nicht weglegen. wunderbare gut durchdachte Geschichte er kann Dinge so liebevoll beschreiben z. B. wie sich das Baby auf seine Geburt vorbereitet. Hoffentlich bekommen wir von diesem begnadeten Autor noch viel zu lesen. Dickes Lob auch für die tolle Umschlaggestaltung aller vier Bücher. Unbedingt lesen!

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