Passwort Henrietta

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2009, Seiten: 478, Übersetzt: Karl-Heinz Ebnet

Couch-Wertung:

67°
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Thorsten Sauer
Blasser Wirtschafts- und IT-Thriller

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Aug 2009

Das Berufsbild des Hackers scheint geradezu prädestiniert dazu, in Thrillern verwendet zu werden. Es birgt zwar die Gefahr der Langeweile aufgrund allzu technischer Details um Computernetzwerke und Programmcodes, bietet aber den Reiz, an der Schwelle des Legalen zu stehen. Zumindest will uns das Ava McCarthy in ihrem Erstlingswerk Passwort: Henrietta glauben machen. Harry "Henrietta" Martinez ist Hackerin, aber sie arbeitet ganz legal bei einer IT-Sicherheitsfirma und ihre Aufgabe ist es, sich nach Auftrag in fremde Firmennetze zu "hacken", um Sicherheitslücken aufzudecken. Eigentlich genau das, was eine IT-Sicherheitsexpertin tut, aber Hackerin klingt eben wesentlich aufregender, so dass sich Ava McCarthy entschieden hat, Harry gleich in den Mittelpunkt einer Serie zu stellen, die mit Passwort: Henrietta ihren Anfang nimmt.

Ein Prophet der 12 Millionen Euro fordert

Harry liebt das Risiko; aber nur so lange sie es beherrschen kann und die Folgen überschaubar sind. Deshalb mag sie ihren Beruf als Hackerin und das Pokerspiel. Der Adrenalinstoß etwa, wenn sie es geschafft hat, sich undercover in das Firmennetzwerk des Auftraggebers zu hacken oder nach einem gelungenen Bluff beim Pokern den Pott zu bekommen: Nervenkitzel zwar - aber keine echte Bedrohung.

Doch das ändert sich zur Rush-Hour mitten in Dublin schlagartig: Ein Fremder flüstert ihr am S-Bahnsteig etwas ins Ohr und stößt sie unmittelbar danach vor den herannahenden Zug. Harry kann sich zwar mit knapper Not retten, aber der Mordanschlag soll nicht die einzige böse Überraschung bleiben. Aus dem Nichts tauchen zwölf Millionen Euro auf ihrem Konto auf und parallel dazu ein mysteriöses Schreiben, in dem Sie aufgefordert wird, diese Summe dem "Propheten" zu übergeben. Kein Problem sollte man meinen, doch genauso schnell wie sich Harrys Vermögen vermehrt hat, sind die Millionen am anderen Tag auch schon wieder verschwunden. Ein peinlicher Computerfehler, entschuldigt sich die Bank, das Geld war nie wirklich vorhanden. Der Prophet macht jedoch unmissverständlich klar, dass er nicht an Erklärungen, sondern nur an den zwölf Millionen interessiert ist. Für Harry beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit.

Insidergeschäfte

Passwort: Henrietta ist die verunglückte deutsche Übersetzung des Originaltitels "The Insider", der wesentlich besser charakterisiert, worum es in McCarthys Erstlingswerk eigentlich geht: Insidergeschäfte. Harrys Vater sitzt als Investmentbanker im Gefängnis, weil er gemeinsam mit anderen Investmentbankern ein Vermögen mit Insidergeschäften machte, ehe der sogenannte Ring aufflog, das Geld verschwand und Harrys Vater hinter Gitter musste.

Auf Insiderinformationen ist auch Harry in ihrem Job als hackende IT-Sicherheitsexpertin angewiesen, denn moderne Firmenetzwerke lassen sich nicht mehr nur mit bloßer Technik überlisten. Um sich Zugang zu verschaffen, sind detaillierte Informationen notwendig, deren Beschaffung - das sogenannte Social-Engineering - so etwas wie eine eigene Sparte des Hackens darstellt und zu Harrys besonderen Fähigkeiten zählt. Auch wenn sie es leugnet, ist sie nicht nur deshalb ihrem Vater ähnlicher als sie sich selbst eingesteht und die Umstände zwingen sie, den längst abgebrochenen Kontakt zu ihm wieder aufzunehmen.

Der Plot und der Genremix aus IT- und Wirtschaftskrimi, den Ava McCarthy für ihr Debütwerk gewählt hat, ist konventionell und liest sich über weite Strecken wie direkt aus dem Lehrbuch über kreatives Schreiben: Attraktive Einzelgängerin mit außergewöhnlichem Job und gestörtem Verhältnis zum Vater, schlittert unvermittelt in eine große Sache, deren Wurzeln in der Vergangenheit liegen und sie zwingen, sich ihrem Vater zu nähern, wobei der unvermeidliche, zwielichtige Liebhaber ihren Weg kreuzt. Soweit so konventionell, jedoch kann man Ava McCarthy wenigstens bescheinigen, dass sie einen flüssig zu lesenden Thriller zu Papier gebracht hat, in den sie - wohldosiert - ihr Know-How als ehemalige IT-Expertin eingearbeitet hat. Gerade zu Beginn sind die recht detaillierten Schilderungen eines Hackerangriffs auf ein Firmennetzwerk die stärksten Seiten des Romans. Doch leider unterläuft ihr hier ein Fehler, der sich bei der Charakterzeichnung noch verstärkt: sie schafft es nicht an der Oberfläche zu kratzen und ersetzt Tiefe durch Wiederholung. So wird spätestens die dritte Beschreibung des Eindringens in ein Firmennetz genauso langweilig wie das ständige Bemühen der gleichen Motive zur Beschreibung des gestörten Vater-Tochter Verhältnisses. Spannende Charaktere ersetzt McCarthy durch wenige Schlagworte und echte Gefühle zwischen Vater und Tochter durch platte Dialoge. Das ist bedauerlich, da sie gerade dort viel Potential verschenkt, obwohl die Ansätze vielversprechend sind. Bleibt die flott erzählte Geschichte, die jedoch unter den viel zu frühen und eindeutigen Hinweisen auf den Bösewicht empfindlich an Spannung verliert.

Passwort: Henrietta schafft es daher trotz der guten Ansätze nicht, sich aus der grauen Masse der nach Kochrezept hergestellten Thriller hervorzuheben. Schnelle, leichte Strandlektüre - mehr nicht!

Passwort Henrietta

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