Crinellis dunkle Erinnerung

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Gerd Köster

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Sabine Bongenberg
Die dunklen Seiten der lieben Familie

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jul 2009

Jerry Crinelli ist kein Italien-Fan und daher ist er auch nicht sonderlich begeistert, als ihn die Ermittlungen in einer Mordserie nach Italien führen. Andererseits – er war noch wesentlich weniger begeistert, als er feststellen musste, dass das letzte Opfer eben dieser Serie, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Doch was macht man nicht alles für seinen Beruf und so steigt Jerry Crinelli auf der Jagd nach einem gesichts- und skrupellosen Killer in die Tiefen der sizilianischen Ndrangheta und nicht zuletzt in die seiner eigenen Familie hinab.

In seinem dritten "Crinelli"-Roman widmet sich Werner Köhler neben der Suche nach einem offensichtlich gut gebuchten Auftragskiller der Aussage, dass man sich seine Freunde aussuchen kann, seine Familie aber eben leider nicht. Jerry Crinelli, dessen Eltern seinerzeit aus Italien auswanderten, muss daher schmerzhaft erkennen, dass sich Teile dieser Familie in der alten Heimat von einem Wirtschaftszweig ernähren, der mit der Produktion von Pizza oder Pasta nichts gemein hat. Schmerzhaft ist aber ebenso das Begreifen, dass die Freunde, die man sich selbst aussuchte, auch nicht immer das sind, für was man sie gehalten hat. Neben der Reise zu den verschiedenen Tatorten, die den Helden mit teilweise zweifelhaften Ermittlungsmethoden konfrontieren, ist Köhler dabei eine anschauliche und witzige Schilderung der Heimkehr des  "verlorenen Sohnes" gelungen. Wer einmal auf einer italienischen Familienfeier eingeladen und unzähligen Gästen – nebst kurzer Erläuterung des Werdeganges – vorgestellt wurde, kann Crinelli’s Nöte nachvollziehen. Hier kommt für den Helden noch erschwerend hinzu, dass ihm vollkommen bewusst ist, dass er sich hier nicht auf einem normalen Familientreffen befindet, sondern dass die fröhlich Feiernden das Rückgrat einer der bekanntesten Verbrecher-Cliquen bilden.

Insgesamt hat Werner Köhler wieder einen gelungenen Krimi vorgelegt, der neben dem oft melancholischen Helden und dessen Geschichte auch die rasante Jagd nach der Mafia beinhaltet. Als Manko muss man allerdings festhalten, dass es sich der Autor auch in diesem Buch nicht nehmen ließ ein furioses und im Vergleich zu dem Restbuch unglaubwürdiges Finale zu konstruieren. So lässt sich der Held im Handumdrehen im eigens gecharterten Helikopter durch die Republik fliegen, überlebt schwer verletzt ein Attentat um sich ungeachtet seiner Verletzungen dann doch wieder seinen Amtsgeschäften zu widmen und sich weiter auf die Spur des Verbrechens zu heften. Diese zu überschweifende Phantasie des Autors  kann hier jedoch übersehen werden, fügt Köhler doch zum Abschluss seines Buches noch eine raffinierte Wendung ein, die der ermittelnden Polizei beweist, dass die Unterwelt  doch letztendlich im ewigen Rennen um Recht und Gerechtigkeit die Nase vorn hat.

Crinellis dunkle Erinnerung

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Letzte Kommentare:
20.09.2010 17:05:03
DrWatson

Um es gleich am Anfang zu sagen: zunächst tat ich mich mit dem Lesen dieses Romans etwas schwer. Für meinen Geschamck lamentiert Crinelli etwas viel über sich und die (schreckliche) Welt. Aber dann fand ich Geschmack an dieser Reise zu sich selber, habe mich auch amüsiert über die kleinen Skurilitäten am rande der Ermittlungen. Und sowieso ist die Figur des Jerry Crinelli eine tolle Erfindung. So ganz und gar ein Politist mit deutscher Gründlichkeit, weil er seine italienischen Wurzeln nicht wahrhaben will.
Der Fall ist immer präsent, aber ab und an bleibt er (zu sehr) im Hintergrund.
Da ich zu dem Mafia-Thema bereits Romane und auch Sachbücher gelesen habe, waren mir einige Dinge bereits "geläufig", die Köhler dem Leser wohl als wichtig mitteilen wollte. Die Schlusswendung gibt dem Buch m.M. nach die nötige Realitätsnähe, denn das organisierte Verbrechen bestimmt mit Sicherheit mehr von unserem Leben als wir denken.