Blut will fließen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 2009, Titel: 'Blood´s a rover', Seiten: 633, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 784, Übersetzt: Stephen Tree
  • Berlin: Ullstein, 2011, Seiten: 782

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Wolfgang Franßen
It's Pulp, it's Art

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mai 2009

Schachtelsätze waren nie Ellroys Sache. In Blut will fließen stürzen die Sätze, Schauplätze, Figuren über einen her. Alles geschieht gleichzeitig. Jeder misstraut jedem. Jeder stemmt sich gegen die sozialen Erschütterungen der 60er, 70er Jahre. Oder auch nicht. Zum Abschluss seiner Trilogie widmet sich Ellroy Richard Nixons Aufstieg zum Präsidenten und dem Überfall auf einen Geldtransporter, bei dem Smaragde abhanden kommen. Er schickt seine Helden auf die Straße. Sie sollen Nixon an die Macht bringen. Aus der Schattenwelt heraus erpressen, schmieren, foltern, töten sie. Rote wie Neger ("Spooks") stehen im Zentrum des Hasses.

Während Edgar J. Hoover in seinem Mauseloch sitzt und das Ende der Kennedyära telefonisch überwacht.

Ellroy ist an Ausschnitten interessiert, an Schnipseln, deren Vielzahl das große Ganze ergeben. Als rasendes Mosaik. Amerika erinnert sich daran, wie es Kennedys Camelot zerstört hat. Die Helden sind voller Gewalt und abgehalfterter Träume. Lediglich ein Hauch von Hoffnung auf Sex, Geld, Macht, Rache, Liebe reicht aus, dass sie sich benutzen lassen.

Da bringt der Sohn den Vater um, wird der Vergewaltiger solange gehetzt, bis er ohne Verhandlung gerichtet wird. Da gibt es die Bürgerrechtsbewegung, die Anti-Kriegs-Bewegung, Castro-Anhänger und schließlich auch noch Black Panther. Für den aufrechten, stiernackigen Weißen das rote Tuch überhaupt.

Warum sich in Ellroys Welt von so etwas Hemmendem wie Recht und Gerechtigkeit aufhalten lassen?

Chronik des Besessen

Die Zeiten befinden sich eh im Umbruch. Ellroy belegt die Geschehnisse durch Abschriften von Verhören, vertraulichen Notizen, Kurzbiographien als Dokumenteneinschübe getarnt, spinnt um die wahren Vorfälle seine Fiktion. Wo doch gerade Howard Hughes dabei ist, Las Vegas aufzukaufen und seinen ganz persönlichen Wahnsinn zu inszenieren. Während auf Tricky Dick Nixon Einfluss mittels Wahlkampfspenden genommen wird, damit neue Kasinos in Zentralamerika und in der Karibik entstehen.

In Ellroys Welt geht es zu wie in einem scharf geschnittenen Videoclip. Vor lauter rasender Sätze, greller Bilder verliert man zuweilen den Überblick. Wer ist gerade wo, wann und wieso?

Was soll’s? Ist es nicht eine Lüge, dass die Historiker uns Geschichte als etwas Verpacktes, Eindimensionales, als etwas verkaufen, wo Sieger und Verlierer voneinander zu unterschieden sind? Ellroys einzigartiger Stil räumt damit auf. Warum das Chaos nicht walten lassen, indem jeder glaubt, es zu beherrschen? Geschichte setzt sich aus Versatzstücken zusammen, aus Splittern. Fiktion und Tatsachen werden in Blut will fließen gemischt mit einer Prise von Ellroys Nachtwelten.

Ellroy bricht auf. Ellroy stellt bloß. Ellroy feiert die Poesie der Hetze.

Underworld-Trilogie

In Ein amerikanischer Thriller geht es um den Aufstieg und die Ermordung John F. Kennedys. Um Männer wie Jimmy Hoffa, J. Edgar Hoover und Howard Hughes. Sie verkörpern den Mythos Amerikas. Die strahlende Seite des "Everything goes" wie den Verlust der Unschuld. In Ein Amerikanischer Albtraum geht der Wahnsinn weiter, kommen Vietnam, die Drogen dazu, werden die Helden eines besseren Morgens erschossen. Mafiabosse, FBI-Männer alle haben sie Dreck am Stecken.

Nun also Blut will fließen, der dritte Band, mit dem Ellroy ein zerrissenes Kapitel amerikanischer Geschichte abschließt. Nixon kommt an die Macht. Mit Hilfe von Verleumdung und Korruption.

Ellroy notiert:

 

Ich war dabei. Was ich berichte, wird durch glaubwürdige Gerüchte und Insider-Klatsch bestätigt ... Ich bin ein literarischer Exekutor und Agent provocateur.

 

Das ist anstrengend, vielstimmig, und es lohnt sich zu lesen. Zwischendurch taucht selbst an diesem Horizont etwas wie ein Gewissen auf.

Ellroy ist der Balzac des Verrats, der Verschwörung. Er hat begriffen, dass sich im Gegensatz zu dem französischen Klassiker unsere Vergangenheit nicht mehr linear einfangen lässt.

Blut will fließen

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