Kein Tag für Helden

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Köln: Emons, 2008, Seiten: 303, Originalsprache

Couch-Wertung:

81°
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Jochen König
Solides Handwerk und charmante Attitüde

Rezension von Jochen König Mär 2009

Entspannte Sommertage verleben Privatdetektiv Jacob Fabian und seine Kleinfamilie in ihrer neuen Behausung in der ostfriesischen Provinz, knapp 60 Kilometer von Hamburg entfernt. Bis Valerie, die Gattin des Schriftstellers Walther Weiden, auftaucht. Einen Auftrag im Gepäck, der Fabian nicht nur bis nach Aix en Provence und Marseille, sondern auch in Lebensgefahr bringen wird. Kaum vorherzusehen bei einem Fall, in dem es um einen Plagiatsvorwurf und geistigen Diebstahl geht.

Behauptet ein Erpresser doch, "Die Blüten der Pandora", Weidens frühes und qualitativ nie wieder erreichtes Meisterwerk, seien gar nicht von ihm, sondern die Schöpfung des deutsch-jüdischen Autoren Erich Weiss, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Schlechte Publicity für Weiden und den Dörling-Verlag, der gerade eine Werkausgabe des Autors plant, mit den "Blüten der Pandora" im Blickpunkt. So fliegt Fabian nach Marseille, wo das Ur-Manuskript angeblich im Nachlass einer verstorbenen Bekannten Weiss' gefunden wurde, um die Vorwürfe zu entkräften. Doch anstatt Beweise für Weidens Unschuld zu finden, bekommt er immer tiefere Einblicke in das Leben des Erich Weiss und seiner großen Liebe Chantal, die seinen Spuren bis ins Nachkriegsdeutschland folgte und dort spurlos verschwand. Jacob Fabian taucht ein in die deutsch-französische Geschichte, aber auch in die Welt der Verlage und der Nachkriegsliteratur. Und muss erfahren, dass manche Hyäne sich dort verbirgt, wo man es am wenigsten erwartet. Am Ende pflastern Leichen zwar nicht gerade seinen Weg, aber die ein oder andere liegt im Straßengraben und anderswo. Wenn auch der Gerechtigkeit Genüge getan wurde, bleibt ein schales Gefühl zurück.

Der Kriminalroman als zeitgeschichtliches Panoramafenster. So präsentiert sich "Kein Tag für Helden". Bis auf kleine Ausnahmen, in denen es etwas zu besserwisserisch zugeht, und der kleinen Tagespolitik zu sehr gefrönt wird, macht er das verdammt gut. Ernst lässt seinen Protagonisten Fabian - wie weiland Erich Kästner seinen Titelhelden, auf den im Roman explizit hingewiesen wird - durch eine Welt reisen, die auf Lug und Trug aufgebaut ist und gleichzeitig Wahrhaftigkeit einfordert. Eine Wahrhaftigkeit, die ihren Ursprung in den Verbrechen des Dritten Reiches besitzt und in den Tagen nach dem Zusammenbruch, als Deutschland in Trümmern lag, und es auf eine Leiche mehr oder weniger nicht ankam. Was damals den realen Tod des einen bedeutete, wird zum Gewissenskrieg des anderen in einer jungen Republik. Wie so oft gilt, dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist. Und mit Verlogenheit.

Fabian ist dabei das moralische Veto, ein typischer, stoischer Schnüffler, der sich selbst dann der Wahrheit verpflichtet fühlt, wenn es seinen Klienten Kopf und Kragen kosten könnte. Dabei kann er sich auf eine leistungsfähige Freundesschar verlassen, die ihn tatkräftig unterstützt. Hier gleicht der norddeutsche Detektiv seinen amerikanischen Pendants. Was John Connollys Angel und Louis, Dennis Lehanes Bubba oder Andrew Vachss Schrottplatz-Panoptikum darstellen, sind der gelähmte Partner Axel, der ehemalige Rocker Paul, Tausendsassa Carlo, Ex-Killer Reinhard und nicht zuletzt Staatsanwalt Hinrichs für Jacob Fabian. Auf gravierende Weise unterscheidet er sich von den oben genannten in einem Punkt: Er lebt in einer recht gefestigten Beziehung mit jungem Nachwuchs. Das Gefahren- und Unsicherheitspotenzial, dass die Verbindung von gefahrvollem Beruf und intimer Dreiergemeinschaft birgt, bringt Ernst zwar zur Geltung, veranstaltet aber kein großes Gewese darum.

So nimmt Fabian erotische Reize wohl wahr, hält die entsprechenden Frauen aber auf freundlicher Distanz. Was sich als gut und richtig entpuppt. Als ihm dennoch alles zu entgleiten droht, behält sein Autor einen kühlen Kopf und lässt ihn die Krise wütend, aber nahezu unbeschadet überstehen. Das passt gut zum nordisch gelassenen Stil des gesamten Romans. Hier macht sich keine Hysterie breit, Ernst lässt seine Figuren nicht lamentierend durch Jammertäler zwischenmenschlicher Konfliktherde schreiten. Stattdessen verbindet er immer wieder reales Zeitgeschehen mit den Ermittlungen des Jacob Fabian. So ist die Beziehung zwischen der französischen Widerstandkämpferin Chantal und dem Exilschriftsteller Weiss ein Plädoyer für Toleranz und Liebe in gnadenloser Zeit. Eine verzweifelte Bemühung, der ein Happy End versagt bleibt, da die politischen Bedingungen das Private vollends überlagern. Kommen noch niedere persönliche Instinkte und Bedürfnisse hinzu, lässt der Tod nicht lange auf sich warten.

Wie diese Geschichte zur Fiktion wird, und Teil eines medialen Spektakels, ist das zweite große Thema des Romans. Fabian begibt sich eine Welt, in der hehre Ansprüche und große Ziele verkündet werden. Er trifft redliche Menschen wie den Literaturkritiker Katzenstein (nicht zu laut Reich-Ranicki rufen...), aber auch Heuchler und Mörder. Dass Schein und Sein Hand in Hand gehen, ist keine neue Erkenntnis, aber Ernst schafft es, Brüche dort zu zeichnen, wo man sie kaum erwartet. So gesteht er seinen Figuren Veränderungen in beide Richtungen zu. Schwächlinge können wachsen und vermeintlich Rechtschaffene brechen an ihren Verfehlungen. Dass derartige Risse und Brüche quer durch Familien gehen, gehört zum Standard des Genres. Ernst verpackt das weitgehend glaubwürdig und vermeidet jene hohle Phrasendrescherei, die Myriaden gutsituierter TV-Familienbanden in noblen Münchener Vororten, vorzugsweise Freitag abends, nur allzu gut beherrschen.

Seine Kunsttheorien sind zwar streitbar, der Kontext, in dem sie vorgebracht werden, nicht. "Kein Tag für Helden" ist ein nur auf den ersten Blick unspektakulärer Privatdetektiv-Roman. Christoph Ernst ist alles andere als ein Erneuerer des Genres, aber wie er mit den bekannten Versatzstücken umgeht, sie leicht verändert und zu einem lesenswerten Ganzen zusammensetzt, ist überzeugend.

Keine Anatomieseminare, kein Therapeutenkurs für verhinderte Traumpaare, kein Serienkiller mit dem IQ Sharon Stones. Stattdessen eine Geschichte, die viel (geschichtlichen) Hintergrund und bei Interesse, Weiterbeschäftigung in sich birgt. Solides Handwerk und eine charmante Attitüde, die das Grauen im Hintergrund nie vergisst. Der Roman unterfordert seine Leser nicht und hat keine billigen Mätzchen nötig, um Aufmerksamkeit einzufordern.

Ein kleiner Hinweis noch auf Christoph Ernst nette Homepage, die der Autor passenderweise www.blutiger-ernst.com genannt hat, und auf der sich viele Verweise auf seine schreibende Tätigkeit finden lassen (u.a. Romanauszüge, Kurzgeschichten, Reiseberichte und Rezensionen). Nicht verwechseln mit "blutiger-ernst.de". Die Fan-Seite für Blutwerte...

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