Blutiger Schnee

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Quercus, 2006, Titel: 'The Shadow Walker', Originalsprache
  • New York: Berkley Prime Crime, 2008, Originalsprache

Couch-Wertung:

82°
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Jochen König
Mörderjagd an exklusiven Schauplätzen

Buch-Rezension von Jochen König Okt 2008

Vier Tote in den Straßen und einem Hotel Ulan-Bators, zugeschrieben ein- und demselben Mörder sind eindeutig zu viel. Da der vierte Tote zudem britischer Staatsbürger war und internationale Verwicklungen vermieden werden sollen, entsendet der Justizminister der Mongolei seinen Vertrauten Inspector Nergui, inzwischen aufgestiegen zu einem leitenden Beamten der Staatsschutzbehörde, um die Mordfälle rasch aufzuklären. Ihm zur Seite stehen sein ehemaliger Assistent und Nachfolger im Polizeidienst Doripalam, sowie der vom britischen CID abgestellte Chief Inspector Drew McLeish, der zuvorkommend als Spezialist für Serienmorde gehandelt wird. Doch was als mögliche Taten eines wahnsinnigen Killers, inklusive makabrer Details wie abgeschnittener Hände und Köpfe und deren exponierter Zurschaustellung, beginnt, entwickelt sich zu einem Fall mit politischer Brisanz.

Auf dessen Spuren werden Nergui und McLeish tief in die Wüste Gobi und wieder zurück nach Ulan Bator geführt. Mitten hinein in ein Konglomerat internationaler Geschäftsleute und Abenteurer, deren gegenseitiges Misstrauen noch größer ist als ihre Gier. Und so wird aus dem Ausschlachten natürlicher Ressourcen, in diesem Fall der beträchtlichen Goldvorkommen in den Grenzgebieten der Mongolei, ein Schlachten unliebsamer Mitwisser und Zeugen. Für Nergui heißt es nicht nur einen mehrfachen Mörder zur Strecke zu bringen, sondern ein Komplott aufzudecken, einen politischen Skandal zu vermeiden und das Leben eines neu gewonnenen Freundes zu retten.

Mike Walters hat mit Blutiger Schnee ein gelungenes Debüt vorgelegt, das seine recht exponierte Veröffentlichung dem exotischen Schauplatz Mongolei möglicherweise zu verdanken hat, ihn aber nicht als Rechtfertigung braucht. Denn das Sensationelle ist nicht das Augenmerk des Romans. Walters bauscht die blutigen Details, die der Roman sehr wohl zu bieten hat, nicht auf, um sie vor der ungewöhnlichen Kulisse in besonderem Licht erstrahlen zu lassen, bei ihm hat alles Hand und Fuß.

Deshalb ist auch kein Psychopath von Gottes oder Teufels Gnaden unterwegs, sondern Menschen, deren (Un)taten wirtschaftliche und biographische Ursachen haben. Die Mongolei als ehemaliger Trabantenstaat, der um seine Unabhängigkeit bemüht ist, ist der passende Kuchen, um dessen lukrative Zerteilung sich etliche Interessengruppen unterschiedlicher Nationalitäten streiten. So werden aus Verbündeten schnell Konkurrenten, die über Leichen gehen, um der Erfüllung ihrer Wünsche Nachdruck zu verleihen. Da werden Opfer zu Tätern und umgekehrt und zwischen Diplomatie und mühseligen Ermittlungen ist immer noch Platz für einen schallgedämpften Blattschuss.

Blutiger Schnee funktioniert auch deshalb so gut, weil Walters mit dem stoischen, aber dennoch idealistischen Nergui eine Figur geschaffen hat, die den Leser, in Gestalt des englischen Polizisten im fernen Ausland, an die Hand nimmt und hineinführt in ein Land, das zwischen scheinbarer Simplizität und der Magie einer schwer zu durchschauenden Fremdheit seinen Platz in einer Welt finden möchte. In der Marktwirtschaft nichts mit Ständen zu tun hat, an denen einheimische Waren feilgeboten werden. Drew McLeish bewegt sich durch die ihm sowohl lokal, wie inhaltlich unbekannte Welt wie durch ein Minenfeld, er versucht richtigerweise politische Implikationen auszublenden, und fällt ihnen trotzdem beinahe zum Opfer. Im letzten Drittel zur Passivität verdammt, ist er auf Nerguis Besonnenheit angewiesen, was beinahe aufgeht, doch auch dieser unterschätzt die Kaltschnäuzigkeit seiner Mitspieler. Geschickt bewegt sich Blutiger Schnee auf dem schmalen Grat zwischen Polizeiroman, Serienkiller-Hatz und Polit-Thriller.

Dass die Elemente sich nicht gegenseitig ausradieren verdankt er seiner gelassenen Haltung, die sich Zeit für nachvollziehbare Entwicklungen und Personen nimmt und trotzdem die Spannungsdramaturgie nicht aus den Augen verliert. Sei es die Beziehung der Protagonisten untereinander, ihre nationalen Eigenheiten und Bedürfnisse, die ungewöhnliche Szenerie, die fundiert und keineswegs aufgesetzt integriert wird, sowie die kurzen und schmerzvollen Tode und pathologischen Details, die immer dann zum Tragen kommen, wenn die Faszination des Raumes doch einmal die Zeit dehnt. Das wirkt manchmal ein wenig zu sehr nach Reißbrett, nach einem Entwurf aus einem Kurs in kreativem Schreiben, aber den hat Walters summa cum laude absolviert. Sowohl Nergui wie McLeish haben das Zeug weitere Bücher zu tragen.

Es ist qualitativ noch Platz nach oben, aber Walters hat einen Einstieg auf einem Level abgeliefert, den andere AutorInnen Zeit ihres Lebens nicht erreichen werden. Mehr ist aber immer erlaubt - und erwünscht. Blutiger Schnee lässt vermuten, dass das drinsitzen wird.

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