Das rote Licht des Mondes

  • Wunderlich
  • Erschienen: Januar 2008
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2008, Seiten: 512, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010, Seiten: 507, Originalsprache
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Lars Schafft
78°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2008

Ruhrort-Ripper zwischen mutigen Fräuleins und vernebelten Gassen

Duisburg-Ruhrort. Krimi-Fans verbinden mit diesem Ort am westlichen Rand des Ruhrgebiets wahrscheinlich in erster Linie Horst Schimanskis ersten Fall als Tatort-Kommissar, der eben genau so hieß. Doch sollten Sie sich von den Bildern, die Sie jetzt im Kopf haben, vielleicht besser verabschieden. Silvia Kaffkes neuer Roman, Das rote Licht des Mondes, spielt zwar auch in Ruhrort, allerdings lange, lange Jahre bevor die typsche Schimanski-Jacke in Mode kam (wenn sie es überhaupt jemals war) und vom Kohlenpott gesprochen wurde - 1854, als die Industrialisierung in Deutschland gerade Fuß fasste. Silvia Kaffke erzählt in ihrem historischen Krimi zum einen die Geschichte einer schon erstaunlich emanzipierten jungen Frau, Lina Kaufmeister - und viel wichtiger: von einem Mörder, der in den Gassen Ruhrorts vor über 150 Jahren sein Unwesen trieb.

Historische Kriminalromane sind eine Gratwanderung. Eine zwischen dem Krimi-Plot als solchem und der historischen Umgebung. Hier den "goldenen Schnitt" zu finden zwischen Authentizität des Historischen und der Originalität, Glaubwürdigkeit, des Kriminalfalls ist keine leichte Aufgabe, an der schon entliche gescheitert sind. Kommt dazu noch ein darin verpackter Liebesroman, sieht´s aus Sicht ihres Rezensenten oftmals äußerst düster aus. Düster auch bei Silvia Kaffkes neuem Roman. Positiv umgedreht: Das rote Licht des Mondes gibt nicht nur Europas Kulturhauptstadt 2010 in ihren Anfängen sehr greifbar wieder, verzichtet nicht auf die Lovestory, nervt dabei auch keinesweges mit rührseligen Schmonzetten und hat noch einen ordentlichen Serienkiller im Gepäck. Das ist ein Lichtblick. Düster ist nur die Atmosphäre Ruhrorts zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Und wie.

Silvia Kaffe erzählt behutsam anfangs von Caroline Kaufmeister, kurz genannt Lina. Die ist für diese Epoche eine erstaunlich emanzipierte Frau, was mit einem Blick auf die früheren Romane der Autorin nicht verwundert. BKA-Profilerin Barbara Pross war ebenfalls eine "Taffe", Lina ist eine ein bisschen mehr, als es ihr die Gepflogenheiten seinerzeit zugestanden haben. Sie stammt aus einer früher noch seltenen Unternehmerfamilie und plagt sich mit einer steifen Hüfte herum, die ihr die Aussichten auf einen Ehemann, der ihrem Stand entspricht, arg schrumpfen lassen.

Doch dann kommt der Kriminalfall, der Streifen am Horizont, dichter Nebel über Ruhrort und zwei Mädchenleichen. Beiden wurden die Herzen herausgenommen, der älteren gar ein Ungeborenes. Commissar Borghoff, der zum Tatort in die Gasse gerufen wird, sieht sich bald mit einem Serienmörder konfrontiert. Und kann auf eine gewitzte weibliche Unterstützung hoffen, sei sie auch noch so schwer zu Fuß.

Dies alles greift bei Silvia Kaffkes erstem historischen Roman wie ein Zahnrad ins andere. Der Leser des historischen Kriminalromans findet sich alsbald wieder in einer spannenden Zeit des Umbruchs, als der "Pott" gerade zum Sprung von der Dorfansammlung zur Stahlküche ansetze, als die Industrialisierung hier Fuß fasste, aus Manufakturen Fabriken wurden und noch recht beschauliche Städtchen sich in wenigen Jahrzehnten zu Europas dichtbesiedelstem Ballungsgebiet verwandelten. Aber eben auch in einer Zeit, als das Frauenwahlrecht zwar noch lange nicht in Sicht war, aber die ersten "Fräuleins" wie eben jene Lina sich emanzipierten.

Der Krimieser hingegen knabbert gemeinsam mit Commissar Borghoff am Ruhrort-Ripper, Assoziationen zum berüchtigten Jack sind hier sicherlich nicht völlig fehl am Platze. Und: Silvia Kaffke packt noch einen drauf auf ihre Genre-Kombination: Das rote Licht des Mondes bewegt sich ständig zwischen Liebes-, historischem, Kriminal- und Schauerroman, wobei das Rationale gelegentlich nah überschritten zu werden droht.

Macht aber nichts. Gar nichts. Das rote Licht des Mondes wird Leser jeglicher Couleur überzeugen: Authentisch, emanzipatorisch-mutig, schaurig. Das war auch für Silvia Kaffke eine Gratwanderung. Und die ist ihr bestens gelungen.

Das rote Licht des Mondes

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