Der Gnadenthron

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Pocket, 2006, Titel: 'The Mercy Seat', Originalsprache
  • München: Knaur, 2008, Seiten: 470, Übersetzt: Ulrich Hoffmann

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80°
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Thorsten Sauer
Hardboiled-Kost von der Insel

Rezension von Thorsten Sauer Jul 2008

Beim Thema Kriminalliteratur stößt man unweigerlich auf Großbritannien und beim Thema britische Krimiautoren der Gegenwart ebenso unweigerlich auf Ian Rankin. Von daher ist es kein Zufall, dass der Verlag, auf dem Buchrücken von Der Gnadenthron, das Lifestile-Magazine mit einem Vergleich von Waites und Rankin zitiert. Wer jedoch zu Waites neuem Roman greift, weil er einen klassischen Polizeikrimi im Stile von Ian Rankin sucht, läuft Gefahr daneben zu liegen, denn Der Gnadenthron ist lupenreiner Hardboiled, der nur wenig mit Ian Rankin gemeinsam hat. Doch trotzdem - oder gerade deshalb - lohnt es sich zuzugreifen.

Gnadenthron - Folterstuhl

Jamal, ein fünfzehnjähriger Strichjunge aus London, lässt keine günstige Gelegenheit aus, wenn sie schnelles Geld verspricht. Dabei schreckt er auch nicht vor kleineren Diebstählen zurück. So auch nicht, als er, nachdem er einen Freier bedient hat, durch den Flur eines Stundenhotels schleicht. Aus Gewohnheit prüft er im vorbei gehen, ob die Zimmer abgeschlossen sind. Bei einem Zimmer hat er Glück: es ist offen und verlockend nahe liegt ein Minidiskrecorder, den er mitgehen lässt.

Dumm nur für Jamal, dass die im Recorder steckende Minidisk brisante Informationen enthält, die es wert sind, einen Killer namens Hammer auf ihn anzusetzen. Hammer, ein Mann mit saphirblauem Schneidezahn, dessen Erfolgsquote bei einhundert Prozent liegt und der seine Opfer mit Vorliebe auf dem Gnadenthron behandelt.

Harte Story - knappe Sprache

Martyn Waites hat seinem Thriller alle Stilmittel eines Hardboiled-Romans verpasst: eine düstere, fast schon frustrierende Grundstimmung, zerrissene Charaktere und eine Sprache, bei der jedes überflüssige Wort vermieden wird. Kurze Sätze prügeln die Handlung voran. Am Anfang des Romans übertreibt er es fast ein wenig mit der Verknappung der Sätze, aber als Leser hat man sich schnell auf diese Sprache eingestellt und verfolgt gebannt die spannende Story.

Gleich zu Beginn macht Waites jedoch deutlich, dass sein neuester Roman nichts für zart besaitete Gemüter ist. Die erste Szene ist eine fast schon abstoßend intensiv beschriebene Folterung. Gewalt in allen Facetten ist auch das vorherrschende Thema der folgenden 470 Seiten, doch dahinter entwickelt sich eine komplexe Story. Die nimmt ihren Ausgang in einer ziemlich konventionellen Konstellation: Junge von der Straße schlittert in den Sumpf des großen Verbrechens und ein abgehalfterter Journalist muss ihm aus der Patsche helfen.

Da Waites es aber schafft, trotz des hohen Erzähltempos, seine Figuren detailliert zu zeichnen und dem Plot ständig neue Wendungen zu geben, entwickelt sich eine komplexe und hoch spannende Story. Geschickt ordnet er mehrere Erzählstränge um die Haupthandlung an. Eine intensive Bindung zu den jeweiligen Hauptpersonen der Nebenhandlungen erreicht Waites meist dadurch, dass Nebenstränge ihren Ausgang in der intensiven Betrachtung der Figur nehmen - meist in einer Extremsituation - ohne dass der Leser bereits weiß, in welcher Beziehung die Figur zu Handlung steht. Langsam, aber mit ständig nach oben zeigendem Spannungsbogen, entwickelt sich die Geschichte, treten die Figuren in Beziehung und begreift der Leser die Zusammenhänge.

Ganz ohne Klischees kommt zwar auch Waites nicht aus, es gibt die unvermeidliche kampfsportgestählte, attraktive und natürlich alleinstehende Powerfrau und diverse andere Standardprotagonisten eines Thrillers, die dem geneigten Thrillerleser bekannt vorkommen dürften, aber das tut der Spannung keinen Abbruch. Waites bietet gute Unterhaltung ohne besonderen Tiefgang und höheren literarischen Anspruch. Wer genau das sucht, wird bei Der Gnadenthron fündig.

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