Ich habe gesündigt

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Michael Joseph, 2007, Titel: 'Absolution', Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2008, Seiten: 416, Übersetzt: Andreas Helweg
  • München: Blanvalet, 2010, Seiten: 415

Couch-Wertung:

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Jochen König
Ein düsteres Kleinod, ein faszinierendes Debüt

Rezension von Jochen König Mai 2008

1984 ist ein schlechtes Jahr für den jungen Detective Constable Alan McAlpine. Seine Mutter stirbt an Krebs, sein Bruder verliert das Leben bei einer mysteriösen Rettungsaktion auf hoher See, und McAlpine begegnet seiner großen Liebe. Eigentlich sind es zwei: Helena, die Frau die er heiraten wird und Anna, die von einem Säureattentat verunstaltet, dick vermummt in einem Glasgower Krankenhaus mit dem Tod ringt. Der junge Polizeibeamte bewacht sie, kümmert sich um sie, legt ihr schließlich sein Innerstes bloß, erschafft sich eine idealisierte Ikone, eine Obsession, die ihn Zeit seines Lebens verfolgen wird; eine Liebe, die am Ende des Romans eine seltsame Erfüllung erlangt. Denn da ist Anna schon 22 Jahre tot, beging sie doch Selbstmord, um ihr neugeborenes Kind zu schützen, das in einem Erziehungsheim aufwächst und als Teenager beinahe spurlos untertaucht.

2006 ist ein noch schlechteres Jahr für DCI Alan McAlpine, muss er doch in sein altes Revier zurück, um mit seinem Team die Morde an drei Frauen aufzuklären. Seine Ehe mit der erfolgreichen Galeristin Helena läuft nicht besonders gut, und die Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte wird zu einem Tanz mit dem Wahnsinn, begleitet vom Klang sich leerender Malt-Flaschen. Es gilt einen Mörder dingfest zu machen, der Frauen aufgrund ihrer moralischen Verwerflichkeit zum Tode verurteilt und grausam hinrichtet. Es gibt Spuren, Verdächtige, Hinweise genügend Möglichkeiten, einen Irrweg einzuschlagen. Während McAlpines Team recht effizient ermittelt , bewegt sich der Killer von selbst auf McAlpine zu, in dem er einen Seelenverwandten zu erkennen glaubt. Das er sich geirrt haben könnte, wird ihm erst beim Finale bewusst, das McAlpine jene Absolution zuteil werden lässt, auf die der (gelungenere) Originaltitel des Romans verweist.

Mit Ich habe gesündigt hat Caro Ramsay ein faszinierendes Debüt vorgelegt. Ein düsteres Kleinod, in dem sie Menschen zeigt, die gefangen sind zwischen verzehrenden Sehnsüchten und Lebenslügen. Seien es der labile Alan McAlpine, der langsam, aber stetig die Übersicht über sein Leben verliert. Hin- und hergerissen zwischen der starken Frau an seiner Seite und seiner imaginären Geliebten Anna, torkelt er trunken in ein tiefes Tal der Depressionen, das eine vernünftige Ermittlungsarbeit kaum mehr möglich scheint.

Glücklicherweise hat er ein fähiges Team, das trotz aller zwischenmenschlichen Defekte engagiert und arbeitswütig funktioniert. So ist Detective Inspector Anderson verschossen in McAlpines Gattin, während ihn seine eigene Frau nur noch auf dem Sofa nächtigen lässt, und die verbissene Sergeantin Costello, die Frau ohne Vornamen, hegt tiefe Gefühle für ihren Chef. Ramsay gelingt es dabei, all diese Gefühlsebenen und -verwirrungen lediglich anzudeuten, sie nicht zu reinem Selbstzweck verkommen zu lassen, wie so viele ihrer nahezu unlesbaren Kolleginnen. Ramsay nutzt das labyrinthische Spiel der Emotionen, um zu untermauern wie dicht Leidenschaft und Wahnsinn zusammenliegen. Ihre Protagonisten werden allesamt getrieben von den unterschiedlichsten, kaum fassbaren Gemütszuständen: der Killler möchte die Reinheit in die Welt zurückbringen und ausmerzen, was er als Sünde empfindet; McAlpine möchte den Dämonen seiner Vorstellung gerecht werden, seinem gestorbenen Bruder, seiner verklärten Geliebten. So ist er bereit, die Lebenden an die Toten zu verraten und hasst sich selbst dafür.

Ich habe gesündigt ist ein Buch über Verlust und Verlustängste sowie die Möglichkeit der Kompensation. Caro Ramsay hat ein ausgesprochenes Talent, ihren Figuren Leben einzuhauchen, sie in ihrer Klarsicht wie den Verirrungen glaubhaft erscheinen zu lassen. Zwar verblassen die Rationaleren der Protagonisten neben einem obsessiven Charakter wie Alan McAlpine ein wenig, aber das ändert nichts an ihrer Präsenz und Nachvollziehbarkeit. Was die Geschichte angeht, hat Ramsay eine kompakte Angelegenheit abgeliefert. Das ist zwar nicht herausragend komponiert, trägt sich aber spannend von selbst, auch wenn der Schluss ein wenig hastig daherkommt. Trotzdem ist die Handlung schlüssig, und vor allem effizient und glaubhaft entwickelt und dargelegt.

Ich habe gesündigt ist ein spannender Thriller, der durch seine hervorragende Figurenzeichnung leichte Handlungsschwächen locker wettmacht, dessen stimmungsvolle Ortsbeschreibungen mit dem dunklen Sujet ausgezeichnet harmonieren. Caro Ramsay beweist Gespür für die dunkle Seite des Verlangens, die Menschen Abgründe überwinden aber auch in sie hineinfallen lässt. Sie beweist dabei eine bemerkenswerte Konsequenz, die vielen ihrer minderbemittelten KollegInnen abgeht.

Wir dürfen gespannt aufs Zweitwerk sein und vor allem auf die Frage, ob sich Personen aus dem vorliegenden Roman darin wiederfinden lassen. Bis dahin halten wir die Fahne hoch für diese überraschende und äußerst gelungene Veröffentlichung!

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