Die Saat des Zweifels

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Orion, 2000, Titel: 'Turnstone', Seiten: 280, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008, Seiten: 381, Übersetzt: Marion Sohns

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Michael Drewniok
Start in eine neue Krimi-Serie mit Potenzial

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2008

Großer Druck lastet auf der Kriminalpolizei der südenglischen Hafenstadt Portsmouth. Ohnehin unterbesetzt und überlastet, wird die Behörde von den Medien und örtlichen Geschäftsprominenz unter Beschuss genommen, die eine zu geringe Polizeipräsenz und vor allem zu wenige Festnahmen monieren. Gerade ist eine groß angelegte Drogenrazzia gegen einen örtlichen Gangsterboss spektakulär misslungen, was die Lage noch verschärft. Superintendant Neville Bevan ist deshalb keineswegs erfreut, als sich Detective Inspector James Faraday darauf versteift, den Fall des angeblich verschwundenen Stewart Maloney anzunehmen.
Dieser wurde von seiner achtjährigen Tochter Emma als vermisst gemeldet. Eigentlich hätte ihr Vater an der großen Fastnet-Regatta teilnehmen sollen. Etwa 300 Yachten stechen von Portsmouth aus in See. Maloney hätte an Bord der "Marenka" sein sollen, war aber kurz vor dem Auslaufen verunglückt und hatte sich den Arm gebrochen. Nach einem letzten Besuch auf dieser Yacht wurde er nicht mehr gesehen.

Womit er anscheinend noch Glück hatte, denn die "Marenka" gerät in einen Sturm und sinkt, wobei drei Männer den Tod finden. Skipper Charlie Oomes, ein krankhafter ehrgeiziger, im Geschäft wie an Bord ein skrupelloser Gewinner-Typ, verbirgt nach Faradays Meinung, was wirklich geschehen ist. Der Polizist ist fest davon überzeugt, dass Oomes Maloney umgebracht, seine Leiche auf hoher See entsorgt und seine Spuren verwischt hat. Zusammen mit seiner Kollegin Cathy Lamb sichtet er die wenigen Indizien - ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Bevan will die Akte schließen.

Als die beiden Polizisten in eine Sackgasse geraten, bleibt ihnen kein Ausweg mehr: Sie ziehen Detective Constable Paul Winter hinzu, einen berüchtigten Querkopf, der mit dem Verbrechen womöglich ein bisschen zu sehr auf Du und Du steht und für außerordentlich unkonventionelle Ermittlungsmethoden bekannt ist. Die Zeit läuft, denn Oomes arbeitet hinter den Kulissen fieberhaft an der Beseitigung letzter Beweise ...

Neue Kulisse für bewährte Krimi-Welt

Kriminalromanen aus England hängt der Ruf einer gewissen Bodenständigkeit an. Zwar ist die Krimi-Szene der Insel weitaus vielfältiger, um sie mit dieser Aussage zu erfassen, doch spricht hier vor allem das breite Publikum, das sich für maßvoll spannende aber "realistische" Thriller mit psychologischer Tiefe begeistert und diese fast so auflagenstark wie die Seifenoper-Krimis à la Elizabeth George aus deutschen Buchkettenläden schleppt.

Auch Die Saat des Zweifels ruht literarisch auf einem Fundament, das fast so stabil wie die Grundmauern des Towers zu London wirkt: Akribisch beschriebene Polizeiarbeit wird kombiniert mit der Kulisse einer modernen Gesellschaft, die in der globalisierten Realität aus den Fugen gerät. Die Schwachen werden immer weiter ins soziale Abseits geschoben, während die ‚neuen Reichen‘ sich ohne Gewissensbisse bereichern. Die Polizei steckt zwischen Hammer und Amboss und soll mit traditioneller Gründlichkeit einen Job leisten, der mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nur noch improvisiert werden kann. Während der Verwaltungsapparat immer mächtiger und restriktiver herrscht, bleibt die Polizeiarbeit an der "Front" auf der Strecke.

Gesellschaftskritik übt Autor Hurley pflichtbewusst an weiteren üblichen Verdächtigen: manipulative Medien, rückgratlose Karrieristen in hohen politischen Ämtern, schleimige Juristen, die das Recht beugen, um gut betuchte Schwerverbrecher vor gerechter Strafe zu bewahren.

Wie es sich für einen Krimi mit Klasse gehört, artet diese Kritik nicht in offenen Anklagen und Gutmenschen-Gejammer aus, sondern wird in die Handlung integriert. Diese erschöpft sich auch nicht in der Schilderung alltäglich gewordenen Unrechts. Es gibt eine "richtige" Kriminalgeschichte, die sich mit jenen grundsätzlichen Motiven beschäftigt, die den bisher unbescholtenen Menschen zum Verbrecher wider Willen werden lassen: Liebe wird zu Hass, der eine Bluttat gebiert; das Wissen darum vergiftet erst den oder die Täter, bevor es sich ausbreitet und Familienangehörige, Freunde und weitere unschuldige Menschen in Mitleidenschaft zieht.
Das zu verfolgen ist immer spannend. Graham Hurley versteht außerdem sein schriftstellerisches Handwerk, sodass es eine Freude ist seiner Geschichte zu folgen, auch wenn diese bar jeder Originalität ist, um es offen auszusprechen. Die Saat des Zweifels ist aus Modulen des Genres sauber zusammengesteckt. Ecken und Winkel, die der Story ihr eigenes Gesicht geben könnten, wurden sorgfältig abgeschliffen. Damit entstand ein Krimi, der es fast allen Lesern recht machen wird. Man kann ihn verschenken und wird mit ziemlicher Sicherheit nichts falsch damit machen - ein Urteil, das nicht einmal abwertend gemeint ist. Die Saat des Zweifels bietet Sicherheit: die Sicherheit nämlich, für sein Geld unterhalten zu werden. Verblüffung oder Erregung sind im Preis dagegen nicht inbegriffen.

Bitte mehr Farbe in den Gesichtern!

Diese solide Gelassenheit setzt sich in der Figurenzeichnung fort. James Faraday ist ganz sicher keine profilstarke Persönlichkeit, obwohl ihn Hurley gleich mit mehreren Handicaps ausstattet: Faraday ist Witwer, der noch immer um seine perfekte Gattin trauert; der gemeinsame Sohn ist taubstumm und will den einsamen Vater gerade "verlassen"; im Dienst sieht sich Faraday als letzter Polizist mit Prinzipien, während seine Kollegen dem Druck schon nachgegeben haben.

Ebenso farblos wie ihr Vorgesetzter wirkt Cathy Lamb, die als Figur zwischen unterhaltsamer Polizeiarbeit und einer öden Ehekrise pendelt. Es menschelt ein wenig zu arg, was auf Dauer schwer erträglich wäre, gäbe es da nicht Paul Winter, der für willkommene Ablenkung sorgt. Winter ist Polizist und lebt gleichzeitig quer zum System, worin er es zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Er kämpft auf seine Weise gegen das Verbrechen und gegen die Bevormundung von oben, macht sich die Methoden des kriminellen Gegners zu Eigen und lässt lästige Befehlsgeber geschickt auflaufen.

Faraday gehört zu ihnen und ist deshalb nicht Winters Freund. Seine Pfadfinder-Mentalität zwingt ihn dazu, mögliche Vorschriftsabweichungen nachzuweisen und zu ahnden. Winter ist freilich in seinem Spiel der König. Krisen hat er noch immer zu seinen Gunsten ausgeritten. Denken und zweckgemäß handeln statt Grübeln und Klagen, das ist Winters Devise. Seinen Eskapaden folgt man deshalb als Leser gern - wenn Winters auftritt, geschieht endlich Unerwartetes.

Man wird sehen, ob die Faraday-Serie an Eigenständigkeit und Profil gewinnt. In England gehört ist sie zu einer Institution geworden und wird mit vom Verfasser mit jährlich einem neuen Band fortgesetzt. Falls sie in Deutschland genug Leser findet, wird sie sicherlich auch hierzulande veröffentlicht. Sie hat das Potenzial, auch wenn das gewisse Etwas noch fehlt.

Die Saat des Zweifels

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